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"The Beach House"-Kritik: Öko-Horror, eine Seuche & Würmer im Fuß

Wir wissen doch: Mit vollem Bauch geht man nicht schwimmen.
Wir wissen doch: Mit vollem Bauch geht man nicht schwimmen.

Darf's mal wieder der Weltuntergang sein? "The Beach House" verbindet Öko-Horror mit unserer morbiden Faszination für die globale Apokalypse. Das gibt einen eigenwilligen, schön sperrigen Schauerfilm für Freunde der leiseren Töne, der sich aber ein bisschen mehr hätte trauen sollen. Unsere Kritik.

Atmosphäre statt Jumpscares

Magst Du es schnell und laut? Stehst Du auf kreischige Jumpscares und schrille Schockeffekte im Sekundentakt? Kurz gefragt: Magst Du Deine Horrorfilme wie eine Geisterbahn? Dann solltest Du "The Beach House" weiträumig umfahren. Hier passiert nämlich erst mal lange Zeit nix, dann allerdings geht die Welt unter. Vielleicht. Es ist nicht ganz klar. Auf jeden Fall ist "The Beach House" kein krasser Schocker. Sondern nimmt sich jede Menge Zeit, die unheilvolle Atmosphäre einer mysteriösen Bedrohung aufzubauen. Das klappt über weite Strecken auch ganz gut, aber manchmal ... manchmal ... sind ein paar klare Antworten erschreckender als vage Andeutungen. Das hier ist so ein Fall.

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Zwischen denen funkt's. Nicht.

Emily (Liana Liberato, "To The Stars") will mit ihrem antriebslosen Boyfriend Randall (Noah Le Gros) ein Wochenende im titelgebenden Strandhaus seiner Eltern verbringen – vielleicht, so ihre schwache Hoffnung, bringt das ihre träge Beziehung wieder in Schwung. Doch, Überraschung: Da sind schon Leute. Nämlich das ältere Paar Jane und Mitch Miller, die ein paar harmonische Tage dort verbringen wollen. Und wie es halt so ist, man freundet sich an, trinkt ein bisschen was, isst Marihuana-Kekse zusammen und am nächsten Morgen wacht man inmitten einer globalen Invasion von womöglich außerirdischen Parasiten auf. Kennen wir doch alle.

Und mit dem Auftauchen der rätselhaften Seuche wird's dann auch endlich unheimlich. Am Strand liegen bizarre Kokons, das Wasser verhält sich plötzlich seltsam und mit Jane geht eine schaurige Veränderung vor. Emily weiß nicht, was das alles soll, aber sie will weg – so schnell wie möglich. Aber ach, sie latscht voll in etwas Glibberiges, das vielleicht mal eine Qualle war, vielleicht aber auch etwas viel, viel Schlimmeres. Sie trägt jetzt auch einen Parasiten in sich – ein grotesk langer Wurm frisst sich in ihren nackten Fuß ...

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Im Urlaub merkt man ja erst, ob man als Paar wirklich zusammenpasst.

Da ist der Wurm drin

Zugegeben, die Szene mit dem Wurm dauert nur ein paar Minuten, aber sie ist wahrscheinlich die eindrucksvollste im ganzen Film. Wie sich Emily das Vieh aus dem eigenen Fleisch zieht, da zucken auch abgebrühte Allesgucker zusammen. Das ist waschechter Body-Horror im Stil eines David Cronenberg – und damit eine der wenigen wirklich expliziten Sequenzen in "The Beach House". Denn ansonsten deutet Regisseur Jeffrey A. Brown in seinem Debüt viel an, flüchtet sich aber zu oft ins Vage. Und das ist irgendwann frustrierend.

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Emily (Liana Liberato) versucht, einen klaren Kopf zu bewahren.

"The Beach House" zitiert John Carpenters "The Fog" und den Invasions-Klassiker "Die Körperfresser kommen", beizeiten fühlte ich mich auch an den verschrobenen und leider nahezu unbekannten "Starfish" erinnert. Keine schlechten Vorbilder, nur leider erreicht "The Beach House" nie deren Klasse. Dafür sind uns die Figuren zu egal, ihre Charakterzeichnung zu diffus und was die clevere, ehrgeizige Emily (die, Wink mit dem Zaunpfahl, Astrobiologin werden will und darüber auch erstmal einen langen Vortrag hält) an dem schnarchnasigen und sensationell unsympathischen Rumhänger Randall findet, wird bis zum Schluss nicht ganz klar.

So betrachten wir die Figuren und ihren (oftmals erfolglosen) Kampf gegen die diffuse Mikroben-Epidemie mit morbidem Interesse, aber fiebern nie mit. Und das ist ein echtes Problem in einem Film, der das weit gefasste Bild einer globalen Apokalypse entwirft, gleichzeitig aber ein intimes Charakterdrama sein will. So ist "The Beach House" beides, aber beides nicht so richtig.

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Ich frage nochmal: Was will sie mit dieser Pfeife?

Viele Fragen, wenig Antworten

Und dann ist da eben diese Sache mit der Ambivalenz. Zu viele Antworten, vor allem dumme Antworten, können eine Horrorstory schneller killen als ein Kopfschuss einen Zombie. Das stimmt. Gute Gruselgeschichten spielen mit unserer Angst vor dem Unbekannten, mit unserer Furcht vor allem, was uns fremd ist und was wir nicht erklären können. Entzauberung ist einer der schlimmsten Flüche, die Geschichten ruinieren können.

Alles richtig. Nur: In "The Beach House" macht Regisseur Brown so viele Fässer auf, reißt so viele halbgare Erklärungen für das grauenvolle Geschehen an, dass ich mir gegen Ende gewünscht habe, er würde sich langsam mal festlegen. Vielleicht sind's Aliens, vielleicht Mikroben, die durch die Erderwärmung freigesetzt wurden, vielleicht passiert das alles auch nur im Kopf unserer Figuren, vielleicht auch irgendwie alles zusammen.

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Wo ist David Hasselhoff, wenn man ihn braucht?

Was in anderen Filmen für prickelnde Ungewissheit sorgt und zum Interpretieren anregt, wirkt in "The Beach House" wie eine allzu durchschaubare Masche, uns als Zuschauer die Arbeit aufzubürden, die eigentlich der Drehbuchautor und Regisseur Jeffrey A. Brown machen sollte – sich nämlich einen Reim auf das Ganze zu machen. Ich brauche keine Antworten in meinen Mystery-Horrorfilmen, aber ich will schon das beruhigende Gefühl haben, dass der Regisseur sie hat. Ansonsten fühle ich mich dezent verschaukelt. Uns Rätsel aufzugeben und sich dann hinter nebulösen Andeutungen zu verstecken, ist keine große Kunst. Es gibt einen Unterschied zwischen bewusst ambivalent und einfach nur unpräzise.

Und doch: Eigentlich ganz gut

Ich fand "The Beach House" nicht so enttäuschend, wie es jetzt hier gerade klingt. Eigentlich hat er mir wirklich ganz gut gefallen – ich mag die angespannte Grundstimmung, mir gefällt, dass er auf Atmosphäre statt auf billige Jumpscares setzt und in Zeiten von Corona trifft ein Film über eine verheerende Seuche natürlich einen ganz speziellen Nerv. Hätte er nur mehr Mut und Biss, auch in der Inszenierung.

Wirklich herausragend ist hier nichts, obwohl die Möglichkeiten doch da waren. Und diese Art von liegen gelassenem Potenzial ärgert mich immer am meisten. Zum Vergleich: "Die Farbe aus dem All" mit Nicolas Cage, der auch eine schwer greifbare Gefahr zum Thema hat, dreht zumindest optisch so auf, dass die Lovecraft-Verfilmung schon deswegen im Gedächtnis bleibt. "The Beach House" nicht.

Somit ist "The Beach House" ein Tipp für Freunde des Abseitigen, denen es nicht um den plumpen Schockeffekt geht und die es etwas zurückgenommener mögen. Auch auf die Gefahr hin, am Ende leicht unbefriedigt dazusitzen. Kein schlechter Film, aber auch kein so guter, wie er hätte werden müssen.

TURN ON-Score: 3,5/5

Fakten zum Film

Originaltitel: "The Beach House" 
Regie:
Jeffrey A. Brown
Mit:
Liana Liberato, Noah Le Gros, Jake Weber
Laufzeit:
1 Stunde 28 Minuten
FSK:
k.A.

Kinostart
"The Beach House" läuft ab heute, dem 22. Oktober, im Kino.
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