Meinung

"Papillon" 2018 vs. 1973: Kann das Remake mit dem Klassiker mithalten?

Zwei Schauspieler, zwei Generationen: Steve McQueen (l.) und Charlie Hunnam als Henri "Papillon" Charrière.
Zwei Schauspieler, zwei Generationen: Steve McQueen (l.) und Charlie Hunnam als Henri "Papillon" Charrière. (©Sony Pictures/Constantin Film Verleih GmbH 2018)

Es ist die Zeit der Remakes, Reboots und Neuauflagen. So verwundert es nicht, dass Hollywood auch einen absoluten Klassiker wie das Gefängnisdrama "Papillon" von 1973 einer Verjüngungskur unterzogen hat. Doch kann die Neuauflage des Filmepos' auch überzeugen? Ich habe mir Original und Remake angesehen und verglichen.

Nach den Hollywoodikonen Steve McQueen und Dustin Hoffman im original "Papillon" schlüpfen im neuen Jahrtausend die Serienstars Charlie Hunnam ("Sons of Anarchy") und Rami Malek ("Mr. Robot") in den Sträflingsanzug und kämpfen in Französisch-Guayana unter unmenschlichen Bedingungen ums Überleben.

Die wahre Geschichte eines Safeknackers

Beide Verfilmungen basieren auf dem autobiografischen Roman des französischen Schriftstellers Henri Charrière, einem Tresorknacker, der in den 1930er Jahren wegen eines Mordes lebenslang in eine Strafkolonie in Französisch-Guayana verbannt wurde. Papillon, diesen Spitznamen trug er aufgrund eines Schmetterlingstattoos auf seiner Brust, beteuerte jedoch zeitlebens seine Unschuld.

"Papillon" erzählt in Film und Buch von der Gefangenschaft in einer Strafkolonie in Französisch-Guayana. fullscreen
"Papillon" erzählt in Film und Buch von der Gefangenschaft in einer Strafkolonie in Französisch-Guayana. (©Constantin Film Verleih GmbH / Jose Haro 2018)
Die Häftlinge sind den Wärtern und dem Klima ausgeliefert. fullscreen
Die Häftlinge sind den Wärtern und dem Klima ausgeliefert. (©Constantin Film Verleih GmbH / Jose Haro 2018)
Doch der zu Unrecht verurteilte Papillon kämpft um seine Freiheit. fullscreen
Doch der zu Unrecht verurteilte Papillon kämpft um seine Freiheit. (©Constantin Film Verleih GmbH / Jose Haro 2018)
Und nutzt dafür die Geldmittel seines Mitgefangenen Louis Dega aus. fullscreen
Und nutzt dafür die Geldmittel seines Mitgefangenen Louis Dega aus. (©Constantin Film Verleih GmbH / Jose Haro 2018)

Nach unzähligen Ausbruchsversuchen mit der Unterstützung des wohlhabenden Urkundenfälschers Louis Dega, der dafür seinen Schutz genießt, gelingt Charrière schließlich Mitte der 1940 endgültig die Flucht. Seine Erinnerungen brachte er 1969 schlicht unter dem Titel "Papillon" auf Papier. Schnell wurde Hollywood auf den Bestseller aufmerksam und verfilmte ihn 1973 mit Steve McQueen und Dustin Hoffman in den Hauptrollen, die sich beide damals schon auf dem Höhepunkt ihres Ruhms befanden.

"Papillon" (1973): Filmklassiker epischen Ausmaßes

"Papillon" von 1973 ist ein Film, wie er heutzutage nicht mehr gedreht wird. In epischer Breite wird in dem Gefängnisdrama der elementare Kampf des Menschen gegen alle Widrigkeiten thematisiert.

Gerade durch seine Länge von gut zweieinhalb Stunden, die wenigen Dialoge und die nicht enden wollende Darstellung der ungeschönten Grausamkeiten, denen die Häftlinge ausgeliefert sind, wird der Filmgenuss im Miterleben nahezu eine Qual – und macht "Papillon" damit zum Meisterwerk. Großen Anteil an dieser Wirkung hat vor allem der ikonische Steve McQueen als Hauptfigur Papillon, der aufgrund seines reduzierten, lässigen Schauspielstils zum Helden einer Ära wurde.

Charakterdarsteller Dustin Hoffman als Lous Dega ist ein krasser Gegensatz zu McQueen. Ein Gegensatz, der in den Figuren von Papillon und Louis Dega perfekt ausgespielt werden kann. Der hilflose und schmächtige Fälscher finanziert "Papi" seine Ausbruchsversuche, um sich dessen Schutz zu erkaufen.

Auch die Überfahrt ist für die Gefangenen eine Tortur. fullscreen
Auch die Überfahrt ist für die Gefangenen eine Tortur. (©picture alliance/United Archives 2018)
Papillon muss mehrere Jahre in Einzelhaft verbringen. fullscreen
Papillon muss mehrere Jahre in Einzelhaft verbringen. (©Sony Pictures 2018)
Sein Freund Dega versucht ihn aus der Ferne zu unterstützen ... fullscreen
Sein Freund Dega versucht ihn aus der Ferne zu unterstützen ... (©Sony Pictures 2018)
... und steigt zum Sekretär der Gefängnisführung auf. fullscreen
... und steigt zum Sekretär der Gefängnisführung auf. (©Sony Pictures 2018)
Papis Fluchtversuche sind wiederholt ... fullscreen
Papis Fluchtversuche sind wiederholt ... (©Sony Pictures 2018)
... zum Scheitern verurteilt. fullscreen
... zum Scheitern verurteilt. (©Sony Pictures 2018)

Doch langsam entwickelt sich in der Extremsituation des Strafgefangenenlagers eine tiefe, wenn auch unausgesprochene Freundschaft zwischen den ungleichen Insassen, die bald weit über egoistische Ziele hinausgeht.

Eine Neuauflage, die vieles richtig macht

Das Remake, das 2017 auf dem Toronto Film Festival Premiere feierte, aber erst 2018 seinen Kinofeldzug antritt, hat große Fußstapfen zu füllen und scheint sich dessen auch bewusst.

Ganz bescheiden werden nicht nur Charrières Romane "Papillon" und die 1973 erschienene Fortsetzung "Banco" als Vorlage genannt. Auch das Drehbuch der Filmversion von 1973 von Dalton Trumbo und Lorenzo Semple Jr. diente den Machern rund um den dänischen Regisseur Michael Noer offenbar als Inspiration.

Und die Grundzutaten gelingen dem Remake auf den ersten Blick ziemlich gut. Neben der nahen Adaption der Vorlagen wurden mit Hunnam und Malek talentierte Jungschauspieler gecastet, die wahrscheinlich nicht zufällig auch optisch große Ähnlichkeit mit McQueen und Hoffman aufweisen.

Zwar besitzt Hunnam noch lange keine Präsenz und Coolness wie McQueen, doch füllt er die Rolle des zu Unrecht verknackten Kleinkriminellen und Beschützers allein schon rein physisch gut aus. Malik orientierte sich bei seiner Interpretation der Rolle ganz offensichtlich an Hoffmans Spiel, kann seinem Charakter aber ähnlich wie Hunnam auch keine neuen Facetten abgewinnen.

Ist das Remake für das neue Jahrtausend unnötig?

Das Ergebnis ist in bester Weise altmodisch und immer noch so mitreißend, dass die üppigen zwei Stunden Laufzeit im Flug vergehen. Dennoch erreicht das Remake nicht annähernd die Intensität der Adaption von 1973. Obwohl deutlich mehr Gewalt hinzugefügt wurde – auch im Original spritzte wiederholt das Kunstblut – ist die Beklemmung der Insassen nicht so spürbar wie im schonungslosen Original.

Möglicherweise ist das auch der kürzeren Laufzeit geschuldet – einige Handlungsstränge wurde gestrafft, so etwa der Besuch auf der Leprainsel ganz herausgestrichen und Figuren zusammengekürzt.

Die Freundschaft zwischen Dega und Papillon bildet das Herzstück der Neuverfilmung. fullscreen
Die Freundschaft zwischen Dega und Papillon bildet das Herzstück der Neuverfilmung. (©Constantin Film Verleih GmbH / Jose Haro 2018)
Während Papi wegen Mordes einsitzt, fullscreen
Während Papi wegen Mordes einsitzt, (©Constantin Film Verleih GmbH / Jose Haro 2018)
wurde Dega wegen Urkundenfälschung belangt. fullscreen
wurde Dega wegen Urkundenfälschung belangt. (©Constantin Film Verleih GmbH / Jose Haro 2018)
Nebenfiguren wird wenig Zeit eingeräumt ... fullscreen
Nebenfiguren wird wenig Zeit eingeräumt ... (©Constantin Film Verleih GmbH / Jose Haro 2018)
... wie etwa dem Mithäftling Celier. fullscreen
... wie etwa dem Mithäftling Celier. (©Constantin Film Verleih GmbH / Jose Haro 2018)
Auch für eine Liebelei wird Zeit eingeräumt. fullscreen
Auch für eine Liebelei wird Zeit eingeräumt. (©Constantin Film Verleih GmbH / Jose Haro 2018)
Möglicherweise um Papis Freiheitswunsch zu verstärken, ... fullscreen
Möglicherweise um Papis Freiheitswunsch zu verstärken, ... (©Constantin Film Verleih GmbH / Jose Haro 2018)
... der nie nachzulassen scheint. fullscreen
... der nie nachzulassen scheint. (©Constantin Film Verleih GmbH / Jose Haro 2018)

Das Herzstück des Survival-Dramas, nämlich die Freundschaft zwischen Papi und Dega, wird jedoch auch im Remake schön ausgearbeitet. Schade ist, dass das Remake dem Stoff nichts Neues hinzuzufügen vermag. Außer vielleicht einem Prolog, in dem Papillons Zeit in Paris vor der Verhaftung mit einer Liebelei angeschnitten wird. Dieser Vorschub nimmt dem Epos aber eher seine Wucht, als dass er ihm neue Facetten hinzufügt.

Das Original wirft den Zuschauer direkt ins Geschehen und startet damit, wie den Verurteilten alle Rechte aberkannt werden. Das macht mehr Eindruck und setzt die hoffnungslose Stimmung fest.

Mein Fazit

Das Remake ist besser als gedacht, gerade weil es sehr originalgetreu ist. Allerdings fügt es dem Stoff nichts Neues und auch keinen neuen Stil zu. Ich bin ja schon sehr froh, dass "Papillon" nicht zu einem Millenial-Blockbuster aufgepumpt wurde, wie es klassischen Stoffen derzeit wiederholt widerfährt: Es ist in "King Arthur: Legend of the Sword" – übrigens auch mit Hunnam in der Titelrolle – zu beobachten und erwartet uns offensichtlich auch in "Robin Hood" mit "Kingsman" Taron Egerton in der Hauptrolle.

Und obwohl die Steve-McQueen-Version natürlich auch sehr in ihrer Zeit verhaftet ist, wird sie dennoch überdauern. Die Neuauflage hingegen bietet zwei Stunden nette Unterhaltung und ist dann bald schon wieder vergessen.

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