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VR-Kinos sind derzeit na ja – haben darum aber Zukunft!

VR Cinema 1
VR Cinema 1 (©TURN ON 2016)

Seit diesem Jahr gibt es in Deutschland das erste Kino für Virtual Reality. Im April öffnete das "VR Cinema" in Berlin seine Türen. Klingt erst einmal spannend: Filme in der virtuellen Realität erleben? Überall hingucken, wo ich möchte? Eröffnet das vielleicht ganz neue Dimensionen und Erfahrungen? Wir haben uns ein Ticket gekauft und es ausprobiert.

Als ich beim Kino ankam, dachte ich erst, ich wäre falsch. Ein kleines Plakat zeigte mit einem Pfeil in den Hinterhof eines Gebäudes, das wie ein altes Fabrikgelände aussah. Die Etagen links und rechts wirkten allesamt verlassen, als ich die Treppe ins Obergeschoss hochstieg. Oben angekommen wartete eine interessante Einrichtung. Kombiniert alt und ranzig ("Vintage") mit Moderne und ihr habt den perfekten Ort in "Hipster-Berlin". So treffen hier uralte Möbel, Fotos und Filmplakate auf Club Mate an der Bar. Im Kinosaal selbst gibt es etwa 30 Stühle, die sich in 360 Grad bewegen. So könnt ihr euch während der Filme in jede mögliche Richtung drehen und andere Details angucken. Wenn ihr Platz genommen habt, erklären drei Leute kurz, worum es geht und wie man die Brillen aufsetzt, dann kommen sie zu euch an den Stuhl und ihr müsst euch für eine Kategorie entscheiden, aus der ihr die nächsten 30 Minuten verschiedene Filme sehen werdet. Zur Auswahl stehen "Horror", "Doku / Fiction" und "Fun".

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4 Dokus & extreme Reize für Auge und Hirn

Ich entschied mich für die Dokumentationen. Zuerst sah ich Szenen aus dem Alltag der zwölfjährigen Farah, die den syrischen Krieg miterleben musste. Ich sehe, unter welchen schrecklichen Bedingungen sie jetzt lebt. Der Film bestand aus Schnitten, die die Hauptperson an andere Positionen brachte, sodass ich mich ständig umdrehen musste, um sie zu verfolgen. Irgendwie hat das Suchen nach der sprechenden Protagonistin ein bisschen genervt.

Danach flimmerte eine Geschichte über ein lesbisches Paar durch meine Brille. Eine von beiden lebt auf einem anderen Kontinent und bekommt kein Visum, um zu ihrer Freundin zu fliegen. Stattdessen schreiben sie miteinander. Hier ist mir vor allem ein Capoeira-Tanz auf einem hohen Hausdach in Erinnerung geblieben, weil er mich dazu zwang, nach einem Schnitt überraschend in einen tiefen Abgrund zu schauen. Das war für meinen Körper ein bisschen zu viel und ich hatte kurzzeitig das Gefühl, als würde ich fallen.

Doch die nächste "Dokumentation" war noch viel schlimmer. "LOVR" ist eher eine Animation und zeigt den kurvenförmigen Verlauf der Linie eines Hirnstroms. Vier Sekunden, in denen sich jemand verliebt. Wir verfolgen also eine grelle Linie auf schwarzem Hintergrund, die sich ihren Weg durch den Raum bahnt. An ihrer Seite ploppen ständig Felder und Texte auf, die man gar nicht schnell genug lesen oder scharf sehen kann. Die Kamera bewegt sich immer an der Spitze der sich gerade aufbauenden Kurve und dreht sich dabei. Je dramatischer die Ausschläge der Linie werden, desto mehr Farbe, pulsierende Flächen und Schnelligkeit kommt in die Animation. Beim Höhepunkt wurde es mir schließlich zu viel. Extreme Reize für Augen und Hirn, sodass ich meine Augen schließen musste und heilfroh war, als dieser Film zu Ende ging.

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Die letzte Dokumentation, die ich an diesem Tag sah, hat mich dagegen sehr berührt. "WITNESS 360: 7/7" wird von einer Überlebenden des U-Bahn-Anschlags in London erzählt. Und hier haben die Filmemacher endlich begriffen, wie eine VR-Doku funktionieren kann. Die Kamera bleibt stehen, sodass man nicht den falschen Eindruck bekommt, man bewege sich selbst. Effekte werden dezent und sporadisch eingesetzt. Endlich keine Überforderung, sondern ein Film zum Entdecken, zum Zuhören und Mitfühlen und keine Ablenkung von der Geschichte. So geht Film und so funktioniert selbiger auch in VR.

30 Minuten Virtual-Reality-Horror

Ein Freund von mir hat sich für das "Horror"-Set an Filmen entschieden. Seine Reaktion nach den 30 Minuten: "Zum Glück bin ich wieder in der echten Welt" – nicht weil er sich gegruselt hätte, sondern weil er dieselben Probleme mit der VR-Technik hatte wie ich. Dazu kam, dass der Ton bei ihm nicht sauber war. Er war sehr stark verzerrt und nicht binaural. Dadurch wurde für ihn die Illusion zerstört. Außerdem braucht man besser isolierende Kopfhörer als die, die im Kino vorliegen. Zu laut waren die sprechenden anderen Besucher und Guides im Kino. Das Bild war leider auch voller Kompressionsartefakte. Wenn eine eigentlich schwarze Fläche in violett absäuft, sieht es einfach nicht mehr gut aus. Gefallen hat ihm ein Film aber dennoch sehr gut: Ein sehr dicker Typ schiebt Dich auf einem Rollstuhl ganz langsam durch eine Irrenanstalt und stellt Dir die anderen Patienten vor. Eine ziemlich coole Freakshow. Leider wurden ansonsten kaum Geschichten erzählt, sondern eher mit Effekten gespielt, zum Beispiel dem plötzlichen An- und Ausschalten von Licht.

Stärken & Schwächen des VR-Kinos

Das Besondere an VR-Filmen ist wohl die vermeintliche räumliche Nähe, die zu den Figuren erzeugt wird. Sind wir im normalen Kino, ist die Leinwand immer in einer bestimmten Entfernung vor uns. Die virtuelle Realität kann damit aber brechen und bringt Menschen plötzlich sehr nah an uns heran. Da reichen die Gefühle von unangenehm bis interessiert. Was in der einen Sekunde noch weit entfernt scheint, ist in der nächsten möglicherweise ganz dicht.

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Was mich inhaltlich an VR-Filmen stört, ist die Effekthascherei. Wenn es nicht gerade darum geht, dass sich alles möglichst schnell bewegt, muss es zumindest irgendwie krass auffällig sein – egal ob durch Schnitte oder knallbunte Farben. Hauptsache zeigen, was alles geht. Dabei vergessen die Macher aber, dass es gerade bei VR eine große Gruppe von Menschen gibt, die diese riesige Potenz nicht verarbeiten können. Schnelle Bewegungen oder überhaupt Kamerafahrten können zu Übelkeit und Schwindel führen, da unser Körper stillsitzt, unser Gehirn aber denkt, wir würden uns bewegen. Dazu kommt, dass das Kino leider nicht die aktuellen Top-Modelle der VR-Brillen wie die Oculus Rift oder HTC Vive verwendet, sondern lediglich eine Samsung Gear VR mit einem Smartphone. Dadurch ist die Auflösung so niedrig, dass ich jeden Pixel sehe und es an den Rändern flimmert. Außerdem gibt es viele Fehler, wo zum Beispiel die Köpfe einiger Personen zerschnitten aussehen, da sie während der Aufnahme in einem Bereich standen, bei dem sich zwei Kameras nebeneinander nicht perfekt ergänzen ("Stitching"-Fehler).

Fazit: Spannende Erfahrung, aber unausgereiftes Konzept

VR-Kino ist momentan noch weit davon entfernt, sich durchzusetzen. Die Technologie ist einfach noch nicht ausgereift – und auch nicht der Ablauf im Kino. Gerade bei der Gear VR braucht man eigentlich ein bisschen Zeit, um die Halterung und die Schärfe an den eigenen Kopf und Augen anzupassen. Dafür hatten wir beim Kinobesuch leider keine Zeit, denn sobald der Guide das Smartphone einsteckt, drückt er auf Play, während er die Brille trägt. So beginnt der erste Film schon zu laufen, als er sie uns überreicht. Nach einer Weile wird es auch ziemlich warm unter der Brille und das Gewicht oder der Druck unangenehm. Es gibt also noch viel zu tun in diesem Bereich – deshalb finde ich den Preis von 12,50 Euro für 30 Minuten stark überteuert. Denn das ist mehr als die meisten 90-Minüter im normalen Kino kosten.

Nichtsdestotrotz ist es eine spannende Erfahrung, 30 Minuten am Stück in einer anderen Welt zu sein. Fällt momentan unter das Motto "kann man mal machen". Wenn sich die Technik der Brillen – vor allem die Auflösung – in Zukunft verbessert und sich die Filmemacher wieder mehr auf den Inhalt und die Qualität statt auf pompöse Effekte konzentrieren, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass wir irgendwann Filme über diese Brillen im Kino gucken. Cooler und realistischer als 3D ist es allemal.

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