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"The Grudge"-Kritik: Alle sterben. Und es ist egal.

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Und deswegen sollte man regelmäßig das Sieb in der Badewanne sauber machen. Bild: © Sony 2020

Wenn man schon beim ersten Mal scheitert, kann man den Karren doch auch gleich ein zweites Mal an die Wand fahren! Das dachten sich offenbar die Macher von "The Grudge". Der müde Geister-Grusel ist bereits die zweite US-Version des japanischen Schockers "Ju-On". Besser wird's aber auch dieses Mal nicht.

Ich habe eigentlich nichts gegen Remakes. Dass die Amerikaner nichts lieber machen, als ausländische Filme für den heimischen Markt einfach noch mal zu drehen, ist bekannt und sollte niemanden mehr irritieren. Und manchmal geschieht ja wirklich ein Wunder und das amerikanische Remake ist besser als das japanische Original, wie es etwa bei Gore Verbinskis "The Ring" von 2002 der Fall war. Aber das war offenbar nur die berühmte Ausnahme, die die Regel bestätigt. Denn beim zweiten großen Klassiker des J-Horrors, "Ju-On", ebenfalls aus dem Jahr 2002, kriegen es die Amis offenbar ums Verrecken nicht hin.

Aus "Ju-On" wird "The Grudge". Schon wieder.

"The Grudge", genau, den gab's doch schon mal, 2004 war das, mit Sarah Michelle Gellar. Hab ich damals gesehen und fand ihn absolut belanglos. Ich kann mich noch an die erste Szene erinnern, in der sich Bill Pullman wortlos vom Balkon stürzt, das fand ich lustig. Aber ansonsten habe ich so ziemlich alles vergessen, so mittelmäßig fand ich den. Ich bin großer, großer Fan des Original-Films, des angesprochenen "Ju-On" aus Japan. Da hatte diese rundgelutschte Hollywood-Version natürlich keine Chance bei mir.

Nun also ein neuer Versuch von Regisseur und Drehbuchautor Nicolas Pesce. Dessen ersten Film, "The Eyes of my Mother", hatte ich vor ein paar Monaten gesehen und war sehr angetan von diesem hypnotischen Schwarz-Weiß-Albtraum. Die Voraussetzungen waren also gegeben, aus dem japanischen "Ju-On" endlich ein gleichwertiges US-Äquivalent zu machen. Hat's geklappt?

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"Na, auch gerade 'The Grudge' gesehen ...?" Bild: © Sony 2020

Ein Fluch wie ein Kettenbrief

Nein. Nein, hat es nicht. "The Grudge" ist eine öde Nummernrevue aus abgegriffenen Horror-Klischees, unsympathischen Figuren und sensationell ungruseligen Gruselszenen. Im Skript versteckt sich keine einzige auch nur halbwegs originelle Idee, nach einer lachhaften Eröffnungssequenz schleppt sich der Film bleischwer gerade noch so über die Ziellinie – trotz der angenehm knackigen Laufzeit von nur 94 Minuten.

Daran können selbst die guten Schauspieler nichts ändern: Andrea Riseborough ("Mandy") gibt die Polizistin Muldoon, die eine Reihe von rätselhaften Morden aufklären will und dabei einen tödlichen Fluch, eben "the grudge" (englisch für "der Groll") auf sich zieht. Den hat eine Frau aus Japan mitgebracht, die dort als Krankenpflegerin gearbeitet hat. Und zwar in einem verfluchten Haus. Jeder, der dieses Haus betritt, wird mit diesem Fluch beladen und kann dem Tod nicht mehr entrinnen.

Und so trifft es mehrere Figuren, die beiden netten Makler Nina und Peter Spencer (Stephen Cho und die immer famose Betty Gilpin aus der Netflix-Serie "GLOW"), den Polizisten Wilson (Genre-Ikone William Sadler) und die Seniorin Faith Matheson (Lin Shaye aus den "Insidious"-Filmen). Sie alle fallen dem Fluch zu Opfer. Das ist übrigens kein Spoiler, das macht der Film schon in den ersten Minuten klar. Wer verflucht wird, der stirbt, bums, aus, Ende, keine Aussicht auf Rettung, da helfen weder Zaubersprüche noch fromme Wünsche.

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Diesmal ist die Hauptfigur eine Polizistin, weil natürlich ist sie das. Bild: © Sony 2020

Garantiert ohne Happy End

Das klingt ziemlich grimmig und das ist es auch. Viele Kritiker bemängelten die Freudlosigkeit von "The Grudge", die pessimistische Atmosphäre, den alles erstickenden Fatalismus einer Geschichte, die ihre Figuren von Anfang an dem Tode weiht. Aber genau das hat mir noch am besten gefallen, auch wenn's morbide klingt. Denn zumindest in diesem Punkt bleibt das Remake dem japanischen Original treu: Der Fluch ist erbarmungslos und unausweichlich. Er symbolisiert den Schmerz und den Hass, den Opfer einer extrem brutalen Mordtat im Moment ihres Todes verspüren. Und stinksaure Geister lassen nun mal nicht mit sich diskutieren. Du bist verflucht, nur weil Du unwissentlich das falsche Haus betreten hast? Tja. Pech gehabt.

Ich mag dieses alles durchdringende Gefühl der Ausweglosigkeit. Immerhin sind wir hier im Horror, und wenn sich in einem Genre die sprichwörtliche Schlinge um den Hals immer weiter zuziehen sollte, dann ja wohl hier. Horror ist kein Nonnenhockey.

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"EIGENTLICH MAG ICH GAR NICHT SO GERNE HORRORFILME!" – Lin Shaye, nachdem sie wiedermal für einen Horrorfilm gecastet wurde. Bild: © Sony 2020

Erschreck Dich bitte in 3 ... 2 ...

Aber ach, der ganze Rest. Jeder der endlosen, endlosen Jumpscares kündigt sich aus drei Meilen Entfernung an, die lose miteinander verwobenen Geschichten rumpeln ohne Melodie oder Rhythmus vor sich hin. Es ist alles so dröge. Um uns wenigstens gelegentlich aus der trägen Duldungsstarre zu reißen, gibt's ab und zu mal eine Gore-Sequenz. Da werden dann Finger mit dem Küchenbeil abgehakt oder eine Figur zerplatzt nach metertiefem Sturz in einer Blutlache – das sorgt für ein Schmunzeln, Zartbesaitete zucken vielleicht zusammen, aber retten kann das ganze Kunstblut diese einfallslose Geisterbahnfahrt auch nicht.

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"EIGENTLICH MOCHTE ICH MEINE FINGER GANZ GERNE!!!" – Lin Shaye, nachdem sie sich die Finger abgehakt hat. Bild: © Sony 2020

Es ist so wahnsinnig schade, dass Nicolas Pesce sich nur auf den offensichtlichen Horror-Aspekt der Vorlage konzentriert. Die Geister in "Ju-On" waren auch gnadenlos (und gnadenlos unheimlich), klar, aber vor allem waren sie selber Opfer des Fluchs. Als Boten des Todes waren sie dazu verdammt, eben jenen Fluch zu vollstrecken, immer und immer wieder, bis in alle Ewigkeit. So schwebte über jeder Schauer-Szene immer ein Hauch Melancholie und Trauer. Hier, schau Dir die weit aufgerissenen Augen der untoten Kayako im Original an. Aus denen spricht nicht nur Wut und Hass. Sondern Schmerz und Qual.

Im 2020er-"Grudge" sind die Geister der so unglücklich Verstorbenen aber generische Horrorgestalten mit verzerrten Gesichtern, die alle paar Minuten aus dunklen Ecken springen und laut "Buh!" rufen, als würde uns dieser ADHS-Schrecken nicht schon längst zum Hals raushängen. Nichts gruselt einen da, nichts bleibt hängen. "The Grudge" kommt Jahre zu spät. Und wäre wohl auch vorher nicht viel besser weggekommen.

Fazit: Lieber noch mal das Original gucken

"The Grudge" ist eine misslungene Adaption, über die man sich aufregen könnte, wenn sie einem nicht so egal wäre. Maximal für Fans interessant, die in einem Horrorfilm mal wieder über absolut nichts lachen wollen, wird dieses Remake sang- und klanglos an den Kinokassen untergehen. Beliebig, ohne Seele und streckenweise schockierend langweilig – ein Film, der nicht viel richtig macht und noch weniger will.

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Demián Bechir, der im Negan-Ähnlichkeitswettbewerb mal wieder nur den zweiten Platz gemacht hat. Bild: © Sony 2020
Kinostart
"The Grudge" läuft ab dem 9. Januar im Kino.
The Grudge
The Grudge
  • Datenblatt
  • Genre
    Horror
  • Laufzeit
    1 Stunde 34 Minuten
  • Release
    09. Januar 2020
  • FSK
    ab 16 Jahren
TURN ON Score:
1,0von 5
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