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"Watchmen"-Recap #7: Ein wilder Storytwist erscheint!

"Also MIR war das ja von Anfang an klar..." – "JA GENAU, EY!"
"Also MIR war das ja von Anfang an klar..." – "JA GENAU, EY!"

Die Uhr tickt, "Watchmen" rennt seinem Finale entgegen – und liefert in Folge 7 einen krassen Twist, der die gesamte Story auf den Kopf stellen könnte. Die Fallhöhe für die Serie steigt und steigt: Wo zum Teufel wollen die Macher hin?

Achtung, Spoiler!
Der folgende Text enthält Spoiler zur siebten "Watchmen"-Folge. Weiterlesen auf eigene Gefahr!

In der letzten Woche haben wir erfahren, dass Hooded Justice, der erste maskierte Superheld überhaupt im "Watchmen"-Universum, in Wahrheit ein schwarzer Cop war. Das hat vielen, nun ja, "traditionsbewussten" Fans des Original-Comics überhaupt nicht geschmeckt. Die halten die "Watchmen"-Serie aber ohnehin für zu liberal, zu progressiv, zu woke. Und generell für einen Hochverrat am Ausgangsmaterial.

Wie verzerrt und selektiv diese Wahrnehmung ist, will ich an dieser Stelle nicht noch mal aufrollen. Aber ich vermute, dass Kritiker der Serie mit Folge 7 direkt den nächsten wohlfeilen Wutanfall bekommen haben. Denn nach Hooded Justice geht's diesmal einer weiteren absoluten "Watchmen"-Ikone an den blau leuchtenden Kragen: Dr. Manhattan himself.

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Mein Gott, es stimmt: Er war die ganze Zeit unter uns! Da hinten, da isser.

Gott war die ganze Zeit unter uns

Endlich wagt sich die Show auch an die letzte Heilige Kuh und schockiert uns mit einer wahnwitzigen Enthüllung: Manhattan, der allmächtige Supermann, der menschengemachte Gott, ist tatsächlich in Tulsa – und zwar in menschlicher Gestalt. Das könnte den Plot in den verbleibenden zwei Folgen in noch abgedrehtere Bahnen lenken, aber ein schaler Nachgeschmack bleibt. Doch bevor wir über den bislang größten Storytwist der Serie reden, müssen wir noch mal ein paar Blicke zurückwerfen – wie auch Angela Abar alias Sister Night.

Angela wacht im Behandlungszimmer von Lady Trieu auf. Als Herstellerin der Nostalgia-Pillen, von denen sich Angela mal eben einen ganzen Beutel auf einmal reingepfiffen hat, weiß Trieu genau, was zu tun ist: Angela muss entgiften. Allerdings kommt Angelas Verstand mit der Behandlung nicht hinterher, immer wieder überlappen sich ihre realen Erinnerungen mit denen ihres Großvaters. Und nachdem wir letzte Woche schon die Origin-Story von Hooded Justice gesehen haben, ist diesmal seine Enkelin Angela dran: Wir erleben hautnah ein traumatisches Ereignis in ihrer Kindheit, das ihre Persönlichkeit unwiderruflich geprägt hat.

Good Morning, Vietnam

Rückblick auf Saigon in den 80ern: Die USA haben den Vietnamkrieg dank ihrer Superwaffe Dr. Manhattan gewonnen, das asiatische Land als 51. Staat annektiert und feiern nun den "Befreiungstag" mit Popcorn, Zuckerwatte und billigem Dr.-Manhattan-Merchandise. Überall Plastik, Kitsch, unechte Fröhlichkeit und dazu plärrt James Browns "Living in America" aus den Boxen – wie die amerikanischen Besatzer aus diesem beispiellosen Akt der Gnadenlosigkeit eine Show machen, ist an Perfidie kaum zu überbieten. Denn in der "Watchmen"-Welt waren die vietnamesischen Streitkräfte völlig chancenlos gegen den allmächtigen Dr. Manhattan, der Menschen nur mit einem Fingerschnippen atomisieren kann. Und jetzt gerieren sich die Amis als wohltätige Aufpasser und beste Freunde der Vietnamesen. Es ist schaurig.

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Kopfschuss für die Terroristen – Klein-Angela nimmt das eher ungerührt hin.

Ein Selbstmordattentat beendet die falsche Show aber jäh. Die Eltern der kleinen Angela kommen dabei ums Leben. Sie wächst als Waise in Saigon auf und entwickelt ihren Gerechtigkeitssinn, der sie als erwachsene Frau zu Sister Night werden lässt. Tatsächlich erfahren wir, wo die kleine Angela die Inspiration für ihre spätere Aufmachung her hat: Von einem Blaxploitation-Film mit einer gewissen Sister Night in der Hauptrolle und dem fantastischen Untertitel "The nun with the motherf***in' gun".

Und von genau diesem Schundfilmchen ist Angelas Dad wenig begeistert. "Leute, die Masken tragen, sind gefährlich. Wir sollten sie fürchten", schwört er seine Tochter nur Augenblicke vor seinem Tod ein. Sein Misstrauen gegenüber maskierten Superhelden rührt nicht von ungefähr: Er ist der Sohn von Will Reeves alias Hooded Justice und hat aus erster Hand mitbekommen, welchen psychologischen Ballast ein Leben in Verkleidung mit sich bringen kann.

Doch der gewaltsame Tod ihrer Eltern ist der Katalysator, der aus Angela eine maskierte Superheldin macht, die sich über dem Gesetz wähnt. Wie so viele andere Comicfiguren ist sie ein tragisches Geschöpf, geboren aus Trauma und Schmerz. Kein Wunder, dass sie nicht unbedingt eine Spaßgranate geworden ist.

Gotta catch them all!

Aber in der Gegenwart bleibt die Zeit nicht stehen. Lady Trieu ist kurz davor, ihre Jahrtausend-Uhr anzuwerfen. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir nicht genau, welche Auswirkungen das haben wird; Trieu behauptet, dass sie damit die Seventh Kavalry stoppen kann. Die wiederum hat einen wahnwitzigen Plan: Sie will Dr. Manhattan fangen und mutmaßlich seine übermenschlichen Kräfte übernehmen.

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Diese beiden Damen entscheiden eventuell über das Ende der Welt.

Sollte Lady Trieu die Wahrheit sagen, habe ich sie falsch eingeschätzt. Ich hatte ein paar Folgen lang vermutet, dass sie eine apokalyptische Massentötung oder etwas ähnlich Drastisches plant. Und dass sie an mehr als nur einer Front ein falsches Spiel spielt, sehen wir auch in dieser Folge wieder: Sie enthüllt, dass die Mars-Telefone, über die auch schon Laurie ihren seltsamen Witz erzählt hat, überhaupt nicht bis zum Mars reichen, Dr. Manhattan hat die ganzen Nachrichten nie bekommen. Ihre Tochter Bian ist in Wahrheit der Klon ihrer Mutter. Und im Behandlungszimmer liegt ein Elefant. Das Übliche eben.

Laurie: Wenn Coolness uncool ist

Doch meinem Argwohn zum Trotz scheint Trieu tatsächlich die Wahrheit zu sagen, denn Laurie gerät in die Fänge der Kavalry und sieht deren hektische Vorbereitungen mit eigenen Augen. Diese ganze Sequenz im Haus der Crawfords ist wackelig: Der Gag mit der kaputten Falltür funktioniert, der bizarre Plan der Kavalry wurde bereits am Anfang der Serie angedeutet – wir erinnern uns, wie die maskierten Faschisten haufenweise Batterien aus Armbanduhren gepult haben.

Lauries Reaktion auf die Enthüllung von Senator Joe Keen als ultimativer Bösewicht ist mir dagegen zu plump und effektheischend. Sie hat keinen Bock auf lange Monologe und fährt ihm brüsk über den Mund. Das ist so gezwungen cool, dass es genau deswegen total uncool ist. Laurie ist abgebrüht, zynisch und lässt sich von größenwahnsinnigen Hampelmännern nicht so schnell beeindrucken, schon klar.

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Nicht zu sehen, aber definitiv da: eine Falltür.

Aber jetzt gerade will ihr der Drahtzieher eines hochgefährlichen Verbrechersyndikats die genauen Details seines Plans verraten, der das Antlitz der Erde für immer verändern könnte – und zwar absolut nicht zum Guten. Sollte die Kavalry wirklich Manhattans Superkräfte übernehmen können, wäre das das Todesurteil für jeden politischen Gegner, für Liberale und für Menschen mit anderer Hautfarbe. Es wäre wirklich, wirklich gut, jetzt genau zuzuhören.

Die Drehbuchautoren legen Laurie hingegen lieber einen flapsigen Spruch in den Mund, statt sie so zu zeigen, wie wir sie kennen: Ein arrogantes Luder, sicher, aber eben auch eine hervorragende Agentin mit fantastischer Menschenkenntnis und Intuition. Dass sie möglicherweise überlebenswichtige Informationen beiseite wischt zugunsten von einem schalen "You go, girl!"-One-Liner, ist wirklich schade. So etwas hat "Watchmen" eigentlich echt nicht mehr nötig.

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Jane ist nicht wütend, nur enttäuscht, "Watchmen".

Stop! Hammertime

Alles dreht sich also um Dr. Manhattan und welche Rolle er in den verbleibenden zwei Folgen spielen wird. Eine scheint das aber schon ganz genau zu wissen: Angela Abar. Sie rast nach Hause, schnappt sich einen Hammer und haut ihrem völlig verdutzten Boyfriend Cal die Birne zu Matsch. Und aus seinem eingeschlagenen Kopf pult sie das metallische Symbol für Wasserstoff, das Manhattan auf der Stirn trägt. Ein blaues Leuchten räumt den letzten Zweifel aus: Cal ist Dr. Manhattan. Storytwist, mind blown, was zur Hölle geht ab.

Mit dieser Entdeckung tun sich zwar eine Million faszinierender Fragen auf, wie zum Beispiel: Warum? Wie? War das Manhattans Idee oder Angelas? Wie relevant ist es, dass sowohl der erste offizielle Superheld als auch das mächtigste Wesen im gesamten Universum schwarze Männer sind? Mir gefällt der Twist trotzdem nur so halb. Weil er etwas seifenopern-mäßiges hat. Und weil er die ultrakomplexe "Watchmen"-Welt ein bisschen kleiner macht.

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Ich muss aber zugeben, dass die versteckten Hinweise in den vorherigen Folgen ziemlich smart waren.

Muss wirklich jede Figur aus der Serie eine Verbindung zum Kern-Plot haben? Dr. Manhattan konnte nicht irgendwer sein, nein, es musste ausgerechnet der Lebensgefährte der Hauptfigur Angela Abar sein. Das werden mir die Macher sicherlich noch erklären, jetzt gerade wirkt es dennoch ziemlich konstruiert und aufgesetzt. Erinnert mich ein bisschen an "Star Wars", in dem alles, aber auch wirklich alles Wichtige den immer gleichen paar Leuten passiert, die entweder verwandt sind oder sich "von früher" kennen oder beides. Und aus einem Universum endloser Möglichkeiten wird die Lindenstraße.

Von Ferkeln und Fürzen

Ach ja, Ozymandias. Den gibt's ja auch noch, er hängt irgendwo da oben auf dem Jupitermond Europa rum. Und diesmal war's selbst mir beinahe einen Tick zu viel: Die bizarre Gerichtsverhandlung inklusive grunzender Ferkel und einem furzenden Angeklagten wirkt zu diesem Punkt nahezu beliebig, die Skurrilität reiner Selbstzweck, die Wirkung verpufft. Bestimmt werden die Storyfäden um Ozymandias und Dr. Manhattan sehr bald zusammenlaufen und alles ergibt endlich Sinn.

So kurz vor dem Finale degradiert das Drehbuch diesen Nebenplot allerdings zu einer Art besserem Running Gag, dessen Pointe bis zum Bruchpunkt rausgezögert wird. Die Zeit für Fragen und Fragen und noch mehr Fragen ist jetzt echt bald vorbei, wir wollen die Antworten. Und zwar bitte noch vor der unvermeidlichen zweiten Staffel.

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Das war übrigens Jeremy Irons' echte Reaktion, als er im Skript gelesen hat, dass es schon wieder nicht wirklich was für ihn zu tun gibt.

Fazit: Volles Risiko

Die aktuelle Folge für sich genommen zu bewerten, ist extrem schwierig. Ob der Manhattan-Twist wirklich funktioniert und mit dem Ozymandias-Plot ein stimmiges Gesamtbild ergibt, werden wir erst beurteilen können, wenn wir wissen, worauf zum Teufel die Macher eigentlich hinauswollen. Momentan schmeckt alles ein wenig nach schalem Schock.

Bislang hat sich die "Watchmen"-Serie allerdings weitaus cleverer und komplexer gezeigt, als die Hater ihr zugestehen wollen. Ich bin also nach wie vor hoffnungsvoll, dass uns mit dem Staffelende ein atemberaubendes Finale erwartet, das der gesamten Handlung eine neue Bedeutungsebene gibt. Die Fallhöhe ist mittlerweile schwindelerregend. Ich fand lange keine Serie mehr so aufregend.

Ogottogott, nur noch zwei Folgen.

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Im Ernst, jeder Marvel-Suppenkasper kriegt einen eigenen Film und diese beiden da nicht? Das prangere ich an!

Was mir sonst noch aufgefallen ist

  • Looking Glass ist offenbar nicht zur Kavalry übergelaufen, das belegen die zahlreichen Leichen in seinem Keller. Allerdings ist er auch kein klassischer Guter. Mein Tipp: Er wird am Ende die Wildcard sein, der Joker, unberechenbar und damit für beide Seiten gefährlich. Rorschach, anyone?
  • Eine Welt, in der Sheldon Cooper aus "The Big Bang Theory" seine eigene Spin-Off-Serie bekommt und Red Scare und Pirate Jenny nicht, ist krank.
  • Ich bin noch nicht ganz durch mit dem Mord Judd Crawfords durch Will Reeves. Meine Fragen aus der letzten Woche bleiben bestehen: Wieso jetzt? Wieso gerade Judd? Gab es in all den Jahrzehnten wirklich keine schlimmeren Kavalry-Mitglieder?
  • Wer ist Bians Vater? Wetten werden entgegengenommen.
  • Trent Reznor und Atticus Ross covern David Bowies "Life on Mars?" und es ist perfekt. Hatte ich in der ersten Folge noch den manchmal zu plumpen Musikeinsatz bemängelt, ist der Score mittlerweile zweifellos eines der Highlights der Serie.

TURN ON-Score: 4/5

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