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Das Lightning-Kabel: Ein Plädoyer für den Apple-Anschluss

Hat die letzte Stunde des Lightning-Kabels bald geschlagen?
Hat die letzte Stunde des Lightning-Kabels bald geschlagen?

Mobile Geräte wie Handys, Tablets, Laptops und E-Reader werden in Zukunft wohl denselben Ladestecker verwenden müssen. Vielleicht bedeutet dies das Ende von Apples Lightning-Kabel sowie den Umstieg auf USB-C oder kabelloses Laden. Das entsprechende EU-Gesetz könnte am Ende jedoch für mehr Elektroschrott sorgen.

Zunächst klingt es nach einer umweltschonenden und verbraucherfreundlichen Idee: Statt verschiedener Ladeanschlüsse wie Micro-USB, USB-C und Apples Lightning-Kabel soll es nur noch einen Anschluss und somit auch nur noch eine Art von Kabel geben. Das EU-Parlament fordert die EU-Kommission aktuell dazu auf, eine entsprechende Pflicht für die gesamte Europäische Union einzuführen. Und die Kommission wird dem Antrag wahrscheinlich in Form eines Gesetzes nachkommen.

Das Gesetz könnte aufgrund der Bedeutung des europäischen Marktes sogar zu einer weltweiten Vereinheitlichung der Anschlüsse und Kabel führen. Das EU-Parlament erhofft sich davon, dass die Konsumenten bequemer an hochwertigere und günstigere Kabel gelangen und vor allem, dass der Elektroschrott reduziert wird.

Alleine die alten Ladegeräte sollen jährlich 51.000 Tonnen an Elektroschrott ausmachen, so das EU-Parlament. Das klingt vielleicht nach viel, allerdings wurden in Europa alleine im Jahr 2016 12,3 Millionen Tonnen Elektroschrott produziert, wie der E-waste Monitor 2017 der UNO laut dem Spiegel ergeben hat. Weltweit ist die Zunahme an Elektroschrott übrigens keine rein schlechte Nachricht, denn den Großteil nehmen Heiz- und Kühlgeräte ein. Zum Glück kommen zunehmend auch arme Nationen in den Genuss von Kühlschränken und Klimaanlagen, die etwa in Afrika dringend benötigt werden.

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Der Elektroschrott besteht längst nicht nur aus Kabeln und Ladegeräten.

Verhindert das EU-Gesetz Innovationen?

Apple hatte sich gegen den EU-Vorstoß ausgesprochen, da eine Anschluss-Vereinheitlichung Innovationen bremsen dürfte. Die Apple-Kunden würden zudem ihre überflüssig gewordenen Lightning-Kabel und ihr Zubehör irgendwann wegwerfen, wenn sie nicht mehr mit neuen Geräten kompatibel sind. Das führe zu mehr Elektroschrott. Schließlich wurden bereits eine Milliarde Apple-Geräte mit einem Lightning-Port ausgeliefert, abgesehen von unzähligem Zubehör wie Adaptern und Kopfhörern.

Das Argument mit der gebremsten Innovation klingt plausibler, wenn man sich die Geschichte des Lightning-Standards ansieht. Der Vorsitzende des Standardisierungsgremiums USB-IF, Brad Saunders, hatte im Gespräch mit der c't (via heise.de) nämlich zugegeben, dass Apple nur aus einem Grund Lightning überhaupt erst entwickeln musste: Das Gremium sei "zu träge" gewesen (tatsächlich lässt sich "too lazy" auch mit "zu faul" übersetzen), also sind Apples Ingenieure eingesprungen. Lightning ist verdrehsicher, verträgt höhere Ströme und Spannung als ältere USB-Stecker, überträgt Daten schneller und ist viel kleiner.

Das erste iPhone mit einem Lightning-Anschluss, das iPhone 5, kam bereits im Herbst 2012 auf den Markt. Derweil wurde erst im Sommer 2014 die Spezifikation von USB-C verabschiedet, das ähnliche Vorteile bietet wie Lightning. Dass ein einheitlicher Standard also zukünftige innovative Lösungen wie einst Lightning verzögern oder verhindern könnte, ist durchaus möglich – und nicht nur etwas, das Apple aus Eigeninteresse behauptet.

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USB-C (hier der Port am OnePlus 7) konnte erst Jahre später zur Lightning-Technik aufschließen.

Vielleicht wird Wireless Charging der Standard – wenn wir Pech haben

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Und tatsächlich wäre es denkbar, dass Apple seinen Lightning-Anschluss am Ende behalten kann. Schließlich gibt es eine Alternative zu USB-C als potenziell universelle Option, mobile Geräte zu laden: Wireless Charging. Jedes Gerät ließe sich auf derselben Ladematte mit Strom versorgen. Apple könnte dann zusätzlich das Lightning-Kabel verbauen, Android-Handy-Macher einen USB-C-Anschluss und E-Reader-Anbieter Micro-USB-2.0. Es muss nur möglich sein, die Geräte auch kabellos zu laden.

Kabelloses Laden hat jedoch eine Reihe von Nachteilen. So ist es weniger effizient als das Laden mit Kabel und daher wird mehr Strom verbraucht. Sofern nicht der gesamte Strom CO2-frei erzeugt ist, würde das dem Klimaschutz entgegenlaufen. Außerdem kann Wireless Charging die Lebenszeit eines Akkus beeinträchtigen, falls beim Laden über 30 Grad Celsius Hitze erzeugt werden. Das ist noch häufig der Fall und bedeutet, dass einige Verbraucher ihre Handys früher gegen Neue austauschen würden. Allerdings gibt es immer mehr gekühlte Ladepads, die diesem Problem entgegenwirken.

Wireless Charging verbraucht mehr Strom als das Aufladen via Kabel.

Die Organisation Sustainably Smart weist darauf hin, dass die Kabel gar nicht das große Problem seien. Vielmehr seien die Netzteile eine viel gewichtigere Ursache für Elektroschrott. Sie schlägt daher vor, den Anschluss an die Stecker zu standardisieren – und dass Smartphones zukünftig ohne Netzteile ausgeliefert werden sollten.

Schnelleres Laden bedeutet neue Netzteile

Ein Verzicht auf mitgelieferte Netzteile zeichnet sich allerdings nicht ab. Stattdessen können Smartphones immer schneller geladen werden, weshalb auch immer wieder neue Netzteile entwickelt werden müssen. Dasselbe Prinzip gilt für das kabellose Laden, das für stetig neue, schneller ladende Pads sorgt.

Zu den schnellsten Lösungen für das Laden via Kabel zählt aktuell Oppos SuperVOOC 2.0, das Smartphones mit 65-Watt-Netzteilen mit Saft versorgt. Zum Vergleich: Das Galaxy Note 9 aus dem Jahr 2018 wird noch mit einem 15-Watt-Netzteil aufgeladen.

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Neue Schnelllade-Technologien wie Oppos SuperVOOC 2.0 erfordern auch neue Netzteile.

Der Hersteller Vivo hat eine Technologie für das Aufladen mit 120 Watt angekündigt, wie The Verge schreibt, wobei es noch keine Geräte dafür gibt. Derweil soll das Oppo Find X2, das am 22. Februar vorgestellt wird, angeblich Wireless Charging mit 50 Watt ermöglichen, wie MSPoweruser notiert. Aktuell funktioniert das noch mit bis zu 15 Watt. So oder so werden also ständig neue Netzteile hergestellt. Wie sollte man dem Einhalt gebieten, ohne Verbot von Innovation, von Erfindungen, von immer besseren Produkten?

Fazit: Es ist komplizierter, als es scheint

Innovationen führen zu stärkeren Produkten – aber auch zu mehr Elektroschrott, sobald diese wieder überholt sind. Es gibt keine Patentlösung, um Elektroschrott zu vermeiden – und EU-Regulierungen sind auch keine.

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Mein Gaming-Headset Steelseries Arctis 7 lade ich mit einen alten Micro-USB-Kabeln auf.

Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass gerade der Umstand, dass Micro-USB und USB-C noch beide eingesetzt werden, meinen eigenen Anteil am Elektroschrott auf ein Minimum reduziert. Ich lade meinen Kindle, meine kabellosen In-Ears und mein Gaming-Headet mit meinen alten Micro-USB-Kabeln und Handy-Netzteilen auf. Das Galaxy Note 9 und mein Galaxy Tab S4 kommen derweil in den Genuss der neueren 15-Watt-Netzteile und USB-C-Kabel.

Ich glaube, ich habe noch kein einziges Netzteil oder Kabel weggeworfen. Das könnte sich ändern, sobald nur noch USB-C zum Einsatz kommt. Und es dürfte nicht nur mir so gehen. Die EU wird sich genau überlegen müssen, wie sie die Entwicklung neuer Ladetechniken und -Geräte mit einem einheitlichen Standard vereinbaren möchte. Und wie sie nicht versehentlich für noch mehr Elektroschrott sorgt, statt ihn zu reduzieren.

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