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iTunes für Samsung-TVs: Warum Apple sich zum Software-Anbieter wandelt

Käufer eines Samsung-TVs müssen sich nun keinen Apple TV mehr besorgen.
Käufer eines Samsung-TVs müssen sich nun keinen Apple TV mehr besorgen.
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Mit der Ankündigung von iTunes für Samsung-TVs und Apple Music für Amazon Echo läutet Apple einen Strategiewechsel ein. Zum ersten Mal gewichtet der Konzern den Erfolg von Software höher als den von Hardware.

Es ist ein bisschen so, als wäre die Hölle zugefroren: Apple bringt seinen Streaming-Service iTunes nach Jahren völliger Abstinenz tatsächlich auf Smart TVs des großen Rivalen Samsung. Und damit nicht genug: Auch AirPlay 2, das Streaming-Protokoll, mit dem sich Videos, Musik und Fotos kabellos von iPhone, iPad oder Mac streamen lassen, soll in den Samsung-Smart-TVs der Modelljahre 2019 und 2018 (per Software-Update) zur Verfügung gestellt werden.

Noch vor wenigen Jahren wäre ein solcher Schritt absolut undenkbar gewesen, da Apple als Hardware-Hersteller seine Software-Dienste vor allem als Services für die Käufer seiner eigenen Geräte angesehen hat. Wer Apple-Software wollte, musste auch Apple-Geräte kaufen. Nach dieser Logik hatte Software vor allem die Aufgabe, die Hardware-Verkäufe zu pushen. Doch von diesem Paradigma scheint sich das Unternehmen nun langsam zu verabschieden.

Apple kann und will kein reiner Hardware-Konzern mehr sein

Auch wenn viele Kunden davon noch nicht viel merken: Apple befindet sich mitten in einer Neuausrichtung seiner Strategie. Der Verkauf von Hardware soll zwar auch in Zukunft das wichtigste Standbein des Konzerns bleiben, aber als zweites Standbein möchte Apple-Chef Tim Cook den Service-Sektor stärken. Er soll in Zukunft dazu dienen, Schwächen im Hardware-Geschäft auszubügeln. Damit das funktioniert, muss er auf eigenen Füßen stehen können.

Wie wichtig ein solcher Schritt für die Zukunft des Unternehmens ist, wurde erst im Weihnachtsgeschäft klar, als die iPhone-Verkäufe plötzlich schwächelten und der Konzern die Umsatzziele deutlich verfehlte. Sofort ging der Aktienkurs auf Talfahrt. Zwar verkauft Apple immer noch unzählige Millionen seiner Smartphones, aber ein kleiner Einbruch der Geschäfte genügt schon, um die gesamte Unternehmensbilanz ins Ungleichgewicht zu bringen. Da Apple mit dem iPhone knapp zwei Drittel seines Umsatzes generiert, haben die anderen Sparten nicht die Kraft, Einbußen im iPhone-Geschäft auszugleichen – zumindest noch nicht.

Apple hängt am iPhone-Tropf

Mit dem iPhone hat Apple Rekord-Umsätze erzielt und konnte zwischenzeitlich sogar zum wertvollsten Unternehmen der Welt aufsteigen. Doch der Smartphone-Markt zeigt bereits seit einigen Monaten Anzeichen der Sättigung. Ein rückläufiges Geschäft birgt für Apple jedoch große Risiken, denn der Konzern hat momentan kein anderes Produkt im Portfolio, das bei einem Einbruch des iPhone-Geschäftes in die Bresche springen könnte.

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Das iPhone hat Apple zu dem gemacht, was es ist.

Obgleich Tim Cook in seiner Zeit als Apple-Chef durchaus auf einige erfolgreiche Produkt-Launches zurückblicken kann, so haben weder Apple Watch noch AirPods das Potenzial, wegbrechende iPhone-Verkäufe zu kompensieren. Hinzu kommt, dass die meisten Produkte, die Apple in den vergangenen Jahren neu auf den Markt gebracht hat, stark vom iPhone abhängig sind und kaum unabhängig von diesem am Markt funktionieren können. Auf das nächste große Dinge nach dem iPhone wartet die Welt indes vergeblich.

Software-Services sollen die Zukunft sichern

Tim Cook scheint seine Entscheidung, wo die Zukunft von Apple liegen soll, indes längst getroffen zu haben. Seit Jahren schon wird der Bereich "Software-Services" kontinuierlich ausgebaut. Als Startschuss kann dabei der Launch von Apple Music angesehen werden. Der Streaming-Dienst war von Anfang an über das "alte" Apple-Universum hinaus konzipiert und wurde auch für Windows-PCs und Android-Geräte gelauncht.

Apple Music Playlist
Apple Music ist nicht auf Apple-Geräte beschränkt.

Einen mindestens ebenso großen Aufschlag plant Apple nun auch im Film- und Serien-Bereich. Bereits seit längerer Zeit soll der Konzern im Verborgenen an einem eigenen Streaming-Angebot nach dem Vorbild von Netflix arbeiten – einem Abo-Dienst also, der von Millionen Menschen weltweit genutzt wird. Damit diese Rechnung jedoch aufgehen kann, braucht Apple auch ein Publikum, und das hat, wenn man sich den TV-Markt anschaut, eben bislang keine Apple-Produkte.

Zwar gibt es die Set-Top-Box Apple TV mittlerweile in der fünften Generation, aber über ein Nischendasein konnte diese, trotz guter Hard- und Software, nie hinauskommen. Und überhaupt: Wer heute einen top ausgestatteten Fernseher kauft, hat in der Regel alle wichtigen Streaming-Angebote direkt verfügbar und keinen Bedarf mehr nach einer separaten Box.

Apple TV
Apple TV: Ein gutes, aber relativ nischiges Produkt.

Hier hat Apple die eigene Schwäche erkannt und sucht sich deshalb nun Hardware-Partner von außerhalb, um die eigenen Software-Dienste nach vorn zu bringen. Als größter TV-Hersteller ist Samsung dabei quasi die erste Wahl, aber es würde mich überraschen, wenn iTunes nicht über kurz oder lang auch auf Fernsehgeräten anderer Marken landet.

Zum ersten Mal steht Software über Hardware

Tatsächlich schwinden mit dem Auftauchen von iTunes auf den Geräten von Drittherstellern für die meisten Kunden sogar die letzten Gründe, sich überhaupt einen Apple TV zuzulegen. Immerhin kann das Gerät nun nichts Exklusives mehr bieten.

Ähnliches lässt sich übrigens über den Apple HomePod sagen. Der 2018 gelaunchte Smart-Speaker war lange Zeit das einzige Gerät seiner Art, auf dem sich Apple Music nutzen ließ, doch seit Dezember 2018 ist die Musik-App ebenfalls auf den Echo-Smart-Speakern von Amazon nutzbar. Da Apple Music bislang ein entscheidender Verkaufsgrund für einen HomePod war, gräbt Apple seinem Gerät damit selbst das Wasser ab.

Amazon Echo Plus
Apple Music läuft mittlerweile auch auf dem Amazon Echo.

Es ist vielleicht das erste Mal in der Geschichte von Apple, dass der Erfolg von Software höher gewichtet wird als der von Hardware und das ist ein klares Zeichen für einen Strategiewechsel. Der Konzern aus Cupertino kann und will nicht mehr nur Hardware-Hersteller sein, sondern sein Geschäft diversifizieren. Damit die Software-Service-Sparte jedoch auf eigenen Füßen stehen kann, muss sie so unabhängig wie möglich von der eigenen Hardware gemacht werden. Die dafür nötigen Schritte vollzieht das Unternehmen gerade und sie könnten den Erfolg für eine Zeit nach dem iPhone sicherstellen.

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