"Ralph Reicht's 2: Chaos im Netz"-Kritik: Willkommen im Internet!

Ralph und Vanellope verschlägt es ins Internet in "Ralph Reicht's 2: Chaos im Netz".
Ralph und Vanellope verschlägt es ins Internet in "Ralph Reicht's 2: Chaos im Netz". (©Disney 2018)
Wolf Speer Wäre gern ein Baum. Wer würde schon einen Baum verdächtigen...?

In "Ralph Reicht's 2: Chaos im Netz" landen Ex-Videospielbösewicht Ralph und seine kleine Freundin Vanellope am wohl seltsamsten, faszinierendsten und durchgeknalltesten Ort, den man sich nur denken kann: im Internet. Eine großartige Idee – aber leider nur ein durchschnittlicher Film. Warum, erfährst Du in unserer Kritik.

Am 24. Januar 2019 startet das "Ralph Reicht's"-Sequel "Chaos im Netz" und legt in nahezu allen Belangen ein paar Schippen drauf. War im ersten Teil noch die herrlich altmodische Welt der Spielhallen das Setting, beantwortet die Fortsetzung die Frage: Wie sähe das Internet aus, wenn es ein physisch existierender Ort zum Bereisen und Anfassen wäre ...?

Kinostart
"Ralph Reicht's 2: Chaos im Netz" startet am 24. Januar 2019 in den deutschen Kinos.

Letzte Rettung eBay

Ralph hat es doch nur gut gemeint: Da wollte er das Automatenspiel, in dem seine Freundin Vanellope "lebt", ein bisschen aufregender machen – und beschädigt es dabei prompt. Wenn die beiden kein neues Steuerrad für den Retro-Flitzer auftreiben, wird die Kiste endgültig still gelegt. Einzige Hoffnung: Einen neuen Lenker bei eBay bestellen. Und wo findet man dieses eBay? Natürlich im Internet!

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So guckt jeder, der noch nicht weiß, wie es im Internet WIRKLICH zugeht. (©Disney 2018)

Ralph und Vanellope nehmen all ihren Mut zusammen und gehen zum ersten Mal in ihrem digitalen Leben online. Und sie kommen aus dem Staunen nicht heraus: Das Internet ist eine riesige, wuselige, nie ruhende Megacity, die endlose Unterhaltung und die Erfüllung aller Wünsche verheißt. Klar, dass es ganz so einfach dann aber doch nicht wird.

Wonder Woman in GTA?

Um möglichst schnell möglichst viel Geld zu verdienen, loggen sich Ralph und Vanellope in ein Spiel mit dem lautmalerischen Titel "Slaughter Race" ein, das sicher nicht ganz zufällig an "Grand Theft Auto" erinnert. Doch ihr geplanter Schnell-rein-und-schnell-wieder-raus-Raubzug stellt sich schwieriger dar als gedacht: Die obercoole Street Racerin Shank (im Original knackig gesprochen von Gal "Wonder Woman" Gadot) lässt sich nicht so einfach bestehlen, und schon gar nicht von zwei solchen Grünschnäbeln.

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Shank weiß, was sie will: Die totale Freiheit, möglichst viel Action und alle PS der Welt! (©Disney 2018)

Ralph ist von so viel Frauenpower eingeschüchtert, aber Vanellope geht ihr kleines Herz über vor Begeisterung: Was hier los ist! So viel Action, so viel Adrenalin, so viele nie gekannte Freiheiten! Zwischen ihr und dem eher gemütlichen Ralph bahnt sich ein Zerwürfnis an: Wenn die beiden das doofe Lenkrad endlich gefunden haben – will Vanellope dann überhaupt wieder zurück in ihr kleines, unaufgeregtes Spielhallenleben ...?

So ist das Internet! Oder so ähnlich.

Es ist wohl kein Spoiler, dass am Ende der 112 Filmminuten ein Happy End steht, immerhin sind wir hier immer noch bei Disney. Viel spannender ist da schon, wie die Regisseure Rich Moore und Phil Johnston den endlosen Datenstrom, aus dem das Internet und all seine Inhalte bestehen, filmisch umsetzen – jeder halbwegs kreative Animator müsste bei dieser Vorlage nur so übersprudeln vor geilen Ideen. Und hier strauchelt "Ralph Reicht's 2" leider.

In den ersten Einstellungen überträgt sich der "Flash", den unsere Hauptfiguren beim ersten Kontakt mit dem Internet verspüren, durchaus noch auf den Zuschauer: Hier ist alles voll, alles bunt, alles in Bewegung. Doch diesen ersten Wow-Effekt verspielt der Film leider allzu leichtfertig, und zwar durch ein paar enttäuschend plumpe Einfälle. Amazon ist in der "Chaos im Netz"-Welt ein riesiges Warenhaus, in den Bäumen sitzen zwitschernde, also twitternde blaue Vögel und Wikipedia wird durch ein überdimensionales Buch dargestellt – das ist alles naheliegend. Aber eben auch nicht sonderlich originell.

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...und wenn der Router mal wieder ausfällt, ist das alles hier futsch. (©©2018 Disney. All Rights Reserv 2018)

Mir ist natürlich klar, dass sich "Ralph Reicht's 2" vornehmlich an jüngere Zuschauer richtet, die von zu abstrakten und versponnen Inszenierungs-Mätzchen nur verwirrt wären. Mal Hand aufs Herz, wie genau das Internet funktioniert, wissen die meisten von uns jetzt auch nicht im Detail, da ist eine gewisse Vereinfachung schon ganz angenehm. Aber ein bisschen cleverer, überraschender und, jawohl, auch bissiger hätte Ralphs Reise in den World Wide Wahnsinn schon ausfallen können.

Ein Franchise am Scheideweg?

Und damit sind wir auch schon beim eigentlichen Knackpunkt von "Ralph Reicht's 2": An wen richtet sich dieser Film, wer hat den meisten Spaß im Kino? Für kleine und kleinste Ralph-Fans ist "Chaos im Netz" mit fast zwei Stunden Laufzeit wohl zu lang. Und außerdem: Kann ein Kind wirklich was mit Gags über das Darknet, die Autofill-Funktion einer Browser-Suchleiste und Goldfarmer anfangen ...?

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Nerv: Die über-ambitionierte Suchleiste kennt wohl jeder von uns. (©Disney 2018)

Ältere Zuschauer, die schon über Erfahrungen mit den Tücken des Internets verfügen, können über die zahlreichen Anspielungen zwar schmunzeln, vermissen dagegen aber eine clevere, wirklich mitreißende Story. Denn während der Vorgänger seine Geschichte ziemlich schnörkellos erzählt hat und recht zügig auf den Punkt kam, mäandert Teil 2 beizeiten vor sich hin: Lange Zeit ist nicht ganz klar, was denn nun tatsächlich der grundlegende Konflikt ist, den unser dynamisches Duo Ralph und Vanellope lösen muss.

Und ein konkreter Antagonist wird erst kurz vor Schluss eingeführt – das wirkt eher wie ein nachträglicher Einfall der Drehbuch-Autoren als wie die logische Konsequenz einer sorgfältig durchkomponierten Story. So wird man das ungute Gefühl nicht ganz los, dass die Skriptschreiber das Potenzial ihrer vielversprechenden Internet-Idee nur angekratzt, auf keinen Fall aber ausgeschöpft haben.

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Im Netz treffen Ralph und Vanellope jede Menge seltsamer Gestalten. (©Disney 2018)

Disney präsentiert Disney

Und dann müssen wir noch kurz über DIE Szene reden – Du weißt schon, der Auftritt der Disney-Prinzessinnen. Immerhin wurde die Sequenz, in der Vanellope auf Schneewittchen, Cinderella, Arielle und die ganzen anderen Königstöchter aus dem Disney-Universum trifft, im Vorfeld massiv beworben. Tatsächlich spuckt die Google-Bildersuche auf den Suchbegriff "Ralph Reicht's 2" zu etwa 97% Standbilder dieser einen Szene aus.

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Plötzlich Prinzessin: Das Aufeinandertreffen mit den Disney-Schönheiten ist der Höhepunkt des Films. (©null 2018)

Dass Disney hier mit einer bis dato unbekannten Schamlosigkeit Selbstvermarktung betreibt, stört mich dabei noch nicht mal so sehr – wer immer noch nicht wahrhaben will, wie der Mäusekonzern arbeitet, lebt im cineastischen Wolkenkuckucksheim. Und tatsächlich ist die Prinzessinnen-Sequenz wirklich charmant und lustig, vielleicht ist sie sogar das Highlight des Films.

Was mich aber nervt: Wir sollten wirklich aufhören, so zu tun, als sei diese kurze Sequenz etwas anderes als eine absolut kalkulierte und dabei recht durchschaubare PR-Maßnahme. Ja, die weiblichen Hauptfiguren in Disneys Filmen waren oftmals zu passiv und mussten von starken, heldenhaften Männern gerettet werden. Schön, dass Disney das mittlerweile selber einsieht und offensiv damit umgeht.

Aber: Das wurde schon dutzend- und hundertfach persifliert, thematisiert, in unzähligen Texten und Videos analysiert. Jetzt nur auf den ersten Blick selbstironisch auf diesen Zug aufzuspringen, ohne wirklich neue Einsichten zu liefern, ist das, was die Amerikaner so wunderbar griffig als "low hanging fruit" bezeichnen: Maximaler Ertrag bei minimalem Einsatz. Hat ja auch geklappt, die Memes im Netz sind endlos, die Prinzessinnen-Szene ist der Money-Shot von "Ralph Reicht's 2": Alles richtig gemacht.

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Shank und ihre Crew verdienen übrigens ihren eigenen Film! (©Disney 2018)

Wer Disney für diesen vermeintlichen Mut zur Selbstkritik jetzt lobt, ist dem Entertainment-Giganten aber schon auf den Leim gegangen: Kinokarten sollen dadurch verkauft werden. So einfach ist das.

Fazit: Zwiespältig wie das Internet

Das klingt jetzt alles sehr negativ, oder? Dabei ist "Ralph Reicht's 2: Chaos im Netz" kein schlechter Film: Er hat, zumindest in der ersten Hälfte, Tempo, eine Handvoll charmanter Nebenfiguren und die Detailfülle in den zahlreichen Panorama-Aufnahmen ist verblüffend – akribische Fans dürfen sich jetzt schon mal ein Wochenende dafür freihalten, jedes Standbild der Blu-ray zuhause auf Easter Eggs zu untersuchen.

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Viel Spaß beim Suchen! (©Walt Disney Animation Studios 2018)

Aber so richtig zünden will Ralphs Tour durch das Internet nicht. Dafür ist die Story zu zerfahren und der Tonfall zu unentschlossen: Der Meta-Humor bleibt stets an der Oberfläche und findet nie den Mut, wirklich mal was zu wagen und zu sagen. So bleibt der Film bis zum Schluss unterhaltsam und schön anzuschauen, aber leider auch ziemlich beliebig.

Für mich steht und fällt die Serie mit dem unvermeidlichen dritten Teil. Quo vadis, Ralph? Willst Du die Kids begeistern? Oder pointiert den alltäglichen Medienwahnsinn aufs Korn nehmen? Beides gleichzeitig wirst Du kaum schaffen.

'Tschuldigung! Wollte gar nicht stören ... fullscreen
"So, Ralph, wie geht's weiter...?" Die Frage ist berechtigt. (©Disney 2018)

Die Ansätze zu einer wirklich neuen, frischen, unverbrauchten Herangehensweise liefert das Ende von "Chaos im Netz"schon frei Haus. Jetzt müssen die Macher sich nur entscheiden, ob sie weiterhin auf den sicheren Seiten surfen wollen – oder die Kindersicherung ausschalten.

TURN ON-Wertung:  3/5

Ralph Reicht's 2: Chaos im Netz
Ralph Reicht's 2: Chaos im Netz
  • Datenblatt
  • Originaltitel
    Ralph Breaks The Internet
  • Produktionsland/-jahr
    USA 2018
  • Genre
    Animation, Komödie
  • Besetzung
    Anna Fischer u.a. (Stimmen)
  • Regie
    Rich Moore, Phil Johnston
  • Kinostart (D)
    24.01.2019
Turn-On Score:
3,0
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