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"Making a Murderer – Teil 2" macht mich wieder zum Amateur-Detektiv

"Making a Murderer – Teil 2" ist ab dem 19. Oktober bei Netflix verfügbar.
"Making a Murderer – Teil 2" ist ab dem 19. Oktober bei Netflix verfügbar. (©Netflix 2018)

Fast drei Jahre mussten Fans auf Staffel 2 der Doku-Serie "Making a Murderer" warten. Am heutigen Freitag startet nun endlich die zweite Season der True-Crime-Show auf Netflix. Ich habe vorab schon einmal in die ersten Folgen reingeschaut.

Ein kurzer Rückblick auf Staffel 1 von "Making a Murderer"

Wohl keine Netflix-Serie wurde im Winter 2015 so heiß diskutiert wie "Making a Murderer". Die True-Crime-Show schilderte das Schicksal des US-Amerikaners Steven Avery über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg und endete damit, dass er im Jahr 2007 zusammen mit seinem damals 16-jährigen Neffen Brendan Dassey zu einer lebenslangen Haft für den vermeintlichen Mord an der 25-jährigen Teresa Halbach verurteilt wurde.

Der Knackpunkt dabei: Avery, der bereits bis 2003 für eine Vergewaltigung 18 Jahre lang unschuldig in Haft saß, beteuert bis heute auch seine Unschuld beim zweiten Verbrechen. Dassey hingegen wurde wegen eines mit zweifelhaften Methoden erreichten Geständnis verurteilt, das er später widerrief.

Staffel 2 von "Making a Murderer" zeigt nun, wie es den beiden Männern seit ihrer Verurteilung im Jahr 2007 erging und wie ihre Anwälte seit nunmehr zehn Jahren weiter um ihre Freiheit kämpfen.

Staffel 2 mit zähem Auftakt

Vor dem Anschauen der neuen Staffel von "Making a Murderer" war ich gespannt und skeptisch zugleich. Kann die Serie erneut die geradezu sogartige Faszination der ersten Staffel entwickeln? Gerade mit dem Wissen, dass die Urteile für Steven Avery und Brendan Dassey am Ende der ersten Staffel bereits gefallen waren und beide im Gefängnis sitzen?

Nachdem das bekannte Intro-Theme von Großmeister Gustavo Santaolalla mir direkt wieder einen Schauer auf den Rücken zauberte, verstärken die ersten 30 Minuten von "Making a Murderer – Teil 2" zunächst meine Skepsis. Die beiden Filmemacherinnen Laura Ricciardi und Moira Demos verbringen nämlich viel Zeit damit, den Zuschauer knapp drei Jahre nach der Ausstrahlung der ersten Staffel abzuholen.

Nach und nach werden hier sämtliche Stationen abgeklappert: Wie geht es Steven Averys Familie? Was ist Brendan Dassey und seinen Angehörigen seit dem Urteil widerfahren? Wie steht es um die Berufungsverfahren der beiden? Alles sicherlich notwendige Informationen, allerdings etwas zäh präsentiert.

Steven Avery (rechts) mit seinen Eltern Allan und Dolores. (© 2018 Netflix)

"Making a Murderer": Macher räumen Lücken ein

Lobenswert finde ich hingegen, dass die Netflix-Doku sich offenbar auch die kritischen Stimmen nach der Ausstrahlung der ersten Staffel angehört hat – denn bei Weitem nicht alle Zuschauer waren mit der Darstellung des Falles und des Prozesses rund um Steven Avery zufrieden und warfen der Serie unter anderem Einseitigkeit zugunsten des Angeklagten vor.

In der ersten Folge der zweiten Staffel von "Making a Murderer" kommen daher nun auch Freunde des Mordopfers Teresa Halbach erstmals ausführlicher zu Wort – die Familie selbst weigert sich allerdings weiterhin, Interviews für die Doku zu geben. Zudem begibt sich die True-Crime-Serie auf eine regelrechte Meta-Ebene und thematisiert auch den weltweiten Hype, der nach der ersten Staffel rund um den Fall entstanden ist – inklusive Petition bei US-Präsident Obama für die Freilassung von Steven Avery.

Der Schlüssel zum Auto des Mordopfers Teresa Halbach war ein entscheidendes Puzzlestück bei der Verurteilung von Steven Avery. (© 2018 Netflix)

Interessant ist auch der Umstand, dass die Netflix-Doku eigene Versäumnisse einräumt. So wird zum Auftakt der zweiten Staffel auch der Vorwurf der Anklage thematisiert, dass "Making a Murderer" in seiner ersten Staffel Dinge ausgelassen habe, die Steven Avery schuldig aussehen lassen – etwa Spuren seiner DNA unter der Motorhaube des Autos von Teresa Halbach. Die Vertreter der Staatsanwaltschaft werfen den Filmemachern vor, diese Dinge bewusst übergangen zu haben, um ihre eigene Sichtweise (also die vermutliche Unschuld von Avery) nicht zu gefährden.

Dinge, die in "Making a Murderer" nicht erwähnt wurden

Wer sich für dieses Thema interessiert, findet in diesem englischsprachigen Artikel von Time eine Auflistung der Fakten, die in der ersten Staffel von "Making a Murderer" nicht genannt/ausgelassen wurden.

Avery-Anwältin Zellner bringt Schwung in die Sache

Nachdem die Zuschauer in Sachen Avery/Dassey auf dem neuesten Stand sind, kommt nach circa der Hälfte der ersten Folge von "Making a Murderer – Teil 2" endlich Schwung in die Sache: Auftritt Kathleen Zellner, die neue Anwältin von Steven Avery. Die toughe Juristin konnte in der Vergangenheit bereits 19 unschuldig Verurteilte aus dem Gefängnis holen und soll nun auch den Fall Avery neu aufrollen.

Steven Averys neue Anwältin Kathleen Zellner nimmt eine zentrale Rolle in Staffel 2 von "Making a Murderer" ein. (© 2018 Netflix)

Zellner, die in den Interviews für "Making a Murderer" keinen Zweifel an ihrer Entschlossenheit aufkommen lässt, geht dann auch sogleich in die Vollen. Ihr Plan: Die Argumentation der Anklage während des Avery-Prozesses im Jahr 2007 Stück für Stück auf Fehler und Lügen abklopfen und widerlegen.

Dass Zellner dafür zu teilweise extremen Schritten bereit ist, zeigt bereits die erste Folge von "Making a Murderer – Teil 2". So kauft sich die Anwältin das gleiche Fahrzeug, das auch Teresa Halbach fuhr (ein Toyota Rav4), und lässt dann in einer Tiefgarage nachstellen, wie Blut womöglich in das Auto gelangt sein konnte. Richtig makaber wird es, wenn eine Puppe als Double des Mordopfers mit Kunstblut präpariert wird, um diese dann zur Rekonstruktion der Spritzer in den Kofferraum zu werfen – harter Tobak!

In der zweiten Folge von Staffel 2 geht die Detektivarbeit von Kathleen Zellner weiter und es kommen neue überraschende Fragen auf. So erklärte die Staatsanwaltschaft beim Prozess gegen Steven Avery beispielsweise nie, was denn die Quelle für seine DNA an der Motorhaubenverriegelung von Halbachs Auto gewesen sei – Zellners Experten halten Schweiß jedenfalls für sehr unwahrscheinlich, Blut wurde allerdings nie gefunden. Auch der Umstand, dass Polizeihunde nach dem Fund von Halbachs Auto auf dem Schrottplatz der Averys vor allem Spuren im angrenzenden Steinbruch verfolgten, kam sowohl im Prozess als auch in der ersten Staffel von "Making a Murderer" nie zur Sprache.

Warum "Making a Murderer" immer noch die beste True-Crime-Serie ist

Die erste Staffel von "Making a Murderer" startete Ende 2015 einen regelrechten True-Crime-Hype und auch ich bin seitdem auf Netflix immer auf der Suche nach den neuesten und besten Perlen dieses Genres. Egal ob "Mundo" (2016), "The Keepers" (2017), "The Confession Tapes" (2017), "Out of Thin Air" (2017), "The Staircase: Tod auf der Treppe" (2018) oder "Evil Genius" (2018) – Serien und Filme über reale Verbrechen schaue ich meist in wenigen Tagen weg.

Doch warum fasziniert True Crime mich und so viele andere Zuschauer so sehr? Dass eine gewisse Faszination davon ausgeht, quasi von der sicheren Couch aus Zeuge eines Verbrechens zu werden, lässt sich sicherlich nicht abstreiten. Vielmehr interessiert mich bei solchen Shows allerdings der Puzzle-Aspekt: Ist der Angeklagte wirklich der Täter? Wer könnte sonst noch infrage kommen? Spielt die Justiz mit falschen Karten? Und macht uns der freundlich in die Kamera blickende vermeintlich unschuldig Verurteilte nicht doch etwas vor?

Mit all diesen Fragen jongliert auch die zweite Staffel von "Making a Murderer" wieder meisterhaft. Der Erfolg der ersten Staffel und die weltweiten Reaktionen auf den Prozess von Steven Avery und Brendan Dassey kommen der Serie hier zugute und lassen sie noch etwas über den anderen genannten Shows thronen. Jeder, der die erste Season gesehen hat, hat sich eine Meinung über den Fall gebildet und will nun wissen, ob diese bestätigt oder widerlegt wird. Bei "Making a Murderer" wird jeder Zuschauer quasi selbst zum Ermittler und darf auch in Staffel 2 wieder ohne Angst vor Gefahr wild spekulieren und mutmaßen – dabei sollte man allerdings nie vergessen, dass hinter der Serie echte menschliche Schicksale stecken ...

"Making a Murderer Teil 2" auf Netflix

Staffel 2 von "Making a Murderer" ist ab dem 19. Oktober komplett bei Netflix abrufbar. Season 2 besteht wie schon die erste Staffel ebenfalls aus zehn Folgen.

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