"Kein Schwein ruft mich an!": Warum das Telefonieren langsam ausstirbt

Heute werden in erster Linie Messenger verwendet. Sind dadurch Telefonate vom Aussterben bedroht?
Heute werden in erster Linie Messenger verwendet. Sind dadurch Telefonate vom Aussterben bedroht? (©oneinchpunch/stock.adobe.com 2018)

In Zeiten von Slack, WhatsApp und Facebook-Messenger gelten klassische Anrufe auf dem Telefon beinahe als Belästigung. Wie konnte das passieren?

Vor Kurzem rief mich meine Mutter an. Ich saß in einer Besprechung, schaltete eilig das Vibrieren aus und starrte verstohlen auf das drängelnde, leicht panische und auf jeden Fall vorwurfsvolle Wort "Annehmen" auf dem Display meines Telefons. "Du musst rangehen!", schien der Anruf zu befehlen – und zwar sofort! Entschuldigend drängelte ich mich aus der Besprechung und flüsterte in einer Mischung aus Angst (war jemandem was passiert?) und Wut (was soll diese Störung?) "Was gibt's?" ins Telefon. "Och, ich wollte nur mal fragen, wie's dir geht", flötete Mutter. "Musst du heute viel arbeiten?"

Entgeistert starrte ich ins Nichts. Meine Mutter rief mich ernsthaft mitten am Tag an – einfach um zu fragen, wie's mir geht? Das erschien mir vollkommen absurd, absolut unverhältnismäßig und, ehrlich gesagt, wie eine mittlere Unverschämtheit. Eilig beendete ich das Gespräch und huschte zurück in die Besprechung.

Früher war ein Anruf durchaus erwünscht

Dass ein Anruf als übergriffig, ja fast als aggressiver Akt gilt, ist eine neuere Entwicklung. "Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich", beklagte Max Raabe noch 1992. Und Helge Schneider sang ein Jahr später: "Ich bin der Telefonmann, ich gehe immer dran. Ich bin immer parat, am Telefonapparat!" Und beides war nur bedingt ironisch gemeint, damals, Anfang der 1990er. Tatsächlich freuten sich die Menschen damals fast immer über einen Anruf – sie hatten ja Zeit und Muße und waren ohnehin nur am Schreibtisch oder im heimischen Wohnzimmer zu erreichen.

Heute aber werden viele – ja, auch ich – wütend, wenn das Telefon klingelt. Und das hat viel mit der explodierten Anzahl der Kommunikationskanäle und unserer ständigen Erreichbarkeit zu tun.

Etwas spitz formuliert: Früher, also vor der Erfindung des Mobiltelefons und des Smartphones, war man so gut wie nie zu erreichen. Wenn man aber zu Hause und somit erreichbar war, dann hatte man Ruhe, Lust und Zeit, und jeder Anruf war maximal eine Störung beim Abendessen, vermutlich aber eher eine willkommene Unterbrechung des Fernsehprogramms oder sonstiger Langeweile.

Ständig erreichbar

Wer heute anruft, unterbricht aber nicht die Ruhe des Nachmittags – sondern platzt mit großer Wahrscheinlichkeit in einen ohnehin hektischen Alltag. In der U-Bahn, auf dem Rad, im Zug, in Besprechungen, beim Warten auf den Kaffee zum Mitnehmen: Überall sollen wir nebenbei auch noch telefonieren. Das Telefonat ist zur Belästigung geworden. Und wenn es heute noch Songs darüber gäbe, sänge Max Raabe wohl: Kein Schwein soll mich anrufen!

Denn wir sind heute nicht bloß immer und überall erreichbar, sondern das auch noch auf Dutzenden Wegen: Slack, Skype, Signal, WhatsApp, SMS, Facebook-Messenger, Threema und E-Mail bieten ihre Dienste an.

Vielleicht ist der schlechte Leumund, den Anrufe mittlerweile haben, auch eine direkte Folge unseres Wirtschaftens. Warum, fragte der britische Observer im vergangenen Jahr, jemand anrufen, um in einem unpräzisen Wortschwall den Sachverhalt zu schildern, wenn es mit einem prägnanten Text oder der Übermittlung von Bild und Videodaten umso effizienter getan ist? Ein Anruf sei eben einfach nicht schnell und zielführend.

Ich bin der Telefonmann, ich gehe immer dran. Ich bin immer parat, am Telefonapparat!
Helge Schneider

Texten ist schneller als anzurufen

Über die Aufsplitterung und Verfeinerung der Kontaktinstrumente hat in jedem Fall eine neue Hierarchisierung stattgefunden: Denn die vielen geduldigen und asynchronen Kanäle von WhatsApp bis Slack fügen sich immer rücksichtsvoller in den modernen Alltag ein als ein Anruf – weil sie dem Adressaten so wenig wie möglich abverlangen. Er kann souverän über seine Aufmerksamkeit und seine Antwort entscheiden, kann abwägen, überlegen und vertagen.

Das Medium ist dabei längst Teil der Nachricht: Was ein paar Tage Zeit hat, kann per Mail kommuniziert werden, WhatsApp-Nachrichten erbitten Antwort am selben Tag, Facebook-Messages und SMS könnten zur vollen Stunde beantwortet werden. Jeder hat da seine eigenen Vorlieben.

Nur der Anruf erfordert sofortige Aufmerksamkeit, und zwar vollkommen. Textkanäle lassen sich mit leichter Hand während des Essens oder einer Besprechung unterm Tisch beantworten. Das Telefonat aber unterbricht, zwingt den Angerufenen oft aus dem Raum und zu einer Pause. Und um dies inmitten all der Hektik zu rechtfertigen, braucht es wahlweise eine Verabredung – oder einen Notfall. Unabgesprochen nur für eine Plauderei anzurufen, das wirkt angesichts aller anderen Möglichkeiten, als brettere man mit Blaulicht durch die Frontscheibe eines Supermarkts, um ein Päckchen Aufschnitt zu kaufen.

Wie lange werden wir noch zum klassischen Telefon greifen?

Der Anruf ist vom Aussterben bedroht – wie früher das Reiten als Fortbewegungsmittel. Und wie für Pferde gilt auch fürs Telefonat: Es wird überleben, aber in der Nische. Als Kulturtechnik wird das Telefonat als Luxusgut weiterleben. Als etwas, das wir pflegen, wenn wir Zeit und Muße haben. Nämlich nach Feierabend, nach den Besprechungen und in den Zeiten, in denen wir Ruhe haben. Es wird wie in den 1990ern sein. Nur ganz bewusst. Noch in der Besprechung schrieb ich unterm Tisch an meine Mutter: "Alles gut, nur etwas hektisch! Ich rufe heute Abend zurück und erzähle dann."

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