Meinung

Das ZDF und die "Killerspiele" – eine (halb) misslungene Doku

"Doom" fällt wohl auch in die Kategorie "Killerspiel".
"Doom" fällt wohl auch in die Kategorie "Killerspiel". (©Bethesda Softworks 2015)

Das ZDF möchte mit uns über "Killerspiele" sprechen und präsentiert eine Doku, die sich dem Thema historisch annähert. Der Versuch ist aller Ehren wert und eine interessante Zeitreise in die Anfänge der Videospiele. Der Begriff "Killerspiele" ist aber so fehlplatziert wie eh und je.

– Ein Kommentar von Patrick Schulze.

Wenn sich das ZDF an eine Dokumentation zum Thema "Killerspiele" wagt, ist das natürlich interessant. Immerhin haben die Medien in den 2000er Jahren ihren Beitrag zur Verbreitung dieses unsäglichen Begriffs geleistet. Ich war also gespannt, was mich in der Doku "Killerspiele! Der Streit beginnt" erwarten würde, die am Samstag um 23:15 Uhr bei ZDFinfo ausgestrahlt wurde. Die Antwort: eine recht interessante Reise in die Geschichte der Videospiele – in welcher der Begriff "Killerspiele" eigentlich nichts verloren hat.

Eine interessante Zeitreise für Gamer

Thematisiert wurden nämlich vor allem die Spiele der 1980er und der frühen 90er Jahre. Auch damals gab es schon eine angeregte Diskussion um Gewalt in Computerspielen und Jugendschutz – eine Diskussion von der ich, Jahrgang 1984, natürlich aufgrund meines Alters gar nichts mitbekommen habe. Allein deshalb war es für mich interessant zu sehen, wie sich diese Debatte im Laufe der Zeit entwickelt hat. Besonders amüsant fand ich, wie unbeholfen sich die zuständige Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) noch Anfang der 90er Jahre mit Videospielen getan hat. Immerhin hatten die Prüfer anfangs überhaupt keine Erfahrung mit dem neuen Medium.

Dass es die Diskussion um den Jugendschutz rund um Computerspiele gab und immer noch gibt, finde ich übrigens gut. Schließlich ist es sehr wohl wichtig, dass Kinder und Jugendliche einordnen können, was sie da spielen. Mit dem Begriff "Killerspiele" hat das alles aber recht wenig zu tun – um nicht zu sagen: gar nichts. Selbst als ich Anfang und Mitte der 90er anfing, mich für PC- und Videospiele zu interessieren, gab es den Begriff noch nicht. Es gab sehr wohl eine ganze Menge an sinnlos brutalen Spielen und auch jede Menge indizierte Titel. Und ja, auch ich finde, dass es Spiele gibt, wo die Gewaltdarstellung einfach zu weit geht.  Auf die Idee, dass diese Spiele dazu dienen könnten, Jugendliche in Killer zu verwandeln, war damals allerdings noch niemand gekommen.

"Killerspiele" als politischer Kampfbegriff

Das "Killerspiel" entstand tatsächlich erst viel später als Ergebnis einer politischen Debatte. Als es 2002 an einer Erfurter Schule nämlich zu einem Amoklauf kam, mussten besorgte Politiker ganz schnell eine Lösung für besorgte Bürger präsentieren. Und weil es in so einer Situation natürlich viel zu mühselig ist, sich mit den gesellschaftlichen Problemen zu befassen, die hinter so einem Amoklauf stehen, brauchte man etwas Simpleres. Da boten sich Computerspiele wie "Half Life", "Doom" und "Counterstrike" natürlich als die Schuldigen an. Hinzu kam, dass die Spiele-Industrie in Deutschland traditionell keine besonders starke Lobby hat. Die Gefahr, jemand Mächtigem auf die Füße zu treten, war für die Politik also ebenfalls nicht gegeben. Videospiele waren der perfekte Prügelknabe.

Die Computerspiele sollten also als die Schuldigen präsentiert werden und das Wort "Killerspiele" bot sich da wahrscheinlich einfach an, weil es so schön reißerisch klingt und sich gut auf den Titelseiten von Zeitungen macht. Insofern entstand der Begriff eigentlich aus politischem Populismus. Treffend auf den Punkt gebracht wird dies in der Dokumentation vom früheren Gamestar-Chefredakteur Gunnar Lott: "Killerspiele ist ein Kampfbegriff. Der Begriff ist dafür da, etwas zu diffamieren. Und insofern ist er gar nicht weiter zu diskutieren. Man darf den eigentlich nicht verwenden." Recht hat er und man kann das ZDF nur loben, dass es diesen Kommentar in der Doku für sich sprechen lässt.

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Auch "Half Life" wird oft als Prototyp eines Killerspiels angeführt. (©Valve 2016)

Die Doku verfehlt ihr eigenes Thema...

Schade ist hingegen, dass es dabei auch bleibt. Um den Begriff "Killerspiel" und die Frage, ob dieser richtig oder falsch ist, geht es in der Doku eigentlich gar nicht. Er ist nur der reißerische Aufhänger für den Versuch, sich dem Thema Jugendschutz und Videospiele anzunähern und die öffentliche Diskussion sachlich und differenziert zu führen. Zeit dafür wird es ja – trotzdem wirkt die Doku in diesem Punkt misslungen.

...und ist trotzdem nur zur Hälfte missglückt

Wirklich böse kann ich dem ZDF aber nicht sein, dass es die Killerspiel-Keule rausholt. Als Online-Journalist weiß ich nur zu gut, dass starke Worte auch starke Aufmerksamkeit erzeugen. Und vielleicht braucht es ja genau diese Worte, um Leute auf diese Dokumentation aufmerksam zu machen, die bislang eher wenig Verständnis für uns Gamer aufbringen können. Von daher ist die Annäherung für mich nur halb misslungen und kann als Auftakt für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff an sich dienen. Sie ist nämlich nur als erster Part einer mehrteiligen Reihe gedacht.

Zu sehen gibt es die Dokumentation "Killerspiele! Der Streit beginnt" übrigens in der ZDF-Mediathek. Dort kann der rund 45-minütige Film täglich ab 20:00 Uhr aufgerufen werden. Ich kann eigentlich jedem nur empfehlen, da mal reinzuschauen, denn unterhaltsam ist sie allemal. Gerade jüngere Gamer können dadurch interessante Einblicke in die Frühzeit der Videospiele bekommen. Und auch allen älteren Semestern sei sie ausdrücklich empfohlen, sofern sie bereit sind, dass ein oder andere Vorurteil fallen zu lassen.

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