Story

Der Mann, der sein Gehirn hackt

Phil Kennedy hat sich selbst einen Chip ins Gehirn eingepflanzt.
Phil Kennedy hat sich selbst einen Chip ins Gehirn eingepflanzt. (©CC: Flickr/Dierk Schaefer 2016)

Seit Jahrzehnten forscht der Neurologe Phil Kennedy daran, Menschen an Computer anzuschließen und deren Gedanken zu lesen. Sein Forschungsobjekt: er selbst.

Es war nie der Plan von Philip Kennedy, genannt Phil, 67 Jahre alt, Neurologe, Ire und deswegen vielleicht besonders dickköpfig, sein eigenes Gehirn an einen Computer anzuschließen. Nun lag er also da, auf dem OP-Tisch einer Schönheitsklinik in Belize City, einer Stadt des gleichnamigen Kleinstaates in Mittelamerika. Er sah seinen rasierten Schädel im Spiegel und gab dem Kollegen Anweisungen, wo er wie zu schneiden habe. Und dann schloss er die Augen und dachte daran, dass der Mann, der gleich sein Gehirn öffnen würde, normalerweise Bauchfett absaugt. Er kannte die Alternativen: Er stirbt. Er wacht auf und ist behindert. Oder er wacht auf und kann auf einem Bildschirm sehen, was in seinem Gehirn passiert. Daran glaubte er, er konnte nicht anders. Er hatte 30.000 Dollar für die Operation bezahlt, viel mehr Geld hatte er nicht. Sein Ruf war lädiert und seine Forschung weitestgehend eingestellt. In den USA hatte die Food and Drug Administration (FDA) den Versuch verboten. Es musste einfach klappen. Er sagt: "Ich hatte Jahrzehnte meines Lebens in diese Forschung investiert. Wenn nötig, würde ich dafür sterben."

Er starb nicht.

Als Phil Kennedy knapp zwölf Stunden später erwachte, konnte er weder sprechen noch schreiben. Er hatte ein Gehirn-Computer-Interface samt Spule und Sender unter der Schädeldecke implantiert, im Prinzip wie beim Radio. Außen musste nur ein Empfänger angebracht werden, um die Daten durch den Schädel zu übertragen. Seit den späten 1980ern hatte Kennedy mit Hirnimplantaten experimentiert. Ende der 90er wurde er zum Star. Kennedy hatte mithilfe eines Chips im Gehirn einem komplett gelähmten Patienten ermöglicht, mit schierer Willenskraft eine Bildschirmtastatur zu bedienen und auf Websites zu navigieren. Die Idee selbst war nicht neu: Schon seit den 1970ern wurde versucht, Gedanken an Rechner zu übertragen und diese so zu steuern. Aber Kennedy revolutionierte die Forschung. Er entwickelte einen Glaskolben voller Drähte mit einer Nährlösung, die die Nervenzellen im umliegenden Gewebe zum Wachstum anregte – und so das Implantat direkt mit dem Gehirn verband. Das Gehirn verwächst mit dem Chip und macht ihn zu einem Teil von sich. Schließlich schaffte es Kennedy 2004, ein Interface zu entwickeln, das es sogenannten Locked-in-Patienten – Menschen, die bei vollem Bewusstsein in ihrem Körper eingesperrt sind – ermöglichte, mithilfe eines Rechners einfache Worte zu formulieren.
Kennedy wurde international gefeiert, er galt als "Vater der Cyborgs". Die unausgesprochene Hoffnung: Bald würden diese Patienten über einen Rechner ganze Sätze sprechen, sich gar an Unterhaltungen beteiligen können.

Aber das passierte nicht.

Es gab Fehlschläge, seine Methode war umstritten: ein Chip, der mit dem Gehirn verwächst? Das ist doch Wahnsinn! Zwar gab es große Fortschritte in der Forschung, aber Geld floss jetzt in Projekte, die versprachen, künstliche Gliedmaßen mithilfe von Gedanken steuern zu können. Und schließlich verbot die FDA die Versuche: zu gefährlich, zu unsicher, zu nutzlos. Zudem fand Kennedy keine ideale Versuchsperson mehr: Er benötigte jemanden, der sprechen konnte. Er suchte monatelang. Schrieb einen Roman in dieser Zeit, der von einem Helden handelte, der ein verkabeltes Gehirn in einem Roboter war. Kennedy sagt: "Ich dachte: Was soll’s. Dann mache ich es eben selbst." Ein paar Tage nach der Operation konnte er wieder sprechen. Auch seine Fähigkeit zu schreiben kam zurück. Kennedy flog nach Hause, nach Georgia, setzte sich einen Empfänger auf den Kopf und sah, wie seine Neuronen auf dem Bildschirm tanzten. Drei Monate lang sprach er Buchstaben, Worte und kurze Sätze. Dann dachte er sie. Sammelte Daten. Nannte die Ergebnisse "sehr ermutigend". Wollte immer so weitermachen.

Und dann entzündete sich sein Kopf.

Kennedy wurde 2015 erneut operiert. Diesmal ging es nicht um Forschung, sondern um sein Leben. Schädel öffnen, Spule raus, Sender raus. Der Chip? Zu tief im Gehirn, verwachsen, ihn zu entfernen hieße, einen Teil des Gehirns zu entfernen. Er hat die Daten. Und er hat einen Chip im Gehirn, auf Stand-by. Mit beidem kann man vielleicht noch mal was machen. Irgendwann.

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