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Das Surface Duo ist die Zukunft – nicht das Galaxy Fold

Das Surface Duo ist praktischer als das Galaxy Fold.
Das Surface Duo ist praktischer als das Galaxy Fold.

Die Präsentation des Surface Phone alias Surface Duo war eine große Überraschung. In Zeiten faltbarer Smartphones wie dem Galaxy Fold stellt Microsoft ein Handy mit zwei Displays als die Zukunft vor. Und Dual-Screen-Geräte wie das Surface Duo könnten die faltbaren Smartphones tatsächlich hinter sich lassen.

Die Achillesferse der faltbaren Handys

Das faltbare Smartphone Samsung Galaxy Fold ist nach einer leidgeprüften Geschichte endlich im Handel verfügbar. Obwohl es dem Hersteller gelungen ist, einige Aspekte des Handys zu verbessern, bleibt der faltbare Bildschirm eine Schwachstelle. Ein zu fester Druck mit dem Finger oder eingedrungener Staub genügen bereits, um den Screen zu beschädigen. Der Tester JerryRigEverything nannte das Galaxy Fold deshalb einen "2.000 Euro teuren Kaugummi".

Derweil lässt das faltbare Huawei Mate X weiterhin auf sich warten. Es sollte eigentlich im Sommer 2019 erscheinen, nach aktuellem Stand kommt es stattdessen Ende Oktober in China in den Handel. Das Motorola Razr Foldable wollte der Hersteller nicht später veröffentlichen als Konkurrenzgeräte wie das Galaxy Fold, aber es kam anders. Die Probleme und Verzögerungen sind vermutlich auch bei Huawei und Motorola auf die grundlegende Technik zurückzuführen: das faltbare Plastik-OLED-Display.

Dünnes Plastik ist gegenüber Kratzern sehr empfindlich und leider kann Schutzglas wie Gorilla Glass nicht auf dem POLED-Screen angebracht werden. Glas ist nur unter großer Hitze formbar und wird beim Abkühlen schließlich hart – und unbeugsam. Im März 2019 schrieb ich, dass es mir ein Rätsel sei, wie Hersteller dieses Problem lösen wollen.

Möglicherweise werden die extrem empfindlichen Displays die gesamte Produktkategorie der faltbaren Smartphones vorzeitig zu Grabe tragen. Oder Chemiker erschaffen in ihren Laboren einen Werkstoff, der sowohl biegsam, transparent als auch stabil ist – und tatsächlich hat Graphen genau diese Eigenschaften. Daher haben einige chinesische Unternehmen bereits faltbare Displays aus Graphen entwickelt und sogar entsprechende Prototypen-Smart-Armbänder auf Messen gezeigt.

Diese weisen allerdings erhebliche Darstellungsfehler auf, außerdem ist die Graphen-Herstellung noch sehr teuer. So bleibt ein marktreifes Graphen-Display erst einmal spekulative Zukunftsmusik – wenn auch mit einem Hoffnungsschimmer für Foldable-Enthusiasten.

Das Surface Phone ist praktischer

Die Präsentation des Surface Phone wurde in der Tech-Presse mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Schließlich ist es kein faltbares Smartphone und obendrein ist der Displayrahmen oben und unten recht dick. Letzteres stimmt, aber ich gehe davon aus, dass die Ränder beim finalen Produkt weitaus dünner ausfallen werden. Die zwei Displays halte ich jedoch für einen Vorteil. Nicht zuletzt, weil sie viel stabiler sind als die faltbaren Plastik-Panels.

Beim präsentierten Vorab-Modell des Surface Duo waren zwei je 5,6 Zoll große Bildschirme im 4:3-Format verbaut. Ausgefaltet ist das Gerät ein 8,3 Zoll großes Tablet. Die Bildschirme lassen sich um 360 Grad umklappen, sodass auf beiden Seiten ein Display zu sehen ist. Geschlossen wiederum sind die Bildschirme besonders gut durch das Metallgehäuse geschützt. Das 4:3-Format wirkt auf den ersten Blick im Zeitalter der schmalen 18:9- bis 21:9-Bildschirme zwar altertümlich, für die Produktivität ist es aber von Vorteil. Es ist viel einfacher, mit Word- und Excel-Dokumenten auf einer breiteren Fläche zu arbeiten.

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Für Multitasking bieten sich die zwei breiten Displays besonders an.

Obendrein unterstützt das Surface Duo den Surface Slim Pen und somit einen professionellen aktiven Eingabestift ähnlich dem Apple Pencil. Das würde das Surface Duo zu einer Alternative zu den Smartphones der Serie Samsung Galaxy Note machen – und diese gibt es in Deutschland bislang nicht. Dank des Dual-Displays im dafür praktischeren Format könnte sich das Surface Duo für das Zeichnen, Notizen machen und Malen besser eignen als das Galaxy Note.

Android – das Betriebssystem, das auf dem Surface Duo zum Einsatz kommen wird – unterstützt von Haus aus faltbare Geräte und diese Funktionalität lässt sich auch für die Dual-Display-Handys einsetzen. Microsoft muss daher nur noch passende Apps entwickeln (lassen), insbesondere für den Surface Slim Pen. So könnten Dual-Display-Handys zu den Multitasking-Königen werden. Du nutzt etwa auf einem Bildschirm Facebook und auf dem anderen YouTube. Oder Word und Excel. Zudem ließe sich einer der Screens auch gänzlich als digitale Tastatur einsetzen – ein Segen für Vielschreiber wie mich. Gamer freuen sich auf den Einsatz des zweiten Displays als Touch-Gamepad.

Dann wäre da noch ein Feature, das Microsoft bei der Präsentation besonders betont hat: Das Zusammenwirken des Surface Duo mit dem Desktop-PC, Notebook oder Windows-Tablet. Offenbar ist geplant, die Funktionalität der Your-Phone-App zu erweitern. Am Ende soll ein nahtloses Arbeiten an Smartphone und Windows-Gerät möglich werden.

Es gibt schon funktionierende Dual-Display-Geräte

Das Surface Duo profitiert davon, dass es bereits einige Dual-Display-Smartphones auf dem Markt gibt. So kann Microsoft von den bestehenden Erfahrungen lernen. Gemeint sind das ZTE Axon M und das LG V50 ThinQ. Bald erscheint außerdem das LG G8X. Nur das letztere Handy wird seinen Weg auch nach Deutschland finden. Das ZTE Axon M erschien Anfang 2018 in den USA, das LG V50 ThinQ ist unter anderem in der Schweiz erhältlich und das LG G8X kommt im November auch in Deutschland auf den Markt.

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Das LG G8X ThinQ ist ein Vorläufer des Surface Duo.

Ersten Hands-on-Berichten zufolge ist das LG G8X das bislang ausgereifteste Smartphone mit zwei Displays. So bescheinigt Digital Trends dem Gerät "echte Vorteile beim Multitasking" und Tom's Guide hält es für ein "beeindruckendes Gerät". Genau genommen gibt es das zweite Display als Zubehör und es lässt sich mit einer gemeinsamen Hülle mit dem LG G8X verbinden. An der Außenseite ist zusätzlich ein 2,1 Zoll großes Cover-Display mit Schwarz-Weiß-Darstellung angebracht.

Fans von faltbaren Handys könnten einwenden, dass mit dem Galaxy Fold schließlich auch ein funktionierendes faltbares Smartphone verfügbar ist – und hier wird das Display nicht in der Mitte unterbrochen. Stimmt, aber was heißt "funktionierend"? Das Display ist selbst laut dem Hersteller dermaßen empfindlich, dass Du es nicht einmal "zu fest" antippen darfst. Auch verträgt es keine Fingernägel und kann nicht durch eine Displayschutzfolie geschützt werden. Für mich ist das kein für den Alltag geeignetes Gerät.

Fazit: Vorerst haben die Dual-Screen-Handys mehr Potenzial

Das Galaxy Fold wird gerade als das innovative Gerät gefeiert, das die Zukunft der Smartphones einleiten soll. Darunter von meinem TURN-ON-Kollegen Patrick, der es mit dem ersten iPhone vergleicht. Meine Meinung, dass ein Handy mit zwei Displays besser sein könnte, klingt da sicher abwegig – wenn nicht der Vergangenheit zu- und der Zukunft abgewandt. Obendrein bin ich derselbe Typ, der bei der Einführung der schmalen 18:9-Displays die Vorteile der 16:9-Bildschirme betonte. Und ich war derjenige, der den Klinkenanschluss bis zuletzt verteidigte – und ich finde ihn jetzt noch sinnvoll.

Meine Kritiker sollten aber nicht übersehen, dass ich auch schon voll des Lobes für Neuerungen war. So hatten mir das praktisch randlose Display des OnePlus 7 Pro mit 90-Hz-Support und die Pop-up-Kamera ausnehmend gut gefallen. Und ich war enthusiastisch angesichts der Innovationen, die Laptops über die Jahre zu besseren Geräten gemacht haben.

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Wer viel tippt, dürfte beim Surface Duo gut aufgehoben sein.

Tatsächlich treiben mich aber zwei Motive an, die nichts mit Vergangenheit oder Zukunft zu tun haben: Erstens betrachte ich Smartphones in erster Linie als praktische Werkzeuge für den Alltag. Ein 2.000-Euro-Handy mit leicht zerkratzbarem Bildschirm braucht laut diesem Kriterium kein Mensch. Zweitens geht es mir, sofern meine persönliche Meinung gefragt ist, um ein Gerät speziell für meine Zwecke.

Und ich bin jemand, der Smartphones produktiv nutzt und gerne Musik damit hört. Das Surface Duo dürfte mit seinem breiten ("altertümlichen") Format, dem Stift-Support und den zwei Bildschirmen einfach besser für meine Zwecke geeignet sein als ein Galaxy Fold. Vielleicht bekommt es sogar einen Klinkenanschluss. Tut mir Leid, wenn das rückschrittlich klingt. Wenigstens spare ich mir 2.000 Euro für ein Gerät, das gleich kaputtgeht, wenn ich es schief ansehe. Irgendwann könnten dank neuer Werkstoffe faltbare Displays stabil genug gebaut werden, aber ich halte nicht den Atem an.

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