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Die Smartphone-Zukunft: Googles digitale Machtdemonstration

Googles Machtdemonstration auf der I/O 2016 ging weit über Android hinaus.
Googles Machtdemonstration auf der I/O 2016 ging weit über Android hinaus. (©YouTube/Google Developers 2016)

Die Eröffnungs-Keynote der Google I/O 2016 war nichts anderes als eine digitale Machtdemonstration des größten Software-Konzerns der Welt. Skizziert wurde dabei im Prinzip die Computernutzung der Zukunft – und die scheint viel näher zu sein, als wir dachten.

Android ist das am weitesten verbreitete Betriebssystem der Welt. Und weil es nach wie vor kostenlos und mittlerweile mit nahezu allem kompatibel ist, was einen Mikrochip enthält, wird sich daran wohl auch so schnell nichts ändern. Trotzdem spielte Android N, die neueste Version des Betriebssystems, auf der Keynote der Google I/O 2016 am Mittwoch nur eine vergleichsweise kleine Rolle und das, obwohl Google durchaus einige spektakuläre neue Features aus dem Hut zaubern konnte.

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Für Android N sucht Google noch nach einem Namen. (©Google 2016)

Google denkt über Betriebssysteme hinaus

Viel stärker als auf früheren Entwicklerkonferenzen wurde am Mittwoch nämlich deutlich, wie weit man bei Google offenbar bereits über Android hinaus denkt – und wie weit der Software-Riese aus Mountain View seinen Konkurrenten Facebook, Amazon, Apple und Microsoft in einigen Bereichen bereits enteilt ist. Hatte man zuletzt auf den Entwicklerkonferenzen von Microsoft und Facebook bereits die zunehmende Bedeutung von Bots und künstlichen Intelligenzen betont, so wurde bei Google erstmals anhand konkreter Beispiele klar, was genau das bedeuten könnte.

Das Smart Home wird erlebbar

Vorgestellt wurde zuerst der smarte Lautsprecher Google Home, ein Gerät, das mit WLAN-Anbindung und integrierter Sprachsteuerung verschiedene Aufgaben für den Nutzer erfüllen kann. Auf den ersten Blick wirkt Google Home wie eine dreiste Kopie von Amazon Echo, der ähnliche Funktionen bereits seit 2014 bietet. Doch Google Home kann weitaus mehr:

  • Die Anbindung an die größte Suchmaschine der Welt
  • Ein ganzes Universum smarter Apps und Anwendungen mit Zugang zu nahezu allen Geräten und Betriebssystemen
  • Die wohl fortschrittlichste Künstliche Intelligenz im Bereich der Consumer Electronics in Form des neuen Google Assistant

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Google Home könnte Amazon Echo den Rang ablaufen (©Google 2016)

Das Potenzial, das sich aus dieser Kombination ergibt, übersteigt die Möglichkeiten von Amazon Echo bei weitem. Google Home hat das Potenzial zu einem echten digitalen Assistenten zu werden, der wichtige Geräte im Haushalt steuern, mit Apps auf Smartphones, Computern und TV-Geräten kommunizieren und über die Google-Suchmaschine nach jeder Art von Information suchen kann.

Das alles soll nach der Vision von Google in Zukunft funktionieren, indem sich der Google Assistant – quasi die nächste Evolutionsstufe von Google Now – wie eine reale Person mit dem Nutzer unterhält und sogar konkrete Aufgaben wie das Bestellen von Bahntickets oder das Vereinbaren von Arztterminen für diesen übernimmt. Dass dabei bei einigen Beobachtern auch datenschutzrechtliche Bedenken aufkommen dürften, steht auf einem anderen Blatt. Tatsächlich sind es aber genau solche Produkte, die den bislang für viele Verbraucher immer noch kryptischen Begriff vom Smart Home endlich erlebbar und begreifbar machen könnten.

Apps verlieren ihre Bedeutung

Welche Stärke Google aus der Kombination seiner Dienste ziehen kann, wurde auch bei der Vorstellung der Messenger-App Allo deutlich. Diese wirkt auf den ersten Blick wie ein Klon von WhatsApp, bietet jedoch bei genauerem Hinsehen so viel mehr. So sind die Google-Suche und der Google-Assistent bei Allo bereits eingebaut. Dadurch erhält der User praktisch überall Zugriff auf die Suchfunktion von Google und auch auf alle Informationen aus anderen Apps, auf die Google zugreifen kann. Schnell noch das passende Bild in den Chat einbauen? Kein Problem, einfach Google danach suchen lassen und direkt in der App selbst machen. Und auch mit anderen Google-Diensten wie dem Kalender soll Allo reibungslos zusammenarbeiten.

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Allo ist eine neue App, die Inhalte aus anderen Apps verwerten kann. (©Google 2016)

Hier zeigt Google eine Zukunft auf, in der es überhaupt nicht mehr wichtig ist, welche Funktion nun von welcher App übernommen wird, sondern in der es nur noch darum geht, wie die einzelnen Funktionen im Sinne des übergeordneten Nutzererlebnisses zusammenwirken.

Android als Heimat für VR-Anwendungen

Ein bisschen Android-Zauber gab es dann aber auch noch in Form der Virtual-Reality-Demonstration von Daydream. Als erstes Betriebssystem überhaupt bekommt Android damit einen VR-Modus, bei dem sich die Benutzeroberfläche des Smartphones automatisch für den Einsatz in VR-Brillen anpasst – ebenso wie viele Apps. Für Gerätehersteller und App-Entwickler liefert Google damit mal eben die Grundlage, um auf dem noch jungen VR-Markt in Zukunft so richtig durchstarten zu können. Eine passende Fernbedienung als universelles Steuergerät will der Software-Riese ebenfalls anbieten.

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Mit Daydream wird Android zur VR-Plattform. (©Google 2016)

Mit Instant Apps verschmelzen die Grenzen von Web und Apps

Apropos App-Entwickler: Für die gab es am Ende der Keynote sogar noch ein ganz besonderes Schmankerl in Form der Android Instant Apps. In Zukunft sollen sich Android-Apps auf Smartphones und Tablets nämlich auch dann nutzen lassen, wenn diese noch gar nicht installiert sind. Einzelne App-Funktionen sollen automatisch starten, indem im Hintergrund kleinere App-Container auf Smartphone oder Tablet heruntergeladen werden – gerade so viel, wie für die Aktion gebraucht wird. Später kann sich der User dann entscheiden, ob er die komplette App herunterladen und installieren möchte.

Laut Google soll es sogar relativ leicht möglich sein, ältere Apps per Update in Android Instant Apps zu verwandeln. Das Beste ist aber, dass diese Apps auch mit älteren Versionen bis hin zu Android 4.2 Jelly Bean funktionieren sollen. Für die Usability von Smartphones, Tablets und Programmen könnte diese Technologie ein ganz neues Kapitel aufschlagen. Ein bisschen klingt das wie Magie, ganz nüchtern betrachtet wäre es aber wahrscheinlich immer noch die nächste Evolutionsstufe des Mobile Computing oder gar der Computernutzung insgesamt.

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Android Instant Apps könnten die Smartphone-Nutzung grundlegend verändern. (©TURN ON 2015)

Was Google von der Konkurrenz unterscheidet

Kleinere neue Features wie Splitscreen für Tablets oder Bild-in-Bild für TV-Geräte, die Einbindung der Vulkan-Grafik API in Android und die autonomen Apps für Android Wear wurden auf der Keynote hingegen eher am Rande behandelt. Sie sind zwar nicht unbedeutend, stellen aber eher kleine Schritte und Optimierungen dar.

Google gab sich auf der Keynote ganz bewusst nicht dem üblichen Feature-Kleinklein hin, das man von Apple kennt, und malte auch keine Luftschlösser für die ferne Software-Zukunft wie Facebook oder Microsoft, sondern präsentierte konkrete Produkte, Apps und Tools mit Veröffentlichungszeiträumen in sehr naher Zukunft. Mit dem Google Assistant und Google Home und dem Potenzial, welches sich durch die Kombination von Suchmaschine, künstlicher Intelligenz und einem Plattform-überspannenden Ökosystem andeutet, begibt sich der Software-Riese vorerst auf ein Level, auf dem Facebook, Amazon, Apple und Microsoft einfach noch nicht angekommen sind.

Wird Google jetzt das komplette Internet auf- und die Konkurrenz überrollen? Ganz so einfach wird das vermutlich nicht, auch weil die Geschäftsfelder der einzelnen Tech-Giganten dann doch zu verschieden sind. Wie schon erwähnt, dürften die Debatten über Datenschutz und Privatsphäre durch Produkte wie Google Home ebenfalls neue Nahrung bekommen und auch ein Durchmarsch von Apps wie Allo oder Duo ist angesichts der Facebook-Übermacht in diesem Bereich nicht zu erwarten. Trotzdem hat Google ganz ohne Pathos und Tamtam eine beeindruckende Keynote abgeliefert.

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