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Licht aus: Thriller-Autor Elsberg spricht über den großen Blackout

Glühbirne
Ist ein flächendeckender Stromausfall durch einen Hackerangriff möglich?

An einem kalten Februartag brechen in Europa alle Stromnetze zusammen. Der totale Blackout. Schon nach einigen Tagen stehen die Menschen vor ihrer größten Herausforderung: Überleben. Bestsellerautor Marc Elsberg ist elektrisiert von Themen wie Stromausfall, Genmanipulation oder den Schattenseiten der Digitalisierung. Ein Gespräch über moderne Bedrohungen unserer Zivilisation.

Interview von Torben Dietrich

Es rauscht im Telefonhörer, und zwar richtig. Jemand am anderen Ende der Leitung spricht, doch die Worte gehen in seltsamen Geräuschen unter. Eigentlich ein perfekter Einstieg für ein Interview mit Marc Elsberg. Denn, wer weiß: Räumt er im Hintergrund wirklich nur ein paar Sachen in seiner Wiener Wohnung herum? Oder hat sich irgendjemand dazwischengeschaltet? Ist es ein Angriff auf die Telekommunikationsinfrastruktur? Zum Glück nicht – nach wenigen Sekunden ist er klar zu verstehen.

TURN ON: Daten, Infrastruktur, Genetik – Sie beschäftigen sich in Ihren Bestsellern gern mit Technik, die über uns hereinbricht wie ein Tornado …

Marc Elsberg: Ich lasse gar nichts „hereinbrechen“. Das sind ja alles Entwicklungen und Szenarien, die bereits Realität sind, wenn auch in unterschiedlichen Maßstäben. Für das nächste Buchprojekt liegt natürlich schon einiges bei mir auf dem Tisch. Es gibt viele drängende Themen, etwa den Klimawandel. Aber es muss ein Thema sein, aus dem eine Marc-Elsberg-Geschichte entstehen kann.

Die Verkaufszahlen Ihrer Bücher zeigen, dass Sie bei der Auswahl und Umsetzung Ihrer Themen sehr treffsicher sind. Offenbar ist es immer noch so, dass Fakten, wenn sie in gute Geschichten verpackt werden, einfach besser ankommen.

Ich finde die Fakten heraus und dramatisiere sie, emotionalisiere. So funktionieren wir Menschen. Das ist Storytelling. Damit bringe ich die wichtigen Informationen, um die es geht, über viel mehr  arrieren hinüber, als es reine Studien oder Analysen könnten, die meistens noch dazu in Fachsprache verfasst sind.

Wie bei „Blackout“, Ihrem ersten Werk. Erst das Buch – das hört man überall – hat vielerorts konkrete Akzeptanz
geschaffen für die erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen.

"Blackout" dürfte tatsächlich etwas bewegt haben. In vielen Ländern, in denen das Buch erschien, gab es den Anlass, sich über bestimmte Dinge Gedanken zu machen. Im Szenario "Stromausfall" ist es zum Beispiel sehr wichtig, zu verstehen, warum bestimmte Sachen passieren, welche Konsequenzen folgen könnten. Dass es dann zum Beispiel schon bald keine Lebensmittel und Medikamente mehr gibt, weil die Tankstellen für die Lkw nicht funktionieren; dass es kein fließendes Wasser mehr gibt, weil die Pumpen mit Strom funktionieren. Das Problem ist größer, als man denkt.

NUR FÜR MAGAZIN! fullscreen
Schriftsteller Marc Elsberg

Marc Elsberg gilt seit "Blackout" als Experte und gefragter Vortragsredner, wenn es um Themen wie IT-Sicherheit geht. Regelmäßig diskutiert er mit Fachleuten über Ursachen und Konsequenzen eines Stromausfalls, etwa beim Bundesinnenministerium, der EU, bei Siemens oder beim österreichischen Bundesheer. Er merkt dann: Die Dringlichkeit des Themas und das Bewusstsein für die eigene Verwundbarkeit ist vielen Organisationen noch immer nicht klar.

"Vernetzte Systeme wie die Stromversorgung sind einfacher angreifbar. Verantwortliche waren und sind auch heute noch nicht ausreichend darauf vorbereitet."

Als Beispiel für drohendes Ungemach durch mehrfache Vernetzung führt er Krankenhäuser an, dort sei es aus seiner Sicht oft besonders kritisch.

"Die sagen zwar: Wir können einen Stromausfall überstehen, wir haben ein Notstromaggregat. Aber gleichzeitig können oft Tausende Patientendaten gehackt und die Krankenhäuser damit erpressbar gemacht werden."

Tatsächlich werden die Energiesysteme allmählich sicherer – andere Systeme aber nicht. Das Problem: Um Netzwerke sicherer zu machen, sind viele verschiedene Maßnahmen auf vielen verschiedenen Ebenen nötig, die alle teuer bezahlt werden müssen – und die sich vielleicht niemals rentieren werden, weil Hacker entweder Lösungen finden, um die Systeme trotzdem zu infiltrieren, oder aber gar kein Angriff kommt. Und selbst, wenn: In einem gut gesicherten Netzwerk erfährt man davon nichts. Der eigene Erfolg einer guten Absicherung verhindert oft genau diese, weil der Eindruck entsteht, dass ohnehin nichts passiert. Dazu kommt, dass "die Mühlen langsam mahlen", in demokratischen Staaten ebenso wie großen Unternehmen. Man braucht Zeit, Geld und Durchhaltevermögen, um entsprechende Sicherheitsvorkehrungen einzuführen – weil es sehr komplexe Systeme sind.

Die Energieversorger kannten die Schwachstellen. Die Hacker auch.
Marc Elsberg

Wie war das denn damals mit "Blackout"? Haben Sie für das Buch Kontakt aufgenommen zu Hackern oder anderen, die von Schwachstellen im Stromnetz wussten?

Ich habe mit IT-Spezialisten aus der Energiebranche gesprochen. Dabei habe ich gelernt, wie diese Systeme funktionieren. Die Schwachstellen waren schon damals beiden Seiten bekannt. Die Energieversorger kannten sie. Die Hacker auch.

Muss man ein solches Ereignis in der nahen Zukunft erwarten?

Hoffentlich nicht. Eine Vorhersage darüber ist aber illusorisch.

Falls ab morgen aber doch der Strom ausfällt: Haben Sie selbst Vorbereitungen für einen Blackout getroffen?

Ich richte mich nach den klassischen Ratschlägen der Behörden. Bei mir zu Hause gibt es genug Taschenlampen, Streichhölzer, Wasser und einige batteriebetriebene UKW-Radios, alles ausgerichtet auf einen Zeitraum von zehn Tagen. Normalerweise, so sagen Experten, sollte der Staat einen solchen Ausnahmezustand innerhalb von fünf Tagen in den Griff bekommen – was an sich schon ein verdammt langer Zeitraum ist, der enorme Probleme verursacht, wie man in "Blackout" ja auch lesen kann. Das reicht von der Lebensmittel- oder Medikamentenversorgung bis hin zu den Kühlsystemen für Kernkraftwerke, die ja ebenfalls auf Strom angewiesen sind.

Die Risiken eines Blackouts …

… werden potenziell natürlich immer größer. Wir vernetzen uns immer mehr und auch immer besser. Sogenannte Smartmeter, die vernetzten Stromzähler, sind das eine. Aber die vielen Smart-Home-Anwendungen stellen noch mal eine ganz neue Dimension dar.

Vor fünf Jahren veröffentlichte Elsberg den Thriller "Zero", in dem die fiktive Internetplattform "FreeMe" ihren Kunden attraktive Apps und Anwendungen anbietet und mit den damit gewonnenen Daten die Nutzer manipuliert, um gleich die ganze Welt nach ihren Vorstellungen umzubauen. Die Vernetzung war seinerzeit, 2014, in Ansätzen durchaus schon vorhanden, wenn auch noch nicht so umfassend wie heute.

"Vernetzung ist zunächst mal auch nichts Schlechtes, und man kann auf den ersten Blick auch kaum von Fremdmanipulation sprechen. Nehmen wir etwa eine gängige Fitness-App: 10.000 Schritte – warum sollte ich die am Tag nicht gehen? Ist doch gesund. Viele dieser Apps helfen uns natürlich, Probleme zu lösen oder unser eigenes Leben zu verbessern, das ist gar keine Frage. Auch Applikationen um eine Route zu planen, zum Sprachenlernen oder um regelmäßig Sport zu machen sind natürlich äußerst praktisch."

Aber auch Programme wie das Social-Credit-Programm in China funktionieren natürlich auf Basis der Vernetzung. Dabei werden unterschiedlichste Daten der chinesischen Bürger erfasst, zum Beispiel das komplette Konsumverhalten oder politische Meinungsäußerungen, und in eine Bewertung der Person überführt. Die Frage ist, wer die Daten auswertet und wozu sie genutzt werden sollen. Bedenken, dass die Gesellschaft die Kontrolle über ihre Daten verliert, werden allerdings zunehmend ernst genommen. Sie waren der Hauptgrund für die neue Datenschutz-Grundverordnung der Europäischen Union, die DSGVO,
die die Daten der Europäer vor den US-amerikanischen Internet-Giganten schützen soll.

Wo wir gerade über Datenschutz reden: Wie versuchen Sie persönlich, Datendiebstahl zu vermeiden und persönliche Dinge vor der Auswertung durch Fremde zu schützen?

Als Einzelner ist das tatsächlich schwierig, wenn man am normalen Leben teilhaben möchte. Auch ich komme nicht daran vorbei, den "Big Five" – also Google, Facebook, Amazon, Microsoft und Apple – Daten zu überlassen. Man kann allerdings verschiedene Maßnahmen treffen. Mein Online-Verhalten zum Beispiel hat sich etwas geändert. Ich surfe häufiger mit alternativen Browsern wie Tor, maile, wenn möglich, verschlüsselt und noch ein paar andere Dinge. Ich bin aber kein Profi. Und selbst als Profi laufe ich Gefahr, erst recht verdächtig zu sein. Wenn alle anderen durchsichtig wie Wassertropfen sind, ist es auffällig, wenn man dies nicht ist, nicht bewertbar, nicht analysierbar.

Wo Sie sich jetzt in verschiedenen Büchern mit verschiedenen Technikthemen auseinandergesetzt haben: Worin besteht die größte konkrete Bedrohung in der Zukunft?

In der näheren Zukunft sehe ich eigentlich weniger die Gefahr eines Cyberkriegs mit Folgen wie einem Blackout. Eher ist es der zunehmende Zerfall der Gesellschaften in den westlichen Industrieländern, der zu großen Spannungen führen könnte. Zwischen diesen Polen findet dann keine Kommunikation mehr statt. Wir müssen ja nur in die USA schauen. Dazu kommt das Problem einer wachsenden Ungleichheit, die durch einen Wirtschaftsabschwung noch dramatisch verschärft werden könnte. Das äußert sich schon heute in Protesten gegen die kritische Wohnungssituation, in Demonstrationen der "Gelbwesten" bis hin zu Dingen wie dem Brexit-Wahnsinn. Meine Bücher sind ja keine Science-Fiction. Da geht’s um Entwicklungen, die auch jetzt schon da sind.

Info
Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins Juli/August, das in allen SATURN Märkten kostenlos ausliegt.

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