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"Watchmen"-Recap #9: So knapp an der Brillanz vorbeigeschrammt

Watchmen-Laurie-Recap
Das große "Watchmen"-Finale – und Laurie kann nur zusehen.

Was für ein aufregender Trip! Mit Folge 9 kommt "Watchmen" zu seinem Ende – mutiger, skurriler und eigensinniger war in diesem Jahr keine andere Serie. Auch wenn das Finale nicht ganz die Punktlandung geworden ist, die ich mir erhofft hatte: Die allermeisten künstlerischen Risiken, die Damon Lindelof und sein Team eingegangen sind, haben sich ausgezahlt. Unser letztes Recap zu Staffel 1.

Achtung, Spoiler!
Der folgende Text enthält Spoiler zur neunten "Watchmen"-Folge. Weiterlesen auf eigene Gefahr!

Viel Plot, wenig Zeit

Da kriegen wir sie endlich, die Antworten, auf die wir so lange gewartet haben. Das Puzzle ist zusammengesetzt. Die meisten Teile passen problemlos ineinander, andere werden schon ein bisschen zusammengequetscht, damit sich ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Und dieses ist vielleicht auch nicht ganz so atemberaubend innovativ, wie uns die Serie hat glauben lassen.

"Watchmen" hat jede Menge Fässer aufgemacht. Rassismus, Polizeigewalt, Traumata, Schuld und die Frage: Wer sind wir wirklich, wenn wir unsere Maske abnehmen? Das alles erschöpfend zu behandeln und gleichzeitig den konkreten Plot zu einem befriedigenden Ende zu bringen, ist eine Herkulesaufgabe, die "Watchmen" nicht komplett erfüllt. Obwohl die neunte und letzte Folge die bislang längste der Serie ist, fühlt sich die Handlung ein wenig überstürzt an. Szenen haben kaum Zeit zu atmen, sorgsam geknüpfte Storystränge werden unzeremoniell einfach gekappt. Und am Ende steht die zu erwartende ambivalente letzte Einstellung, die schon mal vorsichtig zu Staffel 2 flankt.

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Sollte wirklich Staffel 2 kommen, wird einer von diesen beiden nicht mehr dabei sein. Wahrscheinlich.

Eine schrecklich größenwahnsinnige Familie

Wir bekommen die Bestätigung, dass Lady Trieus Vater tatsächlich Adrian Veidt ist, mit dessen Spermaprobe sich Trieus Mutter in den 80ern selbst befruchtet hat. Rund 20 Jahre später steht die erwachsene Trieu vor ihrem Papa und pumpt ihn um Geld an. Geschmeidige 42 Milliarden Dollar will sie mal eben haben, um den fehlgeschlagenen Plan ihres Vaters endlich Realität werden zu lassen – den Weltfrieden. Typisch, sich erst Jahrzehnte lang nicht zu melden, kein Anruf, nicht mal 'ne SMS, nix, und dann um Kohle zu betteln – Adrian weist sie brüsk ab. Überhaupt, "Tochter". Er wird sie nie so nennen, faucht er.

Aber das tut er eben doch, mit den gefrorenen Leichen, mit denen er auf dem Jupitermond Europa den Schriftzug "HELP ME DAUGHTER" bildet. Davon ist Trieu so gerührt, dass sie ihren alten Herren mit einer Raumkapsel nach Hause holt, und jetzt wissen wir auch, was damals auf den Acker des Ehepaars gekracht ist, dessen Grundstück Trieu sich ergaunert hat.

Wenn man sonst nix zu tun hat

Der gesamte Subplot von Adrian Veidt auf Europa war also nichts weiter als eine grotesk versponnene Art, Zeit totzuschlagen. Die Bewunderung durch seine geklonten Diener Phillips und Crookshanks sorgt schon bald für rasende Langeweile, denn immer nur angebetet zu werden, ist auch öde. Um sich geistig fit zu halten und dem langweiligen Leben auf Europa einen gewissen Pfiff zu verleihen, hat Veidt den Game Warden ersonnen – einen Gegenspieler, der Adrian den Fluchtversuch etwas erschweren soll.

Bei mir hat die Enthüllung seiner Identität nicht mehr als ein Schulterzucken verursacht, weil sie weder wahnsinnig clever noch wirklich bedeutsam ist. Jeremy Irons als Adrian Veidt alias Ozymandias hatte sichtlich Spaß an dieser verschrobenen Rolle und bekommt in Folge 9 endlich mal etwas zu tun, aber rückblickend bleibt doch eine gewisse Ernüchterung. Die Skurrilität des Veidt-Storystrangs ist oft reiner Selbstzweck gewesen, als Zuschauer wurden wir zu lange im Dunkeln gelassen, was das alles eigentlich sollte – nur um Veidt am Ende sowieso wieder zurück auf die Erde zu holen, weil der Plot ihn dort eben braucht. Vertane Chance.

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Das Gesicht eines Mannes, der realisiert, dass er die letzten Jahre sinnlos verdödelt hat.

Die Gute ist die Böse ist die Gute

So konzentriert sich alles auf Lady Trieu und ihren nie ganz ausformulierten Plan, was genau sie mit den göttlichen Kräften anstellen will, die sie vom gefangenen Manhattan absorbiert. Sie will das Erbe ihres Vaters antreten und die Welt sicherer machen, schon klar – aber wie genau? Mit welchen Mitteln? Hier hätte sich die Show mehr Zeit nehmen sollen, uns Trieus Motivation, ihre innersten Überzeugungen, zu zeigen und zu erklären. Stattdessen wird sie am Ende als Narzisstin mit Gottkomplex gezeichnet, die es in jedem Fall zu stoppen gilt.

Und ja, Ozymandias selbst sagt, dass niemand die Macht eines Gottes haben sollte, und mit dieser Hybris kennt er sich ja bestens aus. Trotzdem: Trieus Wesenskern ist zu unklar, ihre Motivation zu schwammig, um uns in dieselbe Gewissenskrise zu stürzen wie dereinst ihren Vater, der Millionen opferte, um Milliarden zu retten. Dessen Beweggründe folgten einer perversen Logik. Wir hatten vielleicht kein Verständnis für seine Taten, aber wir konnten sie wenigstens nachvollziehen. Trieus Handeln dagegen bleibt zu vage, um uns intellektuell herauszufordern.

Auch schade, dass die Seventh Kavalry und ihr schmieriger Anführer Joe Keene am Ende zu ziemlichen Trotteln degradiert werden, deren Chef gern große Bösewicht-Monologe hält, aber grundlegende Sicherheitsvorkehrungen missachtet und sich in eine große Pfütze Glibber verwandelt. Die maskierten Faschisten schaffen es also, einen leibhaftigen Gott zu fangen, um seine Fähigkeiten zu übernehmen – und vertrauen darauf, dass das alles schon so klappt? Keiner hat das mal durchgerechnet, keiner kommt auf die Idee, Manhattans unermessliche Kraft irgendwie zu filtern, bevor man sie anzapft? Hm. Die Kavalry war vielleicht brutal rücksichtslos in ihrem Machtstreben, aber nicht dumm. Bis jetzt. Rassismus = niedriger IQ, das stimmt natürlich, aber als Plot-Element in einer bis dahin unverschämt cleveren Serie ist mir das dann doch ein bisschen zu ... na ja, doof.

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Sie mag größenwahnsinnig sein, aber sie hat einen fantastischen Hut-Geschmack.

Es hagelt Tintenfische

So kommt es zum großen Showdown: Trieu atomisiert die gesamte Seventh Kavalry, bevor sie selbst von der herabstürzenden Schwebekugel erschlagen wird – mit besten Grüßen von ihrem Vater, der ein Bombardement aus gefrorenen Tintenfischen niedergehen lässt. Und Manhattan stirbt tatsächlich, zumindest scheint es so. Er will in seinen letzten Momenten nicht allein sein, sagt er seiner großen Liebe Angela. Ich kaufe das der Serie immer noch nicht ab, Manhattans wiederentdeckte Sentimentalität und Menschlichkeit. Hier wurde eindeutig ein Charakter umgeschrieben, um Emotionalität zu erzeugen, wo es eigentlich keine hätte geben dürfen. Und noch was: Ich finde den Look von Manhattan in dieser Serie sehr ... unvorteilhaft. Sieht einfach nicht geil aus.

Noch mal schnell zu Zack Synders Kinofilm von 2009 geschaut, wie Dr. Manhattan da inszeniert war – das unnatürliche blaue Leuchten und seine weißen, pupillenlosen Augen unterstrichen nur die Andersartigkeit, das Unweltliche von Manhattan. Perfekt. In der Serie aber sieht er aus wie ein blau angemalter Typ. Die menschlichen Augen inklusive überbetonter Augenbrauen, es passt einfach nicht. Ich weiß, das ist ein extrem subjektiver Punkt und letztendlich auch ziemlich nebensächlich, aber so etwas wie spirituelle Demut vor diesem Gott habe ich in der Serie nie verspürt.

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Zack Snyders Manhattan.

Fragen über Fragen ... oder?

"Watchmen" endet mit zwei großen Fragen. Die erste: Werden Laurie und Looking Glass es durchziehen und Adrian Veidt der Gerichtsbarkeit übergeben? Das spiegelt natürlich schön das Ende im Original-"Watchmen", bei dem es offenbleibt, ob Veidts millionenfacher Massenmord publik wird oder der Weltfrieden bewahrt bleibt. Warum überzeugt mich auch dieser Abschluss nicht? Weil Laurie und Looking Glass nur noch Nebenfiguren sind, die das Geschehen aus der zweiten Reihe verfolgen. Wie schade.

Wir haben Laurie als extrem selbstbewusste, selbstbestimmte und selbstsichere Person erlebt, sie war die treibende Kraft in der Mitte der Serie. Im Finale ist sie hingegen zur Passivität verdammt. Sie wechselt keinen einzigen Satz mit Manhattan, der, und das wollen wir nicht vergessen, mal ihr Lover war und ihr erst die Wahrheit über ihren Vater enthüllt hat, und zwar auf dem gottverdammten Mars.

Und dann ist da Looking Glass, dessen traumatische Hintergrundgeschichte ein Füllhorn von interessanten Möglichkeiten für die Drehbuchschreiber bot. Wir sehen aber nie, wie er den Schock verarbeitet, sein ganzes Leben lang einer monumentalen Lüge aufgesessen gewesen zu sein. Dafür haut er Ozymandias eins über die Birne, als der mal wieder zu einer großen Rede ansetzt. Ein gelungener Lacher, aber trotzdem, auch da wäre mehr drin gewesen. Vielleicht hätte die Serie mindestens eine Folge mehr vertragen können.

Die alles entscheidende Frage ist aber natürlich, ob Angela Dr. Manhattans Kraft absorbiert hat und nun der nächste Übermensch ist. Wobei: Eigentlich ist das gar keine Frage. Klar hat sie das. Die Macher haben so viele Hinweise eingebaut (und verweisen auf diese Hinweise sogar noch explizit in Flashbacks), dass die Ambivalenz am Ende nur Behauptung ist. Die wirkliche Frage ist, was Angela mit ihrer neuen Rolle als Göttin anfangen wird. Mutmaßlich die Welt retten. Wahrscheinlich in Staffel 2. Cut to black. Ende.

Nicht perfekt. Aber großartig.

Das klingt bestimmt alles überkritisch und pedantisch. Stimmt, bin ich auch. Weil "Watchmen" die Latte so hochgelegt hat, dass ich auch und gerade das Finale an diesem Niveau messe. Und meine Hoffnung, dass "Watchmen" am Ende größer ist als die Summe seiner Teile, hat sich nicht ganz erfüllt. In der letzten Folge sind emotionale Höhepunkte wichtiger als ein wirklich wasserdichtes Skript, was ein bisschen die Integrität der Serie untergräbt. Details greifen knirschend ineinander, die ebenso gut für sich allein hätten stehen können. Und nicht jeder Storybogen wirkt zu Ende gedacht.

Aber trotzdem: "Watchmen" ist mein persönliches TV-Highlight 2019. Wenn diese Serie etwas hatte, dann waren das todesmutige Ambitionen und Eier aus Stahl. Den Meilenstein der Kunstform Comic zu dekonstruieren, weiterzudenken und daraus ein Remix in Serienform zu machen, der topaktuelle politische und gesellschaftliche Fragen aufgreift und dabei radikal eigensinnig ist – das muss ihr erstmal jemand nachmachen. Diese Serie hätte nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit krachend scheitern müssen. Auch wenn sie ihr Versprechen der Brillanz am Ende nicht ganz einlöst, bin ich doch tief beeindruckt und begeistert, wie risikofreudig und aufregend und unberechenbar eine Comicserie sein kann.

Und das ist mir tausendmal mehr wert als die x-te True-Crime-Serie.

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Ohne Worte.

Was mir sonst noch aufgefallen ist:

  • Jede Figur nimmt ihre Maske ab, ganz wörtlich. Selbst Red Scare zeigt sein Gesicht.
  • Zu Beginn der Serie sehen wir den kleinen Will im Kino, während auf der Straße die Hölle losbricht – und am Ende wieder. Symmetrie und Spiegelbilder waren schon immer ein großer Teil von "Watchmen".
  • Joe Keenan trägt den auffällig geschnittenen schwarzen Slip aus dem Comic und hält es für "Overkill", wenn er als mächtigstes Wesen des Universums auch noch sein Ding frei herumschwingen lässt. Netter Seitenhieb für Experten.
  • Ozymandias ist vielleicht der klügste Mann der Welt, aber seine Passwörter sind unter aller Sau. Zweimal "Rameses II"? Wirklich? ZWEIMAL?
  • Wenn sich Angela in Staffel 2 nicht "Sista Manhattan" nennt, bin ich ernsthaft sauer.
  • Und was wollen wir wetten, dass ihr Sohn Topher noch eine wichtige Rolle spielt und Geschmack am Vigilantentum bekommt?

TURN ON-Score: 4/5

 

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