Meinung

Apples iOS-12-Keynote war langweilig – und das ist gut so

Die Präsentation von iOS 12 löste keine Begeisterungsstürme aus – warum das auch besser so ist.
Die Präsentation von iOS 12 löste keine Begeisterungsstürme aus – warum das auch besser so ist. (©dpa 2018)

Die WWDC-2018-Keynote mit der Vorstellung von iOS 12 ist erfolgreich über die Bühne gegangen – doch zugleich war es wohl der langweiligste Apple-Event seit Jahren. Statt Feature-Feuerwerk stehen bei iOS 12 eher Stabilität und Performance im Fokus. Das ist langweilig – aber aktuell die einzig richtige Entscheidung.

Gleich zu Beginn der WWDC 2018 machte Apple-Chef Tim Cook klar: Neue Hardware werde es nicht geben – womit sich alle Hoffnungen auf ein iPhone SE 2 zerschlagen haben. Nicht einmal einen günstigen HomePod der Tochtermarke Beats gönnte uns der iPhone-Hersteller. Ohnehin wurde der HomePod gefühlt mit keiner Silbe auf der Keynote erwähnt. Offenbar genießt der Smart Speaker nach eher durchwachsenen Verkaufszahlen nicht die allerhöchste Priorität der Kalifornier.

iOS 11 hat bewegte Bug-Vergangenheit

Was hingegen für den US-Hersteller ganz oben auf der Agenda steht: Sicherheit, Stabilität und Performance – auch zu Lasten neuer Features. Dass die Verantwortlichen in Cupertino diese Entscheidung getroffen haben, ist richtig, offenbart aber zugleich die Probleme, mit denen Apple in den vergangenen Jahren zu kämpfen hatte – und immer noch hat. Laut einem Bericht des Wall Street Journal musste Apple seit September 2017 satte 67 Bugs mit insgesamt 14 Software-Updates aus der Welt schaffen. Ein Jahr zuvor waren es immerhin "nur" 46 Bugs.

Allein diese Übersicht spricht Bände, weitere Ausführungen erübrigen sich fast. Wirft man einen Blick auf macOS, sieht es beim Mac zwar nicht ganz so schlimm aus. Doch auch dieses Betriebssystem hatte im vergangenen Jahr mit schweren Sicherheitslücken und Schwachstellen zu kämpfen. So war es Dritten zwischenzeitlich theoretisch per Root-Zugang möglich, auf die Systemeinstellungen eines Mac zuzugreifen.

Diese kritische Sicherheitslücke wurde zwar vergleichsweise schnell wieder aus der Welt geschafft. Dennoch musste Apple bei seinen Kunden um Entschuldigung bitten, verbunden mit dem Versprechen an eine bessere Zukunft: "Unsere Kunden verdienen etwas Besseres". Ein sicheres, stabiles Betriebssystem, auf das man sich verlassen kann: Was lange nie überhaupt nur zur Disposition stand, begann seit iOS 10, spätestens seit iOS 11 zu wanken. 

 Besonders iOS 11 hatte mit zahlreichen Bugs zu kämpfen. fullscreen
Besonders iOS 11 hatte mit zahlreichen Bugs zu kämpfen. (©YouTube/EverythingApplePro 2016)

Dieses Feature bekam den größten Beifall auf der WWDC 2018

Das heißt nicht, dass Apple keine neuen Features für iOS 12 geplant hat. Dass aber gruppierte Benachrichtigungen auf der Eröffnungs-Keynote in San Jose am lautesten vom Publikum bejubelt wurden, sagt viel über die Innovationskraft des iOS-11-Nachfolgers aus. Einerseits ist das bessere Verwalten von Benachrichtigungen zweifelsohne eines der sinnvolleren iOS-12-Features. Andererseits ist eine solche Option eigentlich schon lange überfällig gewesen.

Dennoch: Lieber gut dosierte Features, die dann immerhin auch auf Anhieb funktionieren (was sich erst noch zeigen wird), als halbgare Funktionen, die eher stressen als dass sie nützen. Hätte Apple sich nicht für die neue Strategie entschieden, wäre das Projekt Universal-Apps wohl schon in diesem Jahr an den Start gegangen. So aber lässt sich der US-Hersteller mit den plattformübergreifenden Apps für iOS und macOS Zeit, portiert stattdessen in der ersten Phase einige wenige iPhone-Apps für den Mac. Erst in 2019 sollen Entwickler von Drittanbieter-Apps ebenso die Möglichkeit bekommen, iPhone-Apps mit wenigen Handgriffen fit für das Mac-System zu machen.

 iOS 12 hat zwar nicht die ganz großen Neuerungen, sinnvolle Verbesserungen gibt es dennoch. fullscreen
iOS 12 hat zwar nicht die ganz großen Neuerungen, sinnvolle Verbesserungen gibt es dennoch. (©YouTube/EverythingApplePro 2018)

Innovation und Stabilität: Das Entweder-oder

Gleichwohl verstehe ich alle Nutzer, denen das, was auf der WWDC 2018 in puncto iOS 12 gezeigt wurde, schlichtweg zu wenig ist. Denn: Bei Apple handelt es sich bekanntlich nicht um ein kleines Start-up, das gerade erst versucht, in den Markt zu dringen. Bei Apple handelt es sich, gemessen am Börsenwert, immer noch um das größte Unternehmen der Welt – mit einem riesigen Barvermögen von mehr als 250 Milliarden US-Dollar (Mai 2018). Dass ausgerechnet diese Firma es nicht schafft, neue Features bei gleichzeitig hoher Stabilität für sein wichtigstes Produkt zu erreichen, ist für mich nur schwer vorstellbar. Wenn schon nicht Apple, wer dann?

Die ganze Geschichte von Apple gründet auf das perfekte Zusammenspiel von Hard- und Software – und ausgerechnet hier leistete sich Apple in jüngerer Vergangenheit deutliche Schwächen. Dabei will ich gar nichts beschönigen: Auch unter Steve Jobs war nicht alles perfekt, man erinnere sich nur an die missglückte Einführung von Apple Karten. Doch die Frequenz, mit der der US-Konzern heute Bugfix für Bugfix veröffentlicht, wäre früher undenkbar gewesen. Heute hat man sich fast dran gewöhnt. Dass Apple jetzt die Reißleine zieht, ist wohl nicht aus freien Stücken. Stattdessen wirkt Apple wie ein Getriebener, der die Fäden nicht mehr allein in den Händen hält.

Dennoch: Man mag es bedauern, dass Apple entweder nur das Eine (Stabilität und Performance) oder das Andere (neue und innovative Features) gewährleisten kann. Aber solange der iPhone-Hersteller beide Bereiche nicht vereinen kann, ist eine langweilige iOS-12-Keynote allemal besser, als weiter volle Fahrt voraus gegen die Leitplanke zu rauschen. Und so richtig schlecht sind die neuen Funktionen ja auch nicht: Das Gruppieren von Benachrichtigungen ist ebenso hilfreich wie der neue "Nicht stören"-Modus. Auch Verbesserungen im Bereich der Augmented Reality sind wichtig und notwendig.

Universal-Apps: Das große Projekt für 2019

 Eine Verschmelzung von iOS und macOS wird es zwar nicht geben, dafür in 2019 Universal-Apps für beide Plattformen. fullscreen
Eine Verschmelzung von iOS und macOS wird es zwar nicht geben, dafür in 2019 Universal-Apps für beide Plattformen. (©Apple 2018)

Sollte Apple zum Release im Herbst tatsächlich ein iOS 12 zum Download veröffentlichen, das weitestgehend ohne Bugs und andere Probleme daherkommt, wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung getan. Und zumindest hat man mit den Cross-Plattform-Apps ein großes Projekt für das kommende Jahr auf der Agenda, von dem vor allem macOS profitieren wird – und somit die Nutzer des Mac-Systems. In macOS Mojave wird es zwar zunächst nur einen überarbeiteten App Store geben.

Doch schon 2019 könnte die App-Auswahl durch die leichtere Umsetzung von iPhone-Apps für den Mac deutlich erhöht werden. Kurzum: Die WWDC-2018-Keynote war sicher nicht das, was man geheimhin als Innovations-Feuerwerk bezeichnen würde. Und ja, vielleicht mag sie für den geneigten Zuschauer auch langweilig gewesen sein. Aber manchmal ist langweilig einfach der richtige Weg.

In 2019 kann das schon wieder ganz anders aussehen. Wichtig ist, dass die Aussage "Unsere Kunden verdienen etwas Besseres" nicht nur eine Worthülse gewesen ist, sondern auch gelebt wird. Mit iOS 12 wurde der Grundstein für ein besseres iOS gelegt. Doch das kann nur der Anfang sein.

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