Apple hätte über die iPhone-Drosselung reden müssen

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Akku-alle (©picture alliance / dpa Themendienst 2016)
Andreas Müller Hat im vergangenen Jahr so viele Smartphones getestet, dass er einen Orden verdient hätte.

Apple hat sich den Ärger um gedrosselte iPhones selbst eingebrockt. Das Unternehmen hätte den Nutzern offen mitteilen müssen, dass es die Leistung von iPhones mit dem Upgrade auf iOS 10.2.1 und iOS 11.2 reduziert, wenn ihr Akku älter wird.

Die Katze ist aus dem Sack: Apple verlangsamt mit Absicht ältere iPhones. Die Verschwörungstheoretiker, die Apple vorwerfen, Kunden mit der Drosselung zum Kauf neuer iPhone-Modelle nötigen zu wollen, sehen sich bestätigt. Das ist ein Irrtum. Die Drosselung dient im Gegenteil dazu, die Lebensdauer der Geräte zu verlängern. Solche Differenzierungen gehen nun im Aufschrei empörter Kunden unter – und dafür ist Apple selbst verantwortlich.

Es ist kein Bug, es ist ein Feature?

Die euphemistische Wortwahl in Apples offizieller Erklärung treibt die Kunden umso mehr zur Weißglut – und kein Wunder. Ganz nach dem Motto "Es ist kein Bug, es ist ein Feature" schreibt Apple da: "Im vergangenen Jahr haben wir ein Feature für das iPhone 6, iPhone 6s und iPhone SE veröffentlicht, das die plötzlichen Last-Spitzen, wenn es sein muss, ausgleicht, damit das Gerät sich unter diesen Bedingungen nicht unerwartet ausschaltet. Wir haben dieses Feature mit iOS 11.2 nun auf das iPhone 7 ausgeweitet und planen diesen Support in Zukunft auch für andere Geräte."

Drosselung als technische Lösung

Aus rein technischer Sicht lässt sich diese Software-Lösung durchaus verteidigen. Akkus haben irgendwann nicht mehr genügend Kapazität, um plötzliche Last-Spitzen des Prozessors auszuhalten. Dann kann es passieren, dass das iPhone abstürzt (oder sich "ausschaltet", wie Apple das nennt).

Apple reduziert bei Geräten mit einem alten Akku also die Leistung, um den System-Absturz zu vermeiden. Als technische Lösung betrachtet ist das keine so schlechte Idee – aber dass Apple die Drosselung erst jetzt nach jahrelangen verdutzten Berichten von Kunden kommuniziert und dann noch auf eine solche Art, ist ein grober Schnitzer in der Kommunikation.

Akku-Tausch kostet bei Apple viel Geld

Sobald die Nutzer den Akku austauschen lassen, läuft das iPhone zumindest wieder mit voller Leistung. Innerhalb des Garantiezeitraums oder falls sich der Kunde für den kostenpflichtigen AppleCare-Service entschieden hat, baut Apple ohne weitere Kosten einen neuen Akku ein.

Außerhalb des Garantiezeitraums und ohne AppleCare werden allerdings 89 Euro für den Akkutausch fällig – plus Versandgebühr in Höhe von 12,10 Euro. Apple lässt sich den Akkutausch also gut bezahlen und nicht alle Kunden sind sich darüber im Klaren, dass der Akku irgendwann gewechselt werden muss und wann der Tausch ansteht.

Apple traute sich nicht, die Wahrheit zu sagen

Auch ein High-End-Smartphone wie ein iPhone funktioniert also irgendwann nicht mehr richtig und muss für einen Akkutausch zur Reparatur. Es ist Apple offenbar schwergefallen, diese Tatsache offen zu kommunizieren. Zu schwer. Das Unternehmen wollte seinen Kunden die Wahrheit nicht transparent mitteilen, sondern verbarg sie irgendwo in der Anleitung.

Nun bezahlt Apple den Preis dafür. Die ersten Klagen vor Gericht sind nur der Anfang. Der Imageschaden für das Unternehmen, das mit seinen Initiativen für Umweltschutz und Arbeitnehmerrechte stets besonders moralisch auftritt, wiegt ungleich höher.

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