Hamburger Wunderkind Fatih Akin: Alle 9 Filme des Ausnahmeregisseurs

Filmemacher Fatih Akin ist aus der deutschen Kinolandschaft nicht mehr wegzudenken.
Filmemacher Fatih Akin ist aus der deutschen Kinolandschaft nicht mehr wegzudenken. (©Reuters/Mario Anzuoni 2018)
Meliha Dikmen Gruselt sich auch bei FSK-12-Filmen.

Ambitionierte Filmemacher findet man nicht nur in Hollywood. Der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin ist der beste Beweis dafür. Der Autorenfilmer mauserte sich vom Independent-Regisseur aus Hamburg Altona still und heimlich zum internationalen Aushängeschild des deutschen Films, was zuletzt mit dem Golden Globe für sein NSU-Drama "Aus dem Nichts" belohnt wurde. 

Für uns ein Grund auf die Karriere von Fatih Akin zurückzublicken. In Akins Repertoire befinden sich sowohl Dramen wie "Gegen die Wand" und "Auf der anderen Seite" als auch leichtfüßige Komödien wie "Im Juli" oder "Soul Kitchen". Doch eines ist dem Großteil seiner Werke gemein: Sie sind in seiner Heimat Hamburg angesiedelt.

Die meisten seiner Filme scheinen sehr persönlich und erzählen Geschichten von Menschen mit Migrationshintergrund auf der Suche nach ihrem individuellen Glück. Dabei scheut Akin nicht davor zurück, die Schattenseiten seiner Figuren und der Gesellschaft, in der sie leben, auszuloten. Diese neun Spielfilme hat er bislang umgesetzt. (Die zwei Dokumentationen "Crossing the Bridge" & "Müll im Garten Eden" wurden nicht aufgenommen).

1. "Kurz und schmerzlos" (1998)

Nach den zwei Kurzfilmen "Sensin – Du bist es" und "Getürkt" lieferte Akin 1998 mit "Kurz und schmerzlos" sein Spielfilmdebüt ab. Darin stehen die drei Freunde und Kleinkriminellen Gabriel (Mehmet Kurtulus), Costa (Adam Bousdoukos) und Bobby (Aleksandar Jovanovic) im Mittelpunkt. Während Gabriel sich durch einen Gefängnisaufenthalt geläutert gibt, kommen seine Kumpels vom kriminellen Milieu nicht los und ziehen ihn mit nach unten.

Fazit: Kantiger und unbarmherziger Milieu-Thriller, der den Zuschauer in seinen Abwärtsstrudel mitreißt. "Kurz und schmerzlos" wurde unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis und dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet.

2. "Im Juli" (2000)

Akins nächstes Werk ist wesentlich leichtfüßiger als sein Erstling und legte mal eben einen kompletten Genrewechsel hin. In "Im Juli" steht der verklemmte Hamburger Lehramtsreferendar Daniel (Moritz Bleibtreu) im Mittelpunkt, der sich mit der Anhalterin Juli (Christiane Paul) auf den Weg nach Istanbul macht, um dort seiner vermeintlich großen Liebe seine Gefühle zu gestehen. Auf dem Roadtrip lockert Daniel nicht nur dank diverser Abenteuer auf, sondern er kommt auch seiner optimistischen Begleiterin näher, die heimlich in ihn verliebt ist.

Fazit: Gut gelauntes Sommermärchen mit unerwarteten Wendungen, schönen Landschaftsaufnahmen sowie viel Humor und Herz. "Im Juli" war der zehnterfolgreichste Film des deutschen Kinojahres 2000.

3. "Solino" (2002)

In "Solino" ist Fatih Akin erstmalig nicht für das Drehbuch verantwortlich. Die Handlung – auch wenn es sich diesmal um eine italienische Gastarbeiterfamilie handelt – deckt sich jedoch mit seinen bisherigen Themen. Im Film wandert die Familie Amato Mitte der 1960er-Jahre vom malerischen Heimatdorf Solino nach Duisburg aus, wo sie auf ein besseres Leben hofft. Sie eröffnen eine Pizzeria und auch ihre heranwachsenden Söhne Giancarlo (Moritz Bleibtreu) und Gigi (Barnaby Metschurat) versuchen sich ein Leben aufzubauen – bis es um Konflikt zwischen den Brüdern kommt.

Fazit: Eine mitreißende, bisweilen rührselige Geschichte, der jedoch anzumerken ist, dass sie außerhalb von Akins persönlicher Erfahrungswelt liegt. Dennoch gab es eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis.

4. "Gegen die Wand" (2004)

Der internationale Durchbruch gelingt Fatih Akin schließlich mit dem Drama "Gegen die Wand", das gleichzeitig den Beginn seiner Trilogie "Liebe, Tod und Teufel" einläutet. In der Mischung aus Drama und Romanze steht der selbstzerstörerische Deutschtürke Cahit (Birol Ünel) im Mittelpunkt, der die junge Sibel (Sibel Kekilli) kennenlernt. Die lebenshungrige Frau möchte aus ihrem streng religiösen Elternhaus ausbrechen und bittet Cahit darum, eine Scheinehe mit ihr einzugehen. Doch als Gefühle ins Spiel kommen, kann er seine Eifersucht auf Sibels wechselnde Lover nicht mehr zügeln.

Fazit: Intensiv-brutale Inszenierung einer zum Scheitern verurteilten Liebe zweier Außenseiter auf der Suche nach ihrer Identität. "Gegen die Wand" wurde mit dem Goldenen Bären auf der Berlinale 2004 ausgezeichnet.

5. "Auf der anderen Seite" (2007)

Mit "Auf der anderen Seite" setzt Fatih Akin seine Trilogie fort. In dem Melodrama stehen sechs Menschen aus drei verschiedenen Familien im Fokus, die durch unglückliche Umstände ihr gegenseitiges Schicksal beeinflussen. Darunter ist der pensionierte Witwer Ali (Tuncel Kurtiz), der die Prostituierte Yeter (Nursel Köse) engagiert, um mit ihm zusammenzuleben. Sein gebildeter Sohn Nejat (Baki Davrak) hat kein Verständnis für diese Vereinbarung. Nach Yeters tragischem Tod begibt er sich jedoch in der Türkei auf die Suche nach ihrer Tochter.

Fazit: In ruhigen Bildern inszenierte melancholische Reise der Protagonisten, die sechs komplexe Einzelschicksale meisterhaft miteinander verknüpft. "Auf der anderen Seite" wurde 2007 in Cannes zweifach ausgezeichnet.

6. "Soul Kitchen" (2009)

Vor dem Ende seiner Trilogie "Liebe, Tod und Teufel" schiebt Akin quasi zum Durchatmen noch die nette Lokalkomödie "Soul Kitchen" ein. Darin sorgt Zinos (Adam Bousdoukos), der griechisch-deutsche Betreiber eines Schnellrestaurants, für Aufsehen bei seinen Gästen, als er nach einem Bandscheibenvorfall den exzentrischen Koch Shayn (Birol Ünel) in seinem Etablissement in Wilhelmsburg engagiert. Damit sind jedoch nicht alle Probleme vom Tisch, denn Zinos' Freundin verabschiedet sich nach Shanghai und sein Bruder Illias (Moritz Bleibtreu) sorgt auf Freigang für allerhand Ärger.

Fazit: Rührend-komische Liebeserklärung an Hamburg und seine zum Teil skurrilen Bewohner mit einer ans Herz und Zwerchfell gehenden, zeitlosen Story. Auszeichnungen in Venedig und auf dem Hamburger Filmfest.

7. "The Cut" (2014)

Mit "The Cut" befasst sich Fatih Akin 2014 mit einem äußerst sensiblen Thema in der türkischen Geschichte: dem Völkermord an den Armeniern. Am Beispiel des jungen, armenischen Schmieds Nazaret (Tahar Rahim), der 1915 in Mardin, damals Teil des Osmanischen Reiches, zu Zwangsarbeit gezwungen und anschließend fast ermordet wird, offenbart Akin die Gräuel, die sich kurz vor dem Zerfall des Jahrhunderte währenden Vielvölkerstaates auftaten. Nachdem er alles verloren hat, macht sich Nazaret auf die Suche nach seinen Töchtern.

Fazit: "The Cut", Akins erste historische Aufarbeitung, kann leider nicht so überzeugen wie die anderen zwei Teile der "Liebe, Tod und Teufel"-Trilogie. Das Historiendrama bleibt ein überladenes Lehrstück ohne emotionale Tiefe.

8. "Tschick" (2016)

Schon seit 2011 bezeugte Fatih Akin Interesse an der Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick", konnte sich die Rechte aber nicht sichern. Als Produzent Marco Mehlitz sich jedoch mit seinem Regisseur überwarf, konnte Akin sein Herzensprojekt schließlich doch angehen. Darin verbünden sich zwei ungleiche 14-Jährige, denen ein trostloser Sommer bevorsteht, um in einem geklauten Lada Ostdeutschland unsicher zu machen.

Fazit: Der Film vermittelt das Lebensgefühl jugendlicher Freiheit mit eigensinnigen Helden und einer kunterbunten Bildersprache.

9. "Aus dem Nichts" (2017)

Inspiriert von dem Gerichtsprozess verarbeitet Fatih Akin in "Aus dem Nichts" die NSU-Mordserie, die aus rassistischen Motiven an größtenteils türkischstämmigen Menschen in Deutschland verübt wurden. Im Mittelpunkt seiner dreigeteilten Erzählung steht Katja (Diane Kruger), die durch einen Bombenanschlag ihren kurdischstämmigen Mann Nuri und den gemeinsamen Sohn verliert. Nach tiefer Trauer folgt der leidenschaftliche Wunsch nach Gerechtigkeit, bis die Parabel in einem kompromisslosen Finale sein Ende findet.

Fazit: Fatih Akins neuer Film ist ein emotional-packendes Drama, das unter die Haut geht. Diane Kruger gibt in ihrem ersten deutschsprachigen Film die beste Leistung ihrer Karriere ab.

Kommentar schreiben
Relevante Themen:

Beliebteste Artikel bei Primetime

  • Letzte 7 Tage
  • Letzte 30 Tage
  • Alle
close
Bitte Suchbegriff eingeben