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Serien-Tipp

"The Third Day"-Kritik: Eine Insel voller Irrer

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Folk-Horror ohne creepy Kinder mit Tiermasken ist völlig undenkbar. Bild: © HBO/Plan B/Punchdrunk/Sky 2020

Die erste Hälfte von "The Third Day" spielt im Sommer. Die zweite im Winter. Und beide auf einer seltsamen Insel voller skurriler Bräuche, undurchsichtiger Gestalten und dunkler Geheimnisse. Mein Serien-Tipp für alle Freunde des düsteren Folk-Horrors.

Eine Insel, zwei Geschichten

"The Third Day", hierzulande auf Sky zu sehen, ist eine erfreulich kurze Mini-Serie mit nur sechs Folgen – die kannst Du also locker an einem Wochenende durchballern. Und es lohnt sich, denn der fesselnde Mix aus Folk-Horror im Stil von "The Wicker Man" oder "Midsommar" und Mystery-Thrillern wie "True Detective" überrascht mit einer eigenwilligen Inszenierung und einer abgedrehten Story. Und alles beginnt mit einem weinenden Mann.

Nämlich mit Sam (Jude Law). Er ist unterwegs auf die abgelegene Insel Osea. Auf die führt ein einziger schmaler Landweg – wenn gerade Ebbe ist. Bei Flut ist der Weg unpassierbar. Die Bewohner von Osea bleiben gerne unter sich. Irgendwie ist das alles nicht ganz koscher da, das spüren wir sofort. Was will Sam dort? Das erfahren wir in drei der sechs Folgen von "The Third Day". Und dann, zur Serienmitte: der Cut.

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"Hey! Wir waren gerade mittendrin in MEINER Story!" Bild: © HBO/Plan B/Punchdrunk/Sky 2020

Die zweite Serienhälfte springt urplötzlich mehrere Monate nach vorne in der Zeit. Mittlerweile ist es Winter auf Osea. Nicht sehr einladend, findet Helen (Naomi Harris), die mit ihren beiden Töchtern eigentlich ein paar entspannende Tage auf der Insel verbringen will, von den wortkargen Einwohnern aber brüsk abgewiesen wird. Sie habe hier nichts verloren und solle besser ganz schnell wieder verschwinden, raunzt man sie an. Helen ist wie vom Donner gerührt – aber bleibt auf der Insel. Denn es hat einen Grund, warum sie sich Osea als Ausflugsziel ausgesucht hat ...

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Im Bild: Das Gesicht einer Frau, die nicht das Geringste zu verbergen hat. Wirklich gar nix. Bild: © HBO/Plan B/Punchdrunk/Sky 2020

Abstieg in den Irrsinn

Zwei Hauptfiguren, zwei Jahreszeiten, zwei Geschichten, die nur den Handlungsort gemeinsam haben – glaubt man zunächst. Aber natürlich sind beide Story-Stränge miteinander verwoben. Zwar verbindet die Sommer- und die Winterhälften von "The Third Day" ein übergreifender erzählerischer Bogen, trotzdem fühlen sich beide Jahreszeiten komplett unterschiedlich an. Das sorgt für eine faszinierende Irritation – die auch der mitreißenden Machart geschuldet ist.

Ob hier etwas Übernatürliches seine Finger im Spiel hat, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Die Inszenierung spielt hingegen bewusst mit unserer Verunsicherung. Immer wieder werden Bildelemente mit einer künstlichen Unschärfe verfremdet, nimmt die Kamera eine subjektive, fast schon intime Nahkontakt-Position ein. So betrachten wir das geheimnisvolle Treiben auf Osea nicht mit der neutralen Distanz eines unbeteiligten Beobachters, sondern sind vom ersten Moment an mittendrin. Und wenn am Ende der dritten Folge ein paar der Figuren anfangen zu fliegen, sind die Fragen in unserem Kopf fast spannender als die Antworten: Alles nur eine alkoholbedingte Halluzination? Oder gehen auf Osea doch ganz und gar unnatürliche Dinge vor sich ...?

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Wenn man vor dem großen Weihnachtsessen mit der Familie nochmal schnell "eine Runde spazieren" geht. Bild: © HBO/Plan B/Punchdrunk/Sky 2020

Angst vor allem Fremden

Eine abgeschottete Gemeinschaft, ein argloser Außenseiter und ein zentrales Geheimnis – klingt erst mal nicht so wahnsinnig originell, dieses Motiv gehört schon seit Ewigkeiten zum Horror-Grundstock. Es ist vor allem den tollen Schauspielern zu verdanken, dass der Insel-Thriller etwaige Plot-Schwächen locker wettmacht. Vor allem Emily Watson ("Chernobyl") und Paddy Considine ("The Outsider") als das Ehepaar Martin sind die Glanzlichter im starken Cast. Sie: ruppig, burschikos, flucht wie ein Seemann. Er: hilfsbereit, aufmerksam, verdächtig freundlich. Zusammen bilden sie das Herz und die Seele von "The Third Day". Oder verbergen auch sie ein düsteres Geheimnis?

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Ganz bestimmt wird absolut überhaupt nichts Schreckliches passieren. Bild: © HBO/Plan B/Punchdrunk/Sky 2020

Wenn ein großes Rätsel im Mittelpunkt einer Geschichte steht, muss die Auflösung natürlich zu 100 Prozent sitzen. Nichts ist schlimmer, als wenn Schreiber keinen Plan haben, wohin ihre angerissenen Story-Stränge führen sollen und sich dann ganz am Ende mit komplettem Nonsens aus der Affäre ziehen wollen (das sogenannte "J. J. Abrams-Prinzip"; siehe dazu auch "Lost" und "Game of Thrones"). Wie schlägt sich da "The Third Day"?

Wacker – aber nicht großartig. Ganz am Ende checken wir endlich, warum Sam nach Osea kam, welches Mysterium die abgeschiedene Insel umgibt und wie Helen und ihre beiden Mädchen da reinpassen. Viel passiert, die Ereignisse überschlagen sich, lieb gewonnene Figuren sterben – aber so ganz will ich dem Skript die krassen Enthüllungen nicht abnehmen. Das Finale erhöht deutlich den Action-Anteil, fühlt sich dadurch aber auch nicht mehr so magnetisch intim und fein gesponnen an wie der Anfang. Im besten Fall wirkt das Ende wie der explosive Höhepunkt eines klaustrophobischen Psychodramas. Im schlechtesten Fall denkt man sich: "Was für ein konstruierter Quatsch."

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Die Sternensinger werden auch immer aufdringlicher. Bild: © HBO/Plan B/Punchdrunk/Sky 2020

Reif für die Insel

"The Third Day" ist eine toll gespielte und sehr unterhaltsame Mystery-Serie mit Folk-Horror-Einschlag, die ihr Potenzial aber nie komplett ausschöpft. Trotzdem sollte jeder Fan von verschachtelten Thrillern mal reinschauen, denn in Sachen Machart und Atmosphäre gibt es gerade wenig Vergleichbares auf dem Markt.

Und ein Gutes hat die Serie auf jeden Fall: Urlaub vermisst man danach noch weniger.

Sendehinweis
"The Third Day" läuft aktuell auf Sky Atlantic.
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