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Die 850-Euro-Rollen für den Apple Mac Pro sind genial

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Desktop-PC-Rollen für 850 Euro: Die Zielgruppe dürfte überschaubar sein. Bild: © Apple 2020

Am 8. Mai erscheinen endlich die Rollen für den Apple Mac Pro. Mit den speziell entwickelten Zubehörteilen aus Edelstahl und Gummi kannst Du Apples Profi-Rechner stilgerecht herumschieben. Dafür zahlst Du gerade einmal 850 Euro. Interessiert? Wahrscheinlich nicht. Ich finde die Rollen trotzdem genial – als Teil einer Marketing-Strategie.

Ich habe noch nie so lange über Rollen nachgedacht. Es gibt sie unter Einkaufswagen, unter Bürostühlen – und offenbar auch unter Computern. Komisch nur: Ein Desktop-Rechner wie der Mac Pro ist für gewöhnlich über mehrere Kabel mit Monitor, Stromanschluss, Eingabegeräten und Zubehör verbunden. Die müsstest Du zum Herumrollen entfernen. Jedes Mal.

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In Desktop-Rechnern wie dem Apple Mac Pro stecken Kabel, die ein spontanes Herumrollen verhindern. Bild: © YouTube / Linus Tech Tips 2020

Wer rollt einen Desktop-Rechner herum?

Im Gegensatz zu Laptops sind Desktop-Computer dazu gedacht, dauerhaft an einem Ort zu stehen. Vielleicht trägst Du sie bei der Einrichtung ein paar Schritte oder transportierst sie beim Umzug. Doch Rollen für das regelmäßige Herumschieben haben nur einen geringen Nutzen.

Ein gutes Argument gibt es zumindest für das Rollen im Gegensatz zum Tragen über längere Strecken: Der Mac Pro wiegt satte 18 Kilogramm. Leicht zu transportieren ist er also nicht. In der Redaktion herrschen unterschiedliche Meinungen darüber, ob eine kleine Zielgruppe von Profi-Anwendern den Mac Pro öfter herumrollen könnte. Vielleicht Profi-Musiker? Wandern Rechner durch die Kreativhallen von Hollywood-Filmeschneidern, von Abteilung zu Abteilung?

In der Welt der alltäglichen Medienproduktion sind mir noch nie rollende Rechner begegnet – aber ich bin kein Special-Effects-Experte und auch nicht für den Filmschnitt aufwendiger Kinoproduktionen zuständig. Eines steht für mich trotzdem fest: Niemand – keine Privatperson, kein Unternehmen und erst recht nicht der Staat – muss für Rechner-Rollen 850 Euro ausgeben. Für den Zweck tut es ein Brett mit Rollen für ein paar Euro aus dem Baumarkt. Außer wohlhabenden Apple-Sammlern dürfte eh niemand die Mac-Rollen kaufen.

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Die Mac-Pro-Rollen werfen Fragen auf. Bild: © Apple 2020

Die Mac-Rollen scheinen also ein Produkt zu sein, das gekauft werden kann und zugleich nicht ernsthaft für den Verkauf bestimmt ist. Apple wird kaum davon ausgehen, mit dem Zubehör ein Vermögen einzunehmen. Und doch existieren die Rollen. Sie werden produziert und vermarktet. Ich glaube, ich kenne den Grund: Sie sind eine Erfindung der Marketingexperten von Apple und nicht der berühmten Ingenieure aus Cupertino.

Apple stärkt seine Marke

Manche Produkte mit geringem oder keinem praktischen Nutzen, die dennoch für viel Geld verkauft werden, sind nur in geringer Stückzahl erhältlich und besonders begehrenswert. Du kennst sie als "Luxusprodukte".

Apple ist jedoch eine Marke für Massenmarkt-Konsumentenprodukte. Das Unternehmen stellt seine Produkte wie die iPhones und die Mac-Rollen in Massenfertigung her, sie sind also nicht wirklich selten wie etwa Krokodilleder oder Diamanten. Umso höher ist das Interesse von Apple, seine Produkte auf die Konsumenten selten und begehrenswert wirken zu lassen. Das erhöht das Prestige und den Markenwert – und Apple kann höhere Preise verlangen.

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Die jährliche Apple Keynote wird von Fans sehnlichst erwartet – das macht der hohe Markenwert. Bild: © Apple 2019

Das macht nicht nur Apple, viele Unternehmen verfolgen diese Strategie. Samsung begrenzt sie auf einige Geräte wie das Galaxy S20 Ultra, während Apple sämtlichen Produkten eine gewisse Luxus-Aura verleihen möchte. Und das ist in Ordnung. Die Aura wirkt schließlich auch bei jenen, die sehen, dass jemand ein solches (Pseudo-)Luxusprodukt besitzt. Das Apple-Prestige springt ein Stück weit auf die Käufer über, und so profitieren auch diese davon. Und freuen sich, etwas "Besonderes" zu besitzen und nicht nur den alltäglichen Ramsch. Ich freue mich zum Beispiel jeden Tag über meine Bambus-Haarbürste. Reden wir nicht darüber.

Nun haben solche Unternehmen und vor allem Apple das Problem, dass viele Produkte bei näherer Betrachtung nicht so wirklich luxuriös sind. iPhones gibt es zuhauf auf jedem Schulhof zu bestaunen, Mütter sitzen mit ihren iPads in den Cafés. Die Gefahr besteht, dass der Markenwert sinkt und iPhones wie jedes beliebige Android-Handy wirken. Eine mögliche Strategie dagegen sind sogenannte "Halo"-Produkte.

Die Mac-Rollen sorgen für die Luxus-Aura

"Halo" bedeutet "Heiligenschein". Es ergibt Sinn für Apple, einige Produkte herzustellen, die fast jeder nur in der Werbung, im Apple Store oder auf dem YouTube-Kanal eines Influencers zu sehen bekommt. Wie der Tech-YouTuber Linus erklärt, zählen die Mac-Rollen dazu. Solche Produkte erhöhen das Prestige als vermeintliche Luxusmarke und haben den zusätzlichen Werbeeffekt, dass viele Medien darüber berichten.

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Der YouTuber Unbox Therapy möchte die Mac-Rollen eigentlich veralbern – Ergebnis ist ein kostenloser Werbeclip für Apple mit mehreren Millionen Zuschauern. Bild: © YouTube / Unbox Therapy 2020

Während sich wütende Blogger und Journalisten über die "unverschämten" Mac-Rollen beschweren, freut sich Apple über die Berichterstattung. Zwar wird dabei ein Produkt verrissen – aber es ist ein Produkt, mit dem Apple sowieso nie großen Gewinn erwirtschaften wollte. Es kann sozusagen für die kostenlose Werbung "geopfert" werden. Apple bleibt so im Gespräch und wird mit "Luxus" assoziiert, zudem gibt es in den Artikeln und YouTube-Videos oft auch Hinweise auf preiswertere Apple-Produkte wie das empfehlenswerte iPhone SE (wie eben gerade in meinem Artikel – gemerkt?).

Warum macht Apple so teure Rollen, wenn es auch günstig kann? Wegen des Prestiges und der Aufmerksamkeit. Wegen YouTube-Videos wie dem von Linus. Wegen des wortlosen Clips von Unbox Therapy, der nach einem Tag schon 3,5 Millionen Mal aufgerufen wurde. Wegen der Kommentare von Lesern und Zuschauern, die sich gern am Empörungsritual beteiligen.

Wir machen alle mit

Der Bildschirmständer "Pro Stand" für das Pro Display XDR für 1.100 Euro ist ebenfalls ein solches "Halo"-Produkt. Niemand braucht einen Monitorständer für 1.100 Euro, das Zubehörteil wurde bei der Präsentation mit Gelächter und Hohn überzogen. Aber das macht gar nichts. Hauptsache die Menschen reden über dieses "unverschämt teure" Luxusprodukt von Apple.

Apple lacht also mit uns. Und gut so. Wir hängen alle mit drin und nehmen teil an dem Ärger und Spott, aber auch an der Freude und der Unterhaltung, die Apple mit seinen Produkten und dem Marketing auslöst. Das ist doch etwas wert. Gut, vielleicht keine 850 Euro.

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