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"Watchmen"-Recap #6: Die alles entscheidende Folge?

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"Watchmen" packt auch in dieser Woche ein paar heiße Eisen an.

Wer ist Hooded Justice? In der sechsten Folge von "Watchmen" erhalten wir endlich die Antwort. Und die hat es in sich: Showrunner Damon Lindelof kratzt am Mythos des Original-Comics. Für viele Kritiker der Serie dürfte das ein Grund sein, endgültig auszusteigen. Hat sich "Watchmen" zum ersten Mal verhoben?

Achtung, Spoiler!
Der folgende Text enthält Spoiler zur sechsten "Watchmen"-Folge. Weiterlesen auf eigene Gefahr!

Ob man sie liebt oder hasst, man kann der "Watchmen"-Serie nicht vorwerfen, dass sie es sich leicht macht. Seit der ersten Folge nimmt sie überdeutlich Bezug auf aktuelle gesellschaftliche Probleme und stellt besonders den institutionellen Rassismus in den Fokus. Wem das schon zu liberal und "woke" war, dürfte in dieser Woche einen Tobsuchtsanfall bekommen haben: Wir erfahren, dass Hooded Justice, der geheimnisvolle Rächer mit der Henkersmütze und erster maskierter Superheld überhaupt, ein schwarzer Polizist war. Und zwar niemand anderes als Will Reeves – Angelas Großvater.

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Will Reeves will Gutes tun – und muss dafür das Gesetz in seine eigenen Hände nehmen.

Eine Überdosis Erinnerungen

In der vergangenen Woche hatte ich befürchtet, dass wir Angela nach dem Runterkippen der gesamten Nostalgia-Pillenpackung als sabberndes Psychowrack wiedersehen. Ganz so schlimm ist es nicht – noch nicht. Aber Laurie drängt die kaum noch ansprechbare Angela zur Unterschrift, damit sie ins Krankenhaus eingeliefert werden kann, bevor die Nostalgia-Tabletten wirken. Aber keine Chance – die Wirkung der synthetisch hergestellten Erinnerungsdroge haut mit voller Wucht rein. Angela durchlebt die Erinnerungen ihres Großvaters Will hautnah, und wir sehen eine der provokantesten, mutigsten und filmisch aufregendsten Folgen der Serie.

Das Bild wird schwarzweiß, zusammen mit Angela treten wir in die Erinnerungen des jungen Will Reeves ein, der in den 1940er-Jahren seinen Dienst als junger Streifenpolizist beginnt. Er sieht sich rassistischen Anfeindungen ausgesetzt und bekommt eine ominöse Warnung von seinem Kollegen Lieutenant Sam Battle. Den hat es übrigens wirklich gegeben, Battle war 1911 der erste schwarze Cop in New York City. "Hüte dich vor dem Zyklopen", raunt er Will in der Serie zu.

Projekt Zyklop, das ist die Gehirnwäsche von schwarzen Mitbürgern mithilfe von Filmprojektoren. Sie sollen sich gegenseitig ausrotten, sodass sich die weißen Rassisten nicht die Finger schmutzig machen müssen. Doch bis Will das erfährt, hat er bereits das Gesetz in die Hand genommen, viel Blut vergossen – und unwissentlich den Grundstein für den gesamten "Watchmen"-Mythos gelegt. Will Reeves wird zu Hooded Justice, dem ersten maskierten Superhelden.

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Es ist ein schmutziger Job, aber einer muss ihn machen.

Die vielen Arten der Vergangenheitsbewältigung

Wie gehen wir mit unserer Vergangenheit um? Lassen wir uns von ihr bestimmen oder versuchen wir, ihr zu entfliehen, sie aus unserem Gedächtnis zu löschen? Diese Frage ist eines der Schlüsselthemen in "Watchmen". Diesmal allerdings hat Angela, voll auf dem schlechten Pillentrip, keine Wahl – und wir damit auch nicht. Was diese Folge aber von üblichen Flashback-Episoden unterscheidet, ist die spektakuläre Inszenierung.

Angela nimmt immer wieder den Platz ihres Großvaters ein, und zwar buchstäblich. Manchmal maskiert ein geschickter Schnitt den genauen Moment, in dem sich die beiden Schauspieler abwechseln und plötzlich Angela dort steht, wo vor einer Sekunde noch der junge Will zu sehen war. Manchmal ist es der simple Trick, schnell ins Bild zu huschen, wenn die Kamera gerade woanders hinguckt. Der Effekt ist derselbe: Zusammen mit Angela haben wir das Gefühl, in Wills schmerzhaften Erinnerungen gefangen zu sein und sie ein zweites Mal aktiv zu durchleben. So wirken Geschehnisse, die weit in der Vergangenheit liegen und den aktuellen Plot vermeintlich kaum voranbringen, trotzdem drängend und spannend.

Wir sind dabei, als Will einen Brandstifter festnimmt, der ein jüdisches Geschäft abfackelt – nur um ihn in der nächsten Szene auf freiem Fuß zu sehen, rotzfrech und völlig unbehelligt. Wir sind dabei, als Wills nur scheinbar nette Kollegen ihr wahres Gesicht zeigen und ihn halbtot prügeln, bevor sie ihn in einem ritualisierten Hinrichtungsakt aufknüpfen. "Nächstes Mal schneiden wir dich nicht los", sagt ihr Wortführer der vor Todesangst zitternden Angela, die soeben das traumatische Erlebnis ihres Großvaters durchlitten hat. Und wir sind dabei, als Will zum ersten Mal seine Henkersmütze zu einem improvisierten Kostüm umfunktioniert und als maskierter Rächer einen Straßenraub verhindert. Hooded Justice, der erste Superheld und im "Watchmen"-Kanon eine mythische Figur, ist endlich enttarnt.

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Erinnerst Du Dich noch an "Lammbock"? "Das ist nicht lustig, Mann, ich bin schwarzweiß!"

Gewalt ist dreckig

Können wir mal kurz über die Prügelszene im Hinterhof reden? Und wie realistisch, dreckig, brutal, kurz: geil die war? Genau so will ich meine Kloppereien, hart und direkt. Keine ausgefeilte Ballett-Choreografie, kein überinszenierter Marvel-CGI-Quatsch, sondern rohe, fast animalische Gewalt. Als der vor Wut zitternde Will auf die Angreifer zu rennt, entlädt sich sein Hass in jedem einzelnen Schlag, wie von Sinnen drischt er auf die Gangster ein. Das sieht nicht schön aus, nicht elegant oder cool. Sondern fies und brutal. Und ist damit ein bewusster Gegenentwurf zum "Watchmen"-Kinofilm von 2009, in dem die Gewalt durch Verfremdungseffekte wie Zeitlupe und Zooms künstlich wirkte, irreal und schmerzfrei.

Will bringt durch seine Transformation zu Hooded Justice eine Entwicklung ins Rollen, die bis in die Jetztzeit der Serie anhält. Seine Frau unterstützt ihn, schminkt ihm die Augenpartie und verkündet: "Gerechtigkeit wird es nur unter dieser Maske geben." Der schmierige Nelson Gardner alias Captain Metropolis rekrutiert Will für die Minutemen und beginnt eine Affäre mit ihm. Somit bekommt Wills Alter Ego Hooded Justice eine zweite wichtige Schutzfunktion: Das Henkerskostüm schützt auch seine Sexualität, die er lediglich im Geheimen ausleben kann. Die Maske als Befreiungsschlag und gleichzeitiges Symbol für Unterdrückung und Selbstverleugnung – ist es da noch verwunderlich, dass fast alle maskierten Charaktere in "Watchmen" eine ernsthafte Macke haben?

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June ist vielleicht tolerant, aber vielleicht nicht SO tolerant.

Die Minutemen waren auch nicht viel besser

Leser des Comics wissen, woran die Minutemen gescheitert sind: an internen Querelen und der Gier nach Aufmerksamkeit und Geld. Und tatsächlich: Der ach so aufrechte Captain Metropolis entpuppt sich als bigotter Aufschneider, dem Publicity wichtiger ist als Gerechtigkeit. Er lässt Will gnadenlos abblitzen, als dieser hinter den Plan der Rassisten kommt – Rassenunruhen seien nun wirklich nichts für die Minutemen. Und überhaupt, Gehirnwäsche durch manipulierte Kinofilme? Das klingt doch reichlich albern, findet Metropolis. Klack. Aufgelegt. Will ist auf sich allein gestellt.

In einem erbarmungslosen Akt der Rache und des Zorns tötet er mehrere Mitglieder des Ku-Klux-Klans, erschießt sie wie Hunde. Will fackelt das Lager ab, in dem der KKK die Filmprojektoren umrüstet. Doch er fühlt weder Stolz noch Rechtschaffenheit, im Gegenteil: Will ist entsetzt, als ihm sein kleiner Sohn nacheifert und sich das Gesicht schminkt wie er. Seine Frau June bescheinigt ihm daraufhin tief sitzende Aggressionen und geht mit dem Jungen zurück nach Tulsa. Will hat seinem Kampf für Gerechtigkeit (oder für das, was er dafür hält) alles geopfert, sogar seine Familie verloren. War es das wert?

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Im Hintergrund unscharf zu erkennen: Silhouette, Mothman und der erste Night Owl.

Und der Mörder ist ...

Zeitsprung zurück in die Gegenwart: Wir sehen, dass der gealterte Will seiner Enkelin tatsächlich die Wahrheit gesagt hat: Er hat Judd Crawford getötet. Nicht mit seinen eigenen Händen, das nicht – aber mit einem der Gehirnwäsche-Projektoren im handlichen Taschenlampen-Format. Das Blinklicht macht Judd willenlos. Er legt sich den Strick um und nimmt sich das Leben. Und, äh, ich habe zu dieser Szene eine kurze Frage:

Hat uns Looking Glass in der zweiten Folge nicht darüber informiert, dass Judd vor seinem Tod brutal misshandelt wurde? Hat das Will posthum inszeniert, oder hat Looking Glass Blödsinn erzählt? Das ist kein irrelevantes Detail. Ich hoffe wirklich, dass die nächste Folge das ein bisschen aufklärt, sonst passt es vorn und hinten nicht zusammen.

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Wieso gerade Judd? Wieso jetzt? So richtig erklärt wird uns der Mord immer noch nicht.

Sister Night hat lange genug geträumt

Letzte Szene: Angela wacht aus ihrem Erinnerungskoma auf – und zwar bei Lady Trieu, deren Firma die Nostalgia-Pillen herstellt. Und wir wissen, dass Trieu mit Will unter einer Decke steckt. Angela kennt jetzt die Wahrheit über ihren Großvater – und wie ich "Watchmen" kenne, wird diese Erkenntnis schwerwiegende Konsequenzen haben.

Ich bewundere den halsbrecherischen Mut der Macher, alles auf eine Karte zu setzen und aus Hooded Justice, dem geistigen Vater der heutigen Watchmen, einen Schwarzen zu machen. Im Comic wird seine Identität nie geklärt. Allerdings gibt es deutliche Hinweise darauf, dass ein deutscher Gewichtheber und Zirkusartist namens Rolf Müller unter der Kutte steckt. Viele Fans haben diese Erklärung als semi-offiziellen Kanon betrachtet – und müssen ihr Verständnis von diesem so einflussreichen Nebencharakter nun grundlegend überdenken.

Funktioniert die dramatische Enthüllung? Für mich schon, zumindest zum größten Teil. Ich habe mich allerdings schon gefragt, ob Will seine Hautfarbe wirklich so gut verbergen konnte, dass niemand hinter sein Geheimnis kam. Ja, ich weiß, er schminkt sich seine Augenpartie weiß, aber ihm ist kein einziges Mal die Kutte verrutscht oder ein Handschuh abhandengekommen? Und ist Will nicht halbwegs prominent, so als schwarzer Polizist, zumindest in seinem Viertel? Wird er deswegen nicht auch von Reporterin June für die Zeitung interviewt? Und niemandem kommt seine Stimme bekannt vor, keiner schöpft Verdacht? Hm.

Angela ist Will – zumindest eine Folge lang.

Was für ein Aggressionsproblem?

In dieser Folge passt einiges nicht zusammen. June wirft Will ein krasses Aggressionsproblem vor – nur sehen wir davon rein gar nix. Im Gegenteil: Im Beisein seiner Familie ist Will ruhig und bedächtig, fast unterkühlt. Nur als Hooded Justice lässt er seinem Zorn freien Lauf, und da ist die liebe June nie dabei. Von welchen Aggressionen redet sie also? Fehlen ein paar Szenen? Oder benötigten die Macher einen bequemen Grund, Will einen weiteren Schicksalsschlag zu verpassen und ihm seine Familie zu entreißen?

Die Gehirnwäsche-Nummer knirscht ebenfalls im Gebälk. Ich akzeptiere, dass in dieser Welt ein außerirdisches Tentakelmonster in New York aufgetaucht ist. Der Comic hat mir ja gezeigt, wie es erschaffen wurde. Es war ein Prozess. Das hypnotische Flackerlicht in dieser Folge kommt dagegen aus dem Nichts. Wir erfahren weder, wie genau es funktioniert, noch sehen wir die Arbeit, die der KKK in diese Superwaffe gesteckt hat. Und nein, da akzeptiere ich auch nicht ein läppisches Handbuch als Erklärung. Gehirnwäsche als dramaturgisches Mittel ist immer so ein bisschen "na ja", in "Watchmen" ist das nicht anders. Die Serie unternimmt nicht genug, mir diesen nicht plausiblen Aspekt des Plots plausibel zu machen. Aber mal sehen, vielleicht wird das Thema in einer der nächsten Folgen noch einmal aufgegriffen.

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"Magenauspumpen zum Schnäppchenpreis! Wenn Sie hier bitte einmal unterschreiben wollen ..."

Fazit: Zwischen Genie und Wahnsinn

Folge 6 von "Watchmen" ist die bislang außergewöhnlichste und künstlerisch mutigste Episode. Sie liefert dringend benötigtes Hintergrundwissen, um das aktuelle Geschehen besser einordnen und bewerten zu können. Außerdem zwingt sie unsere Protagonistin Angela, ihre Wertvorstellungen radikal zu überdenken.

Die sechste Folge verlangt allerdings den Fans des Comics einiges ab: Sie sollen eine extrem unwahrscheinliche Erklärung zur Identität von Hooded Justice schlucken. Würde mich nicht wundern, wenn diese Folge besonders zwiespältig aufgenommen wird. Ein paar Unachtsamkeiten im Skript, die ein bisschen zu beiläufig weggewischt werden, verhindern meine komplette Begeisterung. Vielleicht sind zu viele extrem wichtige Dinge in zu kurzer Zeit passiert, möglicherweise hätten sich die Autoren ein bisschen mehr Zeit für jeden Strang der Story nehmen sollen.

Trotzdem: "Watchmen" hat mehr Mumm als jede andere aktuelle Serie. Sollte das Finale eine einzige Enttäuschung werden und die gesamte Show krachend scheitern – dann hat sie wenigstens keine Angst vor der eigenen Courage gehabt.

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Allerdings werde ich in diesem Fall ähnlich gucken wie Angela.

Was mir sonst noch aufgefallen ist

  • Hooded Justice ist schwarz – und sofort bekommt der Strick um seinen Hals eine völlig neue, politische Bedeutung. Das ist brillant.
  • Sister Night färbt sich genau die Partie um die Augen schwarz, die Will weiß schminkt – solche Spiegelungen gibt's auch im Original-Comic zuhauf.
  • Ich verstehe, dass einstündige Episoden schnell auf den Punkt kommen müssen. Der Rassist Fred ist aber so grob gezeichnet, dass es fast an Parodie grenzt. Schade, dass hier offenbar kein Raum für Zwischentöne war.
  • Als Will/Angela aus dem Fenster springt, friert das Bild ein, und wir sehen tatsächlich eine Bullet-Time-Sequenz! Eine richtige, echte Bullet Time, wie früher, als "Matrix" der ganz heiße Scheiß war! Gute alte Zeit! Denn merke: Eine stinknormale Zeitlupe ist NICHT dasselbe wie Bullet Time! Macht mich wahnsinnig, so etwas.
  • Ozymandias hat diese Woche Pause. Aber ja mei, er hängt halt auf dem Mond rum. Das Treffen zwischen ihm und Dr. Manhattan kommt schon noch.

TURN ON-Score: 4/5

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