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"Watchmen"-Review #2: Klone, Nazis und die Geister der Vergangenheit

Das gritty Reboot von "Sister Act" gefällt mir richtig gut!

Die Gewalt eskaliert weiter: In der zweiten "Watchmen"-Folge verbeißen sich Polizei und Faschisten in einem blutigen Privatkrieg. Selbst die vermeintlich Guten haben sprichwörtliche Leichen im Keller. Und ein älterer Herr verbrennt Klone. Unser Recap zu Folge zwei der wohl aufregendsten Serie, die es derzeit gibt.

Achtung, Spoiler!
Der folgende Text enthält Spoiler zur zweiten "Watchmen"-Folge. Weiterlesen auf eigene Gefahr!

Die erste Folge eröffnete die "Watchmen"-Serie mit einem Paukenschlag. Folge zwei nimmt ein bisschen das Tempo raus, zieht uns dafür immer tiefer in die bizarre "Watchmen"-Welt. In der sind Faschisten von der Polizei kaum zu unterscheiden, und Kinder spielen mit schwebenden Bauklötzen. Wir erfahren mehr über die Ereignisse, die die Gesellschaft unversöhnlich gespalten haben. Blutvergießen scheint unausweichlich. Kündigt sich eine zweite Apokalypse an?

Wer wacht über den Wächter?

"Watchmen" spielt mit geradezu diabolischer Freude groteske "Was wäre, wenn ..."-Szenarien durch, die alles auf den Kopf stellen, was wir über die menschliche Geschichte zu wissen glauben. In der Welt von "Watchmen" regnen im Ersten Weltkrieg deutsche Propagandazettel auf afroamerikanische Soldaten herunter. Warum kämpft ihr für ein Land, das euch unterdrückt und in dem ihr Menschen zweiter Klasse seid, fragt das Pamphlet. Wechselt die Seiten und kommt ins schöne Deutschland, wo alles total dufte ist!

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"Dufte" ist in der düsteren "Watchmen"-Welt wirklich nicht viel.

Ein schwarzer Soldat bewahrt einen dieser Zettel auf, kritzelt "Watch Over This Boy" darauf und gibt ihn an seinen Sohn weiter. Zeitsprung in die Jetztzeit: Der kleine Sohn ist nun der 105-jährige Will und behauptet gegenüber Sister Night, ihren Freund und väterlichen Mentor Judd erhängt zu haben. Eigenhändig. Obwohl er im Rollstuhl sitzt.

Sister Night und wir als Zuschauer haben denselben Gedanken, nämlich: Willst Du mich verschaukeln? Nie im Leben hätte es der gebrechliche Alte geschafft, einen ausgewachsenen Mann zu überwältigen und ihn an einem meterhohen Ast aufzuknüpfen. Doch Will besteht darauf: Er ist der Mörder. Mehr noch: Er deutet an, Dr. Manhattan zu sein, der sich als Mensch ausgibt. "Das kann Manhattan nicht", schießt Sister Night zurück. Will lächelt nur.

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Überflüssig zu erwähnen, dass die tickende Eieruhr sicherlich nicht ganz zufällig da steht.

Macht keinen Quatsch mit Dr. Manhattan!

Für mich ist diese Sequenz eine Schlüsselszene der "Watchmen"-Serie. Dr. Manhattan, das ehemals menschliche Überwesen, hat in dieser Folge eine stets fühlbare Präsenz, auch wenn wir ihn immer noch nicht richtig zu Gesicht bekommen. Er ist neben Rorschach der ikonischste Charakter im "Watchmen"-Universum. Mit ihm müssen Drehbuchautor Damon Lindelof und Regisseurin Nicole Kassell extrem vorsichtig umgehen, um seinen Mythos nicht nachhaltig zu beschädigen.

Sollte Manhattan auf einmal wirklich die Identität von normalen Menschen annehmen können, wäre das eine fundamental neue Information über diesen Charakter. Und es würde eine Million Fragen nach sich ziehen: Seit wann? Warum? Wie? Wieso sollte es ihn interessieren, was die Menschheit treibt? Warum ist er plötzlich vom Mars zurückgekehrt? Wieso tarnt er sich ausgerechnet als Will? Kurz: what the fuck?

Das kann nicht sein, ausgeschlossen. Will treibt hier nur perfide Psychospielchen mit Sister Night, um sie zu verwirren und emotional angreifbar zu machen. Einerseits. Andererseits wird Manhattans vermeintliche Mimikry-Fähigkeit in dieser Folge noch ein zweites Mal explizit angesprochen. Das ist so überdeutlich, dass es sich nur um Foreshadowing handeln kann. Oder? Weil Chef-Schreiber Damon Lindelof wieder voll im "Lost"-Modus ist und seine Figuren nur in kryptischen Rätseln sprechen lässt, statt verdammt nochmal 'ne klare Ansage zu machen, können wir nur über Sinn und Unsinn dieser Szene spekulieren. Ich hoffe auf das Beste, aber rechne mit dem Schlimmsten.

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Irgendwas an dieser Tintenfisch-Sache ist faul, aber dazu kommen wir ganz am Ende des Reviews.

Und dann kam ein riesiger Magnet vom Himmel

Das Schlimmste hat auch Sister Night alias Angela Abar erfahren. Einer Andeutung von Will folgend, entdeckt sie im Zimmer ihres gelynchten Bosses Judd eine Uniform des Ku-Klux-Klans – steckte der Polizeichef etwa mit den Faschisten unter einer Decke? Ihre Loyalität zu Judd nimmt posthum ernsthaft Schaden. Allerdings scheint diese schockierende Enthüllung doch ein bisschen zu plump und offensichtlich. Angela wirft Will zu Recht vor, die ganze Sache fingiert zu haben.

Ob Will die Wahrheit spricht oder nur ein psychologisch geschulter Strippenzieher ist, der Angela manipuliert, erfahren wir in dieser Folge nicht: Ein Fluggerät nimmt Will mittels eines riesigen Magneten einfach mit – schwupp, weg ist er. Das ist alles so wunderbar abgedreht, dass wir darüber fast vergessen, dass sich Will als Großvater von Angela entpuppt. Fast.

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Steht Sister Night auf der richtigen Seite? Gibt es die richtige Seite überhaupt?

Die Spirale der Gewalt

Das prickelnde Gefühl der Desorientierung, das ich beim Ansehen von "Watchmen" habe, spiegelt Angela Abar perfekt wider. Sie weiß, dass die Erstürmung eines vermuteten Nazi-Trailerparks durch ihre Polizeikollegen himmelschreiendes Unrecht ist – der vermeintliche White Trash, der dort haust, sympathisiert vielleicht mit der Seventh Kavalry. Aber nie im Leben ist jeder einzelne Mann, jede Frau und jedes Kind dort ein heimlicher Mitverschwörer. Die Polizeigewalt wird neue Gewalt provozieren, das weiß Angela. Aber sie ist zu verletzt und zu wütend, um dem Irrsinn Einhalt zu gebieten. Und als ihr Kollege Looking Glass angegriffen wird, prügelt sie den Aggressor in rasender Wut halb ins Koma. Angela alias Sister Night ist ein Geschöpf, das aus Gewalt geboren wurde.

Und zwar aus der Gewalt der sogenannten White Night, in der die maskierten Faschisten in nur einer Nacht nahezu die gesamte Polizeitruppe ausgelöscht haben. Erstmals erleben wir die Blutnacht aus Sicht von Angela, deren trautes Heim plötzlich zum Schauplatz eines feigen Anschlags wird. Innerhalb von Sekundenbruchteilen schaltet Angela vom romantischen Kuschelmodus in den Überlebenskampf.

Eine schlanke junge Frau von vielleicht 50 Kilogramm Körpergewicht prügelt massige Schläger durch den Raum: Was in schwächeren Serien wie "Batwoman" haarsträubend unglaubwürdig und lächerlich wirkt, funktioniert bei "Watchmen". Angela Abar ist zäh, tough und reaktionsschnell. Jungs, gestehen wir uns ein: Wenn's hart auf hart käme, würde Sister Night mit uns den Boden aufwischen. Anders als die zarte Ruby Rose alias "Batwoman".

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Weihnachten, das Fest der Liebe? Wohl eher "Das Fest der Hiebe", was? HAHAHAHAHA!

Jeremy Irons ist Hugh Jackman?

Was treibt Jeremy Irons derweil? Der lässt sich von seinen etwas beschränkten Bediensteten ein bizarres Theaterstück vorführen, das die Geburtsstunde von Dr. Manhattan zeigt. Damit gibt es zum einen keinen Zweifel mehr, dass es sich wirklich um Adrian Veidt alias Ozymandias handelt, den Schlächter und Retter der Menschheit. Und zum anderen erfahren wir, dass der seine Diener offenbar ganz nach Belieben klonen kann. Eines dieser Duplikate geht schreiend in Flammen auf, ein anderer Klon nimmt einfach seinen Platz ein: Das erinnert mich extrem an den Science-Fiction-Mysterythriller "The Prestige" von Christopher Nolan, in dem Hugh Jackman als Magier eine ganz ähnliche Nummer abzieht (Spoileralarm übrigens für einen 13 Jahre alten Film).

Ist Adrian Veidt auf seinem Landsitz ein exzentrischer Alleinherrscher oder ein Gefangener? Inwieweit wird das Klonen noch wichtig? Ist Adrian Veidt gar selber ein Klon? Und wann wird er wieder auf Manhattan treffen? Wir wissen das alles nicht, aber es zieht sich ganz langsam eine Schlinge zu. "Nothing ever ends". Es klingt wie eine Drohung.

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Der Schimmel, die ausgequetschte Tomate: Psychoanalytiker könnten hier stundenlange Symbol-Analyse betreiben.

Fazit: Ein Puzzle setzt sich langsam zusammen

Folge zwei ist vielleicht nicht ganz so stark wie der bombastische Auftakt vergangene Woche, aber ich bin immer noch absolut gebannt von "Watchmen". Ich fühle mich herausgefordert und sauge jedes Detail aus dieser bizarren Parallelwelt begierig auf. Diese Serie macht es dem Zuschauer nicht leicht – dafür verdient sie mindestens Respekt. Wenn "Watchmen" so weitergeht, endet das Jahr für mich mit einem Serien-Highlight.

Was mir sonst noch aufgefallen ist:

  • Seltsam, dass sich die Wissenschaftler nicht erklären können, warum immer wieder Tintenfische vom Himmel fallen. Ich verstehe das als klaren Verweis auf das Ende des Comics. Ist hier etwa eine Vertuschung titanischen Ausmaßes im Gange?
  • Looking Glass setzt nicht mal zu Hause beim Essen seine Maske ab. Das spiegelt eine kleine Szene im Original-"Watchmen" (Stichwort: kalte Bohnen) und zeigt zudem, dass er offenbar eine noch größere Macke hat als sein Vorbild Rorschach.
  • Wir erfahren ein wenig über den ersten maskierten Superhelden Hooded Justice, über dessen Identität immer gerätselt wurde. Inwieweit ist er für den aktuellen Plot noch wichtig? Hooded Justice war/ist homosexuell – wie Adrian Veidt. Zufall? Vielleicht. Vielleicht nicht.
  • Die drei Kinder im Wohnzimmer sind verkleidet als Eule, Pirat und Geist. Im Comic gibt es ein nahezu identisches Panel, das Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft der "Watchmen"-Welt symbolisiert. Ich liebe solche Easter Eggs.
  • Der Soundtrack von Trent Reznor und Atticus Ross!
  • Der Zeitschriftenverkäufer Seymour wird gespielt von Robert Wisdom, der als Bunny Colvin in der HBO-Serie "The Wire" bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Die Szene am Kiosk ist wiederum eine klare Referenz an "Tales from the Black Freighter", den Comic im Comic in "Watchmen", in dem ... okay, ich höre ja schon auf.

TURN ON-Score: 4/5

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