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Netflix-Serie "Spuk in Hill House": Ein echter Halloween-Geheimtipp?

Die Vergangenheit lässt die Protagonisten von "Spuk in Hill House" einfach nicht aus ihren Fängen.
Die Vergangenheit lässt die Protagonisten von "Spuk in Hill House" einfach nicht aus ihren Fängen. (©Netflix 2018)

Mit "Spuk in Hill House" geht pünktlich zu Halloween eine vielversprechende neue Horror-Serie auf Netflix an den Start. Regisseur Mike Flanagan ist ein Genre-Profi und das zugrunde liegende Buch ein Klassiker. Lauter positive Vorzeichen also. Aber kann die Eigenproduktion des Streaming-Dienstes dem wirklich gerecht werden? Ich hab's mir angesehen.

Die Story: Großfamilie + Spukhaus = Horrorgarantie?

Das Setting der neuen Netflix-Serie "Spuk in Hill House" könnte wohl kaum vielversprechender sein: Die siebenköpfige Familie Crain zieht in das heimgesuchteste Haus der gesamten USA. Davon wissen sie zu diesem Zeitpunkt allerdings natürlich noch nichts. Selbstverständlich lassen die gruseligen Geschehnisse nicht lange auf sich warten und vor allem die beiden Jüngsten, die Zwillinge Nell und Luke, werden von den vermeintlichen Geistererscheinungen besonders ins Visier genommen. Was nicht bedeutet, dass ihre älteren Geschwister Theodora, Shirley und Steven verschont blieben ...

Klassische Story mit neuem Dreh

Die Romanvorlage "The Haunting of Hill House" von Shirley Jackson aus dem Jahr 1959 zählt zu den bekanntesten Horrorromanen des 20. Jahrhunderts. Ihre Grundthematik des Gruselhauses, die die Serie auch aufgreift, ist für Genrefans längst weithin bekannt. Trotzdem ist in "Spuk in Hill House" keineswegs eine 0815-Handlung angesagt. Vielmehr entwickelt sich die Serie quasi von Beginn an in eine (naja, fast) ganz andere Richtung.

Dafür hat Regisseur und Drehbuchautor Mike Flanagan ("Ouija: Ursprung des Bösen", "Das Spiel") einen ungewöhnlichen Ansatz gewählt: Er lässt die eigentliche Handlung Jahre nach den Geschehnissen im Geisterhaus spielen. Jeder Albtraum, jeder gruselige Zwischenfall und selbst der Verlust der Mutter, den die Zuschauer im Folgenden präsentiert bekommen, findet nur in der persönlich gefärbten Retrospektive der Crain-Geschwister und ihres entfremdeten Vaters statt.

Happy Family sieht irgendwie anders aus ... (© 2018 Steve Dietl/Netflix)

"This Is Us" trifft Horror

Schnell wird klar, dass "Spuk in Hill House" weniger von durchgängigen Horrormotiven lebt, als vor allem durch die psychologischen Elemente der Handlung und das familiäre Drama der Crains. Die Zeit im Hill House hat ihre Spuren bei den nun erwachsenen Geschwistern hinterlassen. Und jeder von ihnen hat auf seine ganz eigene Art bis in die Gegenwart hinein damit zu kämpfen. Man könnte die Serie entsprechend als "This Is Us" auf Horror gebürstet bezeichnen.

Wobei das geteilte Trauma der Protagonisten aber keineswegs bedeutet, dass eine gemeinsame Aufarbeitung stattfinden würde. Vielmehr leiden auch die Familienbande unter der mehr oder weniger unterdrückten Wut, Trauer, Angst und Verstörtheit, die den Crains bis in die Gegenwart anhaften.

"Spuk in Hill House" bietet wenig Horror-Klischees, dafür umso mehr Substanz. (© 2018 Steve Dietl/Netflix)

Tiefgang statt Jumpscares

Regisseur Mike Flanagan nimmt all diesen emotionalen Ballast und verwebt ihn zusammen mit den Horrorelementen von "Spuk in Hill House" virtuos zu einer sich langsam entwickelnden, aber absolut pointiert erzählten Geschichte mit teils überraschenden Wendungen (ich sage nur: Nells Geistererscheinung ...). Obwohl man Jumpscares fast vergeblich sucht und selbst die "regulären" Gruselmomente zumindest zu Beginn der Serie eher dünn gesät sind, hatte ich nie das Gefühl, von der neuen Netflix-Serie gelangweilt zu werden. Ganz im Gegenteil.

Wo die langsame Entwicklung von "I Am the Pretty Thing That Lives in the House" schnell zu ausgesprochener Ungeduld – und schlussendlicher Aufgabe nach etwa der Hälfte des Films – bei mir führte, sorgt die gemächliche Gangart Flanagans bei "Spuk in Hill House" vielmehr dafür, dass der Zuschauer die Gelegenheit erhält, eine gefühlsmäßige Verbindung zu den Geschwistern aufzubauen. Wodurch das Drama und die wenigen gezielt platzierten Horrorelemente noch wirkungsvoller ihren Zweck erfüllen können.

Aufmerksamkeit vonseiten des Zuschauers wird zusätzlich durch viele kleine und subtile Verweise auf frühere Elemente der Handlung belohnt. So ergibt sich eine dicht gewebte Unterhaltungserfahrung, die dem Zuschauer zu denken gibt und ihn emotional involviert.

"The Haunting of Hill House"-Szenenbild. fullscreen
"The Haunting of Hill House"-Szenenbild. (©Steve Dietl/Netflix 2018)
"The Haunting of Hill House"-Szenenbild. fullscreen
"The Haunting of Hill House"-Szenenbild. (©Steve Dietl/Netflix 2018)

Starke Darsteller für gebeutelte Figuren

Einen großen Beitrag zur Brillanz von "Spuk in Hill House" leisten die schauspielerischen Darbietungen von Michiel Huisman (Steven), Elizabeth Reaser (Shirley), Oliver Jackson-Cohen (Luke), Victoria Pedretti (Nell) sowie Kate Siegel (Theodora). Sie verkörpern die erwachsenen Crain-Geschwister mit einer Ausdruckskraft und einer untereinander stimmigen Chemie, die entschieden dazu beiträgt, den Zuschauer zu fesseln.

Und natürlich Carla Gugino ("Das Spiel", "San Andreas") als Mutter Olivia Crain. Zwar kommt ihre Figur in "Spuk in Hill House" nur in den sehr persönlich gefärbten Erinnerungen ihrer Kinder und ihres von Timothy Hutton und Henry Thomas verkörperten Ehemannes zum Zuge. Doch Gugino versteht es trotzdem, die ihr gegebene Screentime mehr als effektiv zu nutzen.

Carla Gugino beweist einmal mehr ihr Händchen für psychologisch aufgeladene Horror-Rollen. fullscreen
Carla Gugino beweist einmal mehr ihr Händchen für psychologisch aufgeladene Horror-Rollen. (©Steve Dietl/Netflix 2018)
Michiel Huisman und Timothy Hutton sind nur zwei Mitglieder des überaus überzeugenden Casts von "Spuk in Hill House". fullscreen
Michiel Huisman und Timothy Hutton sind nur zwei Mitglieder des überaus überzeugenden Casts von "Spuk in Hill House". (©Steve Dietl/Netflix 2018)

"Spuk in Hill House": Mein Fazit

Hervorragende Darsteller, eine durchdachte Handlung mit vielen subtilen Querverweisen und ein Regisseur, der sein Handwerk mehr als nur versteht: All das macht "Spuk in Hill House" zu einer der besten und subtilsten Horror-Serien, die ich in letzter Zeit sehen durfte. Wer sich auf Mike Flanagans Ansatz und Gangart einlässt, der wird nicht enttäuscht werden. Wer allerdings einen Jumpscare nach dem anderen erwartet, der sollte sich besser nach einer anderen Einstimmung auf Halloween umsehen.

Sendehinweis
Staffel 1 von "Spuk in Hill House" steht ab dem 12. Oktober auf Netflix zum Abruf bereit.

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