Meinung

Keine Sorge, Du musst den aktuellen 5G-Hype nicht mitmachen

Nach den Vorstellungen der Bundesnetzagentur soll das 5G-Netz bis Ende 2022 einen Großteil Deutschlands abdecken. Im Frühjahr 2019 werden die benötigten 5G-Mobilfunkfrequenzen versteigert. Du kannst Dich trotzdem entspannt zurücklehnen. 5G wird 4G LTE nicht so schnell ablösen – und es hat andere Vorteile, als oftmals behauptet wird.

Smartphones dürften kaum von 5G profitieren

In den USA werden in einigen Großstädten bereits Anfang 2019 die ersten 5G-Netze angeboten. Dort geht es dann mit Geschwindigkeiten von bis zu 5 GBit/s ins Internet – das ist viel schneller als jedes WLAN-Netz in Deutschland. Hierzulande können selbst die Kabel- und DSL-Nutzer mit einer Download-Geschwindigkeit von 100 MB/s schon sehr zufrieden sein. Im hiesigen LTE-Netz gelten Downloadraten von 40 MB/s als gut.

Smartphone-Hersteller wie Samsung, Sony, Nokia, HTC und LG werkeln eifrig an den ersten 5G-fähigen Smartphones und Motorola wird für das Moto Z3 eine passende Mod anbieten. Ein Blick auf die Berichterstattung über 5G könnte den Eindruck erwecken, dass das neue Netz insbesondere für Smartphones Vorteile bringt. Das ist aber keineswegs der Fall.

Das Moto Z3 erhält Anfang 2019 eine 5G-Mod. (© 2018 Motorola)

Tatsächlich werden Smartphones mitunter am wenigsten von 5G profitieren – der Aufpreis für 5G-Netze dürfte anfangs dafür beträchtlich ausfallen. Das liegt vor allem daran, dass 4G LTE bereits schnell genug ist. Für das Streaming von Hi-Res-Music wird eine Geschwindigkeit von ungefähr 1 MB/s benötigt, für Online-Games wie Fortnite 3 MB/s, für Full-HD-Videos maximal 5 MB/s und für 4K-Video bis zu 25 MB/s. Immerhin: Mobile-Spiele würden von der geringeren 5G-Latenz profitieren. Das bedeutet, dass Eingabebefehle bei Online-Games schneller umgesetzt werden.

Bereits das "normale" 4G LTE erreicht eine Maximalgeschwindigkeit von 18,75 MB/s und das neuere und weit verbreitete LTE+ (alias LTE-A oder LTE Advanced) läuft theoretisch mit bis zu 125 MB/s. Das genügt für alle erdenklichen Anwendungen bis hin zum Streaming von 4K-Videos. Selbst die 40 MB/s, die in Deutschland an den meisten Orten das höchste der LTE-Gefühle sind, genügen für alles, was der durchschnittliche Nutzer mit dem Smartphone im Internet anstellen möchte. In einigen Städten erreicht die LTE-Geschwindigkeit sogar 200 MB/s bis hin zu 1 Gbit/s.

Das Samsung Galaxy S10 (hier ein Konzeptbild) soll mancherorts auch als 5G-Modell erhältlich sein. (© 2018 YouTube/My Technological World)

Manchmal wird behauptet, dass 4G LTE für "die Smartphone-Zukunft" aber nicht mehr ausreichen soll. Aber warum nicht? Welche Smartphone-Anwendungen sollten eine höhere Geschwindigkeit benötigen als 125 MB/s? Bislang gibt es keine und es sind auch keine geplant.

Für viele Anwendungen ist 5G unnötig

Nun soll das nicht bedeuten, dass 5G prinzipiell kein großer Schritt nach vorne wäre. Das 5G-Netz ist dem 4G-Netz theoretisch deutlich überlegen. Es ermöglicht Datenraten von bis zu 20 Gbit/s (oder 10 Gbit/s, je nachdem, wen man fragt), Latenzzeiten von unter 1 Millisekunde, es überträgt Daten in Echtzeit und senkt den Stromverbrauch je Mobildienst um bis zu 90 Prozent. Allzu viele praktische Anwendungen gibt es für all diese Vorzüge allerdings nicht.

Häufig werden etwa Internet-der-Dinge-Anwendungen wie Fabrikmaschinen genannt, die miteinander kommunizieren. Das können sie allerdings auch im WLAN-Netz der jeweiligen Fabrik. WLAN sollte ebenso für alle erdenklichen Smart-Home-Anwendungen ausreichen, was heute schon der Fall ist.

Smart-Home-Systeme begnügen sich mit dem WLAN-Netz. (© 2018 Adobe Stock / sdecoret)

Mobilfunkanbieter überlegen in den USA, ob sie 5G als Alternative zu Kabel und DSL anbieten. Craig Moffett, ein Analyst von MoffettNathanson LLC., sagte gegenüber Bloomberg, es sei "schwierig, irgendeine andere Möglichkeit zu finden, mit 5G Geld zu verdienen." Allerdings sei 5G als Ersatz für Kabel und DSL "nicht sonderlich gut geeignet".

5G könnte theoretisch eine gute Möglichkeit für autonome Fahrzeuge darstellen, miteinander und zum Beispiel mit Ampeln zu kommunizieren. Selbstfahrende Fahrzeuge müssen zahlreiche Daten schnell übertragen und auswerten, um Unfälle zu vermeiden. 5G bietet genügend Bandbreite dafür und überträgt die Informationen mit einer minimalen Verzögerung. Allerdings: "Für das automatisierte Fahren haben wir bereits andere Frequenzen bereitgestellt, damit sich Fahrzeuge erkennen oder mit der Straße kommunizieren", so der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, im Interview mit dem Handelsblatt.

5G ist für eine weitgehende Flächenversorgung ungeeignet

Das größte technische Problem mit 5G besteht darin, dass die 5G-Funkwellen kurzwellig sind und daher weitaus mehr Funkstationen für die Verbreitung des 5G-Netzes benötigt werden als für 4G LTE. Die Funkstationen sollen nicht nur auf abgelegenen Sendemasten, sondern auch auf Häuserdächern und auf Masten an Straßenseiten unterkommen.

Das kurzwellige 5G-Netz erfordert viel mehr Sendemasten. (© 2018 Adobe Stock / bluedesign)

Unter diesen Umständen klingt die Idee utopisch, dass ausgerechnet 5G die Grundlage zur Vernetzung der ganzen Welt darstellen soll. Warum würde jemand in Südafrika alle paar Metern einen 5G-Sendemast aufstellen? In Deutschland sollen neben Haushalten auch viele Straßen mit 5G versorgt werden, doch wie Jochen Homann von der Bundesnetzagentur gegenüber dem Handelsblatt feststellte: "Die jetzt zur Vergabe anstehenden 5G-Frequenzen sind für eine weitergehende Flächenversorgung nicht geeignet."

Dafür ist 5G wirklich gut

Zwar wird 5G für das Smart-Home wohl nicht benötigt, aber für Smart Cities könnte es schon praktischer sein. Dabei geht es um die zentrale Verwaltung von Energie, Wasser, Stadtbeleuchtung, Verkehrsüberwachung und so weiter. 5G bewältigt größere Datenmengen bei geringerer Verzögerung und hat insofern Vorzüge in diesem Bereich.

Es mag auch sein, dass 5G für die Drohnen-Kommunikation und -Koordination innerhalb von Städten zum Einsatz kommen wird, etwa für Drohnen, die Pakete ausliefern, oder Drohnen, die schnell zu Unfällen geschickt werden. Am Unfallort könnten sie zur Aufklärung beitragen oder bei der Notversorgung helfen.

Es gibt heute schon eine Anwendung, die einen hohen Datenverbrauch aufweist und von einer geringeren Latenz profitieren würde: Virtual Reality und Augmented Reality mit autonomen Brillen, die also nicht via Netzkabel mit dem PC verbunden sind. Ein möglicher Nachfolger der Oculus Go könnte hochaufgelöste VR-Spiele mit 4K-Auflösung für jedes Auge dank einer 5G-Verbindung bewältigen. Die Spiele müssten nicht mehr von der Brille selbst berechnet werden, dies könnte ein externer Gaming-PC übernehmen.

Ein Nachfolger der kabellosen VR-Brille Oculus Go könnte deutlich von 5G profitieren. (© 2018 TURN ON)

Schließlich wäre da noch das normale Online-Gaming via Smartphone, Konsole und PC. Eine Latenz ("Ping") von bis zu 30 Millisekunden gilt für das Online-Gaming als sehr gut. Mit einer WLAN-Verbindung liegt die Latenz ungefähr 7 bis 12 Millisekunden höher als mit Ethernet-Kabel, wie etwa eine Untersuchung der "League of Legends"-Spieler zeigte. Eine Latenz von gerade einmal 1 Millisekunde schlägt das Internet via Kabel (20-25 ms) oder VDSL (15-20 ms) deutlich. Für das Online-Gaming wäre 5G also die perfekte Lösung.

Fazit: Abwarten und Tee trinken

5G ist technisch ein großer Schritt nach vorne. Die meisten praktischen Anwendungen sind aber noch nicht abzusehen und für fast alles, was wir heute im mobilen Internet erledigen, reicht 4G LTE völlig aus. Smartphone-Nutzer dürften eher von einem Ausbau schneller LTE-Plus-Netze profitieren als von unzähligen 5G-Sendemasten auf Häuserdächern und neben Straßen.

Das ist auch das entscheidende Problem, das 5G-Netze haben: Die kurzwelligen 5G-Funkwellen erfordern für ihre Verbreitung unzählige Sendemasten. Wenn schon der LTE-Ausbau in Deutschland noch nicht abgeschlossen ist, warum sollte eine Technologie, die eine höhere Investition erfordert und deren praktischer Nutzen schwer vorherzusehen ist, die Anwender schneller erreichen?

Für Online-Spiele wie "PUBG" wäre das schnelle und Lag-freie 5G optimal. (© 2018 PUBG Corp.)

Ich bin sehr gespannt darauf, welche neuen Möglichkeiten 5G-Netze eröffnen werden und ich hoffe, dass sie wirklich so viele Internet-Lücken schließen, wie die Bundesnetzagentur sich das wünscht. Zocker dürfen sich auf Vorteile beim Online-Gaming freuen. Im Augenblick ist 5G allerdings keine Technologie, die ich als Konsument unbedingt sofort haben müsste. Ich lehne mich daher entspannt zurück und beobachte erst einmal, was die goldene 5G-Zukunft bringt.

Artikel-Themen
close
Bitte Suchbegriff eingeben