menu

"Yesterday"-Filmkritik: Die Beatles? Nie gehört!

"Help me if you can!" Niemand erinnert sich an die Beatles – außer Jack (Himesh Patel).
"Help me if you can!" Niemand erinnert sich an die Beatles – außer Jack (Himesh Patel).

Die Grundidee von "Yesterday" ist in ihrer Einfachheit genial: Was, wenn die Welt die Beatles vergessen hätte? Und wenn dann jemand käme, der die Songs von John, Paul, George und Ringo doch noch kennt und sie in all ihrer musikalischen Größe auf die Menschheit loslassen würde? Ob aus der Idee auch ein genialer Film geworden ist, verrät unsere Filmkritik.

Jack Malik (Himesh Patel) träumt von der großen Musikerkarriere, spielt seine Songs in seinem verschlafenen britischen Heimatdorf aber nur in fast leeren Kneipen für seine Freunde. Dann geschieht ein Wunder: Während eines Stromausfalls, der für zwölf Sekunden die gesamte Erde verdunkelt, wird Jack von einem Bus angefahren. Er verliert zwei Schneidezähne, die Welt um ihn herum verliert etwas Wichtigeres: jegliche Erinnerung an die Beatles und ihre Songs. Sonst verändert sich augenscheinlich nichts. Jack lebt fortan in einer alternativen Zeitlinie, in der er der Einzige ist, der die Musiklegenden und ihre Songs kennt.

Jacks Musikerkarriere läuft schlecht. Nur Ellie glaubt an ihn.

Es ist leicht, bei dieser schrägen Ausgangssituation mit völlig falschen Erwartungen an "Yesterday" heranzugehen. Erforscht der Film minutiös die Folgen, die das Fehlen eines der wichtigsten Kapitel moderner Musikgeschichte in der Realität haben muss? Bastelt Regisseur Danny Boyle ("Trainspotting", "Slumdog Millionär") vielleicht an einem eigenen Filmuniversum, um die massive Tragweite dieser Prämisse gebührend abzubilden?

Die Antwort ist in beiden Fällen Nein, und das ist im letzteren Fall vielleicht besser so, im ersteren aber etwas schade.

Eine Liebeserklärung an John, Paul, George & Ringo

Statt sich in die Untiefen seiner Idee vorzuwagen, bleibt Drehbuchautor Richard Curtis ("Notting Hill") an der Oberfläche und erzählt lieber eine konventionelle, aber herzliche Erfolgs- und Liebesgeschichte. Jack überwindet recht schnell den ersten Schrecken und findet sich damit ab, dass seine Managerin und beste Freundin Ellie (Lily James) seine Anspielungen auf Songs aus der Feder Lennon/McCartney nur mit verwirrten Blicken quittiert. Dann tut er das Naheliegende: Er gibt Welthits wie "Let it Be", "Here Comes the Sun", "Hey Jude" und eben "Yesterday" schlicht als seine eigenen Lieder aus.

Mit Beatles-Hits zum Megastar

Weil "Yesterday" in erster Linie eine Liebeserklärung an das Werk der Beatles ist, in der zeitlose Songs auch zeitlos gut, genial und erfolgreich sind, wird Jack natürlich zum Megastar. Weil der Film aber auch eine warmherzige Komödie und Romanze ist, lassen die Gewissensbisse und Auswirkungen auf Jacks Freundschaften (vor allem die zu Ellie) nicht lange auf sich warten ...

Die Zusammenfassung lässt es schon erahnen: Mit wilden Gedankenspielen aufwühlen will "Yesterday" nicht. Um die abgedrehte Prämisse ist das etwas schade – und es ruft Erinnerungen an die ebenfalls von Drehbuchautor Curtis geschriebene Romcom "Alles eine Frage der Zeit" hervor: Hier ließ der Autor seine reizvolle, aber überhaupt nicht weiter erklärte Zeitreise-Idee auch auf halber Strecke liegen und scherte sich wenig um Logik und Konsequenzen. Schon damals konnte man ihm aber kaum böse sein, weil der Film charmant war. Ähnlich ist es bei "Yesterday".

Mit den Songs der Beatles gerüstet kommt Jack in Fahrt.

Jacks Aufstieg zum mit fremden Federn geschmückten Popstar hangelt sich an den Meilensteinen typischer Musikbusiness-Geschichten entlang – inklusive obligatorischer Reise nach Kalifornien, Treffen mit skrupellosen Plattenfirmen-Moguln und Herumsitzen in überdrehen Business-Meetings, in denen es um alles geht, nur nicht um Musik. Dass das bei aller Vorhersehbarkeit Spaß macht, verdankt "Yesterday" zwei Dingen: den unkaputtbaren Songs der Beatles und seinem tollen Cast.

Nur die Hits – aber die sitzen

Himesh Patel ("EastEnders") spielt Jack mit der richtigen Mischung aus resignierter Verzweiflung, diebischer Neugierde und musikalischer Begeisterung, um erst seine Wandlung vom Nobody zum Superstar und dann seine zunehmenden Skrupel glaubhaft herüberzubringen. Dass er die üppig eingestreuten Beatles-Songs selbst performt und mit einer eigenen Note versieht, macht die musikalischen Momente von "Yesterday" zu den Highlights, die sie sein sollten. Beinharte Fans müssen allerdings darüber hinwegsehen, dass hier nur die größten Hits vorkommen.

Auch Ellie-Darstellerin Lily James ("Baby Driver") überzeugt, und die Chemie zwischen den Hauptdarstellern stimmt: Wie sich die beiden über den Verlauf des Films annähern (denn natürlich tun sie das!), wirkt stets organisch und auf schöne Art rührend. Wenn die Romanze gegen Ende hin etwas kitschig wird (denn natürlich wird sie das!), kann das Drehbuch mehr dafür als die Darsteller.

Jack und Ellie sind "nur Freunde". fullscreen
Jack und Ellie sind "nur Freunde".

Als Nebendarsteller begeistert vor allem Superstar Ed Sheeran, der sich in "Yesterday" selbst spielt – in einer herrlich selbstverliebten Version: Er entdeckt Jacks Talent und bringt ihn in Kontakt mit der Musikindustrie, muss aber auch damit klarkommen, dass Jacks vermeintliche Eigenkompositionen besser sind als seine eigenen. Auch super: Kate McKinnon als zynische und vernichtend direkte Musikmanagerin, die Jack eigentlich nur als Zahlenkolonne auf ihrem Konto wahrnimmt.

Ed Sheeran zieht sich in "Yesterday" selbst durch den Kakao.

Viel Humor & viel Herz

Seinen sympathischen und gut gespielten Figuren gewinnt "Yesterday" eine ganze Reihe witziger Szenen ab, die oft um Begebenheiten aus der Beatles-Historie kreisen. Mal illustriert der Film mit skurrilen Montagen aus wörtlich genommen Textzeilen, wie Jack vergeblich versucht, sich an die Lyrics von "Eleanor Rigby" zu erinnern. Mal führt er die Zuschauer auf die falsche Fährte, indem er ganze Szenen im Nachhinein als Einbildung des (zu Recht) vom Hochstapler-Syndrom geplagten Musikers enthüllt.

Wenn Jack auf dem Dach eines kleinen Küstenhotels einen großen Auftritt mit einer Punkrock-Version von "Help" hinlegt, ist das nicht nur eine schöne Anspielung an das finale Rooftop-Konzert der Fab Four, sondern auch perfekter Musikeinsatz: Besser lässt sich der Hilfeschrei des zu diesem Zeitpunkt völlig verzweifelten Jack kaum abbilden. Ohnehin weiß der Film genau, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, die Songs sprechen zu lassen, und setzt sie für maximalen Effekt perfekt in Szene.

Nicht ganz so gut funktionieren in der deutschen Synchronfassung die Wortwitze, die häufig auf Songzitate anspielen und übersetzt einfach nur seltsam klingen. Auch ein bisschen verschenkt: Wenn Jack zwischendurch entdeckt, dass neben den Beatles auch andere Dinge in seiner neuen Realität fehlen, wird das zwar als ergebnislose Google-Suche launig in Szene gesetzt. Es bleibt aber beim Gimmick, beim Gag ohne Konsequenzen – "world building" hat einfach keine Priorität.

Schade: "Yesterday" hat kein Interesse an Philosophie

Ohnehin wird nach und nach deutlich, wie oberflächlich und letztlich folgenlos die ganze "Welt ohne Beatles"-Nummer eigentlich ist. Zwar reden alle davon, wie epochal und gigantisch "Jacks" Songs doch seien. Es fehlen aber wirkliche Anzeichen dafür, dass es der Welt in der alternativen Zeitlinie ohne die Beatles wesentlich schlechter gehen würde – mal abgesehen davon, dass die Google-Suche auch zu "Oasis" keine Ergebnisse findet. Klar, letztlich ist die Frage, ob man etwas vermissen kann, das man gar nicht kennt, philosophisch und nicht zu klären. Dass sich "Yesterday" so gar nicht darauf einlässt, enttäuscht aber ein bisschen.

Jack zweifelt mit der Zeit, ob er seinen Ruhm überhaupt verdient hat.

Weil sich das Drehbuch gegen Ende zudem ein paar unmotivierte Twists erlaubt und vor allem die Beziehung zwischen Jack und Ellie ziemlich platt zurechtbiegt, verliert "Yesterday" nach hinten raus an Schwung. Das ist schade, denn über die meiste Zeit ist das Erzähltempo genau richtig, die Bilder sind pfiffig, die Gags gelungen – und die Musik ist natürlich fantastisch.

Fazit: Gutes Feel-Good-Kino – nicht mehr, nicht weniger

Am Ende steht die Erkenntnis, dass "Yesterday" auf kuriose Weise selbstreferenziell ist: Ein Film über einen mittelmäßigen Musiker, der nur dank der Songs der Beatles den Durchbruch schafft, steht auf denselben Gigantenschultern und wird vor allem durch genau diese Songs aus der Mittelmäßigkeit herausgehoben.

Das klingt härter, als es gemeint ist, denn eine Feel-Good-Komödie muss ja nicht mehr tun, als zu unterhalten und ein gutes Gefühl hervorzurufen – und das schafft "Yesterday" trotz mäßigem Ende mit Bravour. Schade nur, dass der Preis dafür ist, eine fantastische Grundidee ein Stück weit zu verschenken.

Yesterday
Yesterday
  • Datenblatt
  • Genre
    Komödie, Musik
  • Laufzeit
    1 Stunde 56 Minuten
  • Release
    11. Juli 2019
  • FSK
    ab 12
TURN ON Score:
3,5von 5
Kommentar schreiben
Relevante Themen:

Neueste Artikel bei Primetime

close
Bitte Suchbegriff eingeben