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Premiumwahn: Lasst microSD-Slot & Wechsel-Akku nicht sterben!

Beim Galaxy Alpha wagte auch Samsung mehr Premium – endlich?
Beim Galaxy Alpha wagte auch Samsung mehr Premium – endlich? (©Samsung Mobile 2014)

Smartphones werden immer schicker – und teurer! Jedem neuen Flaggschiffmodell drücken die Hersteller Stempel wie "Premium", oder "High-End" auf. Es zählen längst nicht mehr nur die inneren Werte. Ganz viel Glas und Metall sollen die Alltagsgeräte auch zu Hinguckern machen. Das Opfer, das ein eleganter Unibody vom Käufer verlangt: den Verzicht auf microSD-Slot und wechselbare Akkus. Na toll!

Mit den ersten Mobiltelefon-Knochen haben heutige Smartphones nicht mehr viel zu tun. Das ist gut – auf der einen Seite. Wer möchte schon auf den Luxus verzichten, unterwegs mal eben etwas im Internet nachsehen zu können, eine Fahrkarte per App zu kaufen und vorzuzeigen oder sich vom mobilen Begleiter mal eben den Weg erklären zu lassen?

Viel mehr als ein Telefon

Das Smartphone macht viele andere Geräte überflüssig. Es kann Dich am Morgen wecken, tagsüber an Termine erinnern, den Kontakt zu weit entfernten und nicht ganz so weit entfernten Freunden aufrechterhalten, Dir jederzeit die Uhrzeit anzeigen, Dich über wichtige und weniger wichtige Neuigkeiten auf dem Laufenden halten, Rezepte fürs Abendbrot ausspucken, beim Errechnen der korrekten Zutatenmengen helfen oder die Pizza vom Lieferdienst um die Ecke bestellen, wenn das Abendessen dennoch in die Hose gegangen ist. Für so viele Anwendungszwecke gibt es eine passende App. Kann das Handy etwas noch nicht, lernt es durch die Installation neuer Software ganz schnell dazu.

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Unser Social Media Manager Malte nutzt sein iPhone täglich als Musik-Player. (©TURN ON 2015)

Mit den Schattenseiten der vielen Möglichkeiten, der ständigen Erreichbarkeit oder der Frage, ob die Menschheit durch Smartphones immer unselbstständiger wird, möchte ich mich an dieser Stelle nicht beschäftigen. Das ist wieder ein ganz anderes Thema und würde ein neues großes Fass aufmachen.

Statussymbol statt Gebrauchsgegenstand

Da Smartphones so praktisch sind und mit Fortschreiten der technischen Entwicklung immer praktischer werden, haben viele Menschen sie rund um die Uhr und überall dabei. In der Schule wird heimlich per WhatsApp gechattet, in Büro liegen sie auf dem Schreibtisch oder sind sogar Arbeitsmittel. Fast jeder, der sein Handy schon einmal zuhause vergessen hat, meinte: Ich fühle mich so nackt! Und das trifft die Sache ziemlich auf den Punkt.

Smartphones sind mehr als technische Gebrauchsgegenstände. Sie sind Accessoires, Teile unserer Kleidung. Menschen, die sich über ihr Äußeres definieren, brauchen ein Handy, das sie schmückt. Und die Hersteller liefern sie ihnen. Damit die Leute mit dem Smartphone auf ihren Spiegel-Selfies noch mehr Eindruck schinden können...

Glas, Metall oder Leder – Hauptsache kein Plastik!

Die Wende zeichnete sich für mich mit dem Samsung Galaxy Alpha ab. Der für seine Plastik-Smartphones gehatete Konzern aus Südkorea brachte 2014 erstmals ein Modell mit Metallgehäuse auf den Markt. Es folgte die Galaxy A-Reihe mit komplettem Body aus Metall und schließlich, im Frühjahr 2015, das Samsung Galaxy S6 und das Galaxy S6 Edge. Glas, Metall und sogar ein gebogenes Display sorgten für den gewissen Wow-Faktor, den man zuvor nur aus dem Apple-Lager kannte. iPhone-Modellen haftete schon immer der Ruf des Hochwertigen, Edlen, Exklusiven an – ob nun zurecht oder nicht.

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Erst hui, dann pfui: Die Lederrückseite des LG G4 wirkt schnell abgegrabbelt. (©TURN ON 2015)

Mittlerweile machen es alle. Apple, Samsung, Sony, Huawei und wie sie alle heißen: kein Smartphone-Flaggschiff 2015, das nicht in irgendeiner Weise als "Premium-Modell" verkauft wurde. Darunter versteht sich in erster Linie nicht hochwertige Technik, sondern hochwertige Optik. Metall und Glas sollen den Kunden davon überzeugen, dass er nicht nur ein Telefon, sondern ein Designerstück in der Hand hält. Das LG G4 ist sogar in einer Variante mit Lederrückseite erhältlich – Schuhe, Handtaschen und Jacken lassen grüßen.

Alles eine Frage des Preises

Und was lehrt uns die Analogie aus dem Modebereich? Wer Designerstück statt Stangenware will, muss blechen. Und zwar kräftig. Smartphone-Flaggschiffe für unter 500 Euro? Kaum noch denkbar! Der stolze bis schockierende Preis neuer Smartphones ist aber nur einer der vielen Nachteile, die der Premium-Wahn der Hersteller mit sich bringt.

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Und so sieht es aus, wenn man das weltweit einzige 4K-Display in einem Smartphone zerstört... (©TURN ON 2015)

Das habe ich erst am Wochenende leidlich erfahren müssen, als ich das Sony Xperia Z5 Premium für den TURN ON-Test mit auf den Weihnachtsmarkt nahm. Beim Fotografieren im Gedränge fiel mir das 799 Euro teure Smartphone runter – natürlich auf die Displayseite. Das Glas ist komplett zersplittert, das Handy nicht mehr zu benutzen. Auch wenn das ein Extremfall ist: Viele Tester berichteten von gesprungenen Glasrückseiten bei der Xperia Z5-Familie.

Besitzer von Metall-Handys dürften wiederum schnell die ersten Kratzer auf den Gehäuserückseiten entdecken, sofern sie das Gerät nicht in einer schützenden Hülle verwahren. Und ein etwa sechs Monate altes LG G4 mit Lederrückseite zählte zu den am schlimmsten abgenutzten Handys, die ich jemals gesehen habe. Mein eigenes Smartphone, ein Samsung Galaxy S5, hat zwar keine hübsche Rückseite. Dafür hat es schon unzählige Stürze unbeschadet überstanden und sieht von hinten noch aus wie am ersten Tag.

Schmerzhafter Verzicht auf Sinnvolles

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Das Sony Xperia Z5 zählt zu den wenigen aktuellen Flaggschiffmodellen mit microSD-Slot. (© 2015)

Und zwei weitere Features meines als "hässlicher Plastikbomber" verschrienen Galaxy S5 weiß ich immer mehr zu schätzen, je mehr neue Modelle ich teste: erstens, den microSD-Kartenslot und zweitens, den austauschbaren Akku. Die Möglichkeit, den internen Speicher per Speicherkarte ganz einfach zu erweitern und so Platz für mehr Fotos, Musik oder Apps zu schaffen, ist nicht nur praktisch. Im Vergleich zu den Aufschlägen, welche die Hersteller für die nächstgrößere Speichervariante eines neuen Modells verlangen, ist der Kauf einer microSD-Karte ein Schnäppchen! Für 64 statt 16 GB beim iPhone 6s zahlt der Käufer 110 Euro mehr. Eine 64 GB fassende microSD-Karte kostet hingegen rund 20 Euro.

Der Akku, die Smartphone-Achillesferse

Fast noch schlimmer ist der Einsatz eines Premium-Unibodys aus Metall, wenn er verhindert, dass der Käufer seinen Smartphone-Akku selber tauschen kann. Denn es ist nun einmal so, dass die Energiespeicher nur eine gewisse Anzahl an Ladezyklen mitmachen. Je älter der Akku, desto geringer seine Kapazität. Die wiederaufladbare Batterie gut zu behandeln, zögert das Unvermeidliche nur hinaus. Wer sein Smartphone viele Jahre nutzen möchte, muss den Akku irgendwann ersetzen – oder eben ersetzen lassen, wenn es in Eigenregie nicht mehr möglich ist. Hier halten es die Mobiltelefon- anscheinend wie die Autohersteller: Selbermachen ist pfui, Werkstätten/Servicestellen aufsuchen spült Geld in die Kassen.

Jedes Jahr ein schickeres & teureres Handy

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Dünner, schicker, teurer: Wie lange sich dieser Trend wohl fortsetzen wird? (© 2015)

Mir gefällt dieser Trend nicht – weder bei Autos, noch bei Smartphones. Zwar mag ich die Optik von Samsung Galaxy S6, iPhone 6s oder Huawei Mate S. Aber ebenso wie ich mir keinen Neuwagen kaufen würde, greife ich auch nicht bei neuen Premium-Smartphones zu. Ich sehe es nicht ein, so viel Geld für ein Gerät auszugeben, das in gewisser Hinsicht weniger praktisch ist als mein altes Plastik-Handy. Warum ich beim Galaxy S5 von alt spreche? Weil Smartphone-Modelle heutzutage eine Halbwertszeit wie Mode haben. Neue Saison, neuer Trend, neue Modelle. Schlimm! Wer ständig en vogue sein muss (und das passende Kleingeld hat), kann das mitmachen und sich wenigstens einmal jährlich das neuste Flaggschiff-Modell zulegen. Dass Handys damit vom Gebrauchs- zum Verbrauchsgegenstand werden, sollte aber jeder einmal kritisch durchdenken. Weder Geld noch Smartphones wachsen schließlich auf Bäumen...

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