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Colin Furze: Der X-Man aus der Garage

Colin Furze Klauen
Colin Furze Klauen (©YouTube/Colin Furze 2016)

Colin Furze ist Erfinder. Er baut gern Geräte, um die Kräfte der X-Men alltagstauglich zu machen. Beispielsweise Schuhe, mit denen er wie Magneto die Wände hochlaufen kann. Superheldenfans jeden Alters lieben ihn dafür, denn für seine Schöpfungen gilt: Form follows fun.

Stamford, anderthalb Autostunden östlich von Birmingham, hat 21.800 Einwohner, 46 Priesteranwärter, eine Sehenswürdigkeit aus Tagen des Römischen Reichs und Colin Furze, 37, Erbauer einer Kloschüssel mit Raketenantrieb. "Gefällt mir hier", sagt Furze, "und die Nachbarn mögen mich auch." Wenn er mit seinen DIY-Krallen um die Häuser zieht, mache das die Nachbarschaft unter Umständen sicherer: Wolverine wacht. Er lacht noch mal. Überhaupt gilt: Colin Furze lacht viel. Er ist Fan der X-Men. Und er ist Klempner. War. Jetzt baut er Dinge. Hat er immer schon. "Früher eben mit Lego. Aber wenn man älter wird, kann man eben lässigere Dinge bauen."

Eben das Klo. Das längste jemals konstruierte Motorrad. Staubsaugerschuhe. Ein Bett, das den Schläfer am Morgen mithilfe von Druckluftpumpen von der Matratze katapultiert. Und er hat Wolverines Klauen kopiert. Pyros Handflammenwerfer. Magnetos Fähigkeit, an der Decke zu laufen. An der Tür seiner Garage ist ein großes X befestigt. "Ich bin nicht der größte Fan der Welt, aber die Filme sind einfach super. Ich saß jedenfalls im Kino, keine Ahnung bei welchem Teil, und habe mich ständig gefragt: Was von diesem Kram funktioniert eigentlich ohne Effekte und Computertricks? Und dann habe ich es eben ausprobiert."

In Furzes Garage stehen diverse Schleifgeräte, Bohrmaschinen, Schweißgeräte, Trennjäger, Schneidbrenner, Poliermaschinen. "Nix Exotisches", sagt er. Na ja. "Ich will ja, dass das jeder selbst machen kann." Denn darum, sagt er, ginge es ihm eigentlich: Menschen das Verständnis von Handwerk nahezubringen. Denn es sei doch alles nur eine Frage der Perspektive: "Wenn du jemanden danach fragst, ob er einen Magneten bauen will, dann sagt er wahrscheinlich: 'Danke, nein, ich bin nicht interessiert.' Aber fragst du ihn, ob er Schuhe bauen will, mit denen er an der Decke laufen kann, dann ist die Antwort vermutlich eine andere."

"Bei euch Deutschen zieht das jedenfalls super", sagt er. Zwar kämen die meisten Besucher seiner Website aus den USA, dann die Engländer, aber Nummer drei, das seien schon die Deutschen. "Und der Einzige, der mir ständig Bilder seiner Konstruktionen schickt, ist ein zwölfjähriger Junge aus Hannover." Der weiß auch, dass man alles bauen könne. "Es kommt nur darauf an, wie entschlossen man ist und wie viel Zeit man zur Verfügung hat", sagt Furze. Man müsse dazu kein Ingenieur sein. Tatsächlich hat Furze nicht mal einen besonders hohen Schulabschluss. Mit 16 verlässt er die Schule. Klempner wäre er vermutlich für alle Zeiten geblieben, hätte er nicht 2006 eine Steilwand namens "Wall of Death" für seine Vespa konstruiert – und vier Jahre später an ebenjene Vespa den erwähnten Flammenwerfer montiert. Er filmte beides. Die Videos legten den Grundstein für seine zweite Karriere. Mittlerweile hat sein eigener YouTube-Kanal zwei Millionen Follower. Die erste Million feierte er, indem er 300 Silvesterraketen gleichzeitig von einer selbst gebauten Vorrichtung auf einem Lieferwagen abfeuerte.

Colin Furze lebt von Sponsoring, TV-Shows, Kampagnen für Unternehmen und Werbung auf seinen Social-Media-Kanälen. Seit drei Jahren klappt das. Davor hat er nebenbei noch Spülbeckenabflüsse verschraubt. Wolverine liegt anderthalb Jahre zurück. Das dazugehörige YouTube-Video hat seither knapp elf Millionen Klicks bekommen. "Mein Lieblings-X-Men", sagt er, "war aber immer Magneto." Besonders dessen Fähigkeit, Metall mit purer Geisteskraft zu bewegen, würde ihn doch zu so was wie einem Schutzheiligen aller Metallbauer machen. "Mann, da würde ich doch einen Haufen Zeit sparen." Und so folgte auf Wolverine Magneto. Oder vielmehr: dessen Fähigkeit, an der Decke zu laufen. "Als es endlich klappte, war das ein echter 'Hurra-Moment'", sagt Furze. "Groundbreaking" nennt er das. "Grautbrkn", sagt er.

Alles, was er benötigte, fand er auf dem Schrottplatz. "Das war echt billig." Er ist stolz darauf, weil das dann wirklich jeder kann, kostet ja nix, "tüfteln reicht". "Meine Frau war erschrocken, als sie zum ersten Mal gesehen hat, wie ich an der Decke hänge." Einerseits. Andererseits sei sie gewohnt, dass er baut und bastelt, schweißt und flext. Schließlich habe sie ihn kennengelernt, als er mit der Vespa in einer Steilwand immer im Kreis fuhr. Ohne Helm, den trägt Furze nie, dafür mit Hemd und Krawatte, die trägt Furze immer. "Vermutlich würde sie sich eher erschrecken, sollte ich eines Tages nichts mehr bauen." Generell gelte: Man sei einfach nie fertig, könne immer was verbessern, schneller werden, lauter, gefährlicher, mehr Feuer, mehr Selbermachen, mehr Kawumms. "Das Blöde ist nur die Physik." Manchmal klappt es eben nicht immer. Aber, sagt er, er habe schon ein paar neue X-Men-Ideen. Welche denn? "Das", so Furze, "werdet ihr dann schon mitbekommen."

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