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Der Stoff, aus dem Albträume sind: David Lynch und seine Filme

Mit Blick fürs Unterbewusste: David Lynch ist einer der eigenwillgsten Filmemacher in Hollywood.
Mit Blick fürs Unterbewusste: David Lynch ist einer der eigenwillgsten Filmemacher in Hollywood.

David Lynch: Seine Filme sind so einzigartig, versponnen und unerklärlich wie die von keinem anderen Regisseur. Man liebt ihn oder man hasst ihn – aber kalt lassen uns seine surrealen Traumwelten niemals. Wir stellen alle Filme des Meisters vor, inklusive spannender Insider-Infos und persönlicher Einschätzung: Welcher seiner Filme ist denn nun wirklich der abgedrehteste ...?

Die dritte Staffel der legendären Kultserie "Twin Peaks" war das letzte filmische Lebenszeichen des exzentrischen Filmemachers. Und wir Lynch-Fans können uns darüber noch glücklich schätzen, denn in den Jahren zuvor hatte David Lynch nur noch wenig Lust, auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen – hat er endgültig mit dem Kino abgeschlossen?

Ich als glühender Lynch-Verehrer hoffe inständig, dass das weltweit begeisterte Feedback auf die letzte "Twin Peaks"-Staffel ein klares Zeichen setzt: Wir wollen mehr Lynch-Filme! Bis dahin blicken wir aber erst einmal zurück – auf eine Filmografie, die es so garantiert kein zweites Mal gibt.

"Eraserhead" (1977)

Nach zahlreichen Kurzfilmen und Kunstprojekten stellte Lynch 1977 seinen ersten Abend füllenden Spielfilm "Eraserhead" vor. Fans streiten bis heute, worum es in dem schwarz-weiß gehaltenen Albtraum denn nun wirklich geht, aber fest steht: Hier begründet Lynch bereits seinen ganz eigenen Stil – rational erklären kann man das groteske Geschehen kaum, die bizarren Szenen mit einem schreienden Mutantenbaby, blutenden Hühnchen und der pausbäckigen Lady in der Heizung ("In Heaven Everything Is Fine") sind allenfalls assoziativ zu entschlüsseln. Fazit: Absoluter Kult!

Fun Fact: Aufgrund des extrem knappen Budgets mussten Lynch und seine Crew den gesamten Film in mehreren "Häppchen" drehen. In einer Szene tritt Hauptdarsteller Jack Nance durch eine Tür – wenn er auf der anderen Seite herauskommt, sind für uns nur ein paar Sekunden vergangen. In Wahrheit lagen zwischen den beiden Einstellungen aber unglaubliche 18 Monate – in denen Nance übrigens die bizarre Frisur seines Charakters Henry Spencer beibehalten hat!

Lynch-Faktor: 9/10. Schon in seinem ersten Film nimmt Lynch keinerlei Rücksicht auf Sehgewohnheiten und entführt uns in einen bizarren Fiebertraum. "Eraserhead" nimmt bereits den Stil vorweg, der Jahre später als "lynchesk" beschrieben wird. Und der ist nun mal nicht für jedermann.

"Der Elefantenmensch" (1980)

Vom Experimentalfilm zum historischen Drama: Schon mit Film Nummer 2 vollzog Lynch eine radikale Kehrtwende. Die Lebensgeschichte des Joseph Merrick, der aufgrund starker Deformationen im England des 19. Jahrhunderts wie ein Zirkustier vorgeführt wurde, ist mit John Hurt, Anthony Hopkins und Anne Bancroft hochkarätig besetzt und heimste satte acht Oscar-Nominierungen ein – nicht schlecht für den damals gerade mal 34-jährigen Lynch!

Fun Fact: Als ausführender Produzent war Blödel-Spezi Mel Brooks (u.a. "Spaceballs") an Bord, der von "Eraserhead" begeistert war und explizit David Lynch als Regisseur wollte. Damit das Publikum nicht dachte, es würde sich beim "Elefantenmensch" um eine Komödie handeln, bat Brooks darum, in den offiziellen Credits nicht aufgeführt zu werden.

Lynch-Faktor: 2/10. Zwar ist der "Elefantenmensch" wie Lynchs erster Film in Schwarz-weiß und hat kurze surreale Sequenzen am Anfang und am Ende, aber davon abgesehen ist das recht schnörkellos erzählte Drama ziemlich untypisch für Lynch: Nur ein einziges Mal sollte er später ähnlich zugänglich werden.

"Der Wüstenplanet" (1984)

Nach dem Höhenflug folgt unweigerlich der Absturz: Die Verfilmung von Frank Herberts hochkomplexen Science-Fiction-Roman "Dune" war ein künstlerischer und finanzieller Fehlschlag, mit dem weder Fans noch der Regisseur selber zufrieden waren. Zwar erfuhr "Der Wüstenplanet" in den letzten Jahren eine späte Wertschätzung durch aufgeschlossene Fans, in Lynchs Gesamtwerk bildet die brutal zusammengekürzte und holprig erzählte Weltraum-Oper jedoch den unbestrittenen Schwachpunkt. Vielleicht hat "Arrival"-Regisseur Denis Villeneuve mit seiner Neu-Interpretation ja mehr Glück!

Fun Fact: Um "Der Wüstenplanet" zu verfilmen, lehnte David Lynch ein anderes interessantes Angebot ab: George Lucas bot Lynch die Regie von "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" an! Lynch konnte mit der Vision des "Star Wars"-Schöpfers aber nichts anfangen, sodass er sich für Herberts "Dune"-Epos entschied – was man bis heute diskutieren kann.

Lynch-Faktor: 4/10. "Der Wüstenplanet" erscheint zwar auch verwirrend und beizeiten undurchdringbar, das liegt aber eher am Skript und der zu knappen Laufzeit, zumindest in der Kinoversion. Nur gelegentlich blitzt Lynchs surreale Bildsprache durch: Etwa auf dem Harkonnen-Planeten Giedi Primus oder im Design der grotesk mutierten Gildennavigatoren.

"Blue Velvet" (1986)

Gab er in "Der Wüstenplanet" noch sein Kinodebüt, mauserte sich Schauspieler Kyle MacLachlan als Jeffrey Beaumont in "Blue Velvet" zu Lynchs Lieblingsdarsteller. Der etwas naive Vorstadtjunge findet ein abgeschnittenes Ohr – und gerät schon bald in den aufregend prickelnden Sog sexueller Obsession und eines hochgradig gefährlichen Psychopathen, atemberaubend eindringlich verkörpert von Dennis Hopper. "Blue Velvet" ist ebenso brutal wie zärtlich, so kitschig wie knallhart, gleichzeitig verträumt und unterkühlt. Inzwischen gilt er als einer der besten Filme der 1980er-Jahre.

Fun Fact: In einer verstörenden Szene vergeht sich Dennis Hopper in einer Art ritualisierten Vergewaltigung an seinem weiblichen Co-Star Isabella Rossellini. Was Hopper nicht wusste: Rossellini war unter ihrer Robe, die sie zum Drehstart öffnete, tatsächlich nackt. Das war die allererste Szene, die die beiden Weltstars miteinander hatten!

Lynch-Faktor: 5/10. Die eigentliche Story ist ziemlich klar, wer sich immer noch nicht an Lynchs Stil gewöhnt hat, dürfte von den zahlreichen Verfremdungseffekten und surrealen Einschüben aber dennoch desorientiert sein. Spätestens mit diesem Film hat Lynch bewiesen, dass er Szenen schreiben kann, die ins kollektive Filmbewusstsein eingehen: Die Zeile "Don't you fucking look at me!" wurde in die Top 100 der berühmtesten Filmzitate gewählt.

"Wild at Heart" (1990)

Das ultrabrutale Road Movie ist die wohl bizarrste Version des "Zauberers von Oz": Nicolas Cage und Laura Dern spielen ein exzentrisches Pärchen, das sich seine Liebe zueinander auch in einer chaotischen und gewalttätigen Welt bewahrt. Es geht um Mord, Sex, Verbrechen, Autounfälle, Thrash Metal und, natürlich, eine Schlangenlederjacke.

Fun Fact: In einer Szene pinkelt Willem Dafoe in eine Toilette – die aber leider nicht funktionstüchtig war. Der Schauspieler hatte einen so großen Druck auf der Blase, dass er einfach laufen ließ – und ein armer Teufel musste die Requisite dann später sauber machen.

Lynch-Faktor: 6/10. So langsam werden Lynchs Filme immer abgedrehter, er schont sein Publikum immer weniger. Groteske Szenen von Folter, Mord und nächtlichen Autounfällen verlangen Zartbesaiteten einiges ab – aber zum Glück versöhnt uns ein bewusst kitschiges Ende inklusive Elvis-Presley-Karaoke.

"Twin Peaks: Fire Walk with Me" (1992)

Der Kinofilm im "Twin Peaks"-Universum stellt ein Prequel dar und zeigt uns die letzten sieben Tage im Leben der ermordeten Laura Palmer. Das bedeutet, dass man ohne gründliches Vorwissen der (damals noch) zwei Staffeln der Kultserie von David Lynch völlig aufgeschmissen ist. Allerdings taten sich auch Fans mit dem Drama schwer: "Fire Walk with Me" erklärt ein bisschen was, verwirrt dafür aber mit brandneuen Details, bisher ungesehen Figuren und einem selbst für Lynch-Verhältnisse extrem düsteren Tonfall: Hier gibt es keine Hoffnung.

Fun Fact: Im Film unterhalten sich Laura Palmer und James Hurley im Wald, plötzlich fängt Laura an zu schreien. Was ihre Panik auslöst, erfahren Fans aber erst 25 Jahre (!) später – in der dritten "Twin Peaks"-Staffel.

Lynch-Faktor: 7/10. Wer "Twin Peaks" liebt, der weiß, was ihn hier erwartet. Allerdings fehlt dem Film die gewisse Leichtigkeit, die die Serie ausgemacht hat, außerdem werden zu viele Fährten gelegt, die einfach ins Nichts führen. Der Grund: Eigentlich sollten noch weitere Filme folgen, die alle Mysterien aufdecken – doch nach einem Misserfolg an den Kinokassen wurden diese Pläne schnell wieder verworfen.

"Lost Highway" (1997)

Jazz-Saxofonist Fred (Bill Pullman) fühlt sich in einer lieblosen Ehe gefangen, ein Unbekannter schickt ihm verstörende VHS-Tapes – und zu allem Überfluss wird er auch noch des Mordes an seiner Frau (Patricia Arquette) verdächtigt. Er kommt in den Knast – und erwacht am nächsten Morgen als junger Automechaniker Pete (Balthazar Getty). War alles nur ein Traum? Lebt er eine andere Identität? Oder dreht er einfach nur durch?

Fun Fact: Robert Loggia, der den gefährlichen Pornopaten Mr. Eddy spielt, hatte sich in den 80ern um die Rolle des Frank Booth in "Blue Velvet" beworben, die aber an Dennis Hopper ging. Loggia nahm das gar nicht sportlich und überzog Lynch mit einer Tirade aus unflätigen Schimpfworten und Beleidigungen – die als Basis für Loggias legendäre Ausraster-Szene in "Lost Highway" diente.

Lynch-Faktor: 8/10. Anders als in fast allen vorherigen Filmen, ist die Handlung von "Lost Highway" rational tatsächlich nicht zu erklären. Man muss sich mit der Traumlogik abfinden, dass der Anfang des Films gleichzeitig sein Ende ist, der wiederum den Anfang bildet – wie in einem Möbiusband.

"Eine wahre Geschichte – The Straight Story" (1999)

Der 73-jährige Rentner Alwin Straight (Richard Farnsworth) tuckert auf einem alten, klapprigen Aufsitz-Rasenmäher durch die halben USA, um sich mit seinem Bruder zu versöhnen. Höchstgeschwindigkeit: 8 km/h, die beschwerliche Reise dauert sechs Wochen. Und das Verrückteste: Der Film basiert tatsächlich auf einer wahren Geschichte!

Fun Fact: Die fast schon meditative Reise des alten Dickkopfs Alwin Straight ist bis heute der einzige Film von Lynch, zu dem er nicht auch das Drehbuch schrieb. Unverhoffter Nebeneffekt: In den USA nahm der Mäusekonzern Walt Disney "The Straight Story" in den Verleih – auch das passierte davor oder danach nie wieder.

Lynch-Faktor: 1/10. Nur vereinzelt blitzt der düstere Lynch-Unterton auf, hat gegen die sonstigen Szenen von gemächlicher Ruhe, menschlicher Wärme und Altersweisheit aber keine Chance: Das hier ist ein uneitles, wirklich berührendes Drama mit einem tollen Hauptdarsteller, der aufgrund seiner eigenen Krebserkrankung im Jahr 2000 den Freitod wählte.

"Mulholland Drive" (2001)

Lynch rechnet mit Hollywood ab: Für ihn ist die Traumfabrik ein doppelbödiger Höllenpfuhl, in dem nichts so ist, wie es scheint. Eine junge Schauspielerin (Naomi Watts) hofft auf ihren Durchbruch, eine mysteriöse Fremde (Laura Harring) leidet unter Gedächtnisverlust, ein Mann stirbt vor Angst und im Club Silencio kommt die Musik vom Band: "Mulholland Drive" sollte man nach Möglichkeit mehr als einmal sehen, um ihn würdigen zu können.

Fun Fact: Lynch selber hat uns 10 Hinweise zum Entschlüsseln des Films gegeben.

Lynch-Faktor: 9/10. Wie so oft, entzieht sich auch "Mulholland Drive" einer rein rationalen Erklärung. Aber intuitiv verstehen wir doch, dass wir dem tragischen Absturz einer verheißungsvollen Jungschauspielerin beiwohnen, der in Tod und (Selbst-)Zerstörung endet. Außerdem kommt hier wieder mal Lynchs sehr skurriler Humor zum Tragen – der Meister in Hochform.

"Inland Empire" (2006)

Wieder eine Schauspielerin (Laura Dern), wieder verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Doch dazu kommen Menschen mit Hasenköpfen in einer Sitcom aus der Hölle, ein polnischer Menschenhändlerring, das ominöse "Phantom" – und das alles dauert drei Stunden. Außerdem filmte Lynch viele Szenen ohne festes Skript und digital per DV-Camcorder, was dem gesamten Film einen rohen, fast hässlichen Look gibt. In seinem bislang letzten Spielfilm geht Lynch keinerlei Kompromisse mehr ein.

Fun Fact: 2006 warb Lynch dafür, dass seine Hauptdarstellerin Laura Dern für einen Oscar zumindest nominiert wird – indem er mit einer echten, lebenden Kuh und einem großen Plakat an einer Straßenecke in Hollywood saß. Geholfen hat's erwartungsgemäß aber nicht: Die Academy ignorierte den sperrigen "Inland Empire" vollständig.

Lynch-Faktor: 11/10. Hier geht gar nix mehr. Selbst Lynch-Jünger verzweifeln regelmäßig an diesem nahezu undurchdringlichen Brocken: Nicht mal die Schauspieler wussten, worum es in der Geschichte eigentlich geht. Das mag zunächst anstrengen, aber wer auch diesen Film eher mit dem Herzen als mit dem Hirn verstehen will, findet hier Stoff für Monate und Jahre: So rein und ungefiltert war David Lynch das letzte Mal bei seinem ersten Film "Eraserhead" – womit sich der Kreis schließt.

Das sagt Wolf:
Lynch-Fans, Farbe bekennen: Mein Lieblings-Lynch ist "Lost Highway", dicht gefolgt von "Inland Empire". Und bei Euch ...?
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