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Flaggschiff adé: Wer braucht noch Galaxy S7 und iPhone 7?

Braucht man überhaupt noch Flaggschiffe von Apple, HTC und Samsung?
Braucht man überhaupt noch Flaggschiffe von Apple, HTC und Samsung? (©TURN ON 2014)

2016 hat begonnen und alle Smartphone-Fans warten gespannt auf Samsung Galaxy S7 und iPhone 7. Aber ist die Vorfreude auf die Flaggschiffe eigentlich noch gerechtfertigt, oder finden wir nicht schon alles was wir suchen in den aktuellen Mittelklasse-Smartphones?

In den letzten Monaten durften wir eine ganze Reihe von tollen Smartphones bei uns in der Redaktion begrüßen. Huawei G8, LG Class und Nexus 5X haben dabei allesamt einen guten bis sehr guten Eindruck hinterlassen. Ganz aktuell liegen die neuen Samsung-Geräte Galaxy A3 und A5 auf meinem Schreibtisch. All diese Geräte haben neben der hohen Qualität noch etwas gemeinsam: Es sind – zumindest laut Preisschild und Herstellerangaben – keine Flaggschiff-Modelle.

 Ein Vertreter der neuen Mittelklasse: Das Huawei G8. fullscreen
Ein Vertreter der neuen Mittelklasse: Das Huawei G8. (©TURN ON 2015)

Mid-Price ist das neue High-End

Irgendwie scheint das aber auch keine Rolle mehr zu spielen, denn die Grenzen zwischen dem, was als High-End und dem was als Durchschnitt gilt, verschwimmen immer weiter. Galten vor zwei Jahren Plastik-Bomber wie das Samsung Galaxy S5 und das iPhone 5c noch als Oberklasse, so gibt es mittlerweile schon in Preisregionen zwischen 200 und 300 Euro Smartphones, die richtig edel aussehen und sich auch so anfühlen. Wer ein schickes Gerät sein Eigen nennen will, muss also gar nicht mehr so tief in die Tasche greifen.

Das Gleiche gilt für die Leistung. Auf dem Papier gibt es zwischen Mittelklasse-Prozessoren wie dem Snapdragon 615 oder dem Exynos 7580 und Hochleistungs-Chips wie Apples A9 oder dem Kirin 950 einen riesigen Unterschied. Aber was bringt das eigentlich, wenn die meisten Apps am Ende doch so programmiert werden, dass sie auch auf Geräten der Einstiegs- und Mittelklasse vernünftig laufen? Wirklich ausschöpfen lässt sich die Leistung von Galaxy S6 oder Nexus 6P in der Praxis kaum. Als Pluspunkt bleibt deshalb lediglich die Zukunftsfähigkeit. Das ist aber eigentlich auch nur für Leute interessant, die vorhaben, ein Smartphone für mehr als drei Jahre auf hohem Niveau zu nutzen.

 Das LG Class bietet sogar im Einsteiger-Segment einen Hauch von Oberklasse. fullscreen
Das LG Class bietet sogar im Einsteiger-Segment einen Hauch von Oberklasse. (©TURN ON 2015)

Bleibt als dritter Punkt noch die Ausstattung. Hier konnte die Oberklasse in der Vergangenheit noch mit einigen Innovationen punkten. Mittlerweile halten jedoch sogar die extrem praktischen Fingerabdruckscanner schon Einzug in die Mittelklasse. Große "Innovationen" des Jahres 2015 wie Curved-Displays, 4K-Screens und 3D Touch gibt es zwar bislang tatsächlich nur in High-End-Modellen, dafür sind sie abseits aller Anpreisungen durch die Hersteller bislang allerdings auch reichlich unnötig.

Für 300 Euro gibt es alles, für 700 ein bisschen mehr

Für mich ergibt sich daraus die Erkenntnis, dass Flaggschiffe in den vergangenen 24 Monaten insgesamt immer unspektakulärer geworden sind. Wer die Augen offen hält, bekommt mittlerweile auch für 300 Euro schon ein Smartphone, das kaum Wünsche offen lässt und den Alltag perfekt meistert. Der Mehrwert, den ein iPhone 6s Plus und ein Sony Xperia Z5 Premium für 400 bis 500 Euro mehr noch bieten, ist dann für den Durchschnittsnutzer vergleichsweise gering. Für die Verbraucher ist das allerdings eine gute Entwicklung, denn wirkliche Schrott-Smartphones, wie es sie vor einigen Jahren in unteren Preisklassen noch gab, werden rar. Auch zu moderaten Preisen gibt es mittlerweile hochwertige und leistungsfähige Geräte.

 Auch das Nexus 5X ist umfassend ausgestattet. fullscreen
Auch das Nexus 5X ist umfassend ausgestattet. (©TURN ON 2015)

Der Markt normalisiert sich

Soweit scheint mir das alles auch eine relativ normale Entwicklung zu sein, die wohl jede neue Produktkategorie – und das Smartphone in seiner jetzigen Form ist immer noch verdammt jung – irgendwie durchmacht. Was entsteht, ist ein Massenmarkt, in dem auch die Verbraucher nicht aus der modernen digitalen Welt ausgeschlossen sind, die nicht so viel Geld in die Hand nehmen wollen oder können. Flaggschiffe wird es natürlich auch weiterhin geben, aber sie werden möglicherweise in Zukunft nicht mehr die große Leuchtturmwirkung haben, wie in der Vergangenheit.

Spannende Smartphones werden trotzdem nicht aussterben

Das bedeutet allerdings nicht, dass es in Zukunft keine spannenden Smartphones mehr geben wird. Eines der aktuell interessanten Geräte ist beispielsweise das Motorola Moto X-Force, das als erstes Smartphone über ein bruchsicheres Display verfügt. LG könnte beim LG G5 zudem einen modularen Slot vorstellen, der eventuell ganz neue Möglichkeiten für Smartphones eröffnet. Und dann schwebt da ja immer noch Project Ara im Raum – das erste voll-modulare Smartphone der Welt.

Ich lasse mich von der kommenden Generation an Flaggschiffen also gern wieder überraschen. Als Technik-Redakteur liegt es dann doch irgendwie in meiner Natur, mich von neuen Trends und coolen Features anstecken zu lassen. Und wer weiß, vielleicht war 2015 einfach generell kein gutes Jahr für Flaggschiffe und die nächsten wirklich großen Innovationen stehen uns in diesem Jahr erst noch bevor. Ob sie allerdings angesichts der immer besseren Mittelklasse-Modelle noch die Sogwirkung vergangener Tage entfachen können, bleibt abzuwarten.

 Projekt Ara könnte den Markt wieder spannend machen. fullscreen
Projekt Ara könnte den Markt wieder spannend machen. (©Google 2015)

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