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"Watchmen"-Review #1: Was zur Hölle habe ich da gesehen ...?

Unbequem, mutig und verstörend: "Watchmen" wird für Diskussionen sorgen.
Unbequem, mutig und verstörend: "Watchmen" wird für Diskussionen sorgen.

Eine alternative Realität, in der es wirklich Superhelden gibt. Faschisten in Polizei-Uniform. Vom Himmel regnet es außerirdische Tintenfische. Ein Mann mit Panda-Maske. Schon nach der ersten Folge "Watchmen" steht fest: So etwas hast Du garantiert noch nicht gesehen. Unser Review zur vielleicht provokantesten und mutigsten Serie der vergangenen Jahre.

Achtung, Spoiler!
Der folgende Text enthält dicke Spoiler zur ersten "Watchmen"-Folge und zum "Watchmen"-Comic. Weiterlesen auf eigene Gefahr!

Puh, wo fangen wir an? Vielleicht bei den Grundlagen. Um das absolut bizarre Geschehen der "Watchmen"-Serie zu verstehen, muss man unbedingt den zugrunde liegenden Comic von 1986 kennen oder zumindest Zack Snyders Kinofilm von 2009. Dieses YouTube-Video ist ein ganz guter Crashkurs. In der absoluten Kurz-und-knapp-Fassung (und hier jetzt die allerletzte Spoiler-Warnung): In einem alternativen Amerika gibt es Superhelden, die das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Einer von ihnen, Ozymandias alias Adrian Veidt, bringt mittels einer außerirdischen Riesenkrake mehrere Millionen Menschen um, um einen atomaren Krieg zwischen den USA und Russland zu verhindern. Alles klar?

Nun also "Watchmen" als Serie. Ein eigentlich unmögliches Unterfangen, denn nicht nur unter Hardcore-Comic-Nerds gilt "Watchmen" als unantastbares Heiligtum. Aber "Lost"-Schöpfer Damon Lindelof und die hauptverantwortliche Regisseurin Nicole Kassell sind das halsbrecherische Wagnis eingegangen. Und was soll ich sagen: Nach der ersten Folge ist meine Skepsis wie weggeblasen und tiefer Faszination gewichen. "Watchmen" ist provokant, mutig, unbequem, bizarr – kurz: die vielleicht ungewöhnlichste Serie der vergangenen Jahre.

Das dreckige Gesicht des Faschismus

Wie schon in der Vorlage scheut sich auch die Serie nicht davor, heiße Eisen anzufassen und political correctness auf links zu drehen. In der "Watchmen"-Welt gibt es die "Seventh Kavalry": militante Rassisten, die ihrem vermeintlichen Vordenker Rorschach huldigen und dessen moralischen Absolutheitsanspruch völlig pervertiert haben. Einer dieser Faschisten tötet einen schwarzen Cop. Und damit beginnt das Blutvergießen.

Watchmen-polizisten fullscreen
Militant, faschistisch, brutal – und das sind bei "Watchmen" die Guten!

Denn die Cops in der "Watchmen"-Welt sind genauso militant wie die Neonazis. Sie verhüllen ihre Gesichter, sie treffen sich nachts zu geheimen Versammlungen, in denen sie das Gesetz in ihre eigenen Hände nehmen und sich über die herrschende Rechtsordnung stellen. Entführung, Folter und sogar Mord, das sind alles adäquate Mittel, um für Gerechtigkeit zu sorgen, denn sonst tut's ja keiner – so die perverse Rechtfertigung der vermeintlich "Guten". Doch in dieser Serie ist Gut von Böse kaum zu unterscheiden. Der Zweck heiligt die Mittel? Fanatismus, brutalste Intoleranz und Gewalt machen jede Hoffnung auf eine friedliche Lösung des Konflikts von Anfang an zunichte – und zwar von beiden Seiten.

Watchmen - S1 fullscreen
Verhörspezialist Looking Glass (mit silberner Maske) wirkt schon jetzt psychisch instabil.

Es gehört schon viel Mut dazu, die selbst ernannten Streiter für Freiheit und Gerechtigkeit als gewaltbereite Faschisten zu zeichnen. "Watchmen" kritisiert die heutige Kultur der political correctness und der social justice warriors und denkt sie konsequent zu Ende. Wenn es nur noch darum geht, den Gegner mundtot zu machen und in einem sehr realen Sinn zu vernichten, verlieren Begriffe wie "gut" und "böse" jede Bedeutung.

Und dann regnet's Alien-Tintenfische

Faschismus, Rassismus, moralisch legitimierte Selbstjustiz – "Watchmen" ist eine sehr verkopfte Serie, die die Verunsicherung und die Unruhe unserer Zeit zum Thema hat. Bis ins Extreme zugespitzt, natürlich, aber schwindelerregend aktuell und pointiert. Sie belohnt genaues Hinsehen. Und zwar vor allen für Fans und Kenner der Comic-Vorlage.

Watchmen - S1 fullscreen
Sister Night ist wie Michonne aus "The Walking Dead", wenn Michonne noch irgendwie interessant wäre.

Hier regnet es immer wieder außerirdische Tintenfische vom Himmel, was die schwarze Polizistin Angela Abar alias Sister Night (Regina King) mit stoischem Gleichmut hinnimmt und die schleimigen Viecher einfach von der Windschutzscheibe kratzt – eine klare Anspielung auf das Comic-Ende. Im Fernsehen läuft eine Serie namens "American Hero Story", die die Abenteuer der damaligen Original-Watchmen zum Thema hat – und die erst mal mit einer Triggerwarnung beginnt. In einem kurzen News-Schnipsel sehen wir Manhattan wieder auf dem Mars.

Und irgendwo auf einem protzigen Landsitz residiert ein älterer Herr (Jeremy Irons), der mit seinen zwei verschrobenen Dienern ein bizarres Geburtstagsritual begeht. Bei dem handelt es sich eindeutig um Adrian Veidt, der als Ozymandias Millionen von Menschen opferte, um Milliarden zu retten. Ich habe noch keine Ahnung, welche Rolle er im Plot spielen wird.

Watchmen fullscreen
Adrian Veidt: Der größte Massenmörder der menschlichen Spezies. Und gleichzeitig ihr Retter?

Nur der Soundtrack ist so plump

Diese ganzen Verweise und Easter Eggs zu finden, macht einen großen Teil des Sehvergnügens aus. Damon Lindelof ist seit jeher glühender Fan des Comics und diese Liebe zum Detail merkt man in fast jeder Einstellung. Ich wünschte nur, die Macher wären mit dem Soundtrack auch so filigran umgegangen.

Die pumpenden Electro- und Hip-Hop-Tracks werden manchmal so aufdringlich eingespielt, dass es mich ziemlich aus der hypnotischen Atmosphäre gerissen hat. Erinnerst Du Dich noch an den legendären Anfang des Kinofilms, mit dem Track "The Times They Are A Changin'" von Bob Dylan?

Full Disclosure: Ich halte dieses Intro für ein absolutes Meisterwerk der Filmkunst, das es verdient, mit den Klassikern des Mediums in einem Atemzug genannt zu werden. Ich hab jetzt schon wieder Gänsehaut. Egal, mein Punkt ist: So genial verweben sich Bild und Sound in der Serie nie. Der Soundtrack wirkt eher, als sollte er Klicks auf Spotify generieren, weil "cool". Die einzige echte Enttäuschung am 2019er-"Watchmen".

Fazit: Eine Serie wie keine andere

"Watchmen" hat mich begeistert, fasziniert, ratlos und angefixt zurückgelassen wie schon lange keine Serie mehr. Vielleicht wird das alles hier auch ganz großer Blödsinn – immerhin hat Damon Lindelof schon "Lost" verbrochen. Und das werde ich ihm niemals verzeihen. Aber diesmal fühlt es sich anders an. Das konstruierte Serienuniversum wirkt jetzt schon so eigenständig und verschachtelt, dass es künstlerischer Selbstmord wäre, uns Zuschauern am Ende irgendeinen zusammengeschriebenen Science-Fiction-Blödsinn vor die Füße zu knallen.

watchmen serie hbo fullscreen
Rorschach hätte diese Pfeifen so verdroschen, dass sie nicht mehr wissen, wo oben und unten ist.

Zumal "Watchmen" von 1986 ein stilbildendes Werk ist, dem man sich nur mit allerhöchstem Respekt nähern kann. Was aber nicht bedeutet, dass man es nicht kritisieren oder seine Ideen nicht hinterfragen darf. Ist die "Watchmen"-Serie eine Dekonstruktion des "Watchmen"-Comics, der wiederum das Medium Comic dekonstruiert hat? Ich finde diese Vorstellung elektrisierend.

Ich kann die zweite Folge kaum erwarten. Vielleicht passiert hier gerade was Großes. Who watches the watchmen?

I do.

TURN ON-Wertung: 4,5/5

Ausstrahlung
"Watchmen" läuft seit dem 4. November jeden Montag um 20:15 Uhr auf Sky Atlantic HD. Anschließend stehen die Folgen auf Sky Ticket sowie On Demand zum Abruf bereit.

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