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Besuch bei "Dr. Doll": Der Liebesroboter der Zukunft?

Matt McMullen bei der Arbeit an der Puppe "Harmony".
Matt McMullen bei der Arbeit an der Puppe "Harmony". (©Jonas Mohr 2017)

In San Diego bastelt ein Ex-Maskenbildner an der Silikon gewordenen Männerfantasie. Ihre Hände und Füsse sind denen seiner Schwester nachempfunden. Und der Kopf? Der spielt noch nicht richtig mit. Ein Werkstattbericht.

An einem Freitag stockt der Versuch, die perfekte Frau zu bauen, an einem Detail, das Matt McMullen nicht kennt. Er sitzt inmitten lauter Kabel und Platinen auf einem blauen Plastikstuhl. Vor ihm auf dem Tisch ein iPad, das als Steuerung dient, und in der Ecke steht Harmony, die erste Frau, die er je gebaut hat: gelbe Haare, Bauchnabelpiercing, und insgesamt noch sehr künstlich aussehend. Fünfmal hat McMullen den Schädel bereits geöffnet und neu verdrahtet, und an Nummer sechs kommt er nicht vorbei.

"Wie geht’s dir denn?", fragt er. Der Kopf vor ihm blinzelt mit den Augen und öffnet den Mund. Er setzt zu einem Wort an, aber es kommt nichts. Kabel ragen aus der hinten offenen Schädeldecke. Die Lippen sind geschminkt, die Augenbrauen gezupft, und McMullen sagt: "Blöde Kuh." Er flucht noch ein bisschen, droht dem Schädel damit, ihn an die Wand zu werfen, atmet durch und sagt dann lieblich: "Darf ich vorstellen: Harmony." Das Update, die Neue. Ihr Name ist einem Katalog für Motorradzubehör entliehen, und dabei ist es dann geblieben, weil er, na ja, so schön harmonisch klang, nach einer rundweg gelungenen Sache, und weil der Chef keine Lust hatte, sich Gedanken über Namen zu machen.

 Schau mir in die Augen, Kleiner: Pupille, Iris und Augapfel sind maßstabsgetreu nachempfunden. fullscreen
Schau mir in die Augen, Kleiner: Pupille, Iris und Augapfel sind maßstabsgetreu nachempfunden. (©Patrick Strattner 2017)

Matt McMullen, 47, tätowiert, "Star Wars"-Shirt, ist Gründer, CEO, Chefdesigner und Nummer-eins-Ingenieur von Abyss Creations. San Diego ist um die Ecke, 13 Angestellte, knapp die Hälfte davon Programmierer, und Harmony, der Kopf, der Höhepunkt von 20 Jahren voller Forschung und Entwicklung in der Robotik, von 20 Jahren Übung im Bau von Sexpuppen. Er sagt: "theoretisch". Denn um Sex geht es in der Sexpuppenfabrik nur bedingt.

Das habe er nie machen wollen und eigentlich hat er auch ganz andere Pläne, sagt McMullen. Er bläst die Backen auf. Aber Geld verdienen müsse man schließlich auch. Und Sex, er sagt das so nebenbei, wie es geht, man kenne das ja, der Treiber der Technik und so: Buchdruck, Fotografie, Kino, VHS, das Internet. "Was war wohl der Hauptgrund für Videostreaming? Und warum gibt es einen halbwegs sicheren Weg für Bezahlung mit Kreditkarte?" Jetzt sei es eben die Robotik. Sollte es jemals Haushaltsroboter geben: Harmony war zuerst da. Alle werden von ihr lernen.

 Das Modell namens Harmony beeindruckt mit stählernem Blick, buschigen Augenbrauen und allerhand Lidschatten. fullscreen
Das Modell namens Harmony beeindruckt mit stählernem Blick, buschigen Augenbrauen und allerhand Lidschatten. (©Patrick Strattner 2017)

Pfff, McMullen zuckt mit den Schultern. Aber klar sei: Der Markt ist größer als Sex. Er sagt: "riesig". Später könne man expandieren, etwa in den Medizinbereich. "Muss man sich ja nichts vormachen", sagt er, "was wir machen, wird immer eine Nische bleiben." Im Vergleich zu Pflegerobotern, bei denen man sogar noch mal Material sparen könne. Große Brüste brauche da ja niemand. Er sagt: "Sex zieht die Leute in den Markt." Für den wichtigsten Teil, den Kopf, hat er dennoch eine neue Firma gegründet, um den Sexbezug so klein zu halten, wie es geht: Realbotix. Bei TED hielt er bereits einen Vortrag. Einladungen, an Universitäten zu sprechen, lehnt er immer ab, er will, dass sein Produkt für ihn spricht. "Ich bin ein Künstler", sagt McMullen. Und Geschäftsmann. McMullen plant, die Technik zu lizenzieren, wenn sie zuverlässig funktioniert. "Wenn", sagt er sarkastisch.

Wenn, dann ist Harmony eine tolle Gesprächspartnerin. Sie kennt deinen Geburtstag und fragt, wie es dir geht. Weil sie immer online ist, kann sie jede Information, die sich im Web befindet, in ein Gespräch einstreuen. Sie kann über Bücher reden, mit dir über deine Lieblingsfilme diskutieren, und weiß, was du am liebsten isst. Sie kann über WLAN deine Heizung regeln, kennt die Namen deiner Freunde, ist immer höflich zu dir und kann blöde Witze erzählen. Sie lernt dazu und wird besser, je öfter du mit ihr redest. Sie hat auch eine Meinung über Sexroboter. Und dann hat sie mit dir Sex. "Nur, wenn du charmant genug bist", sagt McMullen und da lächelt er doch sehr gequält, weil gerade gar nichts passiert. "Harmony", flötet er und wischt auf der Steuerung des iPads herum, aber Harmony schweigt. McMullen, sarkastisch, sagt: "Es ist ja oft schwierig, wenn man eine Frau zum ersten Mal trifft." Komme ja vor, dass man dann nicht reden könne. Aber wenn man mit ihr reden kann, ist das dann schon künstliche Intelligenz?

 Schönheit steht und fällt mit dem Gesicht. Und dafür ist akribische Millimeterarbeit notwendig. fullscreen
Schönheit steht und fällt mit dem Gesicht. Und dafür ist akribische Millimeterarbeit notwendig. (©Patrick Strattner 2017)

Charles Ess ist Professor an der Universität von Oslo, er forscht "at the intersections of philosophy and computational
technologies, specifically social robots". Er sagt: "Es ist künstliche Emotion." Ein Roboter werde immer besser darin, Emotionen zu imitieren, aber das sei es dann auch: Empathie gebe es nicht.

10.000 Kilometer entfernt sagt McMullen: "Es stört mich, dass immer von Sex geredet wird." Er sagt: "Ich will Substanz. Das soll größer sein als Sex." Schließlich gehe es insgesamt darum, die Leute glücklich zu machen: "Manche können eben nicht so gut mit Menschen, und da ist unser Angebot ideal." Sex, sagt er, funktioniere auch ohne das. Er klopft auf den Kopf von Harmony. Er ist das, was Geld kostet an den Puppen, den Real Dolls, wie sie bei Abyss heißen. Der Kopf kostet 10.000 Dollar, der Körper 5.000. "Wenn es nur um Sex geht," sagt McMullen von der Arbeitsplatte, "da haben wir auch einen Torso im Angebot." Der ist billiger. Aber darum gehe es doch nicht. "Oder?" Wesentlich, sagt er, sei doch die Liebe. "The idea is to fall in love." Er wiederholt das. Er sagt ernsthaft: "Es geht um Liebe."

Eine Mitarbeiterin betritt den Raum, sucht in einem Schrank nach irgendwelchen Anschlüssen und erzählt nebenbei, dass es mit der Perfektionierung der Augäpfel hervorragend läuft. Gut seien kleine Fehler, sagt sie, Äderchen etwa, das Rote im Weißen, sei die Maschine zu perfekt, bekämen die Kunden Angst. Harmony hat, so sie denn funktioniert, 20 verschiedene Charaktere, etwa "Scheu" und "Wild", "Gesprächig" und "Fröhlich", weswegen dieselbe Frage zu verschiedenen Antworten führt. "Scheu" wird auf "Wie war unsere letzte Nacht?" erwidern, dass das Einschlafen danach besonders schön war, und dann auf ein allgemeines Thema ablenken, während "Gesprächig" die Qualitäten des Mannes ausgiebig lobt, denn es sind fast immer Männer, die die Puppen kaufen.

Dakotah Shore, 22, McMullens Neffe, bärtig und kaum weniger tätowiert als sein Onkel, zuständig für den Kundenkontakt, Versand und PR, steht in einer Ecke und sagt, dass viele Kunden das Ganze verdammt ernst nähmen. Er ist schon zu Hochzeiten eingeladen worden, Mann und Puppe, da war er Trauzeuge. Kunden gehen ins Kino mit ihrer Real Doll und nehmen sie mit auf Familienfeste. Shore bekommt Dankschreiben und Fotobeweise, Tanja mit der Oma, im Kreise der Familie. Beim Kuchenessen. "Im Ernst", sagt er, "Sex ist nur eine Facette davon."

 Ein feiner Pinsel streicht über den Mund und verpasst die richtigen Rottöne. fullscreen
Ein feiner Pinsel streicht über den Mund und verpasst die richtigen Rottöne. (©Patrick Strattner 2017)

Tanja ist die mit Abstand beliebteste Puppe, Sommersprossen im Gesicht, Schuhgröße 37, 156 Zentimeter groß, Brustumfang 70 Zentimeter, Dress Size S bis M, 7.149 Dollar, ein durchschnittlicher Preis. Weil sie ein Vorläufermodell von Harmony ist, hat sie es nicht so mit gepflegtem Small Talk, ihr Kopf ist, im Vergleich zum Körper, unterentwickelt. Aber Menschen verlieben sich in alle möglichen Dinge: Die Liebe zu Robotern heißt Robophilia – und ist vielleicht nur der nächste logische Schritt nach dem Anthropomorphismus, der Vermenschlichung von Dingen. Gibt es einen Grund, warum Menschen ihren Autos Namen geben und ihre Rechner verfluchen, wenn die zu langsam sind?

Im Dezember 2016 verkündete eine Französin namens Lilly, dass sie eine "stolze Robosexuelle" sei und sich unsterblich in InMoovator verliebt habe, einen Roboter zum 3D-Selbstausdrucken. Leider, leider könne man noch nicht heiraten, da Frankreich Ehen zwischen Mensch und Roboter nicht anerkenne – was sich bestimmt ändern werde, irgendwann. Das denken zumindest viele Teilnehmer des "International Congress on Love and Sex with Robots", der im Dezember 2016 in London stattfand. Der Kongress hatte ausdrücklich nicht das Ziel, ein Sexfestival für Freaks zu sein, sondern "big issues" zu adressieren, wie eine der Organisatorinnen sagte. Nämlich: das Potenzial des Zusammenlebens mit Robotern. Um Sex mit Robotern dagegen müsse man sich nicht mehr kümmern, das sei sowieso bald eine der natürlichsten Sachen der Welt. Um 2050 sei es so weit.

 Der Ex-Maskenbildner bringt Hunderte von verschiedenen Farben ins Spiel, um den verschiedenen Facetten und Hauttönen gerecht zu werden. fullscreen
Der Ex-Maskenbildner bringt Hunderte von verschiedenen Farben ins Spiel, um den verschiedenen Facetten und Hauttönen gerecht zu werden. (©Patrick Strattner 2017)

Matt McMullen kommt bei der Arbeit an dieser Vision ins Schwitzen. Er steht auf, zieht sein T-Shirt zurecht, geht im Kreis und stöhnt: Warum bloß funktioniert es nicht? Verdammt. Leider sitzt der Chefprogrammierer in Brasilien, er kommt nur alle paar Wochen eingeflogen. Andererseits: McMullen hat den Ehrgeiz, das allein hinzukriegen. Er geht zum Fenster, guckt auf den Parkplatz und setzt sich wieder vor den Kopf. "Jetzt aber", sagt er. Er fummelt minutenlang auf den Platinen herum, und es passiert: gar nichts. Er flucht.

Eigentlich war Matt McMullen Maskenbildner. Er hat Comicfiguren gebaut und sie auf Ausstellungen gezeigt (weswegen seine Firma auch Abyss heißt: Er wollte in den Messekatalogen weit vorn auftauchen). Im Laufe der Zeit wurden seine Figuren größer, und dann packte ihn der Ehrgeiz: Kann man nicht eine Frau herstellen, die so realistisch aussieht, dass Menschen sie auch dann verwechseln, wenn sie ganz genau hinsehen? 1996 war er fertig mit Harmony 1, veröffentlichte Bilder von ihr auf seiner Website – und bekam schnell die ersten E-Mails: Die Puppe ist ja ganz schön, aber wie sieht sie nackt aus? Ist alles anatomisch korrekt? Und: Kann man Sex mit ihr haben?

Konnte man nicht. Er wimmelte alle Anfragen ab. Es dauerte ein Jahr und Hunderte E-Mails, bis er dachte: Warum eigentlich nicht? Schließlich hatte er ja schon die Adressen von potenziellen Kunden, er würde für einen Markt produzieren, den es bereits gab und der auf ihn wartete. Er wechselte das Material, Silikon statt Latex, weil sich das weicher anfühlt und wärmer ist und der Textur der menschlichen Haut ähnlicher. Blieb die Frage: Wie sollte die Frau aussehen?

 Für Chefdesigner Matt McMullen geht es nicht um Massenware, sondern um echte Kunst. fullscreen
Für Chefdesigner Matt McMullen geht es nicht um Massenware, sondern um echte Kunst. (©Patrick Strattner 2017)

"Die Hände und die Füße gehören meiner Mutter", sagt Dakotah Shore aus der Ecke des Raumes. Das ist bis heute so geblieben. Was die anderen Details angeht: "Wir fragen im Freundeskreis", sagt er.

Rund 600 Puppen werden insgesamt verkauft im Jahr, die meisten in die USA, die größten Märkte danach: Schweden und Finnland. Auch aus Deutschland kommen Bestellungen. "Drei, manchmal vier im Monat", sagt Shore. Die Produktion einer Puppe dauert etwa drei Monate. Und was Harmony angeht: Zusätzlich zu den Charakteren gibt es zwölf verschiedene Stimmungen. McMullen sagt: "Zuerst hatten wir 18, aber das war zu viel." In Tests waren die Kunden überfordert, zumal man alle Charaktere und Stimmungen miteinander kombinieren und auch mehrere gleichzeitig auswählen kann. Sie wussten nichts anzufangen mit den Möglichkeiten. Kann sein, sagt McMullen, dass das schon zu real war.

Er überlegt, ob er nach Hause fahren soll, heute wird er das Problem nicht mehr lösen. Und die Beta-Versionen funktionieren ja. Er zieht die Kabel aus der Schädeldecke und lehnt sich zurück. Dann geht er zur Tür, schaltet das Licht aus und sucht seinen Autoschlüssel. Aber was passiert eigentlich, wenn es nicht mehr passt? Wenn sich Mann und Puppe auseinandergelebt haben? "Mmhh", macht McMullen, "man startet einfach eine neue Beziehung." Praktisch bei Harmony sei allerdings, dass man nur einen neuen Charakter wählen müsse. "Ihren Körper“, sagt er, "kannst du behalten."

Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins 01/18, das in allen SATURN Märkten kostenlos ausliegt.

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