Story

Digitaler Matchball: So revolutioniert PlaySight das Tennis-Training

Obwohl alles digitalisiert ist, muss man immer noch selbst von rechts nach links rennen und schwitzen. Im Grunde ändert sich also gar nicht so viel.
Obwohl alles digitalisiert ist, muss man immer noch selbst von rechts nach links rennen und schwitzen. Im Grunde ändert sich also gar nicht so viel. (©Michael Philipp Bader 2018)

Big Data erobert den Sport: "PlaySight" trackt das eigene Spiel per HD-Kameras und hilft, es bis ins kleinste Detail zu analysieren. Die Welt des Sports soll so revolutioniert werden. Mindestens.

Für einen kurzen Moment bin ich so gut wie der beste Tennisspieler aller Zeiten. Mit 140 Kilometern pro Stunde fliegt mein härtester Aufschlag an diesem Vormittag ins gegnerische Feld. Frenetischer Jubel ertönt. Dass er nur aus den Boxen kommt: geschenkt.

Als Roger Federer im Januar die Australian Open gewann, schlug er beim Matchball ebenfalls mit 140 Kilometern pro Stunde auf. Sein Gegner war so irritiert, dass er den Return ungelenk ins Netz schlug. Es war Federers langsamster Aufschlag des gesamten Turniers. Zahlen sind ehrlich, manchmal brutal, häufig motivierend. Ob persönlicher Weitsprungrekord damals bei den Bundesjugendspielen, der Anschlusstreffer auf der Anzeigentafel oder die blinkende Bestzeit auf unserer Laufuhr. Wir messen unsere Performance beim Sport, weil wir besser werden wollen. Technik macht uns fitter. Wenn uns kleine Fitnessarmbänder subtil motivieren und Rückenwind geben, dann hat PlaySight etwa die psychologische Schubkraft einer Rakete.

TURN ON-Redakteur David Siems auf dem Smart Court in der Halle des Hamburger Tennis-Verbands. (© 2018 Michael Philipp Bader)

PlaySight überwacht das Spiel – im Moment noch in erster Linie Tennis. Zehn HD-Kameras erfassen auf dem Smart Court jeden Winkel des Platzes und filmen alle Bewegungen, egal ob Aufschlag, Volley oder Rückhand-Slice. Per Smartphone-App oder PlaySight-Terminal (genannt "Smart Court Pro Kiosk") lassen sich auf dem Platz verschiedene Übungen anwählen ("Warm-up-Session", "Drill" oder "Match"), bei denen die Performance getrackt wird. Schlaggeschwindigkeit, Spin-Werte, also die Umdrehungen des Balls pro Schlag, Anzahl der Winner oder Fehler, alles wird live gemessen und unmittelbar angezeigt. Zur Motivationssteigerung sind auf dem Court ein paar Lautsprecher angeschlossen, aus denen ein virtueller Linienrichter "Out" schreit, wenn ein Ball im Aus landet. Trainiert man die Aufschlaggeschwindigkeit und erreicht seinen persönlichen Spitzenwert, ertönt, wie bei mir, virtueller Jubel eines unsichtbaren Publikums. Perfekt ist das System noch nicht – die Genauigkeit liegt statistisch gesehen bei 92 Prozent, weil die Aufnahmen in Sekundenbruchteilen zusammengerechnet werden.

Auch bei den Jugendspielern des Basketballvereins Alba Berlin kommt die PlaySight-Technik zum Einsatz. (© 2018 Michael Philipp Bader)

Wer manchmal Tennis im Fernsehen sieht, kennt das "Hawkeye"-System, eine Art Videoüberwachung, die mit 99 Prozent Trefferquote anzeigt, ob ein Ball noch die Linie angekratzt hat oder im Aus war. Der Unterschied: "Hawkeye" funktioniert mit Radar und ist knapp fünfmal teurer als PlaySight.

Und trotzdem fühle ich mich in dem Moment routiniert wie ein Profi auf der Tour. Aber warum? Nur weil ich auf dem modernsten Tenniscourt der Welt spiele? Umringt von Hightech und Jubel vom Band?

Das Messen meiner persönlichen Werte pusht und motiviert mich. Wenn ich ganz schlecht performe, könnte ich ja eigentlich gleich zu Hause bleiben. Will ich aber nicht. Viel lieber möchte ich herausfinden, wo ich mich noch verbessern könnte. Vielleicht bekomme ich ja auch eine Antwort auf die Frage, ob ich mit einem Tennisprofi mithalten kann. Das wirklich herauszufinden ist nämlich schwierig. Roger Federer ist ein viel beschäftigter Mann. Für den Moment reicht mir die Erkenntnis, dass wir schwitzen und tracken, damit wir auch ein bisschen mehr über uns selbst erfahren.

"PlaySight kommt bei uns in allen Bereichen zum Einsatz", sagt Guido Fratzke. Er arbeitet als Trainer beim Hamburger Tennis Verband und kümmert sich vor allem um Nachwuchstalente. "Die Kaderspieler interessieren sich natürlich besonders für die sehr guten Analysen, aber auch die Hobbyspieler finden es toll, sich die Daten anzuschauen. Etwa beim Senioren-Doppel, wenn vier ältere Herren gegeneinander spielen und ihnen das Line-Calling- System dabei hilft zu entscheiden, ob ein Ball im Aus war oder nicht."

Die besten Schläge kann man auch zu Hause oder unterwegs per Video betrachten. (© 2018 Playsight)

Da die Daten in der PlaySight-Cloud gespeichert werden, hat man von überall Zugang zu seinen Spielwerten. Wer sich online einmal über die Website registriert, kann danach von jedem Device oder Smart Court weltweit darauf zugreifen und so seine Fortschritte überprüfen. Auch Guido Fratzkes talentiertester Schüler trainiert täglich damit. Marvin Möller, 18 Jahre alt und aktuell Platz 566 in der Weltrangliste, sagt: "PlaySight erleichtert das Training und gibt mir eine Menge Richtwerte, etwa wie hoch ich die meisten meiner Bälle über das Netz spiele. Wenn die Daten gut sind, bekomme ich automatisch auch mehr Sicherheit in meinem Game." Er sagt aber auch: "Unter uns Spielern sind die Daten nicht ganz so wichtig, da zählt nur das Ergebnis im echten Match." Sein mittelfristiges Ziel als Profi: irgendwann in den Top 100 landen.

Von den Top 100 bin ich ungefähr so weit entfernt wie Boris Becker von einem gesunden Bankkonto. Trotzdem renne ich eifrig von links nach rechts und versuche auf Anweisung, die Vorhand cross mit voller Wucht genau dahinten ins hintere Eck zu schlagen, damit PlaySight mir einen Bonuspunkt gibt. Als nach zehn Treffern endlich eine Jubelfanfare ertönt, fühle ich mich für eine Sekunde wie ein Wimbledonsieger – und sinke erschöpft zu Boden.

Das Einzige, was wirklich zählt, ist die Leistung auf dem Platz. Natürlich. Trotzdem: Die Technik wird die Trainingsmethoden im Sport verändern. Der langjährige Weltranglistenerste Novak Djokovic ist einer der Hauptinvestoren von PlaySight. Nachdem er das System zum ersten Mal ausprobiert hatte, sicherte er sich einen Großteil der Anteile. "PlaySight wird Tennis im Speziellen und den Sport im Allgemeinen auf ein komplett neues Level bringen", sagt der Serbe. Ein weiterer prominenter Befürworter ist Paul Annacone, ehemaliger Trainer von Pete Sampras und Roger Federer. Er ist überzeugt: "PlaySight hilft mir dabei zu verdeutlichen, was ich von meinen Spielern will. Vor allem junge Spieler lernen schneller, wenn ich ihnen Aufnahmen von der Videoanalyse zeige, anstatt nur Anweisungen zu geben.“

Die Benutzeroberfläche ist einfach und (beinahe) selbsterklärend. Schließlich sollen der Sport und Spaß im Mittelpunkt stehen – bei aller Technik. (© 2018 Michael Philipp Bader)

Die Technik stammt ursprünglich aus Israel, wo die drei Firmengründer über viele Jahre das Militär mit Kampf- und Kriegssimulationen versorgten. Einer von ihnen, Evgeni Khazanov, schaute seiner Tochter beim Tennistraining zu und fragte sich, warum es eigentlich keine datenbasierten Analysemöglichkeiten für Hobbyspieler gibt. Und begann sie dann zu entwickeln. Mittlerweile gibt es weltweit kommerzielle PlaySight-Anlagen für jedermann, in Deutschland kann man seit 2017 auf etwa 30 Smart Courts spielen. Neben der üblichen Platzgebühr muss man zusätzlich knapp 20 Euro zahlen. Die Technik wird immer beliebter, immer mehr Tennisclubs installieren die Anlagen – weil das zeitlich gerade passt. Viele Clubs haben seit dem Ende der Ära Becker nichts mehr investiert, und vor allem jüngere Spieler, mit Handys und Videos groß geworden, erwarten eine Digitalisierung des Sports. Bis Ende des Jahres sollen dann auch 150 Plätze im deutschsprachigen Raum mit der Technik ausgerüstet sein. Längst kommt PlaySight aber auch in anderen Sportarten zum Einsatz, beim Fußball (etwa beim Bundesligaverein TSG 1899 Hoffenheim), Basketball (Alba Berlin), Eishockey, Handball, Squash, Volleyball oder Turnen.

Bei der einstündigen Trainingseinheit fühle ich mich zwar von den Kameras beobachtet, gleichzeitig aber auch extrem angespornt und fokussiert. Es fühlt sich an wie positiver Stress, so wie damals in der Jugend, als mein Vater ausnahmsweise mal bei einem Punktspiel vorbeischaute, schüchtern über die Hecke sah und ich es besonders gut machen wollte. PlaySight hat hohen Suchtfaktor, offenbart ungemein ehrlich die eigenen Schwächen und analysiert per Superzeitlupe sogar die winzigsten Bewegungsabläufe. Einzige Schwachstellen: Manchmal misst das System noch etwas ungenau. Und während man auf dem Platz in der Ansicht zahlreiche Kameraperspektiven wählen kann, muss man bei der Analyse am Desktop oder Smartphone mit einer Einstellung vorliebnehmen.

Der beste Tennisspieler der Welt werde ich mit PlaySight in diesem Leben wahrscheinlich nicht mehr. Andererseits: Man weiß ja nie. Ich laufe und schlage. Es läuft gerade ganz gut. Und wenn mein Aufschlag kommt, weiß ich: So gut wie Federer bin ich ja schon. Manchmal.

Info
Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins 03/18, das in allen SATURN Märkten kostenlos ausliegt.

Artikel-Themen
close
Bitte Suchbegriff eingeben