Kolumne

Apple-Experten & ihre Prognosen: Wir haben den Langzeit-Check gemacht

Mit seinen Aussagen über das iPhone X lag Analyst Kuo oftmals goldrichtig.
Mit seinen Aussagen über das iPhone X lag Analyst Kuo oftmals goldrichtig. (©YouTube/ Canoopsy 2018)

Das iPhone 2018 steht vor seinem Launch: Glaubt man Analysten und Apple-Experten, steht schon jetzt fest, was der Hersteller auf seiner September-Keynote präsentieren wird. Wie handfest diese Prognosen tatsächlich sind, haben wir am Beispiel des wohl bekanntesten Apple-Analysten einmal in einem Langzeit-Check geprüft.

Ming-Chi Kuo: Der beste Apple-Analyst der Welt?

Cult of Mac nannte ihn einmal den "besten Apple-Analysten auf der Welt" und Business Insider huldigte ihn als treffsichersten Apple-Experten, während Engadget ihm die Legende um die vermeintliche 3000-Dollar-Apple-Watch (die er einstmals vorhersagte) ankreidete – die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Fakt ist: Geht es um Gerüchte über neue Apple-Produkte, kommen Prognosen oft von ihm. Die Rede ist von Ming-Chi Kuo, einem Mann, der jahrelang sein Geld als Analyst bei KGI Securities verdiente und mittlerweile für TF International Securities tätig ist.

Dabei steht Kuo stellvertretend für ein ganzes Heer an Analysten, die mal mehr und mal weniger gute Prognosen über noch nicht vorgestellte Apple-Neuheiten abliefern – hier sticht Kuo aus der breiten Masse heraus, da er sich über Jahre einen guten Ruf in der Branche erarbeitet hat. Warum genau gerade seine Vorhersagen oftmals ins Schwarze treffen, darüber kann nur gemutmaßt werden. Interviews gibt der Star-Analyst keine, trotz seiner Omnipräsenz in der Tech-Presse gibt es auch kaum Fotos von ihm im Internet.

Wie akkurat aber seine Prognosen in der Vergangenheit tatsächlich ausfielen, das haben wir uns einmal näher angeschaut. Auch, weil Du auf TURN ON häufig iPhone-Gerüchte lesen kannst, die nicht zuletzt auch auf Basis von Kuos Einschätzungen entstehen. Dabei greifen wir absichtlich nicht jedes wilde Gerücht eines unbekannten und vermeintlichen Insiders auf, sondern prüfen sehr genau, aus welcher Quelle die Aussagen stammen. Wirft man einen Blick auf die vergangenen Jahre, sieht man deutlich, was für einen guten Riecher dieser Mann hat. Dass er jüngst das Apple Car für den Zeitraum zwischen 2023 und 2025 prognostizierte, wirkt in diesem Kontext gleich ein wenig glaubwürdiger.

2017: Das Jahr des iPhone X

Über kein anderes iPhone wurde im Vorfeld so viel spekuliert wie über das iPhone X. (© 2018 TURN ON)

Die Gerüchte über das iPhone X starteten schon vergleichsweise früh, sogar noch vor dem Release des iPhone 7 im September 2016. Bereits im April 2016 legte sich Kuo etwa auf ein Gehäuse aus Glas fest, auch das erste OLED-Display eines iPhones sagte der Analyst schon zu diesem frühen Zeitpunkt voraus – ein Volltreffer. Nicht ganz den richtigen Riecher bewies Kuo hingegen bei der Kamera: So rechnete er mit einer doppelten optischen Bildstabilisierung sowohl für das iPhone 8 Plus als auch für das iPhone X. Letztendlich integrierte Apple die duale Bildstabilisierung aber nur in das iPhone X.

Beim Thema Wireless Charging lag Kuo im Großen und Ganzen richtig: So prognostizierte er schon 2016, dass alle drei neuen iPhones 2017 kabelloses Laden unterstützen werden. Allerdings glaubte er daran, dass Apple nur den teureren Modellen einen Wireless Charger beilegen werde – und lag damit falsch, wie wir heute wissen.

Anfang 2017 teilte Kuo mit, dass Apple an einer Gesichtserkennungstechnologie arbeite, die Touch ID ersetzen solle. Zumindest beim iPhone X war dies bei der Vorstellung mit Face ID der Fall, einen herkömmlichen Fingerabdrucksensor hat das Flaggschiff, im Gegensatz zum iPhone 8 und iPhone 8 Plus, nicht mehr an Bord. Die 3D-Selfies, also die bekannten Animojis auf dem iPhone X, erwähnte Kuo ebenfalls zu einem frühen Zeitpunkt. Er sprach von einer Frontkamera, die in der Lage sein werde, 3D-Tiefeninformationen zu erfassen – und lag damit einmal mehr goldrichtig.

Mit dieser Grafik lag Kuo Monate vor der Vorstellung weitestgehend richtig. (© 2017 KGI Securities)

Teilweise richtig lag Kuo bei den Bildschirmdiagonalen: So sagte er Modelle mit 4,7, 5,5 und 5,8 Zoll korrekt voraus. Bei der angeblichen Funktionsfläche, die das iPhone X im unteren Bildschirmbereich bekommen sollte, lag er jedoch falsch. Das richtige Näschen bewies er jedoch bei der Voraussage des Erscheinungsdatums: So warnte er schon im Mai 2017 vor einem späteren Release und tippte auf Oktober oder sogar November als Veröffentlichungszeitraum. Bekanntlich wurde das iPhone X zwar wie gewohnt im September vorgestellt. Zu kaufen gab es das neue Modell jedoch erst ab dem 3. November. Übrigens: Auch die Apple Watch mit LTE sagte Kuo korrekt voraus.

Nur wenig später, noch Monate vor der Vorstellung, spekulierte Kuo über ein neues MacBook Pro mit Touch ID und OLED-Touchbar. Damit traf der Apple-Experte wieder einmal voll ins Schwarze. Im Vorfeld hatte er vom "bedeutendsten MacBook-Upgrade" gesprochen, was man durchaus so stehen lassen kann.

Während manch Beobachter 2017 mit einem Nachfolger des 2016 eingeführten iPhone SE rechnete, legte sich Kuo im Mai 2016 fest: Nein, zumindest Anfang 2017 werde es kein iPhone SE 2 geben. Als Begründung nannte er damals, dass Apple sein Produkt-Line-up nicht kannibalisieren wolle. Bis heute hat Apple tatsächlich kein iPhone SE 2 vorgestellt, wenngleich die Gerüchteküche den möglichen Nachfolger immer wieder zum Thema macht.

Fazit: Analyst Kuo bewies beim iPhone X im Großen und Ganzen den richtigen Riecher. Relevante Neuerungen – Design, Face ID, OLED und Co. – sagte er allesamt korrekt voraus. Nicht zuletzt dank seiner Prognosen wussten wir bereits lange vor Release, was wir vom iPhone X erwarten konnten.

Prognose Ergebnis
iPhone X bekommt Glasgehäuse und OLED-Bildschirm richtig
Duale Bildstabilisierung für iPhone 8 Plus und iPhone X teilweise falsch
Alle 2017er-iPhones unterstützen Wireless Charging richtig
Teuren 2017er-Modellen liegt Wireless Charger bei falsch
iPhone X bekommt Gesichtserkennung anstatt Fingerabdrucksensor richtig
iPhone 2017 erscheint mit 4,7, 5,5 und 5,8 Zoll richtig
iPhone X bekommt Funktionsfläche im unteren Bildschirmbereich
iPhone X bekommt Frontkamera mit 3D-Tiefenerfassung richtig
iPhone X erscheint erst im Oktober/November richtig
iPhone SE bekommt Anfang 2017 keinen Nachfolger richtig
MacBook Pro 2016 mit Touch ID und OLED-Touchbar richtig
Apple Watch Series 3 kommt mit LTE-Chip richtig

2016: iPhone 7 und iPhone 7 Plus

iPhone 7 Plus
Die Dual-Kamera des iPhone 7 Plus wurde schon Monate vor Release vorhergesagt. (© 2016 TURN ON)

Werfen wir einen Blick zurück auf Kuos Vorhersagen zum iPhone 7 und iPhone 7 Plus. Auch bei den 2016er-Modellen lag der Star-Analyst bei vielen seiner Einschätzungen richtig. Dass nur das iPhone 7 Plus eine Dual-Kamera bekommen werde, wusste Kuo schon im April 2016 – also fast ein halbes Jahr vor der eigentlichen Vorstellung. Sogar fast ein Jahr vor der Präsentation wusste er zu vermelden, dass das Plus-Modell 3 GB Arbeitsspeicher bekommt, während das iPhone 7 nur 2 GB RAM haben soll.

Dennoch trafen nicht all seine Prognosen ins Schwarze: So brachte Kuo ins Gespräch, dass Apple das iPhone 7 Plus in gleich zwei Varianten veröffentlichen könnte, einmal mit und einmal ohne Dual-Kamera. Eine glatte Fehleinschätzung, die er später korrekt revidierte. So legte er sich kurze Zeit später fest, dass es nur ein iPhone 7 Plus, nicht aber ein iPhone 7 Pro geben werde.

Dass das iPhone 7 ein Verkaufsflop werde, dessen war sich Kuo im April 2016 bereits sicher – schließlich werde es kaum Highlight-Features bieten, die die Kunden zum Kauf animieren würden. Das Gegenteil bewiesen die Quartalszahlen, die Apple Anfang 2017 vorstellte: Rund 78 Millionen iPhones verkaufte Apple von Oktober bis Dezember 2016 – mehr als je zuvor. Von einem Flop kann demnach keine Rede sein. Falsch lag der Branchenexperte auch beim virtuellen Home-Button, den er einige Monate vor dem Release für das iPhone 7 voraussagte.  Dass das iPhone 7 wasserdicht werde, sagte Kuo noch kurz vor der Vorstellung jedoch korrekt vorher.

Fazit: Insgesamt bewies Kuo auch beim iPhone 7 sein feines Gespür für kommende Entwicklungen, zwar nicht immer von Anfang an in jedem Detail, doch in der Summe schon. So sagte er sehr früh 3 GB Arbeitsspeicher und die Dual-Kamera voraus. In wirtschaftlicher Hinsicht sollte er sich indes irren, als er einen formidablen Flop für das iPhone 7 vorhersagte. Im Gegenteil: Noch kurz vor der Veröffentlichung des iPhone 8 waren das iPhone 7 und das iPhone 7 Plus laut einer Analyse die weltweit meistverkauften Smartphones.

Prognose Ergebnis
iPhone 7 Plus mit 3 GB RAM, iPhone 7 mit 2 GB RAM richtig
iPhone 7 Plus bekommt Dual-Kamera richtig
iPhone 7 wird Verkaufsflop falsch
iPhone 7 bekommt virtuellen Home-Button falsch
iPhone 7 wird wasserdicht richtig

2016 und 2015: iPhone SE und iPad Pro

Das iPhone SE war bei der Vorstellung keine Überraschung mehr. (© 2017 TURN ON)

Ein iPad mit einem Stylus hätte es unter Steve Jobs wohl nie gegeben – weswegen die Gerüchte rund um ein neues iPad Pro mit Eingabestift stets aufhorchen ließen. Kuo legte sich schon Anfang 2015 – und somit mehr als ein halbes Jahr vor der Enthüllung – auf das erste iPad mit Stylus-Unterstützung fest.

Ein glückliches Händchen bewies Kuo auch bei der Vorhersage des iPhone SE, das 2015 mitunter auch als iPhone 6c gehandelt wurde. Schon im Dezember 2015, Monate vor der Vorstellung, skizzierte er konkret, was vom kompakten Apple-Smartphone zu erwarten sei. Dieses werde ein besseres iPhone 5s und ebenfalls eine Bildschirmdiagonale von nur 4 Zoll besitzen – dabei hatten sich schon zum damaligen Zeitpunkt nahezu alle relevanten Smartphone-Hersteller von dieser kompakten Größe verabschiedet. Dass das iPhone SE den Chipsatz des iPhone 6s bekommen werde, wusste Kuo ebenso schon lange Zeit vor der Vorstellung. Als Release-Termin nannte Kuo damals Anfang 2016, letztendlich ging die Vorstellung am 21. März 2016 über die Bühne.

Prognose Ergebnis
iPad Pro mit Stylus richtig
iPhone SE mit 4 Zoll kommt richtig
iPhone SE bekommt Chipsatz des iPhone 6s richtig
iPhone SE kommt Anfang 2016 richtig

Unser Fazit: Nicht immer ein Volltreffer, aber doch erstaunlich oft

Apple-Analysten liegen wahrlich nicht immer richtig und verbreiten mitunter auch viel Unsinn. Dass muss aber nicht immer unbedingt an fehlerhaften Quellen liegen, sondern kann auch darin begründet sein, dass Hersteller einstige Pläne doch noch in letzter Sekunde über den Haufen werfen. Niemand sollte sich daher blind auf die Prognosen vermeintlicher Experten verlassen.

Doch dieser kurze Überblick zeigt eindrucksvoll, wie oft die Branchenexperten tatsächlich ins Schwarze treffen. Fehlschläge sind selbstredend immer mal wieder dabei, doch zumindest der populäre Apple-Analyst Ming-Chi Kuo hat sein feines Gespür über die Jahre immer und immer bewiesen. Mit dem Hintergrundwissen seiner durchaus beachtlichen Treffsicherheit erscheinen künftige Berichte über Gerüchte und Prognosen vielleicht in einem anderen Licht.

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