Interview

Gespräch mit Google: Pixel-Smartphones brauchen keine Dual-Kamera!

Wichtiger als die Anzahl der Kameralinsen ist laut Google die Software. die dahinter steckt.
Wichtiger als die Anzahl der Kameralinsen ist laut Google die Software. die dahinter steckt. (©TURN ON 2018)

Egal wohin man schaut, findet man Smartphone-Flaggschiffe mit zwei (oder mittlerweile sogar drei) Kameralinsen auf der Rückseite. Nicht so bei Google. Das Pixel 2 und das Pixel 2 XL kommen mit einer Rückkamera aus und spielen trotzdem ganz oben mit. Warum das so ist, verriet mir Issac Reynolds, der globale Produktmanager für die Kamera der Pixel-Smartphones, im Interview.

Kameras werden meist anhand ihrer Hardware beurteilt. Wie gut ist die Optik, wie groß ist der Sensor, wie weit lässt sich die Blende öffnen? Ähnlich ist das auch bei Smartphone-Kameras. Ging es den Herstellern zunächst darum, die höhere Auflösung im Megapixel-Rennen zu bieten, geht es heute anscheinend um die Anzahl der Linsen. Fast jedes Flaggschiffmodell hat wenigstens eine Dual-Kamera zu bieten, das Huawei P20 Pro bringt sogar drei Linsen mit.

 Ich habe Google-Produktmanager Isaac Reynolds in Hamburg zum Interview getroffen. fullscreen
Ich habe Google-Produktmanager Isaac Reynolds in Hamburg zum Interview getroffen. (©Ulrich Schaarschmidt/Google LLC 2018)

Das Google Pixel 2 und das Pixel 2 XL hingegen haben nur eine Kamera auf der Rückseite – und dennoch lange Zeit das häufig für Vergleiche angeführte DxO-Ranking angeführt. Und auch nachdem es dort von Galaxy S9 und Huawei P20 Pro abgelöst wurde, spielt es weiterhin ganz oben mit. Das Pixel 2 macht sehr gute Fotos, das habe auch ich im Test des Smartphones festgestellt. Warum das so ist und warum es dafür nicht mehr als eine Kameralinse braucht, verriet mir Google-Produktmanager Isaac Reynolds im Interview in Hamburg.

Es ist nicht wichtig, wie viele Kameralinsen ein Smartphone hat

Reynolds ist der globale Produktmanager für die Kamera in den Google-Pixel-Smartphones und koordiniert ein riesiges Team aus Software- und Hardware-Experten beim Internetgiganten. Was er in den letzten Jahren in seiner Position festgestellt hat: Den Menschen ist nicht wichtig, wie viele Linsen eine Smartphone-Kamera hat. Wichtiger ist, dass die Fotoqualität stimmt – ganz automatisch auf Knopfdruck. Denn darum gehe es bei der Fotografie nach wie vor, meint Reynolds: besondere Momente einfangen und festhalten.

Smartphone oder DSLR? Das kommt auf die Situation an

 Das Google Pixel 2 und das Pixel 2 XL haben jeweils nur eine Front- und eine Rückkamera. fullscreen
Das Google Pixel 2 und das Pixel 2 XL haben jeweils nur eine Front- und eine Rückkamera. (©TURN ON 2018)

Und dafür greift nicht jeder zur DSLR. Schließlich will sich nicht jeder eine leisten oder immer mitschleppen. Das Smartphone hingegen hat man ständig bei sich. Mittlerweile gäbe es sogar viele Situationen, in denen er selber bewusst zum Smartphone statt zur großen Kamera greift, meint der Produktmanager. Zum Beispiel in schwierigen Lichtsituationen. Der HDR+-Modus der Pixel-Smartphones sorgt dafür, dass Vordergrund und Hintergrund gleichermaßen ausgeleuchtet werden und das Bild weder über- noch unterbelichtet wird. Mit einer DSLR müsste man dafür eine Belichtungsreihe erstellen und die verschiedenen Bilder zu einem zusammenfügen. Das Smartphone macht das ganz automatisch.

Wie geht ein Software-Unternehmen an die Hardware-Entwicklung heran?

Ziemlich schnell wird im Gespräch also deutlich: Google ist – als traditionelles Software-Unternehmen – stolz auf seine Kamera-Software und legt bei der Smartphone-Entwicklung den Fokus auf Algorithmen statt auf Angeber-Specs. Das war schon Googles Ansatz bei der Entwicklung des ersten Pixel-Handys und blieb es auch bei der zweiten Generation. Gewünschte Kamera-Features werden softwareseitig umgesetzt, die Hardware wird darauf abgestimmt. Das Software-Team hilft dabei, die benötigten Hardware-Komponenten auszuwählen. Im Falle des Pixel 2 wurden diese sogar teils inhouse entwickelt.

Pixel Visual Core für die optimale Performance von HDR+

 Wer sich auf die Software konzentriert, kann wichtige Kamera-Features für Rück- und Frontkamera anbieten. fullscreen
Wer sich auf die Software konzentriert, kann wichtige Kamera-Features für Rück- und Frontkamera anbieten. (©TURN ON 2018)

Mit den Pixel-Modellen 2017 führte Google den sogenannten Pixel Visual Core ein – einen zweiten Chip, der sich ganz auf die Bildverarbeitung konzentriert. Dieser sorgt laut Reynolds dafür, dass HDR+-Bilder, die aus bis zu zehn Einzelaufnahmen entstehen, siebenmal schneller errechnet werden als bei der ersten Pixel-Generation ohne Extra-Chip. Außerdem arbeitet der Visual Core äußerst energieeffizient und ermöglicht es, die beliebte HDR+-Funktion der Google-Smartphones auch in Drittanbieter-Apps nutzen zu können, zum Beispiel in Instagram, Snapchat oder WhatsApp.

Die Frontkamera spielt keinesfalls die zweite Geige

Dass begehrte Kamera-Features bei Google vordergründig softwareseitig umgesetzt werden, hat noch weitere Vorteile. Zum einen braucht es keine Dual-Kameras auf der Rückseite, die es häufig nur beim größeren und teureren Plus-/Pro-Modell einer Smartphone-Reihe gibt. Zum anderen lassen sich beliebte Funktionen auch mit der Frontkamera nutzen. Der Porträtmodus, der bei Google ebenfalls allein durch die Software möglich wird (und das vergleichsweise gut), funktioniert beim Pixel 2 vorne wie hinten.

Der Porträtmodus des Google Pixel 2 fokussiert Gesichter, und lässt den Hintergrund verschwimmen. fullscreen
Der Porträtmodus des Google Pixel 2 fokussiert Gesichter, und lässt den Hintergrund verschwimmen. (©TURN ON 2018)
Das Feature ist für die Front- und die Rückkamera verfügbar. fullscreen
Das Feature ist für die Front- und die Rückkamera verfügbar. (©TURN ON 2018)
Die Software funktioniert erstaunlich gut und liefert meist saubere Übergänge. fullscreen
Die Software funktioniert erstaunlich gut und liefert meist saubere Übergänge. (©TURN ON 2018)

Dass Selfies dann aussehen wie gewünscht, ist der Verdienst maschinellen Lernens. Eine Art Künstlicher Intelligenz erkennt Gesichter und sorgt dafür, dass diese stets fokussiert bleiben. Der Rest wird auf Wunsch unscharf dargestellt. Zudem werden Belichtung und Farben so angepasst, dass sie Deine Schokoladenseite betonen. Bei der Retuschierungsfunktion, die kleine Makel oder Unebenheiten verschwinden lassen soll, war es Google wichtig, dass man auf dem fertigen Foto immer noch aussieht wie man selbst. Das gelingt nicht jedem Smartphone-Hersteller.

Von AI zu AR: Neue Nutzungsmöglichkeiten für Smartphone-Kameras

Maschinelles Lernen macht aber noch viel mehr möglich. In welche unterschiedlichen Richtungen das gehen kann, zeigen die Augmented-Reality-Funktionen der Pixel-Smartphones. Auf der einen Seite dient AR zu Informationszwecken wie bei Google Lens. Wer beispielsweise ein bekanntes Gebäude fotografiert, bekommt von Google alle relevanten Informationen dazu angezeigt. Das soll so weit gehen, dass Du etwa die Daten eines WiFi-Netzwerks fotografieren kannst und daraufhin automatisch eingeloggt wirst.

Auf der anderen Seite eröffnet Augmented Reality ganz neue kreative Felder. Das zeigen zum Beispiel die AR-Sticker auf den Pixel-Smartphones, die diese noch junge Technologie ein Stück weit massentauglich machen. Beim Platzieren von Star-Wars-Lieblingen wie Porgs oder Stormtroopern in der realen Umgebung steht eindeutig der Spaß im Vordergrund.

Wie sieht die Zukunft der Fotografie aus?

Werden wir unsere Smartphone-Kameras zukünftig also nur noch zücken, um die Realität mit lustigen AR-Stickern zu verschönern oder Informationen zu unserer Umgebung zu erhalten? Nein, sagt Isaac Reynolds. Der Pixel-Experte ist der Meinung, dass sich das Wesen der Fotografie nicht großartig verändern wird. Menschen werden immer besondere Momente festhalten wollen. Auch diese Momente werden sich nicht großartig verändern – vielleicht aber das Gerät, das man für die Aufnahme zückt.

 Smartphone-Kameras werden immer besser darin, die unterschiedlichsten Momente optimal einzufangen. fullscreen
Smartphone-Kameras werden immer besser darin, die unterschiedlichsten Momente optimal einzufangen. (©TURN ON 2018)

Schon heute gibt es Menschen, die mit ihrem Smartphone fotografieren wie mit einer DSLR, sich also Gedanken über die Aufnahme machen, die richtige Perspektive suchen, für optimale Bedingungen sorgen und das Foto nachbearbeiten. Je besser Smartphone-Kameras darin werden, in jeder Situation ein großartiges Foto zu liefern, desto weniger Gedanken muss sich der Fotograf machen. Außer vielleicht bei der Motivwahl. Denn das menschliche Auge wird so schnell nicht von einer Smartphone-Kamera abgelöst.

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