Meinung

Huawei ist das neue Apple – und das Mate 20 Pro zeigt, warum

Mit dem Huawei Mate 20 Pro sind die Chinesen Apple ähnlicher als je zuvor.
Mit dem Huawei Mate 20 Pro sind die Chinesen Apple ähnlicher als je zuvor. (©TURN ON 2018)

Huawei hat nicht nur bei den Verkaufszahlen zu Apple aufgeschlossen, sondern wird den US-Amerikanern auch ansonsten immer ähnlicher. Das Mate 20 Pro hat mir dies so stark vor Augen geführt, wie kein anderes Produkt zuvor.

Erst Anfang August sorgte die Nachricht für Aufsehen, dass es mit Huawei ein aufstrebender chinesischer Hersteller geschafft hat, Apple von Platz zwei der weltweiten Smartphone-Verkäufe zu verdrängen – und zwar ziemlich deutlich. Gut zwei Monate später hielt ich dann das neue Mate 20 Pro in der Hand, mit dem die Chinesen gegen iPhone XS und andere aktuelle Flaggschiffe antreten.

Vor allem beim Mate 20 Pro ist mir auch aufgefallen, dass Huawei längst nicht mehr nur bei den Verkaufszahlen, sondern auch in Hinblick auf Mut, Selbstbewusstsein und Innovationsfreude sehr deutlich mit Apple konkurriert. Ich behaupte sogar, dass Huawei im Moment der beste Schüler von Apple ist – im Guten, wie auch im Schlechten. Warum, will ich euch im Folgenden erklären.

Das Mate 20 Pro ist das vorläufige Meisterstück von Huawei. (© 2018 TURN ON)

Die Apple-Formel: Bekannte Features, aber besser

Apple war in der Vergangenheit mit dem iPhone selten der erste Hersteller, wenn es um neue Features ging. Ganz im Gegenteil: Oft waren die Kalifornier sogar ziemlich spät dran. Aber wenn neue Features dann endlich kamen, dann waren sie meist auch ausgereift und oftmals weiter gedacht, ambitionierter umgesetzt oder schlicht intuitiver als bei der Konkurrenz.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Fingerabdrucksensor im Smartphone, den vor Apple schon andere Hersteller eingesetzt hatten. Apple war jedoch der erste Hersteller, dessen Sensor 2013 so gut funktionierte, dass er aus dem Stand zur neuen Standard-Entsperrmethode für Millionen von Nutzern avancierte. Das Gleiche wiederholte sich dann im vergangenen Jahr beim Entsperren über Gesichtserkennung: Auch hier leistete Apple keine Pionierarbeit, konnte der Technologie mit Face ID aber zum Mainstream-Durchbruch verhelfen.

Face ID ist ein guter Beweis für die Apple-Formel. (© 2017 TURN ON)

Beim Wireless Charging setzt Apple keinerlei Impulse

Umso enttäuschender ist es, dass die Kalifornier auf einem ganz wichtigen Technologiefeld bislang keinerlei echte Impulse setzen konnten: dem Aufladen von Smartphone-Akkus. So war der Hersteller beispielsweise auch beim Thema Wireless Charging sehr spät dran. Als das Feature dann aber endlich mit iPhone 8 und iPhone X eingeführt wurde, bot es überhaupt nichts Neues. Im Gegenteil – mit einer Ladeleistung von 7,5 Watt funktioniert das induktive Aufladen bei Apple sogar langsamer als bei den seit Jahren von Samsung etablierten 10 Watt.

Na gut, dachte ich mir, vielleicht ist beim Wireless Charging technologisch einfach nicht mehr drin. Doch dann kam in diesem Jahr Huawei mit dem Mate 20 pro daher und machte dabei etwas, dass für mich wie ein typischer "Apple-Move" wirkt.

Huawei macht mit dem Mate 20 Pro einen "Apple-Move"

Tatsächlich war Huawei beim Thema Wireless Charging sogar noch langsamer als Apple. Erst ein Jahr nach dem iPhone 8 haben die Chinesen mit dem Mate 20 Pro ihr erstes Smartphone mit der Fähigkeit zum induktiven Aufladen vorgestellt. Eigentlich wäre dies nicht mal eine Erwähnung wert, aber Huawei hat es eben geschafft, das Ganze ausgereifter, ambitionierter und schlicht besser umzusetzen als die Konkurrenz – eben das, was man normalerweise von Apple erwarten würde.

So ist das Mate 20 Pro beispielsweise das erste Smartphone, das ein kontaktloses Aufladen mit bis zu 15 Watt unterstützt, was einen merklichen Geschwindigkeitssprung gegenüber den schon erwähnten 10 Watt von Samsung markiert.

Noch beeindruckender finde ich allerdings das Feature des umgekehrten Aufladens. Das Mate 20 Pro kann damit nämlich auch selbst als Ladepad fungieren und andere Smartphones, Smartwatches oder Kopfhörer per Induktion aufladen. Auch wenn sich der praktische Nutzern dieses Features momentan noch in Grenzen halten mag, so ist das theoretische Potenzial für die Zukunft enorm. Sollten andere Hersteller in diese Technik einsteigen, dann könnte es schon in wenigen Jahren völlig normal sein, dass wir uns mit unseren Smartphones unterwegs gegenseitig Energie spenden – was für eine sympathische Vorstellung!

Auf dem Weg zum eigenen Hardware-Ökosystem?

Aber es ist nicht nur die Innovationsfreude, mit der mich Huawei beim Mate 20 Pro an Apple erinnert hat. Auch bei der Ankündigung der neuen Speicherkarten, der sogenannten Nano-Memory-Karten, musste ich sofort an den iPhone-Hersteller denken.

Weil normale microSD-Karten nämlich zu groß sind, hat Huawei kurzerhand ein eigenes neues Format an Speicherkarten entwickelt. Die Nano-Memory-Karte unterscheidet sich dabei eigentlich nur in einem Punkt von der microSD-Karte: Sie ist in ihrer physischen Bauform kleiner und passt in einen handelsüblichen Slot für eine Nano-SIM-Karte, wie ihn jedes Smartphone bietet. Abgesehen davon handelt es sich jedoch um eine ganz normale Speicherkarte.

Die neue NaoSD-Karte von Huawei. (© 2018 Huawei)

Der einzige Vorteil dieses neuen Kartenformats liegt nun darin, dass der Hersteller aufgrund der kleineren Karte einen um einen oder zwei Millimeter schmaleren Kartenschacht in seinen Smartphones verbauen kann. Diese Platzersparnis ist zwar nicht zu unterschätzen, sie ist aber aus meiner Sicht dennoch kein besonders gutes Argument, nun ein neues Kartenformat einzusetzen. Warum nicht stattdessen einfach das Smartphone ein bisschen dicker gestalten, um Platz zu gewinnen?

Die Nachteile des neuen Formates liegen ganz klar auf Kundenseite. Wer den Slot im Huawei Mate 20 Pro zur Speichererweiterung nutzen möchte, muss sich extra eine neue Speicherkarte kaufen. Diese Speicherkarte funktioniert dann nur in diesem einen Smartphone und lässt sich in kein anderes übertragen.

Vorbild Lightning-Anschluss

Mich erinnert das Ganze sehr stark an Apple in den Lightning-Anschluss. Dieser macht praktisch das Gleiche wie ein USB-Anschluss, ist jedoch aufgrund der Steckerform nicht kompatibel und verlangt von den Nutzern somit, immer noch ein zusätzliches Kabel zu verwenden. Ein Mehrwert besteht dabei nur für Apple, da der Konzern am Verkauf der Kabel mitverdient.

Den Gedanken, dass Huawei mit der NanoSD-Karte etwas ähnliches versucht, kann ich einfach nicht verdrängen. Es zeigt aber auch, wie selbstbewusst der Hersteller mittlerweile ist, auch solche Schritte zu gehen.

Huawei kopiert weniger und wird Apple doch immer ähnlicher

Lange Jahre musste sich Huawei den Vorwurf gefallen lassen, Features und Designs bei Apple zu kopieren. Mit dem Mate 20 Pro zeigt sich der Hersteller in Sachen Hardware, Software und Features so eigenständig, mutig und so innovationsfreudig wie nie zuvor. Es ist fast schon ironisch, dass er damit umso mehr an Apple erinnert. Es dürfte jedenfalls spannend zu beobachten sein, wohin der Weg des chinesischen Unternehmens von hier aus führen wird.

Der Erfolg scheint dem Unternehmen jedenfalls einmal mehr recht zu geben: Wenige Tage nach dem Release ist das Huawei Mate 20 Pro flächendeckend vergriffen und Kunden müssen Wartezeiten von mehreren Wochen in Kauf nehmen.

Artikel-Themen
close
Bitte Suchbegriff eingeben