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"The Sisters Brothers" in der Kritik: Schöner sterben im Wilden Westen

Das Ziel immer im Blick: John C. Reilly als 50% der "Sisters Brothers"
Das Ziel immer im Blick: John C. Reilly als 50% der "Sisters Brothers"

Sie morden für Geld, sie streiten sich andauernd und sie sind Brüder: "The Sisters Brothers" versetzt uns zurück in den rauen Wilden Westen. Warum der grandios gespielte Anti-Western auch für Leute ein toller Film ist, die mit Cowboys und Pferden eigentlich so gar nix anfangen können, sagen wir Dir in unserer Kritik.

Ein tolles Buch – aber auch ein guter Film?

Der satirische Anti-Western "The Sisters Brothers" des Autors Patrick deWitt kam 2011 in den Buchhandel – und sieben Jahre später hat die Geschichte der beiden ungleichen Brüder Charlie und Eli Sisters endlich den Weg auf die Kinoleinwand gefunden.

Der Verfilmung des französischen Regisseurs Jacques Audiard ("Der Geschmack von Rost und Knochen") gelingt dabei das Kunststück, die literarische Vorlage nahezu perfekt einzufangen: "The Sisters Brothers" ist gleichzeitig düster und witzig, melancholisch und verspielt, er zeigt uns eine brutale, unbarmherzige Welt, in der schnell geschossen und noch schneller gestorben wird – aber am Ende gibt es einen Funken Hoffnung auf Menschlichkeit und den Triumph der Vernunft.

Oh, und er hat ein paar absolute Weltklasse-Schauspieler.

Perfekt besetzt bis in die Nebenrollen

Oregon, 1851. Charlie (der nächste Joker Joaquin Phoenix), der jüngere der Sisters-Brüder, ist ein hitzköpfiger Aufschneider, dem Alkohol und den Huren zugewandt, ohne Moral oder Gewissensbisse – er schießt zuerst und stellt dann die Fragen. Sein älterer Bruder Eli (John C. Reilly) ist das genaue Gegenteil: Introvertiert und nachdenklich, zweifelt er immer mehr am gewählten Lebensentwurf der Brüder und träumt heimlich von einem ganz normalen, ruhigen Leben – Charlie und Eli sind nämlich Auftragskiller.

Ihr aktuelles Ziel: Der Wissenschaftler Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed aus "Venom"). Der hat angeblich ein Wundermittel zum Goldwaschen erfunden, das möglicherweise ein Vermögen wert ist. Und um die Sache noch weiter zu komplizieren, ist auch John Morris (Jake Gyllenhaal, zuletzt gesehen in "Die Kunst des toten Mannes") hinter Warm her...

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Hinter sich nur Tod und Zerstörung: Die Sisters Brothers gehen im Job nicht zimperlich vor.

Mehr sollte man über die ungewöhnliche Story wirklich nicht wissen, denn "The Sisters Brothers" ist weder ein knallhartes Rachedrama noch eine alberne Western-Persiflage, sondern ein bisschen von beidem und nichts davon. Es gibt keinen epischen Showdown, keine ausufernden Schießereien, viele sorgfältig ausgelegte Handlungsspuren verpuffen unspektakulär im Nichts.

Stattdessen nimmt uns der Film mit auf eine fast meditative Reise durch eine gewalttätige Männergesellschaft, in der ein sinnloser Tod so allgegenwärtig wie unvermeidlich scheint. Was bedeutet Brüderschaft in dieser brutalen Welt? Können sich Menschen wirklich ändern? Und wie benutzt man eigentlich diese abgefahrene neue Erfindung namens "Zahnbürste"? Es sind diese Fragen, die "The Sisters Brothers" stellt. Und auf eine Art beantwortet, die Cineasten dahinschmelzen lässt.

Hier ist die Reise das Ziel

Tatsächlich unterläuft "The Sisters Brothers" unsere Sehgewohnheiten fast beiläufig, aber umso entschiedener. Wer das Buch nicht gelesen hat, wird garantiert nicht absehen können, welche skurrilen Finten die Story schlägt – hier beeinflusst eine einzige kleine Spinne den gesamten Handlungsverlauf und es werden Männer zu Freunden, die kurz zuvor noch Todfeinde waren.

Die Brillanz des Drehbuchs liegt darin, dass diese Twists und Wendungen nie erzwungen oder unwahrscheinlich wirken, sondern im jeweiligen Moment absolut logisch. Das Leben schlägt nun mal die tollsten Kapriolen, und "The Sisters Brothers" scheut sich nicht davor, die manchmal kaum zu begreifende Zufälligkeit unseres irdischen Daseins zu einem zentralen Punkt dieser Geschichte zu machen.

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Blick ins Ungewisse: Hält das Leben wirklich nicht mehr für Charlie Sisters bereit...?

Damit erinnert er ziemlich an die Filme der Coen-Brüder, und zwar noch am ehesten an "No Country For Old Man". Auch im Crime-Drama von 2007 stapelten sich die Leichenberge, auch hier spielte der Zufall eine große Rolle und auch hier mochte man sich am Ende an den Kopf fassen und sich fragen, ob das ganze Sterben und Morden es wirklich wert war. Allerdings ist "The Sisters Brothers" nicht ganz so lakonisch und deutlich hoffnungsvoller als das bittere Meisterwerk der Coens.

Fazit: Ein super Film – der kaum Beachtung finden wird

Ich habe jede der 121 Filmminuten von "The Sisters Brothers" genossen. Das hier ist ein Streifen, der den Zuschauer an die Hand nimmt und ihn mit einer bewundernswerten Selbstsicherheit durch eine verschrobene Geschichte führt, die am eigentlichen Akt des Erzählens mehr interessiert ist als an der Erzählung selber. Er verweigert sich Genrekonventionen und bleibt bis zum Schluss überraschend, hochgradig unterhaltsam und dabei stets authentisch.

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Not schweißt zusammen: Aus Jägern werden ganz schnell Gejagte.

Ich fürchte jedoch, dass "The Sisters Brothers" hier nur einen Bruchteil der Leute interessieren wird. Dafür ist die Story zu verworren, die Erzählstruktur zu ungewöhnlich und am Ende gibt's nicht mal eine dicke Ballerei. Wer die nötige Aufgeschlossenheit und Geduld mitbringt, wer akzeptiert, dass in diesem Film die Geschichte der Boss ist und diese Geschichte macht nun mal, was sie will – der findet hier vielleicht schon ein kleines Highlight des Kinojahres 2019. Eine ganz klare Empfehlung.

Das sagt Wolf:
Kein Film für die breite Masse – guckst Du Dir "The Sisters Brothers" trotzdem (oder sogar deswegen) an?
The Sisters Brothers
The Sisters Brothers
  • Datenblatt
  • Genre
    Western
  • Laufzeit
    2 Stunden 1 Minute
  • Release
    7. März 2019
  • FSK
    12
Turn-On Score:
4,5
Kommentare anzeigen (2)
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