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Galaxy Fold & Mate X: Warum mich die faltbaren Smartphones enttäuschen

Faltbare Smartphones wie das Galaxy Fold sind innovativ – aber auch nützlich?
Faltbare Smartphones wie das Galaxy Fold sind innovativ – aber auch nützlich?

Auf faltbare Smartphones haben Technik-Fans lange gewartet. Nun wurden mit dem Samsung Galaxy Fold und dem Huawei Mate X endlich die ersten Modelle vorgestellt. Die futuristischen Handys beeindrucken mit innovativer Technik – aber ihr praktischer Nutzen ist begrenzt.

Nach jahrelangen Gerüchten über ein faltbares "Galaxy X" hat Samsung das Smartphone tatsächlich am 20. Februar unter einem anderen Namen vorgestellt. Das AMOLED-Display des Galaxy Fold lässt sich nach Innen falten und für die Außenseite spendierte der Hersteller ein kleineres Bonus-Display.

Kurz darauf präsentierte Huawei auf dem MWC 2019 das faltbare Mate X, das bereits wie die nächste Generation aussieht. Das Mate X löst einige Designprobleme des Galaxy Fold. So sind die beiden "Hälften" des Displays ähnlich groß und es gibt keine lästige Riesenkerbe im Bildschirm. Allerdings hat das Design der Chinesen ein eigenes Problem – dazu später mehr.

Eine Science-Fiction-Fantasie ist also endlich Wirklichkeit geworden. Und zunächst war ich hellauf begeistert. Nach ausführlicher Recherche und Überlegung habe ich meine Meinung leider ändern müssen. Das neue Bauprinzip bringt nur wenige Vorteile mit – und dafür erhebliche Nachteile.

Die faltbaren Smartphones taugen nicht als Tablets

Zunächst lassen sich die faltbaren Handys nicht wirklich als Tablet-Ersatz nutzen. Genau das war meine Hoffnung gewesen und darum hatte ich die Idee eines biegsamen Smartphones im Streitgespräch mit meinem TURN-ON-Kollegen Patrick unterstützt. Es gibt verschiedene Gründe dafür, warum die Geräte von Huawei und Samsung in diesem Einsatzgebiet scheitern.

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Mit seinem 7,3-Zoll-Display ist das Galaxy Fold nichts Halbes und nichts Ganzes.

Einen dieser Gründe hatte Patrick schon genannt – ein faltbares Smartphone dürfte "den meisten Nutzern als Tablet immer noch zu klein sein." So misst das Display des Galaxy Fold im ausgefalteten Zustand gerade einmal 7,3 Zoll, wenn auch im breiten 4,2:3-Format – das ist nur wenig mehr als die 7,2 Zoll des Gaming-Smartphones Huawei Mate 20 X (nicht mit dem Mate X zu verwechseln). Das Mate X kommt derweil auf eine Bildschirmdiagonale von 8 Zoll im 12,6:9-Format. Tablets messen für gewöhnlich zumindest 9,7 Zoll wie das reguläre iPad.

Mein Galaxy Tab S4 LTE mit seinem 10,5 Zoll großen Bildschirm kann ich unterwegs zum Schreiben einsetzen und es macht sich auch gut beim Ansehen einer Serienfolge in der Küche oder im Zug. Ein faltbares Smartphone wie das Mate X mit einem 8-Zoll-Display wäre für mich zu klein als Tablet – aber zu sperrig im Smartphone-Einsatz. Ich würde es wahrscheinlich kaum je auffalten.

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Auf dem 10,5 Zoll großen Display des Samsung Galaxy Tab S4 funktioniert das Multitasking einigermaßen – aber auf einem 8-Zoll-Display?

Ich könnte zwei Apps zugleich auf dem Mate X verwenden, aber das mache ich selbst auf meinem 10-5-Zoll-Tablet nicht. Wer etwa parallel mit Freunden chatten und sie auf Google Maps suchen möchte, schafft das auch auf einem normalen Smartphone. Diese bieten schließlich häufig schon einen über 6 Zoll großen Bildschirm. Wenigstens hat Samsung die Benutzeroberfläche des Galaxy Fold für das Multitasking optimiert – der praktische Vorteil erscheint mir für die meisten Anwendungen trotzdem eher gering auszufallen.

Probleme mit Bildqualität und Stabilität

Bei einem separat erworbenen Smartphone und Tablet darf der Käufer mit einer ansprechenden Bildqualität rechnen. Galaxy Fold und Mate X wiesen in diesem Bereich jedoch bei ihren Präsentationen Probleme auf. So schreibt PhoneArena – und belegt es mit einem Foto – dass das Display des ausgefalteten Mate X in der Mitte bei der Faltstelle zerknittert ist. Die Unebenheit könnte den Medienkonsum stören. Das Galaxy Fold wurde von PhoneArena ebenfalls mit einer Knitterfalte ertappt.

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Die durch den Faltmechanismus erzeugte Knitterfalte auf dem Mate-X-Screen beeinträchtigt die Darstellung.

Ich gehe nicht davon aus, dass sich die Knitterfalte komplett vermeiden lässt. Sie verformt das Bild ein wenig und bricht das Licht in der Mitte. Davon abgesehen gibt es Probleme mit der Stabilität der Geräte – insbesondere beim Huawei Mate X, dessen Display im gefalteter Form nach außen zeigt. Konkurrent Motorola hat ein solches Design geprüft und sich bewusst dagegen entschieden. Ein solches Display soll nämlich leicht zerkratzen, "es hat von Anfang an eine kurze Lebenszeit", so Motorolas Produktchef Dan Dery, und wäre "sehr schnell nicht mehr nutzbar".

Auf das faltbare Plastik-OLED-Display kann nämlich kein Schutzglas wie Gorilla Glass aufgetragen werden, da Glas nur bei der Herstellung unter großer Hitze formbar ist. Vielmehr liegt eine empfindliche Plastikschicht auf dem POLED-Bildschirm. Beim Galaxy Fold ist das Kunststoff-Display zumindest im geschlossenen Zustand im Inneren geschützt.

Im Huawei-Teaser erlebt das Mate X eine Art Wassergeburt – es wirkt aber noch unfertig.

Die Hersteller kommen um den Einsatz von Plastik wohl nicht herum und aktuell ist mir rätselhaft, wie sie das Problem in der Zukunft lösen könnten. Im Artikel Faltbares Smartphone: Die Technik und die Herausforderungen dahinter erläutert Patrick die biegsame Bauweise im Detail.

Faltbare Smartphones sind zu teuer – und bleiben es noch lange

Angesichts der Kompromisse fällt der Preis der ersten Geräte sehr hoch aus. Das Huawei Mate X kommt Mitte 2019 auf den Markt und wird um die 2300 Euro kosten. Das Galaxy Fold erscheint am 3. Mai und ist mit 2000 Euro nicht viel günstiger. Es war zu erwarten, dass die innovativen Geräte mehr kosten würden als reguläre Flaggschiffe – aber mit einem doppelt so hohen Preis hatte niemand gerechnet. Die Marktforscher von Canalys gehen laut notebookcheck.com davon aus, dass 2019 weniger als zwei Millionen faltbare Smartphones ausgeliefert werden.

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Das Galaxy Fold ist purer Luxus – mit einem passenden Preisschild.

Das wäre für teure Early-Adopter-Geräte keine Katastrophe – allerdings: "Die Analysten rechnen damit, dass diese neue Klasse der Foldables für die nächsten Jahre die Spielwiese von sehr teuren Luxusgeräten bleiben wird." Faltbare Smartphones werden voraussichtlich also über Jahre hinweg purer Luxus bleiben. Das Galaxy Fold wird wohl nur in Luxusboutiquen verkauft und das soll laut Kate Beaumont, Director of Product bei Samsung UK, "eine ganz besonders persönliche Erfahrung" werden, wie The Verge schreibt.

Für den durchschnittlichen Technik-Fan ist das nicht schlimm. Für dasselbe Geld bekommt er eines der besten Smartphones und zusätzlich eines der Top-Tablets. Beispielsweise ein iPhone XS für aktuell um die 1100 Euro und ein iPad Pro 11 für rund 800 Euro.

Fazit: Ich warte lieber auf nützliche Innovationen

Wer unbedingt ein aufklappbares Smartphone haben möchte, kann sich auch das LG V50 ThinQ und dazu den Zweitbildschirm kaufen, den der Hersteller als Zubehör anbieten wird. Die Lösung ist weniger elegant, aber voraussichtlich deutlich günstiger. Ich persönlich habe mich von der Idee verabschiedet, dass Smartphone und Tablet in einem Gerät unterkommen müssten.

Interessanter fände ich die Idee, das Smartphone in einem Laptop-Dock unterzubringen. Vor ein paar Jahren ging das Motorola Atrix in diese Richtung, aber das Handy war nicht leistungsfähig genug. Auf der CES 2018 zeigte Razer als Prototypen sein "Project Linda", ein Laptop-Dock für das Razer Phone. Vielleicht könnte sich Android eines Tages als Notebook-Betriebssystem eignen. Trotz erster Ansätze wie Samsungs DeX-Modus für das Galaxy Tab S4 gibt es hier noch viel Luft nach oben.

Wahrscheinlich rede ich mir aber wieder nur ein, dass ich ein 2-in-1-Gerät haben möchte. Bessere Smartphone-Kameras, ein schnellerer interner Speicher wie UFS 3.0 und eine höhere Leistung hätten eindeutigere Vorteile. Ich persönlich lege auch Wert auf eine ordentliche Klangqualität und hoffe, dass in Zukunft nicht nur LG Hi-Fi-DACs verbaut. Das wären vielleicht nur kleine Fortschritte – aber dafür nützliche und bezahlbare Fortschritte.

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