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Handysucht bei Kindern: "Ich mache es ja auch manchmal aus!"

Kinder mit Smartphones
Kinder mit Smartphones

Text von Michalis Pantelouris (44) und Sophie Pantelouris (11) 

Meine Tochter ist Smartphone-abhängig!

Manchmal tut es richtig weh. Ich sehe die Kleine, wie ihr Gesicht am Bildschirm ihres Smartphones klebt, und vor meinem inneren Auge sehe ich förmlich vor mir, wie der ganze Kram, den sie guckt, ihr die Gehirnwindungen verklebt. Es ist nicht, was sie guckt. Ich habe weder etwas gegen YouTuber, noch gegen Games oder Soziale Netzwerke. Darum geht es nicht. Was mich vor allem fertig macht, ist die schiere Menge. Wenn ich es nicht kontrollieren würde, gäbe es mit Sicherheit Tage, in denen das Kind freiwillig keine Sekunde von ihrem Bildschirm aufschauen würde. Und obwohl ich zugeben muss, dass ich selbst mit meinem eigenen Smartphone viel zu verwachsen bin, kommt mir jede Stunde, die meine Tochter an diesem verdammten Bildschirm klebt, vor wie verlorene Zeit.

Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich mich nostalgisch an eine Version meiner eigenen Kindheit erinnere. Wir sind im Sommer morgens raus und Fahrrad gefahren, oder haben Fußball gespielt und kamen erst zum Abendbrot wieder nach Hause. In meiner Erinnerung waren wir ständig draußen. Aber natürlich ist das Quatsch. Wenn ich ehrlich bin, habe ich schon den C64 miterlebt, in den wir von der Datasette "Lemmings" geladen haben oder "Summer Games" – wir haben tagelang im abgedunkelten Zimmer durch wildes Hämmern auf den Joystick Stabhochsprung simuliert. Mein Cousin hatte sogar "Pong", das erste Computerspiel überhaupt, dieses Tennis-Spiel, bei dem man noch an einem Knopf drehen musste, um den Balken zu bewegen, der den Schläger simulieren sollte. Ich habe wahrscheinlich ähnlich viele Sommertage im Dunkeln verbracht wie meine Tochter heute. Es hat meine Eltern wahnsinnig gemacht und man merkt, wie alt ich bin, wenn ich trotzdem glaube, es ist heute schlimmer. Aber ich glaube das.

Ich glaube das zum Beispiel deshalb, weil die Geräte damals noch insofern sozial waren, dass man sich treffen musste, um zu Spielen, schon deshalb, weil nicht jeder eins hatte. Heute simuliert das Smartphone den Kontakt ja gleich mit und das teilweise wirklich Schlimme: Es gibt Zeiten, da zwinge ich die Kleine, ihr blödes Smartphone wegzulegen, da merke ich, wie nervös sie wird, weil sie eine Nachricht erwartet und Angst hat, zu spät zu antworten. Das ist nicht mehr sozialer Kontakt, sondern soziale Kontrolle. Und dann wiederum sehe ich die Filme, die die Mädchen zusammen machen und all das andere kreative Zeug, von dem wir damals nicht einmal hätten träumen können. Und dann denke ich: Die Dosis macht das Gift. Aber zum Glück habe ich als einziger das Passwort für das WLAN. Wenn es mir zu viel wird, stelle ich einfach das Netz ab.

Smartphone für Kinder fullscreen
Smartphones gehören für Kinder heutzutage zum Alltag.

Mein Vater übertreibt ständig!

Es gibt nur zwei Dinge, die mich an meinem Smartphone nerven. Das eine ist der Akku, der geht zu schnell alle. Und das zweite sind meine Eltern. Es nervt mich, dass es sie nervt, wenn ich es benutze. Ich gucke ja nicht die ganze Zeit YouTube oder so – obwohl sie das denken. Eigentlich könnte ich auf fast alles verzichten, außer auf die Chat-Apps. Die brauche ich, um mit meinen Freundinnen zu schreiben. Wir machen auch Video-Chats, und das ist total praktisch, wir machen nämlich auch zusammen Hausaufgaben und so etwas. Mein Vater glaubt mir das vielleicht nicht, aber wir machen echt auch viel vernünftige Sachen zusammen. Und wir haben einen Klassen-Chat, in dem wir auch über die Schule reden und so. Aber ich mache auch Social Media. Und ich gucke auch YouTube, das gebe ich zu, ich glaube aber, jeder muss das so machen, wie es für ihn selbst am besten ist, ich mache das Handy ja auch manchmal aus. Hin und wieder.

Meistens gucke ich Lifestyle- und Fashion-Blogger oder Comedy. Mein Papa hat keine Ahnung davon, dem muss ich das immer erstmal alles zeigen. ConCrafter finde ich zum Beispiel echt witzig, den habe ich ihm gezeigt, aber ich glaube, er fand den nicht so witzig wie ich. Aber oft gucke ich auch gar nichts, sondern nutze mein Smartphone für andere Sachen, zum Musikhören zum Beispiel. Und oft mache ich es auch aus. Also, nicht sehr oft, aber manchmal. Klar, manche Leute sind dann sauer, wenn sie einem was Dringendes schreiben und man sich nicht meldet, aber normalerweise finde ich, wenn man sich nach ein paar Stunden meldet, oder bei unwichtigen Sachen auch nach ein paar Tagen, dann ist das schon okay. Aber es ist nicht so, dass ich nur über mein Smartphone mit anderen Kontakt habe. Ich habe auch Freundinnen, die haben gar keins. Eine hat nicht mal ein Handy.

Ich habe eine große Schwester, deshalb habe ich ziemlich früh ein altes von ihr gekriegt, zuerst ohne SIM-Karte, aber in Wahrheit finden es meine Eltern auch gut, wenn sie mich anrufen können. Die gucken ja auch dauernd auf ihre Handys, deshalb finde ich es besonders blöd, wenn sie sich bei mir darüber aufregen. Aber es stimmt schon, dass sie auch süchtig machen und manchmal ist der ganze Tag vorbei, wenn man merkt, dass man schon so lange etwas spielt oder guckt oder so. Das finde ich auch doof. Aber das meiste ist doch cool. Ich jedenfalls lege mich jetzt entspannt aufs Sofa. Mit meinem Handy.

Info
Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins März/April, das in allen SATURN Märkten kostenlos ausliegt.

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