Meinung

"Black Mirror"-Dystopie: Werden Eltern zu privaten Überwachern?

Jetzt wird es persönlich: Die Science-Fiction-Serie "Black Mirror" spielt mit den großen Ängsten, die mit der steten Technologisierung unserer Gesellschaft einhergehen. In der Episode "Arkangel" aus der aktuellen Staffel wird die Paranoia jedoch auf ein neues Level erhoben: Der Nachwuchs erhält ein Hirnimplantat zur Überwachung. Totaler Humbug, eine realistische Zukunftsvision oder etwas von beidem? Wir gehen auf Spurensuche.

Spoiler-Warnung
Achtung, dieser Artikel enthält viele Hinweise zur Story der "Black Mirror"-Folge "Arkangel" (Staffel 4, Folge 2.)

Elternmonitor ist schon in greifbarer Nähe

In "Arkangel" wird eine der größten Ängste von Eltern überhaupt thematisiert, nämlich sein Kind zu verlieren. Aus diesem Grund lässt Mutter und Hauptfigur Marie ihrer erst dreijährigen Tochter Sara ein neurales Implantat namens Arkangel einsetzen. Das ermöglicht es der Mutter, ihr Kind über ein zugehöriges Tablet ständig zu überwachen. Gerade die Tatsache, dass die Folge in einem typischen suburbanen US-Vorort spielt, wie er wohl in ganz Amerika zu finden ist, macht die Episode ziemlich realistisch. Doch ist die Technologie tatsächlich schon so weit?

In vielen Aspekten schon! So gibt es eine große Nachfrage nach GPS-Trackern wie beispielsweise Magpie, die, am Schulranzen angehängt, die Eltern über die zugehörige App über den Aufenthaltsort des Kindes informieren. Und damit nicht genug: Es lässt sich sogar eine Sicherheitszone – etwa der Bereich von der Schule nach Hause – einrichten. Verlässt der Tracker diesen Bereich, schlägt Magpie Alarm. Auch das Implantat von Sara aus der "Black Mirror"-Folge "Arkangel" besitzt natürlich eine Trackingfunktion, die ihre Mutter auch sogleich aktiviert, als ihre Tochter nicht zur verabredeten Zeit zu Hause erscheint.

Kinder-Smartwatches als Abhörgeräte

Weitaus gruseliger ist jedoch, dass Marie das Gleiche sehen und hören kann wie ihre Tochter. Auf diese Weise Zugang in das Nervensystem eines anderen Menschen zu haben, liegt zum Glück noch in weiter Ferne. Doch Kinder-Smartwatches mit Abhörfunktion, die auf Knopfdruck – und ohne das Wissen des Kindes – das Umfeld aufzeichnen, gibt es bereits. Zumindest in Deutschland sind Geräte mit solchen Funktionen jedoch vor Kurzem verboten worden.

 Neurale Implantate könnten die Kindererziehung revolutionieren. fullscreen
Neurale Implantate könnten die Kindererziehung revolutionieren. (©Christos Kalohoridis / Netflix 2017)

Neben der Sicherheit ist für Eltern natürlich auch die Gesundheit ihres Schützlings ein Aspekt. Serien-Mama Marie hat alle Vitalzeichen ihrer Tochter Sara über ihr Tablet rund um die Uhr im Blick – auch Fitness-Tracker und Smartwatches können bereits umfangreiche Daten zu Blutdruck und Co. liefern. Spezifische Werte aus Blut und anderen Körperflüssigkeiten fern vom Arzt zu ermitteln, liegt allerdings noch in weiter Ferne. Doch befinden sich schon sogenannte Schweiß-Tracker in Entwicklung, die Vitalwerte vom Handgelenk aus liefern können sollen.

Wie sinnvoll ist das Ausblenden von Gewalt?

Die Überwachung des Nachwuchses auf Schritt und Tritt und Herz und Nieren ist ohne Zweifel bedenklich. Doch die für "Black Mirror" ersonnene Technologie Arkangel besitzt noch zusätzliche Kontrollfunktionen, die Kinder tatsächlich in ihrer Entwicklung einschränken könnten.

So lässt sich aus dem Sichtbereich des Kindes alles ausblenden, was den Cortisolspiegel ansteigen lässt – also Stress verursacht. Das klingt vielleicht grundsätzlich gut, doch Marie ist erst mal skeptisch. Allerdings nutzt die besorgte Mutter die Funktion schon nach kurzer Zeit exzessiv.

So wird der immerzu aggressiv bellende Nachbarshund geblurrt bzw. verpixelt und Gewalt und Sex im Netz ausgeblendet. Und als der Großvater einen Herzanfall bekommt, kann ihn seine junge Enkelin auf einmal nicht mehr sehen, weil er schlichtweg aus ihrem Sichtfeld verschwindet und zu einem Pixelbrei wird.

Mit zunehmenden Alter bringt das immer mehr Probleme mit sich. Nicht nur, dass Sara von ihrer "geblurrten" Umwelt verunsichert ist, sie kann keine Erfahrungen mit Angst und Gefahr machen. Als sie aus Verzweiflung beginnt, sich selbst zu verstümmeln, landet der Elternmonitor schließlich auf dem Speicher.

Überwachung bis ins Erwachsenenalter?

Tracking-Gadgets für Kinder gibt es noch nicht lange genug, um diese Frage schlüssig beantworten zu können. Aber "Black Mirror" stellt zurecht trotzdem: Wann ist Schluss mit der Überwachung? Gerade im Teenageralter werden manche Menschen unberechenbar und wollen ihre Grenzen austesten. Und welche Mutter oder welcher Vater könnte schon der Versuchung widerstehen, wirklich sehen zu können, wo sich Tochter oder Sohn herumtreibt?

 Besorgte Eltern können dank Technik ihre Kinder immer im Blick haben. fullscreen
Besorgte Eltern können dank Technik ihre Kinder immer im Blick haben. (©Christos Kalohoridis / Netflix 2018)

Es wäre nur menschlich, in diesem Fall die Technologie zu nutzen, die einem ohnehin zur Verfügung steht. Aber die Grenzen zwischen echter Sorge und zwanghafter Kontrolle verschwimmen schnell. Müssen die Heranwachsenden nicht auch eigene Erfahrungen machen dürfen? Konflikte zwischen den Generationen sind mit den neuen Techniken zur Überwachung und Kontrolle schon jetzt vorprogrammiert.

In der "Black Mirror"-Folge übersteht Arkangel nicht mal die Testphase. Bezeichnenderweise wurde das neurale Monitoring in der Fiktion zuallererst in Europa verboten. Das gibt einem einen kleinen Trost und gleichzeitig einen Wunsch für die Zukunft: dass sowohl die Sicherheit als auch die Persönlichkeitsrechte von Kindern auch in Zeiten von Bedrohungen gewahrt werden können.

Artikel-Themen
close
Bitte Suchbegriff eingeben
close
TURN ON Logo

Deine Meinung ist uns wichtig!

Wir wollen TURN ON weiter verbessern und möchten wissen, was du als Leser über TURN ON denkst. Nimm dir fünf Minuten Zeit und nimm an unserer Umfrage teil. Hilf uns, uns noch weiter zu verbessern.

Teilnehmen