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"Wir"-Kritik: Der neue Geniestreich von "Get Out"-Macher Jordan Peele?

Mit dieser Familie sollte man sich besser nicht anlegen ...
Mit dieser Familie sollte man sich besser nicht anlegen ...

Nach seinem Überraschungshit "Get Out" meldet sich Jordan Peele nun mit seiner zweiten Regiearbeit zurück. In "Wir" bekommt es eine Familie mit blutrünstigen Doppelgängern zu tun. Ob für Peele ein weiterer Oscar winkt oder ob er zur Eintagsfliege wird, verraten wir in unserer (spoilerfreien) Filmkritik.

Klopf, klopf, wer ist da? Die Story

Adelaide (Lupita Nyong'o) und Gabe Wilson (Winston Duke) sind mit ihren beiden Kindern Zora (Shahadi Wright Joseph) und Jason (Evan Alex) auf dem Weg nach Santa Cruz, Kalifornien. Dabei hat Adelaide eigentlich keine guten Erinnerungen an diesen Ort: In ihrer Kindheit hat sie dort etwas Schreckliches erlebt, das sie bis heute in ihren Gedanken verfolgt. Doch ihrer Familie zuliebe versucht sie, die negativen Erinnerungen zu verdrängen, um mit ihnen einen schönen Sommerurlaub zu verbringen.

Eines Abends steht allerdings eine fremde Familie auf dem Grundstück der Wilsons. Alle Versuche von Gabe, die Eindringlinge abzuwimmeln, scheitern. Und plötzlich sind die Fremden im Haus der Wilsons ... und entpuppen sich als ihre blutrünstigen Ebenbilder.

Jordan Peele ist kein One-Film-Wonder

Mit Spannung wurde nach "Get Out" der nächste Film von Oscarpreisträger Jordan Peele erwartet. Ob er an seinen erfolgreichen Erstling wohl anknüpfen kann? Schon der erste Trailer ließ keinen Raum für Zweifel: "Wir" ist ein weiterer Horrorfilm, mit dem Peele beweist, dass er keine Eintagsfliege ist. Auf Rotten Tomatoes kann sich der Regisseur zudem über ein Rating von satten 100 Prozent freuen!

Wie schon in seinem Spielfilmdebüt gelingt dem Ausnahmetalent auch dieses Mal wieder der Balanceakt zwischen Horror und Komödie. Der Fokus liegt bei "Wir" aber eindeutig stärker auf den Horrorelementen. Für die humorvollen Momente sorgt in erster Linie Gabe Wilson, der selbst in den schlimmsten Situationen noch einen flotten Spruch oder sarkastischen Kommentar zum Besten gibt – ohne, dass der Film dabei ins Lächerliche abdriftet.

Komm, lass uns ein Spiel spielen. fullscreen
Komm, lass uns ein Spiel spielen.

Und auch der Horror ist wohl dosiert eingesetzt. Ja, es gibt zwar hier und da einen (vorhersehbaren) Jumpscare, aber der wirkliche Grusel liegt abseits davon verborgen und schleicht sich langsam, aber sicher in unsere Köpfe – selbst wenn wir diesen zunächst gar nicht richtig benennen können.

Peele spielt zudem mit unserer Erwartungshaltung: Wenn wir glauben, dass wir gleich eine blutige Szene zu sehen bekommen, wird weggeschwenkt. Wenn wir uns sicher fühlen, schockt er uns mit einer Einstellung, mit der wir so vielleicht nicht gerechnet hätten. Alles wohl dosiert, von nichts gibt es zu viel, von nichts zu wenig.

Herausragender Cast um Lupita Nyong'o

Jordan Peele hat für "Wir" vier Schauspieler gefunden, denen es gelingt, nicht nur ihren Hauptcharakteren Leben einzuhauchen, sondern auch deren Doppelgängern. Und diese sind das komplette Gegenteil!

Lupita Nyong'o stellt einmal mehr unter Beweis, warum sie bereits einen Oscar ihr Eigen nennen darf. Auf der einen Seite spielt sie die liebevolle und beschützende Mutter, die noch immer mit ihren Dämonen aus der Kindheit zu kämpfen hat. Zugleich verkörpert sie Adelaides Doppelgängerin mit solcher Intensität, dass man kaum glauben möchte, dass es sich um ein und dieselbe Schauspielerin handelt. Mit krächzender Stimme – sie ist die einzige der Doppelgängerfamilie, die redet – und manischem Blick geht sie nicht nur Adelaide, sondern auch dem Zuschauer unter die Haut.

Adelaide versucht, ihre Kinder vor den Eindringlingen zu schützen. fullscreen
Adelaide versucht, ihre Kinder vor den Eindringlingen zu schützen.
Mit Golf- und Baseballschläger bewaffnet fühlt es sich gleich viel besser an. fullscreen
Mit Golf- und Baseballschläger bewaffnet fühlt es sich gleich viel besser an.
Adelaide kann ihren Augen nicht trauen. fullscreen
Adelaide kann ihren Augen nicht trauen.
Adelaide versucht, ihre Kinder vor den Eindringlingen zu schützen.
Mit Golf- und Baseballschläger bewaffnet fühlt es sich gleich viel besser an.
Adelaide kann ihren Augen nicht trauen.

Jedes der vier Familienmitglieder bekommt seinen Moment zu glänzen – selbst die Kinder. Gerade junge Schauspieler haben es in meinen Augen oft schwer, überzeugend zu wirken. Doch Evan Alex und Shahadi Wright Joseph beeindrucken auf ganzer Linie. Es gelingt ihnen, ihren Doppelgängern einen ganz eigenen Stempel aufzudrücken und zeigen in den gemeinsamen Szenen, wie unterschiedlich ihr Spiel ist. Der Doppelgänger von Jason krabbelt zum Beispiel wie ein Affe auf allen vieren über den Boden, das Ebenbild von Zora verfolgt das junge Mädchen stets mit einem völlig irren Grinsen im Gesicht.

Winston Duke, der zusammen mit Lupita Nyong'o im vergangenen Jahr als M'Baku in "Black Panther" auf der Leinwand zu sehen war, sorgt für etwas Leichtigkeit im Film. Seine Witze wirken nie platt, sondern wie solche, die viele Väter bringen könnten.

Ein optischer und akustischer Genuss

Jordan Peele hat sich aber nicht nur bei der Auswahl der Schauspieler große Mühe gegeben, auch mit Kameramann Mike Gioulakis ("Glass") hat er einen Volltreffer gelandet. Mit beeindruckenden Bildern fängt der die Geschehnisse ein und erzählt damit fast mehr als die Figuren im Film selbst. Vor allem spielt er viel mit Spiegelungen – in Fenstern, Glastüren oder -tischen.

Mit diesem Twist hat vermutlich niemand gerechnet ... fullscreen
Mit diesem Twist hat vermutlich niemand gerechnet ...

Für die Ohren hat Jordan Peele auch einige Highlights in petto. Wie bereits im Trailer zu sehen bzw. zu hören war, spielt tatsächlich im gesamten Film "I Got 5 On It" von Luniz eine große Rolle. Der Track kommt nicht nur in der Szene auf dem Weg nach Santa Cruz vor, Komponist Michael Abels ("Get Out") übernimmt das Thema und lässt es mehrfach im Film als Instrumentalversion erklingen. Es ist wie ein roter Faden.

Apropos Rot: Diese Farbe kommt besonders oft in "Wir" vor und wird stark in Szene gesetzt. Das Auffälligste sind natürlich die Anzüge der Doppelgänger. Doch auch an anderen Stellen wird die Farbe betont und hervorgehoben. Der kandierte Apfel auf dem Jahrmarkt, das T-Shirt der kleinen Adelaide, die Erdbeeren – und natürlich das Blut.

Fazit: "Wir" als ebenbürtiger Nachfolger

Nach "Get Out" legt Jordan Peele mit "Wir" nach. Sein raffiniertes Drehbuch in Kombination mit der herausragenden schauspielerischen Leistung von Lupita Nyong'o, Winston Duke, Evan Alex und Shahadi Wright Joseph machen den Film zu einem würdigen Nachfolger, bei dem allerdings schwer zu sagen ist, ob er besser oder schlechter ist als "Get Out". Er ist einfach anders.

"Wir" überschlägt sich vor allem zum Ende hin mit den Twists. Gerade wenn man glaubt, man hat endlich verstanden, worum es geht, kommt ein weiterer Twist und man fängt wieder bei Null an. Aber das ist gut so, denn "Wir" wird für Gesprächsstoff sorgen. Nach dem Kino darf sich also fleißig der Kopf zerbrochen werden, darüber, was uns Jordan Peele dieses Mal wieder aufgetischt hat.

Wir
Wir
  • Datenblatt
  • Genre
    Horror, Thriller
  • Laufzeit
    1 Stunde 56 Minuten
  • Release
    21. März 2019
  • FSK
    16
Turn-On Score:
4,0
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