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Eingeschnappt, Alexa? Die Zukunft der Mensch-Maschine-Beziehung

Sollen wir Roboter als Partner akzeptieren und entsprechend behandeln – oder bleiben sie das, was Gabel, Schere und Taschenlampe schon immer waren: profane Werkzeuge?
Sollen wir Roboter als Partner akzeptieren und entsprechend behandeln – oder bleiben sie das, was Gabel, Schere und Taschenlampe schon immer waren: profane Werkzeuge? (©Getty Images/Iconica/Peter Cade 2018)

Technik kann sprechen, wird immer einfühlsamer und Menschen immer ähnlicher. Wenn künstliche Intelligenz zukünftig auch beleidigt sein kann, brauchen wir dann einen neuen Beziehungskodex für Mensch und Maschine? Zwei Frauen wissen weiter.

Als die Totengräberin Marianne in der Münchner U-Bahn die Stimme des Fahrers Huber hört, verliebt sie sich schneller, als sie ihr Ticket entwerten kann. Theodore ergeht es 28 Jahre später ähnlich. Nur dass die Stimme, an die er sein Herz verliert, dem Betriebssystem Samantha gehört. Beide Storys, von Percy Adlon 1985 im Film "Zuckerbaby" und von Spike Jonze in "Her" erzählt, haben kein Happy End. Dafür ist ihr Start unschlagbar romantisch.

Hat nicht jeder schon erlebt, was eine Stimme auslösen kann, wenn sie uns kalt erwischt, am Servicetelefon oder im Autoradio auf einsamer Fahrt durch die Nacht? Dabei geht es nicht in erster Linie um die erotische Klangfarbe. Es geht darum, sich auszumalen, wie die Person wohl aussieht und tickt, die da zu uns spricht. Kann sie über "Die Simpsons" lachen und hat auch sie keine Lust, die Zahnzwischenräume zu putzen? Die volle Bandbreite unserer Vorstellungskraft ist gefragt und weniger das Abwägen kalter Standards wie Alter, Figur und Kontostand.

Vielleicht würden wir in einer besseren Welt leben, wenn Tinder nicht mit Bildern, sondern mit Stimmen funktionieren würde? Fest steht, dass wir mit der rasanten Entwicklung der Spracherkennungs und Steuerungstechnologie eine neue Stufe im Beziehungsgeflecht von Mensch und Maschine zünden. Das Verhältnis wird durch sprachliche Interaktion emotionaler, ob wir wollen oder nicht.

Dabei pflegen wir schon heute einen sehr engen Kontakt zu den Geräten um uns herum. Wer Umfragen zu den Sympathiewerten von Politikern (Spiegel, Juli 2017) mit denen von Technikmarken (Allensbacher Computer- und Technikanalyse, ACTA, 2016) vergleicht, stellt fest: Maschine schlägt Mensch. Samsung ist beliebter als Ursula von der Leyen, Google mögen mehr Menschen als Martin Schulz und Apple mehr Leute als Christian Lindner.

Wohlgemerkt, bei der ACTA-Studie ging es nicht darum zu ermitteln, ob die Geräte der jeweiligen Marke den Funktionsansprüchen genügen. Es ging explizit um Sympathie. Aber warum sollen Geräte wie das Handy, mit dem wir oft mehr Zeit verbringen als mit Lover, Familie und Kollegen, uns denn auch nicht ans Herz wachsen? Dabei bergen die Beziehungen zu unseren technischen Helfern, ebenso wie die zwischenmenschlichen, reichlich Konfliktpotenzial. Nehmen wir mal die Erfindung des empathischen Tellers.

Wer hätte nicht gern eine smarte Platte, die die Temperatur der Speisen verlässlich nach unserem Gusto regelt, ihre Farbe unserer Stimmung anpasst und zum Nachtisch immer Bombenvorschläge macht? Die Kehrseite des Story-Tellers: Er kann ganz schön nerven, wenn er checkt, dass wir den Braten zu hastig wegmampfen, unser Cholesterinspiegel steigt und wir ab Bissen 22 beginnen, Fett anzusetzen. Und zwar genau dort, wo die Sonne nur an besonders schönen Strandtagen hinscheint. Dann wird der Wünsche erfüllende Flaschengeist schnell zum nörgelnden Partner, den wir am liebsten an die Wand klatschen möchten. Fragt sich, wer an diesem Punkt auf die Reservebank geschickt werden soll, Mensch oder Maschine Müssen wir smarter werden, um die immer komplexer werdende Technik um uns herum zu kontrollieren, oder müssen Geräte her, die aufhören, uns zu überfordern? Zwei Ansätze, zwei Expertinnen.

Auf der Couch von Dr. Joanne Pransky

Sci-Fi-Autor Isaac Asimov nannte Joanne Pransky 1989, drei Jahre vor seinem Tod, die "reale Susan Calvin". Calvin ist "Robopsychologist" in Asimovs berühmter Short-Story-Sammlung "I, Robot". (© 2018 Timothy Archibald)

Sie sieht aus wie ein wegen Fröhlichkeit verstoßener Spross der Addams Family und hat sich den Titel "weltweit erste Roboter-Psychologin" markenrechtlich schützen lassen. In weiser Voraussicht bereits vor über 30 Jahren. Damals stattete Mrs. Pransky als Angestellte eines Computerkonzerns Arbeitsplätze mit klumpigen Bildschirmboxen aus, ohne dass jemand so recht wusste, was damit anzustellen ist. Das seien Zeiten gewesen, so Pransky, "in denen die Leute Computer wie Meteoriten betrachteten, die auf ihre Schreibtische donnern, um die Arbeitsplätze zu zertrümmern."

Es bestand also Handlungsbedarf an der Mensch-Maschine-Schnittstelle, und fortan wachte Dr. Pransky darüber, dass sich dort niemand verletzt. Ausgangspunkt war ihr Studium der Kindesentwicklung an der Tufts University, an der sie die Auswirkungen der neuen Technologien auf die menschliche Psyche auszuloten gedachte. In Massachusetts war man in den 80ern allerdings nicht bereit für diese Art der Forschung, und Pransky verlagerte ihre Praxis nach San Francisco und in die Medien. Sie therapierte Computer auf Kongressen und Festivalsund pushte das Thema im TV, etwa auf CNN und in den Shows von Jimmy Kimmel und Jay Leno. Ihre Auftritte sind philosophische Performances, deren Kernfrage lautet: Was passiert, wenn wir immer intelligentere und damit sensiblere Roboter wie Sklaven und nicht wie Ebenbürtige behandeln?

In Zukunft", so Pransky, "werden Menschen nicht mehr verstehen, dass die gleichgeschlechtliche Ehe einmal ein Streitpunkt war. Kinder werden ihre Eltern fragen, ob sie einen Computer heiraten dürfen." Wenn technische Prothesen uns immer mehr zu Hybridwesen machen und immer komplexere Kommunikation mit künstlicher Intelligenz möglich ist, fragt sich tatsächlich, wie menschlich die Technik sein wird. Und wie technisch der Mensch. Pransky räumt ein, auch wenn sie sich vordergründig um die Defekte der Roboter kümmere, doch immer den Homo sapiens im Visier zu haben: "Es ist wie bei der Therapie von Kindern oder Haustieren. Am Ende geht es immer um das Verhalten der Eltern oder Halter." Und darum, auf dem Weg etwas zu lachen zu haben. Nicht zufällig gibt es Dr. Pransky auf ihrem YouTube-Channel auch als Comicfigur, die mit knappem Mini, Strapsen und gezücktem Block all die Fantasien von der heißen Therapeutin auf die Schippe nimmt, die ihre Stimme wachruft.

Im Flugmodus mit Amber Case

Cyborg-Anthropologin Amber Case hat keine Lust, sich darüber Gedanken zu machen, was das Internet of Things hinter ihrem Rücken so treibt. (© 2018 Dan Root)

Wenn Dr. Joanne Pransky den Weltmeistertitel der abgefahrenen Jobbezeichnungen hält, belegt Amber Case locker den zweiten Platz: Sie ist Cyborg-Anthropologin. Als solche untersucht sie am MIT und am Berkman Klein Center für Internet und Gesellschaft der Harvard University die Interaktion zwischen Mensch und Technik. Wie Pransky geht auch sie davon aus, dass wir mit Geräten wie dem Smartphone schon längst eng verschmolzen sind: "Wir halten im Netz einen Ich-Klon am Leben und schleppen Mary-Poppins Technologien in den Hosentaschen mit uns herum, in die wir Tonnen von Erinnerungen und Informationen packen können, ohne dass sie jemals schwerer werden."

An sich eine tolle Sache, befindet Case, denn die digitalen Werkzeuge helfen uns dabei, unser mentales Ich zu erweitern: "Die Kartografie des Internets sieht nicht technisch aus. Sie sieht organisch aus. Das ist das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass wir auf diese Art und Weise weltweit verbunden sind." Im Gegensatz zu Dr. Pransky hält Case jedoch nichts davon, die Technik mit intelligenten Funktionen auszustatten, um sie "menschlicher" zu machen.

Nichts ist abtörnender als ein Gadget, das mir das Gefühl gibt, ich sei zu doof, um es zu bedienen. Google Glass sei, so Case, deshalb gescheitert, weil es um die 15 Funktionen hatte: unter anderem eine Videokamera, einen Messenger, ein Head-up-Display, eine neue Art, den Akku zu laden, Google Hangouts. "Aber Menschen können  zunächst nur eine Funktion verarbeiten. Wenn es nur ein In-Ear Gerät gewesen wäre, das mich per GPS navigiert: super. Oder nur eine neue Art, um Fotos zu schießen: auch toll. Menschen haben keine Angst vor der GoPro, was auch etwas ist, was man auf dem Kopf tragen kann", verriet sie am Rande der letzten IFA dem Magazin Wired. Technik solle nicht unnötig Zeit kosten, sondern uns Zeit schenken.

Man darf davon ausgehen, dass Case nicht die geringste Lust hätte, sich mit der gestörten Befindlichkeit künstlicher Intelligenz auseinanderzusetzen. In ihrem Buch "Calm Technology: Principles and Patterns for Non-Intrusive Design" empfiehlt sie den Herstellern vielmehr, Geräte zu entwickeln, die uns möglichst beiläufig unterstützen und deren Bedienung nur ein Minimum an Aufmerksamkeit kostet.

Das Internet of Things solle gefälligst abgedimmt im Hintergrund mitlaufen, damit wir Zeit haben, öfter mal in den Flugmodus zu schalten und unsere Gedanken schweifen zu lassen. Für Scifi Utopien, in denen menschelnde Roboter die Hauptrolle spielen, hat sie nur ein Schulterzucken übrig. Selbst die smarteste Technologie bleibt für die Anthropologin eben immer nur ein Werkzeug. Und wer will schon darüber nachdenken müssen, wie der Hammer sich fühlt, wenn er den Nagel ins Holz rammt?

Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins 01/18, das in allen SATURN Märkten kostenlos ausliegt.

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