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"Rebecca"-Kritik: Kann das Remake mit Hitchcocks Klassiker mithalten?

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"Der Unbekannte in meinem Bett" hätte als Titel für "Rebecca" auch gut gepasst. Bild: © Kerry Brown / Netflix 2020

"Gestern Nacht träumte ich, ich wäre wieder in Manderley" - inzwischen ist es 80 Jahre her, dass uns Hitchcock mit den ersten Worten aus seiner "Rebecca"-Verfilmung eine Gänsehaut bescherte. 2020 versucht sich eine neue Generation an einem Remake des Klassikers. Ob die Neuauflage Rebeccas Geist wieder aufleben lassen kann oder vor der stürmischen Küste Manderleys versenkt werden sollte, erfährst Du in unserer Kritik.

Im Schatten der ersten Ehefrau: Die Story

Die Côte d'Azur in den späten 1930er-Jahren: Eine unscheinbare Gesellschafterin (Lily James) verbringt den Sommer mit ihrer amerikanischen Arbeitgeberin Mrs. Van Hopper (Ann Dowd) in einem luxuriösen Hotel in Monte-Carlo. Hier lernt sie den gut aussehenden Witwer Maxim de Winter (Armie Hammer) kennen. Nach einer Wirbelwindromanze bringt er sie als seine neue Braut auf seinen britischen Landsitz Manderley.

Doch der jungen Frau aus einfachen Verhältnissen fällt es schwer, sich mit ihrer neuen Rolle als Herrin eines prächtigen Anwesens wie Manderley zu arrangieren. Zumal überall noch der Geist der verstorbenen ersten Mrs. de Winter namens Rebecca zu spüren ist, einer wunderschönen und furchtlosen Societylady, die auf tragische Weise ums Leben kam. Vor allem die kühle Haushälterin Mrs. Danvers (Kristin Scott Thomas) hält die Erinnerung an ihre vormalige Herrin, deren Tod ein dunkles Geheimnis umgibt, am Leben.

Ein Schauerroman erobert die große Leinwand

Sowohl "Rebecca" von 1940 als auch 2020 beruhen auf dem gleichnamigen Roman der britischen Schriftstellerin Daphne du Maurier. Der Roman mischt auf unnachahmliche Weise Liebes- und Schauerroman mit Krimi- und Mystery-Elementen. Schon zwei Jahre nach seinem Erscheinen wird der Bestseller von Alfred Hitchcock erfolgreich verfilmt. In den Hauptrollen glänzen damals Hollywoodikone Laurence Olivier und die damalige Newcomerin Joan Fontaine.

Es ist der erste Film, den der Meisterregisseur in Hollywood dreht. Und der "Master des Suspense" leistet dabei ganze Arbeit. Hitchcock erzeugt in dem Schwarz-Weiß-Film eine bedrohliche Stimmung und einen Nervenkitzel, die zu seinen Markenzeichen werden. "Rebecca" wird dafür 1941 zurecht mit zwei Oscars ausgezeichnet, darunter auch für den besten Film. Seitdem ist der Roman viele weitere Male für Film und Fernsehen adaptiert worden. Die Neuauflagen reichten jedoch nie an die Qualität des Originals heran. Kann das Remake das ändern?

"Rebecca": Von außen hui ...

Die "Rebecca"-Verfilmung von 2020 macht optisch vieles richtig. Sie setzt sowohl an den Schauplätzen in Frankreich und England auf opulente Sets, Ausstattung und Kostüme, um das Leben der Upperclass in den 1930er-Jahren wieder aufleben zu lassen. Passend zur Story ist Monte-Carlo lichtdurchflutet und belebt, während Manderley oft nebelverhangen und düster inszeniert wird. Ein klarer Vorteil gegenüber dem Schwarz-Weiß-Format, in dem Montes Schauwerte etwas verloren gehen, die Farblosigkeit den Szenen auf dem Landsitz allerdings gut zu Gesicht steht.

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Die Côte d'Azur zeigt sich in "Rebecca" von ihrer besten Seite, Maxim (Armie Hammer) weniger. Bild: © Kerry Brown / Netflix 2020
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Bessere Laune hat er, als er der Heldin näher kommt... Bild: © Kerry Brown / Netflix 2020
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... und noch näher. Bild: © Kerry Brown / Netflix 2020
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Mit Armie Hammer ("Call Me by Your Name") und Lily James ("Cinderella") wurden zwei Darsteller engagiert, mit denen man eigentlich nicht viel falsch machen kann. Hammer hat von Natur aus ein aristokratisches Aussehen, das ihn für eine Rolle als Landadeligen prädestiniert. James ist eigentlich zu hübsch für die Rolle der unbeholfenen Gesellschafterin, spielt aber gewohnt gut. Der Altersunterschied zwischen dem Liebespaar wurde deutlich reduziert. Hammer ist mit 34 Jahren um einiges jünger als der über 40-jährige Maxim aus der Vorlage, James ist zehn Jahre älter als die zwanzigjährige Hauptfigur. Auch wird die Liebesgeschichte deutlich weniger züchtig erzählt als noch 1940.

... und innen mehr pfui

Dennoch will der Funke nicht so recht überspringen. Hammers Maxim fehlt die mysteriöse, melancholische Ausstrahlung von Olivier. Für die junge Frau soll diese jedoch einen Großteil der Anziehungskraft zu dem Adeligen ausmachen. Hammer wirkt nur ab und an schlecht gelaunt, wenn er seine Frau aus scheinbar nichtigen Gründen anfährt. Dass er ein Geheimnis verbirgt und mit inneren Dämonen zu kämpfen hat, wird mehr vorausgesetzt, als dass man es als Zuschauer spürt.

Die Verlorenheit von James' Figur (sie ist tatsächlich auch im Roman namenlos) wird weniger am Geist von Rebecca als an einer Art "Downton Abbey"-Setting festgemacht. Es gibt in der Verfilmung ein großes Arsenal an Dienstboten, das seine neue Herrin einschüchtert. Es gibt beispielsweise eine Szene, in der sie von der Haushälterin Mrs. Danvers vor der ganzen Dienerschaft runtergeputzt wird.

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"Downton Abbey"-Vibes: Nach den Flitterwochen geht es heim nach Manderley. Bild: © Netflix 2020
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Mrs. Danvers bereitet unserer Heldin kein herzliches Willkommen. Bild: © Kerry Brown / Netflix 2020
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Zeit für einen Spaziergang an der malerischen Küste. Bild: © Kerry Brown / Netflix 2020
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Als Idee finde ich das auch nicht schlecht, aber durch die starke Präsenz der Dienerschaft verliert Manderley seine einsame, schauerliche Atmosphäre, die so entscheidend für die ganze Stimmung in der Geschichte ist. Apropos Mrs. Danvers: Kristin Scott Thomas macht als unterkühlte Haushälterin, die ihrer verstorbenen Herrin bis in den Tod die Treue hält, eine sehr gute Figur. Doch ein kleiner Plot Twist, der sich vom Original unterscheidet, entdämonisiert die Antagonistin kurzzeitig.

Ich will nicht zu viel verraten, aber er wurde eingebaut, um die Passivität der Heldin etwas aufzubrechen. Wieder ein guter Gedanke, aber auch hier geht sie auf Kosten der Stimmung. Hitchcocks so gerühmte "Suspense" hält der Film nicht durch und so plätschert die Handlung zeitweise nur so vor sich hin. Eingestreute Albträume und Maxim als Schlafwandler können das auch nicht wieder wettmachen.

Moderner, aber nicht besser

Liegt es also an der Modernisierung, dass Netflix' "Rebecca"-Verfilmung nicht überzeugen kann? Teilweise. Die passive, eingeschüchterte Hauptfigur ist natürlich kein Rollenvorbild für eine moderne, starke Frau. Es ist vollkommen nachvollziehbar, dass Regisseur Ben Wheatley ("Free Fire") und seine Hauptdarstellerin sie zumindest etwas modernisieren wollten.

Aber zumindest in der Inszenierung der Neuauflage geht das auf Kosten der Stimmung. Und machen wir uns nichts vor: Allein von dieser leicht schaurigen Atmosphäre lebt die Story und auch Hitchcocks Verfilmung. Die Story an sich ist eher simpel, selbst Zuschauer, die "Rebecca" ganz neu kennenlernen, werden wohl keine großen Überraschungen erleben.

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Achtung Blaufilter: Gruseliger wird es in "Rebecca" nicht. Bild: © Kerry Brown / Netflix 2020

Es geht eher ums Kopfkino, das bei der Hauptfigur wie dem Zuschauer ausgelöst wird. Du Mauriers "Rebecca" als Gothic Horror oder Schauerroman zu bezeichnen, wäre tatsächlich leicht übertrieben. Aber viele Elemente sind da: düstere, alte Gemäuer, Geheimnisse sowie die obligatorische Liebesgeschichte. Vielleicht hätte "Rebecca", wenn überhaupt, eine radikalere Umarbeitung gut getan. Wieso nicht die Horrorelemente verstärken und daraus eine echte Schauergeschichte machen?

So bleibt die Neuauflage nichts Ganzes und nichts Halbes. Statt Genres wie im Roman und dem Film von 1940 geschickt zu kombinieren, wirkt die Neuauflage etwas ziellos und zu wenig durchdacht. Da und dort ein paar Anpassungen reichen nicht aus und lassen den schönen Spuk leider ins Leere verpuffen.

Fazit: Wo ist der Geist von "Rebecca"?

"Rebecca" bringt von außen alle Zutaten für eine gelungene Neuauflage von du Mauriers Klassikers mit, scheitert jedoch daran, die unterschiedlichen Elemente der Story stimmig zu erzählen. Der Film entfaltet zu keinem Zeitpunkt die Sogwirkung von Hitchcocks Filmadaption. Vor allem die Elemente aus dem Gothic Horror bleiben leider auf der Strecke. So sind der Film und seine zwei attraktiven Hauptdarsteller in einer banalen Liebesgeschichte mit einem Twist nur nett anzusehen, aber auch schnell wieder vergessen.

TURN ON-Score: 2,5/5

Fakten zum Film

Originaltitel: "Rebecca" 
Regie: 
Ben Wheatley
Mit: 
Lily James, Armie Hammer, Kristin Scott Thomas
Laufzeit: 
2 Stunde 3 Minuten
FSK: 
ab 12 Jahren

Sendehinweis
"Rebecca" ist auf Netflix abrufbar.

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