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"The Witcher"-Preview zu Staffel 1: Wer ist hier das Monster?

The Witcher
"The Witcher" startet am 20. Dezember auf Netflix.

Vom Buch zum Spiel ins Fernsehen: Die erste Staffel "The Witcher" ist bei Netflix gestartet und bringt die Abenteuer von Geralt von Riva auf den TV-Bildschirm. Lohnt sich die Serie mit "Superman" Henry Cavill als weißhaarigem Monsterschlächter? Wir haben die ersten fünf Folgen schon vorab gesehen.

Wer "The Witcher" hierzulande kennt, ist höchstwahrscheinlich Videospiel-Fan und hat die "The Witcher"-Games, mindestens aber "The Witcher 3" gespielt. Das epochale Rollenspiel des polnischen Entwicklerstudios CD Projekt Red gilt als eines der besten Spiele (mindestens) der letzten Dekade und machte Geralt von Riva, seine Ziehtochter Ciri, die Zauberinnen Triss Merigold und Yennefer von Vengerberg sowie viele andere Charaktere einem Millionenpublikum bekannt. Nun sind sie alle wieder da – diesmal als Figuren in der Serie, die, wie das Spiel, auf den Fantasy-Geschichten des polnischen Autors Andrzej Sapkowski aufbaut.

Für Spielefans heißt das erst einmal: Umgewöhnen – zumindest was die Optik angeht. Es dauert ein paar Folgen, bis ich in Henry Cavill mit Weißhaar-Perücke wirklich Geralt sehe. Da die Serie Jahre vor den Games spielt, sind zentrale Charaktere wesentlich jünger. Das macht es aber leichter, die Netflix-Produktion als eigene Interpretation zu akzeptieren. Trotzdem bleiben die Grundlagen natürlich unangetastet: In "The Witcher" geht es, wie im Spiel und  den Büchern, um eine Fantasy-Welt, die sich von unserer gar nicht so sehr unterschiedet, wie es den Anschein hat.

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Auch, wenn es hier nicht so aussieht: Natürlich hat Geralt in der Serie zwei Schwerter – eines aus Silber für Monster, eines aus Stahl für Menschen.

Sozialkritik im Fantasy-Mantel

Zentrale Figur ist der titelgebende Hexer: Geralt von Riva wird wegen seiner unübersehbaren magischen Mutationen von den Menschen gemieden und verachtet, obwohl er für sie die Drecksarbeit erledigt und für klingende Münze bestialische Kreaturen erschlägt, die die Dörfer unsicher machen.

Entsprechend wenig will der magisch verstärkte Söldner eigentlich mit den undankbaren Fremdenfeinden zu tun haben. Er redet lieber mit seinem treuen Pferd Plötze, vertreibt sich in Bordellen die einsamen Abende und hält sich ansonsten am liebsten raus – aus allem. Aus dem grassierenden Rassismus gegenüber Elfen, Zwergen und anderen magischen Wesen, deren Land die Menschen wie Kolonialherren an sich gerissen haben. Aus den Ränkespielen der mächtigen Zaubererloge. Aus den Querelen und Kriegen zwischen Königreichen, unter denen vor allem die einfache Bevölkerung leidet.

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Bei der Dorfbevölkerung hat der Mutant Geralt einen schweren Stand.

In den Spielen ist es ein durchgängiges Thema, Geralt (beziehungsweise die Spieler) vor unangenehme Entscheidungen zu stellen, in denen der unverbindliche Mittelweg oft zu nichts Gutem führt. Diese Erfahrung muss auch Serien-Geralt machen – sich raushalten ist eben noch schwerer, wenn man in einer Märchenwelt lebt, in der "Schicksal" mehr ist als eine Worthülse.

Märchenhaft ohne Kompromisse

Im Vorfeld wurde "The Witcher" gern als "das neue 'Game of Thrones'" gehypt, und es ist klar, woher diese Parallelen kommen: Gewalt und Sex (ja, auch inzestuösen) gibt's reichlich, das Mittelalter-Fantasy-Setting tut sein Übriges. Doch wo "GoT" sich vor allem in frühen Staffeln eher als Intrigen-Krimi mit ein bisschen Magie verstand, wirft sich "The Witcher" mit Anlauf ins Bällebad des Zauberhaften. Flüche, Geister, Monster, Hexerei und eben die unsichtbaren Schicksalsbande, die Menschen aneinander schmieden (ob Geralt nun an sie glaubt oder nicht), treiben den Plot voran. Bis man das bemerkt, dauert es aber ein paar Folgen.

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Prinzessin Ciri (Freya Allan) muss fliehen und lernt das harte Leben außerhalb der Schlossmauern kennen.

Dramaturgie zum Dran-Gewöhnen

Was genau an der Erzählweise von "The Witcher" so gewöhnungsbedürftig ist, sei hier noch nicht verraten – der erhellende Moment nach einigen Folgen ist zu schön, um ihn vorab zu verderben. Zu Beginn fühlte ich mich aber etwas verloren zwischen mehreren Erzählsträngen, die alle ziemlich fix durcherzählt werden, aber nur langsam zueinanderfinden.

In einem davon geht Geralt seinem blutigen Tagwerk nach. Ein weiterer folgt der jungen Prinzessin Cirilla, die nach dem Tod ihrer Großmutter Königin Calanthe durch die Invasion der finsteren Armee von Nilfgaard fliehen muss und Geralt suchen soll. Und dann ist da noch Yennefer von Vengerberg, die ihre Ausbildung durchläuft – und dem Hexer locker die Show stiehlt.

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Willensstarke Kämpferin: Yennefer von Vengerberg (Anya Chalotra).

Yennefer spielt Geralt an die Wand

Die von Anya Chalotra gespielte Zauberin ist mit Abstand die spannendste Figur der ersten Staffel. Als junge Frau verschleppt, wird sie von der Zauberin Tissaia in den magischen Künsten ausgebildet, um dann als Beraterin an einem Fürstenhof zu dienen. Ihre Lehrzeit ist mit "hart" äußerst harmlos umschrieben. Sowieso kommt alles anders als geplant und auch, wenn die Serie sich hier etwas mehr Zeit zum Erzählen hätte nehmen könnte, bringt sie die wesentlichen Charakterzüge Yennefers auf den Punkt: Mit eisernem Willen, unstillbarem Machthunger, No-Bullshit-Attitüde und einer guten Portion zynischer Arroganz kämpft sich die Hexe durch. Dass sie dabei trotzdem eine sympathische Figur ist, mit deren Strapazen ich mitfühle, ist eine der größten Errungenschaften des Drehbuchs.

Geralt bleibt dagegen in den ersten Folgen etwas blass – und das nicht nur, wenn er dank magischer Kampfelixiere zur kalkweißen Killermaschine mutiert. Seine Mimik rangiert zwischen uninteressiert, treudoof und wütend, seine Redebeiträge sind vor allem einsilbiges Gebrumme. Klar, das passt zu seinem spröden, schweigsamen Charakter, trotzdem gewinnt der Hexer erst mit der Zeit und längeren Dialogen an Kontur.

Immer Ärger mit dem Barden

Die gewöhnungsbedürftige Figur ist eindeutig der Barde Jaskier, der sich dem Hexer ganz zu Beginn des Abenteuers anschließt und den Spiele-Fans unter dem Namen "Rittersporn" kennen. Geralt und Jaskier könnten unterschiedlicher nicht sein: Wo der eine ständig aussieht, als wolle er eigentlich woanders sein, hat der andere den gleichen Effekt auf sein unfreiwilliges Publikum, das den dauerplappernden Maulhelden regelmäßig zum Teufel wünscht.

Jaskiers Ballade zur Image-Verbesserung des Hexers ist immerhin ein echter Ohrwurm und angenehm wenig mittelalterlich, trotzdem erinnert die Dynamik zwischen den beiden stets ein bisschen an Shrek und den Esel – nicht die beste Assoziation. Dass Jaskier Geralt auch noch ständig in Bedrängnis bringt, macht's nicht besser. Hoffentlich schafft es die Serie mit weiteren Folgen, dieser Buddy-Romanze noch etwas mehr Witz und weniger Fremdscham zu verpassen.

Spaß und Ernst, sehr nah beieinander

Apropos Witz: Der Humor von" The Witcher" im Kontrast mit den ernsteren Szenen gehört generell zu den Dingen, die etwas Eingewöhnung erfordern. Geralts Kämpfe gegen Monster werden als blanker Horror inszeniert, in brutalen Schlachten fliegen Körperteile und in manchen Szenen schnürt einem schon die Tonspur die Kehle zu. Die eingestreuten leichtfüßigeren Szenen wirken da gern etwas sehr platziert – vor allem, wenn manchen Gags nur noch der Laughtrack fehlt, damit sie in einer Sitcom bestens aufgehoben wären.

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Geralt müsste gar nicht so grimmig schauen – immerhin hat er gerade mal kurz Ruhe vor Jaskier.

So, wie die Punchlines mancher Witze etwas sehr plötzlich in die Szenerie platzen, ist es auch bei manchen Plotwendungen. "The Witcher" will in kurzer Zeit viele Figuren umfassend vorstellen und geht dabei effektiv, aber manchmal plump vor. Weltverändernde Twists fallen ohne große Vorarbeit mehr oder weniger vom Himmel. Neue Charaktere greifen für meinen Geschmack etwas zu oft zum Stilmittel "Ich antworte nicht auf Deine Frage, erzähle Dir aber hier mal ausführlich was über meine Vergangenheit." Und eine verschwiegene Schwangerschaft lässt sich vielleicht auch eleganter erzählen, als mit Erbrechen im gerade richtigen Moment. Aber dafür bräuchte es Zeit, und davon hat die Serie in Staffel 1 noch ein bisschen wenig.

Gebt dem Hexer mehr Zeit!

Bleibt zu hoffen, dass sie davon in Zukunft mehr bekommt, denn das Meckern über ein paar dramaturgische Schnitzer ist tatsächlich Kritik auf hohem Niveau. "The Witcher" kommt im Laufe der Staffel so sehr in Fahrt, dass ich mich nicht nur auf die verbleibenden drei Folgen, sondern auch schon auf die zweite, bereits bestätigte Staffel freue. Die Figuren sind interessant und vielschichtig, die Ausstattung glaubhaft, die Kämpfe atemberaubend – vor allem Schwertkampf-Szenen mit Geralt sind tödliche Tänze, von denen es gern noch viel mehr geben dürfte.

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Wenn Geralt zum Schwert greift, geht's rund.

Besonders gewinnt mich "The Witcher" aber dadurch, dass sich die Serie nicht für eine einfache Gut-Böse-Geschichte in eine Fantasy-Welt zurückzieht, sondern gezielt und mit Haltung Sozialkritik herausarbeitet, die auch in unserer Welt ihren Platz hat. Geralt mag sich in seinem Zynismus eingeigelt haben, aber bekanntlich ist kein Mensch eine Insel, auch ein Hexer nicht. Er mag sich mit übelsten Kreaturen herumschlagen, am Ende des Tages sind es vor allem die Menschen, die im direkten Vergleich noch unangenehmer sind.

Ich bin jedenfalls gespannt, wohin die Serie noch geht und mit welchen Monstern es Geralt noch zu tun bekommt.

(Vorläufiger) TURN ON-Score: 4/5

Sendehinweis
Die komplette erste "The Witcher"-Staffel ist ab sofort auf Netflix abrufbar.
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