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Die Chinesen kommen: Wie Xiaomi und Co. den Handy-Markt aufmischen

Chinesische Smartphone-Hersteller wie Xiaomi erobern zunehmend auch den deutschen Markt. Haben sie nur "billigen China-Schrott" im Angebot oder können sie es mit Samsung und Apple aufnehmen? Und warum sind China-Handys eigentlich so günstig? Wir sind auf Spurensuche gegangen ...

Branchenriese Xiaomi kommt nach Deutschland

Grundsätzlich sind China-Handys in Deutschland kein neues Phänomen – man denke nur an die Geräte von Huawei, Honor, ZTE und OnePlus. Auch Motorola, ursprünglich US-amerikanisch, gehört unlängst dem chinesischen Unternehmen Lenovo. Die einstige ZTE-Tochter Nubia bietet ebenso offiziell Smartphones in Deutschland an. Vor allem der aktuelle Markteintritt des Branchenriesen Xiaomi ist jedoch der Anlass für Fragen, die sich deutsche Interessenten über China-Handys stellen. Xiaomi ist der viertgrößte Smartphone-Hersteller der Welt und führend in China und Indien.

Das Xiaomi-Flaggschiff Mi 8 Pro fällt durch seine transparente Rückseite auf.

Die für ihre sehr gutes Preis-/Leistungsverhältnis bekannten Xiaomi-Smartphones werden inzwischen auch von großen Händlern wie SATURN angeboten, ein Umweg über China-Importeure ist also nicht mehr nötig. Stimmen die Gerüchte, wird Xiaomi außerdem bald einen offiziellen deutschen Vertriebspartner haben, nämlich Shamrock Mobile, der zusammen mit der KOMSA AG unter anderem Werbung, PR und den Support für Deutschland übernehmen soll, wie Caschys Blog schreibt.

Was taugen die China-Handys?

Handys aus China sind grundsätzlich ebenso gut oder schlecht wie die Smartphones aus anderen Ländern. Die Smartphones des chinesischen Herstellers Huawei zählen sogar derzeit zu den Top-Geräten auf dem Markt. Das Huawei Mate 20 Pro beispielsweise war unser Smartphone des Jahres 2018 und von Honor gibt es tolle Schnäppchen wie das Honor 10.

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Das Mate 20 Pro vom chinesischen Hersteller Huawei ist eines der besten aktuellen Smartphones.

Wir hatten bislang noch keine Xiaomi-Handys im Test, aber ist der Technik-Fachpresse zu trauen, bietet auch dieser Hersteller gute Smartphones an, wenngleich sie meist noch nicht zu den allerbesten gezählt werden. Beispielsweise erreicht das Flaggschiff Xiaomi Mi 8 im Test von GSMArena eine Wertung von 4,4 von 5 Punkten und im PhoneArena-Test staubte das Pocophone X1 eine Wertung von 8,5 von 10 Punkten ab.

Xiaomi-Handys hatten immer wieder aufsehenerregende Features zu bieten, wie beispielsweise das erste Mi Mix von 2016 mit einer Screen-to-Body-Ratio von 83,6 Prozent und einem kleineren Displayrand als das iPhone X. Bei den besonders günstigen China-Smartphones, die es als Import von Herstellern wie Leagoo und Doogee gibt, ist hingegen schon eher Vorsicht geboten.

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Das erste Xiaomi Mi Mix von 2016 hatte einen dünneren Displayrand als das iPhone X.

Auf einigen Handys solcher kleineren Hersteller wurden ab Werk vorinstallierte Trojaner entdeckt. Das Problem lässt sich nicht verallgemeinern, aber wie die Tests solcher Smartphones von notebookcheck.com zeigen, (siehe etwa das Doogee S55 und das Leagoo Kiicaa Mix) müssen bei der Qualität hier oft Kompromisse eingegangen werden, so verlockend der Preis im Verhältnis zum Datenblatt auch aussehen mag. Was beim Kauf von China-Handys generell zu beachten ist, erfährst Du unter Xiaomi in Deutschland: Gibt es die Smartphones hier zu kaufen?

Warum sind China-Handys so günstig?

Für die günstigen Preise von China-Smartphones gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Viele Hersteller investieren nur wenig Geld in Forschung und Entwicklung und entsprechend sind ihre Handys häufig nicht sehr originell. Sie geben auch nur wenig für Marketing aus und nutzen dafür häufig soziale Netzwerke, außerdem verkaufen sie ihre Smartphones oftmals nur direkt online über ihre Website und ersparen sich Verträge mit Händlern.

Die chinesischen Hersteller profitieren zudem von einem riesigen lokalen Markt in China und so können sie sich die Transportkosten und die Anpassung an Steuern und Regulierungen für den Verkauf in anderen Ländern ersparen, bis sie viel Kapital zu diesem Zweck angespart haben. Die Hersteller müssen sich bei der Produktion auch kaum mit Umweltschutzauflagen befassen und zudem fördert die Kommunistische Partei Chinas die nationalen Hersteller, während sie anderen das Leben schwer macht, wie der Daily Star schreibt.

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Viele chinesische Hersteller wie Nubia verlassen sich stark auf das Online-Marketing.

Obendrein hat beispielsweise Xiaomi lange Zeit nur wenig Geld mit seinen Smartphones verdient. Die Firma machte mehr Gewinn mit Online-Dienstleistungen wie Cloud-Speicher und Film-Streaming, die auf den Smartphones verwendet werden können, so Investopedia. Stand November 2018 sorgen die Smartphone-Verkäufe aber laut IDC (via Financial Times) für ein Drittel des Xiaomi-Gewinns, wofür insbesondere die neueren Flaggschiffe verantwortlich sind.

Ein weiterer Faktor ist der Verzicht einiger chinesischer Hersteller auf ein großes Inventar. Zum Beispiel setzte OnePlus ursprünglich auf ein Einladungssystem und konnte so die produzierte Menge besser an die verkaufte Smartphone-Menge anpassen, wobei zudem Lagerkosten entfielen. Schließlich gibt es in China nur sechs Monate lang eine Gewährleistung, wie auf Lexology.com zu erfahren ist, in Deutschland hingegen zwei Jahre.

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Die ersten OnePlus-Smartphones waren nur auf Einladung durch andere Käufer, durch Wettbewerbe oder aktive Forenmitarbeit erhältlich.

Generell gibt es seit 1993 ein Verbraucherschutzgesetz in China, das 2013 auch deutlich erweitert wurde. Aber die Gesetzgebung ist großzügiger für Unternehmen als in Deutschland und es gibt erhebliche Probleme bei der Umsetzung. Schließlich profitieren zwar auch Smartphone-Hersteller aus anderen Ländern von den geringen Lohnkosten und weniger ausgeprägten Arbeitsschutzmaßnahmen in China, aber die chinesischen Unternehmen tun dies nicht nur bei der Produktion.

Zu guter Letzt gibt es noch immer Probleme mit dem chinesischen Urheber- und Patentrecht. Einerseits erfreut es westliche Unternehmen, dass sich China inzwischen das deutsche Patentrecht zum Vorbild genommen hat, andererseits passiert nun laut MittelstandsWiki folgendes: Chinesische Unternehmen lassen Erfindungen aus dem Westen in China patentieren und geben sie als ihre eigenen aus.

Produkte auf Basis solcher Patente dürfen diese Unternehmen zwar nur in China und in Ländern ohne Patentrecht anbieten, aber aufgrund der Größe des chinesischen Marktes genügt das schon für einen gewaltigen Profit mit den Erfindungen anderer. Zwar werden in China mehr Patente angemeldet als in anderen Ländern, darunter auch viele eigene, aber wie Bloomberg schreibt, sind "die meisten wertlos".

Von der de facto Verletzung von Patent- und Urheberrechten abgesehen gibt es noch das Problem der Industriespionage. Laut der US-Regierung betrug der Gesamtschaden durch den Diebstahl US-amerikanischen intellektuellen Eigentums durch Chinesen im Jahr 2017 zwischen 225 und 600 Milliarden US-Dollar. Das ergab ein Bericht der Kommission für den Diebstahl amerikanischen intellektuellen Eigentums. Die befürchteten Gerichtsprozesse aufgrund verletzter Patente sind laut Tech in Asia ein wichtiger Grund für einige chinesische Unternehmen, ihre Smartphones nicht offiziell in westlichen Ländern anzubieten.

Was bedeuten die China-Handys für Apple und Samsung?

Grundsätzlich verschärfen die günstigen chinesischen Smartphones den Preisdruck auf Hersteller aus anderen Ländern wie Sony, LG und Samsung sowie Apple. Wenn ein Xiaomi-Flaggschiff wie das Mi 8 aktuell 420 Euro kostet, ein Sony-Flaggschiff wie das Xperia XZ3 aber 765 Euro, dann überlegen viele Käufer nicht lange, zu welchem Gerät sie greifen.

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Flaggschiffe wie das Sony Xperia XZ3 kosten deutlich mehr als chinesische Konkurrenten.

Andererseits ist der Gerätepreis in vielen westlichen Ländern weniger bedeutend als in China. Der Grund ist, dass Smartphones hierzulande häufig in Verbindung mit Mobilfunkverträgen erworben werden. Das neue Handy gibt es zum Vertrag oder zur Vertragsverlängerung dazu und dadurch relativiert sich der Vorzug des günstigeren Verkaufspreises.

Klar im Vorteil sind westliche Hersteller wie Samsung und Apple hingegen bei der Software, wie The Verge schreibt. Die Android-Benutzeroberfläche chinesischer Smartphones ist oft knallbunt und umständlich, davon abgesehen gibt es Kompatibilitätsprobleme. Zum Beispiel können die Xiaomi-Smartphones nur Videos mit einer Auflösung von bis zu 560p von Amazon Prime Video und Netflix streamen, wie Gizbot meldet. Obwohl einige Xiaomi-Geräte wie das Mi 8 ein HDR-fähiges Display haben, lässt es sich bei den beliebten Streaming-Anbietern aktuell nicht dafür nutzen.

Der Preis ist also nicht alles und das wissen die Konsumenten auch. Zwar gibt es durch die Chinesen einen Preisdruck nach unten, aber es gibt auch die gegensätzliche Entwicklung: So wurden im dritten Quartal 2018 laut Zahlen der Marktforscher von Counterpoint Research mehr Premium-Smartphones verkauft als im Vorjahreszeitraum. Samsung und vor allem Apple führen das Premium-Segment an und der Abstand fällt selbst zu einem etablierten chinesischen Mitbewerber wie Huawei gewaltig aus.

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Apple-Handys wie das iPhone XS und das XS Max sind die unangefochtenen Herrscher des Premium-Smartphone-Markts.

So darf Apple 50 Prozent des Smartphone-Marktes mit Preisen ab 400 US-Dollar für sich reklamieren. Samsung kommt auf 22 Prozent, Huawei aber nur auf 12 Prozent – immerhin erreichte der Hersteller aber erstmals einen zweistelligen Anteil. Laut den Marktforschern von IDC konnte Huawei im zweiten Quartal 2018 zudem erstmals mehr Smartphones in Europa ausliefern als Apple. Wie Counterpoint Research allerdings nach dem Release des iPhone X herausfand, strich Apple im vierten Quartal 2017 alleine 86 Prozent des Gewinns des gesamten Smartphone-Marktes ein.

China-Smartphones kosten zwar wenig, werfen aber auch wenig Gewinn ab. Wie das Beispiel Huawei zeigt, können chinesische Unternehmen jedoch ihre Startvorteile unter Umständen nutzen, um den etablierten Herstellern wie Apple und Samsung auf lange Sicht gefährlich zu werden.

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