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Klapphandys: Warum sind die Dinger eigentlich wieder beliebt?

Die Neuauflage des "Matrix"-Klapphandys Nokia 8110 4G kam vor kurzem auf den Markt.
Die Neuauflage des "Matrix"-Klapphandys Nokia 8110 4G kam vor kurzem auf den Markt. (©TURN ON 2018)

Klapphandys erleben gerade ein kleines Comeback. Nokia hat die Neuauflage des "Matrix"-Handys Nokia 8110 4G auf den Markt gebracht und Promis wie Rihanna, Daniel Day-Lewis und Kim Kardashian ließen sich mit Klapphandys blicken. Es gibt verschiedene Gründe dafür, warum die alte Technik auf einmal wieder im Trend liegt.

Klapphandys sind das neue "Cool"

Für manche Nutzer sind Klapphandys ein Statussymbol. Das waren sie schon einmal Mitte der 1990er-Jahre, als sie frisch auf den Markt kamen und kaum jemand ein Klapphandy nutzte. In den letzten Jahren hingegen galten die "Flip-Phones" als billige Smartphone-Alternative für Senioren, die sich nicht an die neue Technik gewöhnen wollten oder konnten. Seit 2016 jedoch posieren manche wieder mit ihren Klapphandys, um damit etwas auszusagen.

Mit einem Klapphandy wie dem Nokia 8110 signalisieren manche, dass sie ständige Erreichbarkeit nicht nötig haben. (© 2018 TURN ON)

James Gardner von der "Digital Experience"-Agentur Connective DX im US-amerikanischen Boston nennt das Phänomen "Reverse Status Signaling", wie TheStreet schreibt. Normalerweise zeigen Menschen ihren Reichtum, indem sie sich mit einem Luxusprodukt blicken lassen, das nicht jeder hat – etwa mit dem neuesten iPhone. Doch Smartphones können heute auch etwas anderes aussagen.

So gelten sie für manche nicht mehr als Zeichen von Wohlstand und Macht, sondern als Zeichen für das Gegenteil: Der Mensch mit dem Smartphone in der Hand muss demnach jederzeit erreichbar sein und ist nicht sein eigener Herr. Ein Klapphandy sagt hingegen aus, dass der Nutzer es nicht nötig hat, ständig erreichbar zu sein, so Gardner. Er ist erreichbar, wenn er es sein möchte. Er ist der Boss.

Klapphandys haben praktische Vorteile

Dem Business-Forscher Craig Buzz Conroy zufolge haben Klapphandys für Prominente aber auch praktische Vorzüge. Sie lassen sich "nicht so leicht hacken wie ein Smartphone" und darum seien Eingriffe in die Privatsphäre der Promis weniger wahrscheinlich.

Klapphandys ohne Internetverbindung, wie das Doro 6050, lassen sich schwerer hacken. (© 2018 Doro)

Das gilt insbesondere für Handys ohne Internetzugang, die nur Anrufe und SMS unterstützen. Es gibt weniger Zugriffsmöglichkeiten auf die Geräte, wie etwa Bluetooth, WLAN und mobiles Internet. Aus diesem Grund nutzen die Promis die Klapphandys angeblich für ihre wichtigsten persönlichen Kontakte. Diese möchten sie vor Datendieben schützen.

Davon abgesehen sind Klapphandys besser für widrige Bedingungen geeignet, insbesondere für den Außeneinsatz. Die Geräte zerbrechen nicht so leicht und lassen sich dank ihrer physischen Tasten einfacher im Regen einsetzen. Ferner bieten Handys ohne WLAN, mobiles Internet und Co. eine viel längere Akkulaufzeit, die eher eine Woche als einen Tag erreicht. Nicht zuletzt sind Klapphandys viel günstiger als Smartphones und schon für um die 50 bis 100 Euro zu haben.

Klapphandys lenken weniger ab als Smartphones

Für die meisten Menschen hat der Einsatz von Klapphandys wohl nichts mit Angeberei zu tun. Vielmehr werden sie als Zweitgeräte gekauft, um die Ablenkungen durch die Funktionsvielfalt von Smartphones zu verringern. "Es ist etwas, das Menschen ausprobieren, weil sie mehr Zeit mit einem bedeutungsvollen Austausch mit anderen verbringen möchten statt mit Leuten, die auf ihr Smartphone starren", so der kanadische Technologieanalyst Daniel Bader gegenüber CBC.

Dank der Funktionsarmut der Klapphandys lenken sie weniger von anderen Tätigkeiten ab. (© 2018 TURN ON)

Der österreichische Fußballer Martin Hinteregger hat sein Smartphone sogar gegen ein Klapphandy eingetauscht und bringt einen Gedanken, den wohl viele teilen, gegenüber der Tiroler Tageszeitung auf den Punkt: "Da kriegst du 80 Prozent weniger Nachrichten, dafür hast du viel mehr Zeit und Ruhe." Um den Kontakt mit seinen Freunden aufrechtzuerhalten, geht er manchmal bei ihnen vorbei und klingelt, statt in WhatsApp zu chatten.

Derweil möchte sich der Pariser Maler Roman Coachet, der nun im US-amerikanischen Brooklyn lebt, nicht mehr von seiner Arbeit ablenken lassen und hat sich darum ein Klapphandy besorgt. "Mit einem Smartphone verbringt man so viel Zeit mit [...] ständiger Kommunikation, dass man keine Zeit mehr für andere Dinge hat. Ich bin nun viel fokussierter auf das, was ich tue. Ich bin weniger abgelenkt", so Coachet gegenüber der Seattle Times.

Klapphandys erwecken nostalgische Gefühle

Manche Käufer hatten schon in ihrer Jugend ein Klapphandy und möchten sich nun an das vermeintliche goldene Zeitalter zurückerinnern. Das bekannteste Modell ist wohl das Motorola Razr V3, das sich 130 Millionen Mal verkaufte. Motorola reichte jüngst sogar ein Patent für einen Nachfolger ein – mit einem faltbaren Display.

Das Motorola Razr V3 zählt zu den beliebtesten Mobiltelefonen der Geschichte. (© 2018 Motorola)

Beispielsweise sehnt sich die Journalistin Martyna Rieck nach ihrem Motorola Razr zurück, wie sie auf Refinery29 schreibt. Sie verbrachte damals ein Austauschjahr in den USA und bringt das Razr mit "Freiheit, Unbeschwertheit, Leichtigkeit und Jugend" in Verbindung. Das iPhone von heute bedeutet für sie vielmehr "Stress, Arbeit und volle E-Mail-Fächer".

In Japan haben Klapphandys länger durchgehalten

Japan ist wiederum ein Fall für sich – dort haben Klapphandys nämlich weniger von ihrer Beliebtheit eingebüßt als in anderen Nationen. So ist das Klapphandy dort kein neuer Trend, sondern es ist nie verschwunden. Die Japaner nennen die Klapphandys "Garakei", was sich mit "Galapagos-Handy" übersetzen lässt. Die Galapagos-Inseln sind für ihre Abgeschiedenheit und ihre einzigartigen Tiere bekannt – dass Klapphandys wie die Exemplare des japanischen Konzerns Kyocera heute sonderlich wirken, steckt also schon im Kosenamen "Garakei".

Klapphandys wie das japanische Kyocera Torque X01 sind viel robuster gebaut als Smartphones. (© 2018 Kyocera)

Doch auch in Japan werden Smartphones populärer. Im Jahr 2015 waren noch 20 Prozent der neu verkauften Mobiltelefone aller Art Klapphandys, wie Tech In Asia schreibt, und der Trend ist seitdem rückläufig. Inzwischen gilt der Begriff "Garakei" sogar schon als eine Art Beleidigung, mit der sich jüngere Japaner über die isolationistischen Tendenzen älterer Japaner lustig machen. Schließlich ist Japan insgesamt als technologiefreundliches Land bekannt und das Festhalten an den alten Klapphandys passt nicht zum Image. Und auch in Europa und in den USA werden sich Klapphandys wohl nicht wieder fest etablieren, sondern zunehmend von Smartphones verdrängt werden.

Fazit: Bewusster Smartphone-Einsatz als Alternative

Vor allem ist der Klapphandy-Trend wohl für eines gut: Er weist die Smartphone-Hersteller auf das Versäumnis hin, den Kunden einen bewussten Einsatz der neuen Geräte zu erleichtern. Wie Google, Apple und andere Unternehmen nun erkannt haben, dient es auf lange Sicht nicht ihrem Interesse, wenn Smartphones ihre Kunden von wichtigeren Dingen im Leben abhalten – denn dann ziehen sie schließlich wieder Klapphandys vor.

Das Stichwort "Digital Wellbeing", also "Digitales Wohlbefinden", ist darum jetzt in aller Munde. Apples Feature Bildschirmzeit wird mit iOS 12 im Herbst eingeführt und bietet den Nutzern einen Überblick über die Zeit, die sie mit ihrem Smartphone verbringen. Sie können auch selbst Zeitlimits für den App-Gebrauch festlegen. Googles Gegenstück mit ähnlichen Features nennt sich App Dashboard und wird in Android 9.0 Pie Einzug halten.

Mit einem App-Timer lässt sich bald die Nutzungsdauer einzelner Android-Apps beschränken. (© 2018 YouTube/Google Developers)

Die Rolle von Smartphones im Alltag ist auch eine persönliche und kulturelle Frage. Wir können die modernen Handys gezielt als Werkzeuge einsetzen, mit denen wir uns via Google Maps in einer neuen Stadt orientieren, Zugtickets kaufen, den Wetterbericht ansehen, Musik hören, uns mit Freunden verabreden und in YouTube informative und unterhaltsame Videos ansehen. Oder wir lassen uns ständig von den neuesten Benachrichtigungen ablenken, checken während eines Essens mit Freunden Facebook und schauen uns stundenlang Katzenvideos an, statt mit dem Partner zu reden.

Wir sollten uns nicht mehr von Smartphones von wichtigeren Dingen ablenken lassen. (© 2018 Martin DimitrovGetty / iStockphoto / Getty Images)

Die Hersteller können uns zwar zur verantwortungsbewussten Smartphone-Nutzung ermuntern, aber wir müssen uns selbst einen gezielteren Gebrauch angewöhnen. Klapphandys werden Smartphones am Ende nicht ablösen, weil man mit ihnen auf zu viele praktische Funktionen verzichten muss – aber wir können die Kontrolle über unsere Smartphones zurückgewinnen. Der Klapphandy-Trend hat die Alarmglocke geläutet. Nun müssen die Hersteller und auch wir selbst unseren Kurs korrigieren.

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