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"Watchmen"-Recap #4: Familie ist die Hölle

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Sister Night wirft mal kurz ein, dass wir immer noch nicht wissen, wer eigentlich Judd Crawford umgebracht hat. Und warum.

Eine gigantische Uhr, die den Countdown zur Apokalypse runterzählt. Die erste Billionärin der Welt, und Ozymandias schießt Klone in den Himmel: "Watchmen" wird immer bizarrer. Und deswegen immer besser. Die Rätsel häufen sich, wir bekommen immer noch keine Antworten – aber das Gefühl, dass bald etwas Großes passiert. Unser Recap zur vierten Folge.

Achtung, Spoiler!
Der folgende Text enthält Spoiler zur vierten "Watchmen"-Folge. Weiterlesen auf eigene Gefahr!

Überraschung: Opa war ein Cop!

Vielen Kritikern von "Watchmen" waren die ersten drei Folgen zu zerfasert, zu unkonzentriert. "Was soll das alles, worauf läuft es hinaus?" Solche Fragen waren oft zu hören, meist mit ungeduldigem Unterton. Wer gehofft hatte, dass Folge vier endlich ein paar Story-Stränge zu Ende führt und die ersten Fragen beantwortet, dürfte diese Woche frustriert ins Kissen gebissen haben. Statt Aufklärung nur weitere Fragen. Wir treffen auf brandneue Figuren und tappen mittlerweile genauso im Dunkeln wie unsere Heldin Sister Night.

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Mal nebenbei: Kann es wirklich gesund sein, sich regelmäßig Farbe ins Gesicht zu airbrushen...?

Die maskierte Superheldin muss in dieser Woche einiges verdauen: Von Laurie erfährt sie, dass ihr Großvater Will einst ein Cop in New York war. Von Will, der – wir erinnern uns – vor ihren Augen in den Nachthimmel verschwunden ist, hat Laurie vielleicht ihre Dickköpfigkeit geerbt. Mit Sicherheit aber ihren Gerechtigkeitssinn. Aber Gut und Böse, Schwarz und Weiß gibt es in der "Watchmen"-Welt nicht. Hat Will seine Polizistenkarriere an den Nagel gehängt, weil er damals genauso desillusioniert war, wie es Laurie Blake heute ist? Oder hat er selbst schreckliche Untaten begangen, im Glauben, das Richtige zu tun? Am Ende der Folge werden wir sehen, dass Will eine Menge Geheimnisse mit sich herumschleppt.

Sister Night alias Angela bricht ins Greenwood Cultural Centre ein und sieht dort ein Hologramm von Will als kleinem Jungen. Sie kniet sich davor, woraufhin sich ihr Gesicht und das flackernde Hologrammgesicht des kleinen Will überlappen – eine überdeutliche Verbildlichung, dass wir unserer Familie, unserer Herkunft nicht entfliehen können. "Du hast gesagt, du willst, dass ich weiß, woher ich komme", sagt Angela dem stummen Hologramm. "Jetzt weiß ich es. Also, wo immer du jetzt bist, lass mich verdammt nochmal in Ruhe". Aber so einfach wird es nicht. Ganz sicher nicht.

Traumatisiert von einem Alien-Tintenfisch?

Angela will das Kulturzentrum wieder verlassen, da überschneidet sich die Handlung mit dem Geschehen aus Folge drei: Sie trifft auf Laurie Blake, die halb-hysterisch in den Nachthimmel lacht, aus dem soeben Angelas Wagen auf den Boden gekracht ist – natürlich ohne Will darin, dafür aber mit der leeren Pillenflasche. Angela bringt das Fläschchen und Judds KKK-Robe zur Aufbewahrung und Untersuchung zu Looking Glass, der in einem gemütlichen Bunker haust.

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Soll mal keiner sagen, Looking Glass wäre nicht vorbereitet auf das, was kommt – was immer auch das ist.

Die Auftritte des wortkargen Einzelgängers mit der silbernen Maske sind für mich die Highlights jeder Folge. Sein trockener Humor kommt vor allem in den Szenen mit Sister Night zur Geltung. Der Typ hat eine ernsthafte Schramme, so viel ist klar. In Folge vier bekommen wir endlich einen Hinweis darauf, was diesen Mann so aus der Bahn geworfen hat: Er ist ganz besessen vom regelmäßigen Tintenfischregen. Hat er damals den Angriff des außerirdischen Tentakelviehs live miterlebt, der drei Millionen Menschen das Leben gekostet hat? Alles deutet auf ein tief sitzendes Trauma hin – auch dieses Thema wird in der aktuellen Folge noch einmal aufgegriffen.

Wir als Zuschauer wissen natürlich, dass der Riesentintenfisch eine von Adrian Veidt gezüchtete Superwaffe war, um die Menschheit zu vereinen und den atomaren Holocaust zu verhindern. Aber Looking Glass scheint das nicht zu wissen. Er denkt immer noch, die Baby-Squids, die wie Regen auf die Erde prasseln, kämen aus einer anderen Dimension. Statt aus Laboren der Regierung, um das Märchen vom Alien-Angriff aufrechtzuerhalten. Das ist die größte Vertuschung in der Geschichte der Menschheit. Wie Looking Glass wohl reagiert, sollte er die Wahrheit erfahren? Wahrscheinlich nicht gut. Schon Rorschach wollte damals eher die Welt untergehen sehen, als einen Kompromiss einzugehen und einen Millimeter von seinen radikalen Überzeugungen abzuweichen. Ich sehe da großes Unheil heraufziehen!

Mit Gleitmittel zum Star: Lube Man!

Als wäre alles nicht verworren genug, erscheint ein neuer maskierter Unbekannter auf der Bildfläche. Er beobachtet Angela, wie sie Wills zersägten Rollstuhl unauffällig entsorgen will. Angela nimmt sofort die Verfolgung auf, doch gegen die Superfähigkeit des silbernen Spargeltarzans hat sie keine Chance: Er schmiert sich mit Gleitmittel ein und flutscht durch den Straßenabfluss, die so ziemlich originellste Fluchtsequenz seit Jahren. Ich bin jetzt schon Fan von Lube Man. Wer ist der Typ? Was will er? Mein Tipp: Es ist Petey, Lauries babygesichtiger Assistent, der bekanntermaßen ganz besessen ist von maskierten Superhelden. Der Körperbau würde passen. Und Petey hat zu viel Screentime bekommen, um nur eine unwichtige Rolle zu spielen. Er sollte sich lediglich ein anderes Alias zulegen als Lube Man, sonst taucht sein Name bald nur in Verbindung mit Porno-Suchanfragen auf.

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Wenn man in SO einem Aufzug mitten am Tage durch die Stadt läuft, muss man sich über Publikum allerdings auch nicht wundern.

Dale Petey ist es auch, der Sister Night über Lauries Trauma informiert: Ihr Vater, der Comedian, wollte ihre Mutter vergewaltigen, die erste Silk Spectre. Aber wir wissen, dass das nicht der einzige psychologische Ballast ist, den Laurie mit sich herumschleppt. Einer ihrer ehemaligen Superhelden-Kollegen hat Millionen von Menschen getötet, um Milliarden zu retten. Und ihr Lover Dr. Manhattan unternahm nichts dagegen, obwohl er als allmächtiges Superwesen nur mit den blauen Fingern hätte schnipsen müssen. Während Laurie in einem albernen Kostüm herumgerannt ist und Straßengangs verdroschen hat, um die Welt "besser zu machen". Sowas nagt am Selbstwertgefühl. Für Lauries Seelenheil kann ich nur hoffen, dass sie niemals wieder Adrian Veidt begegnet, der gerade ... aber zu dem kommen wir gleich.

Reich und skrupellos: Gestatten, Lady Trieu

Vorher lernen wir eine weitere Mitspielerin im "Watchmen"-Drama kennen, die Billionärin Lady Trieu. Sie hatte in der ersten Szene einem kinderlosen Ehepaar ein Stück Land abgekauft. Na ja, "abgekauft". Sie bot dem Paar dafür ein Baby an, erschaffen aus der gemeinsamen DNA der Eltern. Das ist moralisch maximal fragwürdig, aber es zieht: Die völlig überrumpelten Eheleute unterschreiben den Vertrag, nur Sekunden, bevor ein unbekanntes Objekt vom Himmel fällt, direkt auf das soeben erworbene Grundstück. Es ist offensichtlich, dass es Lady Trieu darum geht, nicht um das Haus und den Acker. Hm.

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Tausche Grundstück gegen Baby.

Und nun stehen Sister Night und Laurie Blake vor ihr und wollen wissen, wer zuletzt Zugriff auf die schmucken Flugdrohnen hatte, mit denen Lady Trieu gerade ihre titanische Jahrtausenduhr baut. Denn nur damit hätte jemand Angelas Wagen – schwupp – anheben und wegschaffen können. Trieus Tochter Bian, die möglicherweise ein Klon ihrer Mutter ist, gibt sich besonders zuvorkommend und stellt sogleich die gewünschte Liste zusammen. Derweil lassen Trieu und Angela die Masken fallen. Auf vietnamesisch und damit unverständlich für Laurie informiert Trieu die verdutzte Angela, dass Will wissen will, ob sie das Fläschchen mit den Pillen gefunden hat. Angela entgegnet, ebenso auf vietnamesisch, dass der alte Mann sie mal kreuzweise kann. Nein, eine glückliche Familie ist das wirklich nicht.

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Aus Dutzenden Science-Fiction-Filmen wissen wir: Je freundlicher und heller die Fabrik, desto finsterer die Absichten dahinter.

Will sie die Menschheit retten oder vernichten?

Was planen Lady Trieu und Will? Das wissen wir noch nicht, aber zumindest spricht Trieu das aus, was wir alle denken: Wieso sagt Will seiner Enkelin nicht einfach, was das alles soll – statt sie mit nebulösen Andeutungen auf eine groteske Schnitzeljagd zu schicken, an deren Ende eine große Enthüllung steht? Nein, entgegnet Will. Angela müsse es selber erfahren. In drei Tagen werde etwas passieren.

Und kurz danach sehen wir, wie Trieu ihre Tochter Bian mit traumatischen Bildern aus dem zerstörten Vietnam füttert, was bei Bian Albträume auslöst. Trieu scheint zufrieden. Einen Preis als Mutter des Jahres sehe ich für sie nicht in der unmittelbaren Zukunft.

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Dass Bian Trieus Klon ist, liegt so dermaßen nahe, dass es schon wieder unwahrscheinlich ist.

Wir fassen zusammen: Trieu kommt aus Vietnam, hat Kohle ohne Ende, traumatisiert ihre eigene Tochter, baut eine riesige Uhr (die, wie sie auffällig unauffällig erwähnt, jeder Art von Desaster standhalten kann, ausgenommen vielleicht einem unmittelbaren Atomschlag) und hat Adrian Veidt, der bereits den größten Massenmord in der Geschichte der Menschheit begangen hat, seine Firma abgekauft. Und Will orakelt, dass in drei Tagen "etwas" passieren wird. Leute: Lady Trieu plant eine Apokalypse biblischen Ausmaßes. Vielleicht, um sich an der Welt für die Barbarei in ihrem Heimatland Vietnam zu rächen. Vielleicht, um Adrian Veidts Werk auf perverse Art zu vollenden. Womöglich will sie den kompletten Neuanfang. Der wird Blut fordern, viel Blut.

La-le-lu, nur der Mann im Mond klont zu

Und Ozymandias? Der will noch immer aus seinem idyllischen Gefängnis fliehen und fischt dafür menschliche Föten aus dem See, die er in einer Art Klon-Mikrowelle in Sekundenschnelle zu voll ausgewachsenen Dienern macht. Habe ich bereits erwähnt, dass "Watchmen" absolut durchgeknallt ist? Die Klon-Diener helfen Ozymandias, die Leichen ihrer Vorgänger zu entsorgen. Mit Hilfe eines Katapultes feuern sie die Körper in den Himmel – und die verschwinden verdächtigerweise, sobald sie eine gewisse Distanz erreicht haben. Ist das Anwesen, auf dem Ozymandias gefangen ist, nur ein Hologramm, eine Simulation? Oder – und jetzt hör's Dir erst mal an – ist er auf dem Mond?

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Der alte Mann und das Meer. An Klonen.

Trieu hätte das Geld und die Mittel, eine solche Anlage auf dem Mond zu bauen und ihren "Vorgänger" dort festzuhalten. Es wäre das (vermeintlich) ausbruchssicherste Gefängnis der Welt, Ozymandias hätte dort keinerlei Kontakt zur menschlichen Zivilisation. Und erinnern wir uns an die vorherige Folge: Ozymandias testete eine Art Schutzanzug. Sein geklontes Testobjekt war schockgefroren, als wäre jemand extremer Kälte ausgesetzt gewesen. Jemand, der sich auf dem Mond befindet. Mit einem defekten Schutzanzug. Das letzte Indiz: In einer stilvollen Überblende wird der wolkenverhangene Himmel, in den die toten Klone geschossen werden, zum – Mond. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.

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Und wir dachten, der Plot von "Prison Break" damals sei schon beknackt.

Fazit: Puh.

Die aktuelle Folge verdichtet die Mysterien der Serie und fügt einige neue hinzu. Sie liefert uns Infoschnipsel, wirft aber mehr Fragen auf, als sie beantworten will. Meiner Faszination für "Watchmen" tut das keinen Abbruch. Ich hoffe bloß, dass die Macher wissen, was sie tun, und nicht mit zu vielen Bällen jonglieren. Die "Lost"-Vibes sind in Folge vier stark wie nie. Und mit welchem Desaster diese Serie geendet hat, wissen wir alle.

Surreal, desorientierend und bizarr? Gern, sehr gern sogar. Aber bitte mit Sinn und Verstand. I am watching you, "Watchmen".

Was mir sonst noch aufgefallen ist

  • Der Comedian Edward Blake, Lauries Vater, hat versucht, ihre Mutter zu vergewaltigen. Gerettet wurde sie von Hooded Justice, dessen Geschichte wir in der vergangenen Woche erfahren haben, zumindest in Teilen. Zufall? Ich glaube nicht.
  • Das gebeutelte Vietnam ist in Episode vier ein großes Thema. Der Comedian war in dem asiatischen Land und hat dort unvorstellbare Grausamkeiten verbrochen. Dr. Manhattan hat den Vietnam-Krieg für die USA entschieden. Zufall? Ich glaube nicht.
  • Angelas Ehemann Cal hasst Lügen. Er ist kompromisslos ehrlich, auch seinen Kindern gegenüber. Angela selbst teilt die Welt nach eigenen Aussagen in Schwarz und Weiß ein. Alles wie Rorschach. Zufall? Ich glaube nicht.

TURN ON-Score: 3/5

 

 

 

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