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"Tolkien"-Kritik: Die wahre Inspiration für "Herr der Ringe"

Nicholas Hoult wird in der Filmbiografie zum Autor J. R. R. Tolkien.
Nicholas Hoult wird in der Filmbiografie zum Autor J. R. R. Tolkien.

Der britische Schriftsteller J. R. R. Tolkien schuf mit der "Herr der Ringe"-Trilogie eines der erfolgreichsten und einflussreichsten Fantasywerke des 20. Jahrhunderts. Spätestens mit der Verfilmung durch Peter Jackson sind die Geschichten rund um Mittelerde in der Popkultur angekommen. "Tolkien" soll jetzt dem Schöpfer selbst ein Denkmal setzen.

Vom Waisenkind zum Gefährten: Tolkiens prägende Jahre

England Ende des 19. Jahrhunderts: John Ronald Reuel Tolkien wächst mit seinem Bruder Hilary in den idyllischen West Midlands auf. Von ihrer verwitweten Mutter bekommen die Kinder Sagen erzählt, die besonders Ronalds Fantasie anregen. Nach dem plötzlichen Tod der Mutter kümmert sich Pater Francis Morgan um die Waisen und bringt sie in einer Pension in Birmingham unter.

Zunächst ein Außenseiter, freundet sich Tolkien an der Schule mit seinen Mitschülern Robert Gilson, Geoffrey Smith und Christopher Wiseman an. Sie gründen die "Tea Club and Barrovian Society" (TCBS). In dieser Gemeinschaft findet der Heranwachsende Freundschaft und Geborgenheit. Parallel dazu kommt Tolkien (jetzt Nicholas Hoult) seiner Mitbewohnerin Edith (Lily Collins) näher. Bald muss sich der junge Mann zwischen seiner Liebe zu Edith und einer Universitätslaufbahn entscheiden. Da bricht der Erste Weltkrieg aus ...

"Tolkien" startet mitten im Krieg

"Tolkien" hat wenig von dem beschaulichen Einstieg der "Herr der Ringe"-Saga, beginnt mitten im Schützengraben. Ein geschwächter Tolkien ist auf der Suche nach seinem Freund Geoffrey und sieht die Schrecken des Krieges in seinem Fieberwahn in Form eines feuerspeienden Drachens und düsteren berittenen Kriegern, die nicht zufällig an die Nazgul erinnern. Es wird von Beginn an deutlich, wie stark der Erste Weltkrieg Einfluss auf Tolkiens Leben und Werk haben wird. Erst in Rückblenden erfahren wir mehr über den jungen Mann und seine Beweggründe.

Freundschaft und Liebe als zentrale Themen

Es gibt zwei Fixpunkte im Leben Tolkiens: die Freundschaft zu den Mitgliedern des Geheimclubs TCBS und die Liebe zu seiner späteren Ehefrau Edith. Seine Freunde kommen im Gegensatz zu ihm aus gutem Hause, intellektuell kann es der Stipendiat Tolkien aber mit jedem von ihnen aufnehmen. Bei Tee und Kuchen im Barrows Tea Room, einer gemütlichen Teestube in der Nähe ihrer Schule, träumen sie von einer Zukunft als Maler, Komponist, Dichter und Schriftsteller.

 

Ein eingeschworener Kreis: Tolkien (Nicholas Hoult, rechts) und seine Freunde. fullscreen
Ein eingeschworener Kreis: Tolkien (Nicholas Hoult, rechts) und seine Freunde.
Auch wenn sie auf unterschiedliche Universitäten gehen, bleibt ihre Freundschaft erhalten. fullscreen
Auch wenn sie auf unterschiedliche Universitäten gehen, bleibt ihre Freundschaft erhalten.
Ein eingeschworener Kreis: Tolkien (Nicholas Hoult, rechts) und seine Freunde.
Auch wenn sie auf unterschiedliche Universitäten gehen, bleibt ihre Freundschaft erhalten.

Die zukünftige privilegierte Oberschicht wird von ihren Eltern jedoch zu einer seriösen beruflichen Laufbahn als Anwalt oder Ähnliches angehalten. Umso wichtiger ist der Zusammenhalt. "Hellheimr" wird zum Mantra der vier Jungen. Bezeichnet der Begriff in der nordischen Mythologie das Reich der Totengöttin Hel, bedeutet er für das Quartett, in den Tag zu leben und den Moment zu nutzen – der "Club der toten Dichter" lässt grüßen ...

Die Schönheit der Liebe – und der Kellertür ...

Vielleicht auch vom Geist des TCBS beflügelt, nähert sich Tolkien Edith an. Das junge Mädchen lebt in derselben Pension wie er und sein Bruder. Tolkien ist sofort fasziniert von der jungen Frau, die leidenschaftlich Klavier spielt und wie er eine Waise ist. Die Liebe zu ihr wird zu einem Fixpunkt in seinem Leben und zieht sich durch nahezu den ganzen Film.

Tea Time mit Edith: Die Chemie stimmt. fullscreen
Tea Time mit Edith: Die Chemie stimmt.
Doch die junge Liebe muss einige Rückschläge einstecken. fullscreen
Doch die junge Liebe muss einige Rückschläge einstecken.
Tea Time mit Edith: Die Chemie stimmt.
Doch die junge Liebe muss einige Rückschläge einstecken.

Mit Edith spricht Tolkien über seine Leidenschaft für Sprachen und Sagen – auch wenn Edith sehr viel pragmatischer ist als Tolkien. Während er von der Schönheit des Wortes "cellar door" (zu Deutsch "Kellertür") schwärmt – ja, wirklich! –, ist es für die junge Frau wichtig, dass die Bedeutung dem Klang eines Wortes ebenbürtig ist. Hier sind Assoziationen mit wichtigen Schauplätzen der "Herr der Ringe"-Bücher wie Gondor und Mordor unvermeidlich

Einflüsse auf Tolkiens Werk überdeutlich

Das Ziel der Filmbiografie scheint vor allem zu sein, Einflüsse aus Tolkiens Leben auf sein Werk herauszuarbeiten, was mal mehr und mal weniger gut gelingt. Die Gemeinschaft Tolkiens und seiner Freunde beispielsweise wird so oft betont, dass selbst dem unaufmerksamsten Zuschauer klar sein sollte, dass hier auf die Gefährten der "Herr der Ringe"-Saga angespielt wird.

Ein treuer Kadett, der Tolkien bis an den Rand des Schlachtfelds begleitet, heißt natürlich Sam wie Frodos Begleiter zum Schicksalsberg. Außerdem betont der Film, dass Tolkien die Sagen um den Drachentöter Siegfried kennt und Richard Wagners Oper "Das Rheingold" zumindest gehört hat. Diese Verweise sind spannend und besonders für Tolkien-Fans wichtig, werden aber mitunter mit dem Vorschlaghammer präsentiert.

Diese Bilder könnten direkt aus den "Herr der Ringe"-Filmen stammen. fullscreen
Diese Bilder könnten direkt aus den "Herr der Ringe"-Filmen stammen.
Ein Fiebertraum vom Schlachtfeld. fullscreen
Ein Fiebertraum vom Schlachtfeld.
Diese Bilder könnten direkt aus den "Herr der Ringe"-Filmen stammen.
Ein Fiebertraum vom Schlachtfeld.

Der Film muss sich mit solchen Einsprengseln behelfen. Er endet, bevor Tolkien begonnen hat, seine Saga zu schreiben – beziehungsweise mit der Niederschrift des ersten Satzes aus "Der Hobbit". Man sieht zwar in seinem Jugend- und später im Arbeitszimmer ganze Wände, die mit Tolkiens Ideen und Zeichnungen gepflastert sind, doch Konkretes dazu erfährt der Zuschauer leider kaum.

Und das ist etwas schade. Es wäre interessant gewesen zu sehen, wie Tolkien an der Saga arbeitet und wie der Erfolg sein Leben verändert. Der Film setzt jedoch einen anderen Fokus und zeigt, wie die Weichen für Tolkiens Werk gestellt werden, indem er die Wichtigkeit von Werten wie Freundschaft, Liebe, Mut und Treue für den späteren Autor herausstreicht. Werte, die auch in Mittelerde von so großer Bedeutung sind.

Biopic verbreitet nostalgische Stimmung

Wie es sich für ein britisches Biopic gehört, schwelgt "Tolkien" in schönen Bildern. Sei es die ländliche Idylle der West Midlands, die Tolkien später als Vorlage für das Auenland dienen sollte, oder das herbstliche Licht, in das die alten Gemäuer von Oxford getaucht sind: Der Zuschauer taucht wohlig in die Zeit um die Jahrhundertwende ein. Die idyllischen Bilder machen den Kontrast zum Schlachtfeld in Frankreich umso deutlicher, wo der Schrecken des Krieges mit fantastischen Elementen durchmischt wird.

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Tolkien (Nicholas Hoult) liebt die Natur ... fullscreen
Tolkien (Nicholas Hoult) liebt die Natur ...
und Edith (Lily Collins). fullscreen
und Edith (Lily Collins).
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Tolkien (Nicholas Hoult) liebt die Natur ...
und Edith (Lily Collins).

Die Darsteller fügen sich gut in das Setting ein. Besonders bei den Kinderdarstellern und ihren erwachsenen Pendants bewiesen die Casting-Direktoren ein glückliches Händchen. Das eher simpel gehaltene Skript bietet allerdings nicht viel Platz für Charakterentwicklung, selbst bei den Hauptfiguren nicht. Immerhin weiß Nicholas Hoult, der vielen Zuschauern aus den "X-Men"-Filmen bekannt sein dürfte, als schüchterne Leseratte mit einer Leidenschaft für Sprache und Geschichten zu überzeugen.

Und Lily Collins gibt eine so liebreizende Edith, dass der Zuschauer es Tolkien nicht verdenken kann, dass er sich in sie verliebt. Die Clubmitglieder werden gut gespielt, sind aber eher holzschnittartige Charaktere: der freche Draufgänger, der schüchterne Poet ... Die Darsteller harmonieren in der Gruppe jedoch so gut, dass man über die Schwächen des Drehbuchs gern hinwegsieht.

Fazit: Eine nette Filmbiografie, aber nicht mehr

Letztlich reiht sich "Tolkien" in die Riege der klassisch inszenierten Biopics in schönem Setting ohne Tiefgang ein, wie sie in jüngerer Zeit häufig inszeniert werden. Sie sind nett anzuschauen und tun keinem weh, sind aber auch schnell vergessen. Und machen wir uns nichts vor: Ginge es nicht um einen der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts, hätte die Geschichte nicht genug Potenzial für einen Film. Wer Tolkiens Andenken wirklich ehren will, schlage lieber eines seiner Werke wie "Der Hobbit" oder "Herr der Ringe" auf.

Tolkien
Tolkien
  • Datenblatt
  • Genre
    Biographie, Drama, Liebesfilm, Kriegsfilm
  • Laufzeit
    112 Minuten
  • Release
    20. Juni 2019
  • FSK
    ab 12
TURN ON Score:
2,5von 5
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