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iPad Pro: Ein Tablet kann (und muss) keinen Laptop ersetzen

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Fotos_iPadPro-3 (©TURN ON 2015)

Geht es nach Tim Cook, dann sollen Tablets wie das iPad Pro den Laptop ersetzten. Wirklich realistisch ist das bei genauem Hinsehen allerdings nicht. Generell stellt sich die Frage: Warum sollte der Laptop überhaupt ersetzt werden?

Als Steve Jobs 2010 das erste iPad vorstellte, waren sich viele Propheten sicher: Diese Geräteklasse wird den Laptop innerhalb weniger Jahre den Rang ablaufen. Es kam bekanntlich anders. Zwar haben Tablets seither tatsächlich einen beachtlichen Marktanteil erobert, doch dabei blieb es. Seit circa zwei Jahren stagniert das Geschäft, die Ablösung des Laptops ist nicht in Sicht. Beide Gerätetypen existieren nebeneinander.

Die Vision von 2010 wurde allerdings vor wenigen Wochen noch einmal aktuell, als Jobs' Nachfolger Tim Cook das iPad Pro vorstellte – ein 12,9-Zoll-Tablet, das sich mit Tastatur-Dock und Stylus-Pen zu einem Laptop-ähnlichen Gebilde umbauen lässt. Diesmal bemühte der Apple-Chef selbst die alte Formel und sprach davon, den Laptop mit seinem neuen Gerät überflüssig zu machen. Auch Google hat mit dem Pixel C ein Tablet mit einem ganz ähnlichen Konzept in der Pipeline – nur eben mit Android statt iOS.

Löst das Tablet wirklich den Laptop ab?

Keine Frage: Tablets sind nicht meine Lieblingsgeräte, aber sie haben ihre Existenzberechtigung. Sie sind als mobile Displays bestens geeignet und dienen als Mini-Computer zum Surfen und Filme-Schauen. Hin und wieder begleiten sie uns sogar im Berufsalltag in Meetings oder dienen für kleinere Präsentationen. Als echte Arbeitsgeräte sind sie jedoch in fast jeder Hinsicht nur ein Kompromiss. Daran ändert auch das iPad Pro nichts. Ansteckbare Falttastaturen und Stylus-Pens sind nette Ergänzungen, sie sind jedoch keine neue Idee und waren schon von Anfang an nicht der ganz große Wurf.

Apple und Google haben ein Problem

Öffentlich mögen Apple und Google über Windows 10 zwar die Nase rümpfen, eine echte Alternative zur sinnvollen Verbindung von Desktop-PC und Tablet haben sie mit ihren eigenen Betriebssystemen jedoch nicht zu bieten. Das ist durchaus ein Problem: Wer in diesen Tagen Produktpräsentationen großer PC-Hersteller besucht, sieht dort vor allem eines: Ultraschlanke und schicke Laptops, die sich dank umklappbarer oder abnehmbarer Displays auch als Tablets einsetzen lassen. Anstelle einer klapprigen Stofftastatur, die auch noch extra gekauft werden muss, besitzen sie ein echtes Keyboard und meist auch alle nötigen Anschlüsse für Mäuse, Festplatten und externe Displays. Das Tablet ist in diesen Fällen nur eines von vielen Features der PCs.

Auch das Argument der besseren Mobilität von Tablets im Vergleich zu Laptops lasse ich nicht gelten. In welcher Hinsicht ist ein 13-Zoll-großes Tablet mit extra Falttastatur und Stylus mobiler als ein gleich großes Notebook? Sicher, Windows 10 mag im Tablet-Modus noch längst nicht so elegant sein, wie iOS oder Android – als Desktop-Betriebssystem ist es beiden jedoch haushoch überlegen. Gleiches gilt für Mac OS X, das jedoch wiederum keinen Tablet-Modus besitzt. Insgesamt bieten Laptops mit Tablet-Modus aktuell einfach den besseren Kompromiss als Tablets mit Laptop-Modus.

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Ein weiteres Tablet mit Laptop-Ambitionen: das Pixel C von Google. (© 2015)

Wo kommt die Software her?

Ein weiterer Knackpunkt ist die Software. Klar ist es möglich, auch professionelle Programme als Apps umzusetzen. Diese kosten allerdings gerne mal mehrere Hundert oder gar mehrere Tausend Euro. So lange allerdings ein App-Store, der vornehmlich von Anwendungen zwischen 0 und 99 Cent dominiert wird, der einzige Vertriebskanal für solche Software ist, könnten viele Entwickler abgeschreckt werden. Und machen wir uns nichts vor: Gerade unter Studenten sind Raubkopien von Profi-Software oft die einzige Möglichkeit, überhaupt an diese Programme zu kommen. Hier schiebt ein geschlossenes Betriebssystem wie iOS schon einmal grundsätzlich einen Riegel vor. Gut für die Entwickler, schlecht für viele Leute, die auf diese Weise überhaupt zum ersten Mal in Kontakt mit vielen Profi-Programmen kommen.

Ein teuer erkaufter Kompromiss

Und dann wäre da noch der Preis: Natürlich kann man ein Gerät grundsätzlich unabhängig vom Verkaufspreis betrachten und bewerten – viele Tester machen das auch. Ich finde das aber etwas realitätsfremd, denn der Kunde stellt sich sehr wohl die Frage, was er für sein Geld bekommt.

Beim iPad Pro werden selbst für die günstigste Variante mit 32 GB an nicht erweiterbarem Speicher inklusive Tastatur und Pencil knapp 1200 Euro fällig. Objektiv betrachtet ist das Tablet dabei durchaus ein gutes Gerät, wie ja auch mein Kollege Alexander in seinem Test festgestellt hat – allerdings ist es ein Gerät mit vielen Kompromissen, die für den aufgerufenen Preis einfach zu eklatant sind. Einen ordentlichen Laptop zum mobilen Arbeiten gibt es in vielen Fällen bereits für das halbe Geld und selbst mit Touch-Display und Pencil bleiben viele Notebooks preislich noch deutlich unter dem vermeintlichen Profi-Tablet.

Was bleibt, ist für mich ein Gerät, dem eine echte Zielgruppe fehlt. Bitte nicht falsch verstehen, als Tablet ist das iPad Pro ein sehr gutes Gerät mit Top-Performance, durchdachter Benutzeroberfläche und toller Verarbeitung. Als Tablet ist es aber auch viel zu teuer und dabei nicht dramatisch besser als andere hochwertige Modelle. Als Laptop-Ersatz taugt es nicht wirklich. Und dabei steht das iPad Pro nur exemplarisch für viele andere Tablets, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen. Schließlich kann auch für das Xperia Z4 Tablet eine Zusatz-Tastatur für über 100 Euro zugekauft werden. Am Ende bleibt aber nur in teuer erkaufter Kompromiss.

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