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"The Irishman"-Kritik: Das Comeback des Mafia-Epos

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Al Pacino (links) und Robert De Niro (rechts) geben in "The Irishman" eine Glanzleistung ab.

Nach fast 20 Jahren Pause ist es endlich wieder soweit: Martin Scorsese und Robert De Niro arbeiten in dem Mafia-Epos "The Irishman" wieder Seite an Seite. Ob sie die alte Magie wieder aufleben lassen können oder der Netflix-Film nur aufgewärmte Pasta ist, erfährst Du in unserer Filmkritik.

Ein Leben in der Mafia: Die Story

USA in den 1950er-Jahren: Kriegsveteran Frank Sheeran (Robert De Niro) liefert als Lastwagenfahrer Fleisch an Kunden im Gebiet Pennsylvania aus. Unter der Hand zweigt er dabei besonders schöne Stücke für lokale Gangster ab. Als er deswegen Ärger mit seinem Arbeitgeber bekommt, haut ihn der gewiefte Anwalt Bill Bufalino (Ray Romano) raus.

Durch ihn kommt Frank in Kontakt mit Bills Cousin Russell (Joe Pesci), dem Kopf der berüchtigten Bufalino-Mafia-Familie. Dieser findet sofort Gefallen an dem irischstämmigen Sheeran, der während des Krieges Italienisch gelernt hat. Er nimmt ihn unter seine Fittiche und setzt ihn zunächst für kleinere Aufträge ein. Doch schon bald mordet Frank auch für die Mafia.

Da hat Russel einen besonderen Auftrag für Frank: Er soll den mächtigen und korrupten Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino) beschützen. Die Mafia profitiert nämlich von den Darlehen aus dem Pensionsfond, den Hoffa verwaltet. Mit der Zeit wird Frank zum Freund und engsten Vertrauten Hoffas, der zunehmend unter den Ermittlungen der Kennedy-Regierung gegen ihn leidet. Als die Interessen der Mafia und Hoffas auseinandergehen, steht Sheeran zwischen den Stühlen. Was ist ihm wichtiger: Seine Freundschaft zu Hoffa oder die Treue zur Bufalino-Familie?

"The Irishman" ist "Good Fellas" in desillusioniert

Die Geschichte von "The Irishman" erstreckt sich über ein halbes Jahrhundert: Von Sheerans Anfängen in der Mafia in den 1950er-Jahren bis zu seinem Lebensende kurz nach der Jahrtausendwende. Nicht nur aufgrund dieser großen Zeitspanne erinnert Scorseses neuester Wurf an "Good Fellas" (1990), der im Deutschen den Zusatztitel "Drei Jahrzehnte in der Mafia" trägt. "The Irishman" beruht ebenso wie "Good Fellas" auf einer wahren Begebenheit und zeigt den Aufstieg und Untergang eines Mannes im organisierten Verbrechen.

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Der Glanz der Mafia fehlt in "The Irishman".
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Dafür gibt es aber perfektes Zeitkolorit.
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Allerdings auf sehr unterschiedliche Weise: Während die Cosa Nostra in Scorseses Mafia-Klassiker glorifiziert wird, ist davon in "The Irishman" kaum etwas zu spüren. Das verhindert schon der Einstieg des Films, der einen von der Zeit gezeichneten, gebrechlichen Sheeran im Altersheim zeigt. Einsam und allein erzählt er einem nicht vorhandenen Gegenüber von seinem Leben. Damit wird "The Irishman" gefühlt zum Schwanengesang auf den Mafia-Mythos, wie er in unzähligen Filmen zelebriert wird.

Humor kommt dennoch nicht zu kurz

Trotz dieses zugegebenermaßen eher pessimistischen Ansatzes ist "The Irishman" voller humorvoller Szenen. Sei es, dass alle Hitman ihre Waffen an derselben Brücke entsorgen und sich im Gewässer darunter so viele Waffen stapeln, dass laut Sheeran ein kleiner Staat bewaffnet werden könnte. Oder bei Nebenfiguren eingeblendet wird, wie sie das Zeitliche segnen werden. Doch es sind vor allem die skurrilen Eigenheiten der Figuren, die einen zum Schmunzeln bringen.

So hat Hoffa etwa eine Vorliebe für Eisbecher, der er auch im Knast frönt. Was er allerdings hasst, sind Unpünktlichkeit, Alkohol und Wassermelonen. Also tränkt einer seiner Anhänger eine Melone heimlich mit Wodka, um sich in Anwesenheit des Gewerkschaftsführers die Kante geben zu können. Und ab wann jemand zu spät ist, dazu hat Hoffa auch eine ganz klare Meinung:

De Niro, Pesci, Pacino: Die Schauspieler überzeugen

"The Irishman" saugt den Zuschauer mit genialen Kamerafahrten und viel Zeitkolorit regelrecht in die Geschichte ein. Neben Scorseses unzweifelhafter Handwerkskunst ist das der großartigen Darstellerriege geschuldet. Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci – jeder dieser Namen allein ist ein Garant für große Schauspielkunst. Alle drei Hollywood-Legenden in einem Film? Das ist ein echter Glücksfall! Während De Niro und Pesci bereits wiederholt gemeinsam für Scorsese vor der Kamera standen, ist es die erste Zusammenarbeit des Filmemachers mit Pacino.

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Joe Pesci (Links) kehrte für "The Irishman" aus dem Ruhestand zurück.
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Lange ist es her, dass Al Pacino eine solche Performance ablegte wie als Jimmy Hoffa.
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Ein Blick sagt alles: Robert De Niro in "The Irishman".
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Und das wurde wirklich höchste Zeit. Scorsese entlockt allen drei Altstars oscar-verdächtige Darbietungen. Pacino als aufbrausender Hoffa, De Niro als zurückhaltender Beschützer, der alles vom Seitenrand aus beobachtet, und schließlich Pesci, der mühelos die Autorität eines Mafia-Bosses mit dem eines liebevollen, italienischen Familienoberhaupts verbindet. Vor allem im Zusammenspiel glänzen die Hauptdarsteller. Niemand spielt den anderen an die Wand, stattdessen unterstützen sie sich in jeder gemeinsamen Szene.

Digitale Verjüngung wird zur Nebensache

Alle drei leisten so gute Arbeit, dass die Verjüngungstechniken, die aufgewendet wurden, damit die Darsteller alle Altersstufen im Film selbst verkörpern können, kaum ins Gewicht fallen. Zugegeben, als ich De Niro und Pesci in der ersten Rückblende sah, hab ich einen kleinen Schreck bekommen. Zu ungewohnt waren die aufgefüllten und geglätteten Gesichter. Die Technik ist nicht weit genug, als dass das wirklich natürlich aussieht. Aber nach einer Zeit stellt sich ein Gewöhnungseffekt ein. (Mich irritierten die blauen Kontaktlinsen von De Niro sehr viel stärker).

Und man wird so von der Story mitgerissen, dass man kaum noch auf die eingesetzten Effekte achtet. Hilfreich dabei ist auch, dass es schnell größere Zeitsprünge gibt und die Darsteller ihrem wirklichen Alter deutlich näher kommen. Man nimmt dem über 70-jährigen De Niro die 50 Jahre sehr viel leichter ab, als Mitte 30. Die Story spielt den Darstellern dabei in die Hände.

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Na, wie alt ist er? Die Verjüngungstechnik in "The Irishman" kann nicht komplett überzeugen.
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Joe Pesci und Robert De Niro verjüngt: Wie eine Zeitreise zu "Good Fellas".
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Und selbst wenn die digitale Verjüngung komplett geglückt wäre, die Körperlichkeit verrät das wahre Alter der Darsteller. Als De Niros Sheeran einen Lebensmittelhändler verprügelt, der seine Tochter geschubst hat, soll er vermutlich nicht älter sein, als 40. Seine ganze Körperhaltung verrät jedoch, dass er weitaus älter ist. Das ist nicht tragisch, doch es zeigt, dass es sehr viel mehr bedarf als Technik, um eine Verjüngung überzeugend zu machen. Es wird spannend zu sehen, wie sich dieser Trend weiterentwickelt.

Klassischer Film mit reiner Männerriege

Ich habe wirklich kaum Kritikpunkte an "The Irishman". Ich würde fast sagen, dass er auf beste Weise altmodisch ist. Er erinnert an Meisterwerke des Genres wie Francis Coppolas "Der Pate" und eben Scorseses "Good Fellas" oder "Casino". Das bringt aber ein großes Manko mit sich: Frauen spielen in dem Drama nur eine rein nebensächliche Rolle. Nur am Rande lernen wir die Ehefrauen der Mobster kennen, die zumeist rauchend gezeigt werden, und bei Familienfesten und gemeinsamen Bowling-Abenden schmückendes Beiwerk sind.

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Das ist das einzige offizielle Pressebild, in dem eine weibliche Darstellerin (zumindest von hinten) zu sehen ist: Lucy Gallina als Peggy Sheeran.

Es wird zum Beispiel in nur wenigen Minuten etabliert, dass Sheeran seine Ehefrau ausgewechselt hat. Mehr Zeit widmet Scorsese diesem Thema nicht. Einzig Sheerans Tochter Peggy (erwachsen: Anna Paquin) bekommt etwas mehr Screentime. Das schwierige Verhältnis zu ihrem Vater wird in wenigen Szenen angedeutet. Sie fühlt sich Hoffa sehr viel stärker verbunden, der für sie zum Vaterersatz wird.

Doch auch sie bekommt nicht viel Screentime oder Dialoge. Blicke müssen ausreichen, um das kaputte Verhältnis darzustellen. Das klappt auch gut. Und ich will nicht leugnen, dass es die Entfremdung gut einfängt. Es täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass die Frauen im Mobster-Epos keine Stimme haben. In dieser Hinsicht ist "The Irishman" leider antiquiert.

Fazit: Ein Meisterwerk der alten Schule

"The Irishman" ist das, was Scorsese-Fans gehofft haben: Ein mitreißendes Mafia-Epos, in dem De Niro, Pacino und Pesci erneut beweisen, wieso sie zu den ganz Großen des Filmgeschäfts gehören. Der Film ist wie eine kleine Zeitreise, nicht nur was die Handlung betrifft, sondern auch die Kinogeschichte. Bedauerlich ist es, dass die Frauenfiguren leider etwas zu kurz kommen. Dennoch hat "The Irishman" das Zeug zum Klassiker.

The Irishman
The Irishman
  • Datenblatt
  • Genre
    Filmbiografie, Crime, Drama
  • Laufzeit
    210 Minuten
  • Release
    14./15. November (Kino), 27. November 2019 (Netflix)
  • FSK
    ab 16 Jahren
TURN ON Score:
4,5von 5
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